
Mo 7.9. bis Sa 10.10.2026
Eintritt frei
Fotogalerie Wien
G
NARRATIVE III
Als Schwerpunkt für die Jahre 2025/2026 hat das kuratorische Team der Fotogalerie Wien das Thema Narrative gewählt, eine Beschäftigung mit narrativen Strategien und Strukturen in der zeitgenössischen Foto- und Videokunst. Die drei dazu entwickelten Ausstellungen basieren auf einer zeitlichen Einordnung:
Der erste Teil, Topografien der Erinnerung, wirft einen Blick zurück in die Vergangenheit in Form einer Auseinandersetzung mit Archivmaterial, Geschichtsschreibung sowie kollektiver und individueller Erinnerung.
Im zweiten Teil, Gegenwartsformen, geht es um die Frage, welche neuen Erzählweisen aus digitalen Medien gewonnen werden können, sowie um die Auseinandersetzung mit der überwältigend großen Anzahl ständig verfügbarer Narrationen einer vernetzten Welt.
Im dritten, auf die Zukunft gerichteten Teil, dominieren visionäre, fiktionale und spekulative Erzählweisen, basierend auf der Sehnsucht danach, die Welt anders zu denken oder ihr zu entfliehen.
Lineare und eindeutige Erzählstrukturen werden in den künstlerischen Arbeiten der drei Ausstellungen durch diskontinuierliche, fragmentarische, zirkuläre oder auch Darstellungen zwischen Dokumentation und Konstruktion ersetzt. Erwartungen werden gebrochen bzw. festgefahrene Narrationen gestört oder aufgelöst zugunsten multiperspektivischer Narrative. Es geht in dem Schwerpunkt auch um das Erzählen selbst: wie, warum und was von wem (nicht) erzählt wird und wie sich Bedeutungen, Sprache und Kommunikation verändern.
NARRATIVE III: Alternatives Ende
Möglichkeitsmenschen nach Robert Musil haben einen Möglichkeitssinn, nämlich die Fähigkeit, „alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“. Wer von dem spricht, was sein könnte, spricht oft auch von Zukunft. So lassen sich auch die Arbeiten der Ausstellung NARRATIVE III lesen. Dabei verfahren sie dokumentarisch, spekulativ testend (und tastend) oder ritualistisch.
Künstler*innen: Vik Bayer, Rio -Roberta Lima, Angelika Loderer, Ralo Mayer, Kay Walkowiak
Die dokumentarische 2-Kanal-Videoinstallation Losing Futures (Slo-Mo Visions of Refusal of Unfulfilled Promises) von Vik Bayer erzählt die Geschichte eines Konsortiums in Sizilien, das Avocados und Zitronen produziert, und beschreibt seine ideologischen Grundlagen im Kontext der globalen Marktwirtschaft und des lokalen sozialen Gefüges. Dabei kommen planetare, ökologische und historische Entwicklungen genauso zur Sprache, wie die lokale Realität einer Ökologie unter Druck, wo Avocadobäume von Wildfeuern geschädigt werden und wüstenerprobte Olivenbäume austrocknen, weil zu schnell verdunstendes Wasser ihre Zellen irreversibel schädigt. Das Werk rückt dabei visuell und manchmal akustisch den Menschen aus dem Zentrum und blendet Gesichter fast komplett aus, so dass menschliche agencies nicht durchgängig wichtiger erscheinen als nicht-menschliche.
Während Bayers Werk eine mögliche Utopie des solidarischen Konsums skizziert, der die Erde lebenswerter machen könnte, thematisiert Ralo Mayer mit seinem Print Un·Earthing (playsuit for Mars) von 2022 die Flucht-Fantasien der Techno-Oligarchen des Silicon Valley, deren blinder Fleck das Leben von und mit Kindern und der damit verbundenen Care-Arbeit ist. Die Fotografie zeigt den Test des Prototyps für einen Spielanzug, der für den Mars denkbar ungeeignet wäre und dessen disrupted pattern dabei zur Allegorie wird. Sie ist im 50 Kilometer breiten Ramon-Krater in der Negev-Wüste entstanden, der wegen seiner Ähnlichkeit mit dem roten Planeten regelmäßig Schauplatz von Mars-Missions-Simulationen mit „Analog-Astronaut*innen“ ist.
Auch Kay Walkowiaks Video Encounters von 2023 stellt eine Form von Test dar. Darin geht es allerdings nicht um eine mögliche Zukunft der Menschheit jenseits der Erde, sondern um eine Beziehung nicht-menschlicher Wesen zu menschlichen Werken. Die einzigen Lebewesen, die darin zu sehen sind, sind Affen, die mit bemalten Tafeln interagieren. Indem sie von ihnen Besitz ergreifen, sie aber nur oblique betrachten und vor allem ausgiebig abschlecken, irritieren sie ästhetische Selbstverständlichkeiten eines menschenzentrierten Kunstverständnisses.
Eine nicht-menschliche Form der Existenz wird auch in Angelika Loderers Exposurezur Akteur*in. Fotografische Abzüge, die bedrohte Arten, prekäre Orte und Beziehungen zwischen Menschen zeigen, werden in der Arbeit langsam von einem Pilzgeflecht überwuchert, so dass die ursprünglichen Bilder zerfließen oder sich auflösen. Wenn Schimmelpilze von menschlichen Artefakten Besitz ergreifen, wird dies in menschenzentrierten Kontexten meist als rein destruktiv wahrgenommen. Die Arbeit Loderers macht sie als Transformationsprozess sichtbar, der auch ästhetisch produktiv wird. Indem Loderer die belichteten Bilder den Pilzen aussetzt, wird aus Zerstörung Neuschöpfung, vielleicht sogar Ko-Autorschaft. Damit regt sie einen neuen Blick auf Handlungen nicht-menschlicher Akteur*innen insgesamt an und ihre Arbeit tritt in Resonanz mit der von Vik Bayer und Kay Walkowiak.
Einen weiteren Zugang zu Welt und – im Kontext dieser Ausstellung gelesen – Gestaltung von Zukunft, erforscht Rio -Roberta Lima. Die Fotografien und die Ausschnitte aus Performancevideos in der FOTOGALERIE WIEN erinnern an ritualistische Praktiken. Nicht-menschliche Entitäten werden auch hier zu social agents im Sinne des Anthropologen Alfred Gell. Allerdings interagieren die Performer*innen nicht mit Lebewesen, sondern mit Eisblöcken, sublimierendem Trockeneis oder hängenden Sphären aus Eis. Alfred Gell versteht die agent-patient-Beziehungen als dynamisch: Wenn der Kronleuchter aus Eissphären tropft, wirkt er als agent auf die Performer*innen, die in diesem Moment zu patients werden. Wenn sie dann das Wasser aufschlecken oder die Aufhängungen der Sphären durchtrennen, werden wiederum Wasser und Eis zu patients. Limas Interaktionen mit Wasser und CO2 in verschiedenen Aggregatszuständen, nämlich fest, flüssig und gasförmig und das Spiel mit den Übergängen zwischen ihnen – gefrieren, schmelzen, sublimieren – evozieren instabile, offene Beziehungen zwischen verschiedenen Wesen. Dabei changieren die Handlungen der Performer*innen zwischen experimentell, spielerisch und ritualisiert und bleiben letztlich bedeutungsoffen.
Wie dieses evozieren die Werke der Ausstellung mögliche Zukünfte im Wesentlichen durch verschiedene Interaktionen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, nehmen dabei „mögliche Wirklichkeiten“ genauso ernst wie „wirkliche Möglichkeiten“ und skizzieren so sanft mögliche Utopien. (Klaus Speidel)
Barrierefrei zugänglich.
Veranstalterin: Fotogalerie Wien
Sponsored by: BMWKMS, MA7-Kultur, Cyberlab








