
Sa 3.10.2026
Eintritt frei
Fotogalerie Wien
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Führung durch die Ausstellung NARRATIVE III und Lecture Performance
14 Uhr Führung durch die Ausstellung
Johan Nane Simonsen von der FOTOGALERIE WIEN führt durch die laufende Ausstellung NARRATIVE III: Alternatives Ende. In dieser Ausstellung dominieren visionäre, fiktionale und spekulative Erzählweisen, basierend auf der Sehnsucht danach, die Welt anders zu denken oder ihr zu entfliehen.
Wer von dem spricht, was sein könnte, spricht oft auch von Zukunft. So lassen sich auch die Arbeiten der Ausstellung NARRATIVE III lesen. Dabei verfahren sie dokumentarisch, spekulativ testend (und tastend) oder ritualistisch.
15 Uhr “Nachforschungen in die Zukunft” von Margit Busch | Lecture Performance
Margit Busch, geb. 1964, ist Biologin und Künstlerin; eigentlich ist sie Transcientistin – oder besser gesagt: Proto-Transcientistin. Transciency ist eine Disziplin der Zukunft, die sich nicht um disziplinäre Grenzen kümmert. 2026 schloss Busch ihr künstlerisch-forschendes Doktoratsprojekt "A garden for a fish" ab, eine Wortfolge, die sie als Botschaft aus der Zukunft verstand, deren Bedeutung es zu ergründen galt.
Die Autorin Ursula K. Le Guin schrieb einmal, dass die Utopie, die sie zu beschreiben versucht, schon existieren muss, um zu werden. Von diesem Gedanken ausgehend, entwirft Margit Buschs künstlerisches Forschungsprojekt “A garden for a fish” eine Zukunft, in der ein Transcientistic Experimental Institute (TEI) existiert. Dieses Institut ist ein Forschungsort, an dem die Natur nicht als Objekt, sondern als lebendiges, vielstimmiges System verstanden wird.
Die Lecture-Performance gibt Einblick in dieses spekulative Forschungsprojekt und zeichnet die Nachforschungen nach, die dem Transcientistic Experimental Institute (TEI) Gestalt gaben.
Die dokumentarische 2-Kanal-Videoinstallation Losing Futures (Slo-Mo Visions of Refusal of Unfulfilled Promises) von Vik Bayer erzählt die Geschichte eines Konsortiums in Sizilien, das Avocados und Zitronen produziert, und beschreibt seine ideologischen Grundlagen im Kontext der globalen Marktwirtschaft und des lokalen sozialen Gefüges. Dabei kommen planetare, ökologische und historische Entwicklungen genauso zur Sprache, wie die lokale Realität einer Ökologie unter Druck, wo Avocadobäume von Wildfeuern geschädigt werden und wüstenerprobte Olivenbäume austrocknen, weil zu schnell verdunstendes Wasser ihre Zellen irreversibel schädigt. Das Werk rückt dabei visuell und manchmal akustisch den Menschen aus dem Zentrum und blendet Gesichter fast komplett aus, so dass menschliche agencies nicht durchgängig wichtiger erscheinen als nicht-menschliche.
Während Bayers Werk eine mögliche Utopie des solidarischen Konsums skizziert, der die Erde lebenswerter machen könnte, thematisiert Ralo Mayer mit seinem Print Un·Earthing (playsuit for Mars) von 2022 die Flucht-Fantasien der Techno-Oligarchen des Silicon Valley, deren blinder Fleck das Leben von und mit Kindern und der damit verbundenen Care-Arbeit ist. Die Fotografie zeigt den Test des Prototyps für einen Spielanzug, der für den Mars denkbar ungeeignet wäre und dessen disrupted pattern dabei zur Allegorie wird. Sie ist im 50 Kilometer breiten Ramon-Krater in der Negev-Wüste entstanden, der wegen seiner Ähnlichkeit mit dem roten Planeten regelmäßig Schauplatz von Mars-Missions-Simulationen mit „Analog-Astronaut*innen“ ist.
Auch Kay Walkowiaks Video Encounters von 2023 stellt eine Form von Test dar. Darin geht es allerdings nicht um eine mögliche Zukunft der Menschheit jenseits der Erde, sondern um eine Beziehung nicht-menschlicher Wesen zu menschlichen Werken. Die einzigen Lebewesen, die darin zu sehen sind, sind Affen, die mit bemalten Tafeln interagieren. Indem sie von ihnen Besitz ergreifen, sie aber nur oblique betrachten und vor allem ausgiebig abschlecken, irritieren sie ästhetische Selbstverständlichkeiten eines menschenzentrierten Kunstverständnisses.
Eine nicht-menschliche Form der Existenz wird auch in Angelika Loderers Exposurezur Akteur*in. Fotografische Abzüge, die bedrohte Arten, prekäre Orte und Beziehungen zwischen Menschen zeigen, werden in der Arbeit langsam von einem Pilzgeflecht überwuchert, so dass die ursprünglichen Bilder zerfließen oder sich auflösen. Wenn Schimmelpilze von menschlichen Artefakten Besitz ergreifen, wird dies in menschenzentrierten Kontexten meist als rein destruktiv wahrgenommen. Die Arbeit Loderers macht sie als Transformationsprozess sichtbar, der auch ästhetisch produktiv wird. Indem Loderer die belichteten Bilder den Pilzen aussetzt, wird aus Zerstörung Neuschöpfung, vielleicht sogar Ko-Autorschaft. Damit regt sie einen neuen Blick auf Handlungen nicht-menschlicher Akteur*innen insgesamt an und ihre Arbeit tritt in Resonanz mit der von Vik Bayer und Kay Walkowiak.
Einen weiteren Zugang zu Welt und – im Kontext dieser Ausstellung gelesen – Gestaltung von Zukunft, erforscht Rio -Roberta Lima. Die Fotografien und die Ausschnitte aus Performancevideos in der FOTOGALERIE WIEN erinnern an ritualistische Praktiken. Nicht-menschliche Entitäten werden auch hier zu social agents im Sinne des Anthropologen Alfred Gell. Allerdings interagieren die Performer*innen nicht mit Lebewesen, sondern mit Eisblöcken, sublimierendem Trockeneis oder hängenden Sphären aus Eis. Alfred Gell versteht die agent-patient-Beziehungen als dynamisch: Wenn der Kronleuchter aus Eissphären tropft, wirkt er als agent auf die Performer*innen, die in diesem Moment zu patients werden. Wenn sie dann das Wasser aufschlecken oder die Aufhängungen der Sphären durchtrennen, werden wiederum Wasser und Eis zu patients. Limas Interaktionen mit Wasser und CO2 in verschiedenen Aggregatszuständen, nämlich fest, flüssig und gasförmig und das Spiel mit den Übergängen zwischen ihnen – gefrieren, schmelzen, sublimieren – evozieren instabile, offene Beziehungen zwischen verschiedenen Wesen. Dabei changieren die Handlungen der Performer*innen zwischen experimentell, spielerisch und ritualisiert und bleiben letztlich bedeutungsoffen.
Wie dieses evozieren die Werke der Ausstellung mögliche Zukünfte im Wesentlichen durch verschiedene Interaktionen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen, nehmen dabei „mögliche Wirklichkeiten“ genauso ernst wie „wirkliche Möglichkeiten“ und skizzieren so sanft mögliche Utopien. (Klaus Speidel)
Barrierefrei zugänglich.
Veranstalterin: Fotogalerie Wien
Sponsored by: BMWKMS, MA7-Kultur, Cyberlab









