Mission Plastik - wertvoller Kunststoff

Mission Plastik - wertvoller Kunststoff

Precious Plastic

Die Gruppe "Precious Plastic" zeigt in ihrer Werkstatt im WUK, dass Pastik nicht nur Feindbild sein muss, sondern ein Werkstoff ist, mit dem allerlei Neues entstehen kann.

Es ist gar nicht so schwer, vor allem junge Menschen von einer Sache zu begeistern, die einen wesentlichen Beitrag zu einer besseren Welt leisten kann. Dafür braucht es bloß eine Vision, Leidenschaft, Kreativität und den Mut zur Eigeninitiative. All das bringen Raphael Volkmer, Florian Amon, Sebastian Gräftner, Alon Mekinulov,Tabea Reichmann, Florian Schäfer,Tobias Ursprunger und Michael Leuthner mit.

Globales Netzwerk

Kann Plastik wertvoll sein? Ja, es kann. ln seiner Vielzahl unterschiedlichster Arten ist Kunststoff als global verfügbares Material in die schlechten Schlagzeilen gerutscht und vom Superwunderstoff des 20. Jahrhunderts zum Feindbild degradiert worden. In diesem Fall nicht gezwungenermaßen gerechtfertigt, denn es kommt darauf an, was man daraus macht und aus dem bereits Bestehendem Neues schafft.

Raphael Volkmer, eines der vier Gründungsmitglieder von Precious Plastic Vienna, studierte an der Angewandten Social Design und lernte während eines Praktikums in Amsterdam auf der Dutch Design Week die Initiative "Precious Plastic" kennen. Deren Gründer, David Hakkens, hatte dort 2012 seine Abschlussarbeit an der Design Academy in Eindhoven präsentiert: vier einfache, selbst gebaute Maschinen, wie Shredder und Pressen, mit denen man rudimentär Plastik verarbeiten kann. Da das Konzept große Aufmerksamkeit und Interesse erregte, griff man dem jungen Visionär mit Förderungen finanziell unter die Arme, sodass die zweite Generation an Maschinen folgte. Immer mehr Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen begeisterten sich für das Projekt, bauten die Geräte nach und gründeten eigene Werkstätten. Auf einer Community Map kann man sich als Initiative pinpointen und Teil der guten Sache werden.

Breite Zugänglichkeit

Zurück nach Wien, wo die vier Studenten - zwei studieren Ressourcenmanagement auf der Universität für Bodenkultur, einer Technische Physik an der TU Wien - 2018 Precious Plastic Vienna gründeten. "Wir haben die Maschinen nachgebaut, uns in den Foren ausgetauscht und gleichzeitig mit anderen Precious Plastic Enthusiastinnen unsere eigene Initiative in Wien gegründet", erzählt Raphael Volkmer von den Anfängen. Die erste Hürde war, einen geeigneten Raum zu finden, um sich entfalten zu können. Denn der Entstehungsprozess ist nichts für jedermanns Nase und Ohren.

"Über die TU haben wir unseren ersten Standort gefunden - die heute leider abgebrannte Nordbahnhalle - wo für zwei Jahre ein Makerspace eingerichtet wurde, um dort zu testen, experimentieren und die ersten Maschinen zu konstruieren. Dann haben wir im WUK unser derzeit noch 50 m2 kleines Gastatelier bekommen, das wir bis Ende 2023 angemietet haben. Der Standort passt von seiner Idee, organisiert als autonomer Verein, gut zu unseren Grundwerten."

Ziel des Kollektivs ist zum einen, bewusstseinsbildend zu arbeiten. Das kann in Form von organisierten Workshops funktionieren, wo von Schuklassen bis zu allgemein Interessierten alle teilnehmen können. "Wir möchten unter anderem gerne Kinder einladen, um angewandt zu erleben, was Plastik überhaupt ist und was Plastikrecycling bedeutet. ln den Workshops können wir sie aktiv in den Prozess einbinden, sie können mit einem selbst-produzierten Objekt nach Hause gehen und haben im besten Fall die Problematik besser verstanden, vor allem gesehen, was Plastik kann."

Eine offene Werkstatt soll die Möglichkeit bieten, den Werkstoff zugänglicher zu machen. Mit vorhergehender Terminvereinbarung kann man die Maschinen nutzen, sich beraten lassen und kleinere Projekte realisieren.

Precious Plastic Vienna hat sich selbst auf die Produktion von Kunststoffflächen spezialisiert. Die stabilen ein bis zwei Zentimeter dicken Platten mit schöner Oberfläche haben ein Format von maximal 64 x 64 cm. Dem jungen Verein ist es bereits gelungen, größere Aufträge an Land zu ziehen, wie etwa die Mitgestaltung der Grätzloase in der Wiener Lederergasse oder die Tischplatten für das Gastronomie-Projekt "Taste" von mostlikely architects am Donaukanal.

Schlüssel zum schärfenden Bewusstsein

Gearbeitet wird hauptsächlich mit High Density Polyethylen und Polypropylen - gängige Plastikarten, die mehr als 50 Prozent der Kunststoffproduktion ausmachen. "ln Wien werden die Kunststoffe meist verbrannt. Sie wären zwar recycelbar, werden aber dennoch nicht wirklich wiederverwertet, weil neues Plastik leider immer noch viel zu günstig ist und der Recyclingprozess mit dem sortenreinen Trennen und Waschen sehr aufwendig ist."

Essenziell ist das Wissen, denn Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff: So gibt es PET, PP, PE, PS und PVC sowie kleinere Untergruppen wie ABS für 3D-Druck und den Biokunststoff PLA, wobei der Begriff irreführend ist, denn dieser ist nur unter industriell erzeugten Maßnahmen abbaubar und somit nur für hochindustrialisierte Länder zu bewerkstelligen.

Mit einem Pizzaofen und Stahlformen, auf die das Granulat gestreut wird, wird der Kunststoff geschmolzen. Anschließend kommt die Masse zum Abkühlen in eine Presse, die sich eines Wagenhebers bedient - so entstehen derzeit sieben bis acht Platten pro Tag.

Mit einer Spritzgussmaschine werden Formen wie Becher hergestellt, seriell können sogar Buchstützen aus dem Verschnitt oder kleine Formate wie jüngst für eine Ohrring-Kollektion einer Schmuckdesignerin produziert werden. Weitere Ziele sind die Herstellung von Kleinmöbeln sowie die Platten als Außenmaterial einsetzbar zu machen. "Wir sind ein sehr junges Team, und unser Projekt darf langsam wachsen. Jetzt wollen wir vor allem wirtschaftlich nachhaltig arbeiten, neue Maschinen bauen und mit einem Mix aus Förderungen und Unterstützungen sowie den Einnahmen aus der Plattenproduktion die nicht monetäre Seite unterstützen und so etwa Workshops gratis anbieten."

Der Schlüssel zum schärfenden Bewusstsein geht für Precious Plastic über den Zugang zum Material selbst. Denn Plastik wird nur von der Großindustrie verarbeitet und ist daher als Werkstoff nicht unmittelbar zur Hand, wie zum Beispiel Holz oder Metall, das vielleicht beim Großvater in der Werkstatt zu finden ist. Zugänglichkeit muss geschaffen werden, indem man angewandt mit Designerlnnen und Architektinnen arbeitet, die Verwendbarkeit aufzeigt und schöne hochwertige Elemente kreiert, um zu visualisieren, dass man Kunststoff auch ganz anders anwenden kann. "Wir propagieren nicht, dass Plastik so toll ist und möglichst alles daraus gemacht werden soll. Wir wollen zeigen, dass es ein technisch sehr spannendes Material ist, auch weil es unglaublich haltbar und flexibel nutzbar ist, allerdings nur wenn es intelligent verarbeitet wird, hingegen als Verpackungsmaterial Trash ist."

Text: Barbara Jahn
Bilder: Precious Plastic

Erstmals erschienen in architektur.aktuell 6/2021 Transformation | Chance im Bestand.
Veröffentlichung im WUK Magazin mit freundlicher Genehmigung des Mediums.

 

Links

Precious Plastic ist Mitglied des selbstverwalteten Werksättenbereichs im WUK.

preciousplastic.wien
preciousplastic.com
 

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