WUK 3000

WUK 3000

Utopie WUK

Menschen aus dem WUK-Universum malen sich eine „Utopie WUK“ aus

Die besten Science-Fiction-Werke sind immer auch ein Abbild der Gegenwart, in der sie entstanden sind. Als der Genrepionier H.G.Wells seinen Zeitreisenden in der fernen Zukunft entdecken ließ, dass die Menschheit sich in ober- und unterirdisch Lebende geteilt hatte, sagte das mehr über das viktorianische Weltbild aus als über darauffolgende Zeiten.

Anlässlich der aktuellen Herausforderungen rund um die Sanierung des WUK und Verhandlungen mit der Stadt Wien zum Erhalt des Hauses hat der Blick in die Zukunft des WUK eine ganz neue Brisanz erlangt. In diesem Sinne haben wir Menschen aus dem WUK-Universum gebeten, sich eine „Utopie WUK“ auszumalen. Herausgekommen sind dabei herrlich unterhaltsame und zum Nachdenken anregende Zukunftsvisionen, die in ihrer Vielfalt eines gemeinsam haben: Sie sind ein Plädoyer für den Fortbestand des Hauses. Denn in jeder denkbaren Welt benötigt es Orte wie das WUK.

2020

Aus dem Kaffeesatz die Zukunft des WUK lesen. Mystisch klingt das Ganze … Wir schlürfen in aller Seelenruhe unseren Kaffee und am Ende gibt der kleine unscheinbare dunkle Fleck, welcher in der Tasse zurückbleibt, Aufschluss über die Zukunft des WUK.

Der Mokka wird im kleinen Metallkännchen (Dzezva) zubereitet – getrunken – die Untertasse auf die Tasse gelegt – Tasse gedreht – die Tasse und Untertasse kurz auf den Kopf und dann wieder umgedreht – die Tasse muss nun kopfüber auf der Untertasse liegen – und da ist schon der Fleck, der am Boden der Tasse sichtbar ist: ein recht klar erkennbarer Fisch.

Der Fisch kündigt eine glückliche Wendung an, ein freudiges Ereignis, die Fische bringen Glück und die aufkommenden Probleme werden leicht gelöst …

God’s Entertainment
experimentell arbeitende Theatergruppe, die interdisziplinär an politischen und sozialen Themen unserer Zeit forscht

2020

Das WUK ist ein besetztes Haus und soll es auch bleiben. Ein Ort der Selbstverwaltung und des Widerstandes. Ein Freiraum, für den zu kämpfen es sich lohnt. Eine Hochburg der Solidarität.

Die Wahrheit ist immer konkret. Konkret sind daher meine Wünsche für die Zukunft:

Im WUK sollen politische NGOs neuen Typs, wie Asyl in Not eine ist, auch weiterhin die Infrastruktur vorfinden, die sie brauchen, um ihren Kampf für Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu führen. 

Im WUK soll auch der Kampf der Frauen gegen das Wiederaufkommen reaktionärer, frauenfeindlicher Strömungen in Gesellschaft und Politik eine starke Bastion haben. Dazu gehört auch volle Solidarität mit Frauen, die sich nicht als Teil des WUK verstehen, die aber im Haus niedergelassen sind.

Es bedarf es großer gemeinsamer Anstrengungen. Nicht nur im Interesse des WUK, sondern der gesamten demokratischen Zivilgesellschaft in diesem Land.

Michael Genner
Seit 1993 im WUK tätig
Obmann von Asyl in Not

Bild: Daniel Eberharter

2022

Europavox Vienna 2016 / Giungla (c) Elisabeth Anna

Warum braucht es das WUK? Warum braucht es immer noch und immer wieder soziokulturelle Zentren (eine staatliche deutsche Pop-Funktionärin amüsierte sich neulich darüber, dass ich immer noch den Begriff „Soziokultur“ verwende...)?

Die Popkultur, überhaupt die „Zeitkultur“ ist nicht denkbar ohne utopische Orte, an denen Menschen sich und die Welt ausprobieren, ohne ökonomische Zwänge und ohne Selbstoptimierungsdruck. Wo sind Rockmusik und Punk und alles dazwischen in den 60er und 70er Jahren denn entstanden? Die Rolling Stones sind jahrelang durch kleine Clubs gezogen, die Beatles spielten monatelang im Hamburger Star-Club, wo sie sich und ihre Musik vor Publikum ausprobieren konnten. Patti Smith, die Ramones, Blondie, die Talking Heads und viele andere frühe New Yorker Punkrock- und New Wave-Bands lebten förmlich im CBGBs, „outside the society“, wie Patti Smith in einem Song formulierte. Und eine ganze Garde britischer Popstars ist aus den seit mehr als 150 Jahren bestehenden britischen Arbeiterclubs hervorgegangen, von Tom Jones, dessen Karriere in Arbeiterclubs in Wales begann, bis zu Paul Weller, der seine ersten Konzerte mit The Jam in dem Arbeiterclub spielte, in dem sein Vater Mitglied war (und der buchte The Jam dann erste Tourneen durch befreundete Arbeiterclubs).

Allerdings, zugegeben: In der Realität ist die Soziokultur ein bißchen heruntergekommen. Auf die schillernde Phase des kulturellen Aufbruchs, der Kämpfe, der Euphorie, in der „Menschen und Dinge in Feuerbrillanten gefaßt scheinen“ und „die Ekstase der Geist jeden Tages“ ist (Karl Marx), folgt die Ernüchterung, der „lange Katzenjammer“ (nochmal Marx), und die Mühen der Ebene verschleißen die Akteur_innen, sie sitzen in den eroberten Räumen und müssen plötzlich Nutzungskonzepte und Wirtschaftspläne schreiben, um die zum Überleben so dringend benötigten Zuschüsse zu erhalten. Nicht wenige geben hier auf, andere ruhen sich auf dem Erreichten aus, ein Zeichen der „bürgerlichen Revolutionen“ oder eben der Revolten der Bürgerkinder, wie sie Karl Marx beschrieben hat, „die Gesellschaft lernt, sich die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode anzueignen“ und sie zu verwalten. Aus den dringend benötigten kulturellen Orten in Verhandlung, aus den im doppelten Wortsinn Möglichkeitsräumen, werden häufig Orte der Stagnation. Die Mühen der Ebene...

Aber: Das Konzept der Soziokultur, der Selbstverwaltung ist noch längst nicht am Ende. Ganz im Gegenteil: Dieses Konzept von freier Kulturarbeit ist angesichts der „Imperiengeschäfte“ weltumspannender Konzertkonzerne, die die Musik nur noch als eine Art „Content-Pipeline“ für ihre profitorientierten Geschäfte betrachten, wichtiger denn je.

Wir benötigen nicht nur Räume der Reflexion, Räume also, in denen wir ungehindert ökonomischer Sachzwänge und ständiger Verfügbarkeit wieder Subjekte unseres Lebens sein können, sondern wir müssen auch Orte mit einer großen sozialen Durchlässigkeit entwickeln. Kultur-Orte, in denen nicht nur Menschen der Mittelschicht, sondern alle die Möglichkeit der Verneinung, ja die Verweigerung der Welt und somit sich selber ausprobieren können. Ein „Reservat“, wie Marcuse das „Reich der Kultur“ genannt hat. Die Mutlosigkeit und das Sich-Selbst-Unterwerfen unter marktwirtschaftliche Logik, die auch viele Programm-Macher_innen alternativer Kulturorte befallen hat, muss überwunden werden zugunsten einer radikalen und mutigen Wieder-Inbesitznahme der Kultur-Orte. Das WUK wird das, with a little help from it’s friends und hoffentlich unter starker finanzieller Förderung der Gremien, ganz sicher schaffen, und schon in wenigen Jahren wird aus der ehemaligen Lokfabrik wieder eine kulturelle Lokomotive, auf die wir Nicht-Wiener_innen voller Neid schauen und die volle Fahrt aufnimmt zu einer Schnell- (und Bummel-!)Bahn der selbstbestimmten Zeitkultur – ein utopischer Raum für alle eben.

Berthold Seliger
Publizist und Konzertagent

Bild: Elisabeth Anna

2025

Das WUK ist schon jetzt ganz viel von dem, was ich mir unter einer WUK-Utopie vorstelle: ein Melting-Pot von Kunst, Kultur, Zivilgesellschaft und Aktivismus.

Ein nächster, utopischer Entwicklungsschritt? Vom Nebeneinander zum Miteinander. Noch mehr als das auch jetzt schon der Fall ist. Das WUK als Ort der Verbindung verschiedener Sphären und Akteur_innen, die auf ihre eigene Weise ganz unterschiedlich und dennoch für eine gemeinsame Vision aktiv sind: Das Schöne und das Gute und vor allem das Sinnvolle – ein gutes Leben für alle in Vielfalt. Ein Ort der kreativen kollektiven Intelligenz, an dem Wundersames passiert und dennoch ganz praktisch, alltagserprobt und anschlussfähig bleibt.

Und ich sehe das WUK als einen „Hub“, ein Zentrum mit „Ablegern“, besser gesagt Partnerstätten und Orten, die es dem WUK gleich- und nachmachen und so die Begrenzung an einen Ort überwinden und noch weiter in der Verbindung von Kunst, Kultur, Zivilgesellschaft und Aktivismus ausstrahlen.

Wilhelm Zwirner
Geschäftsführer Attac Österreich

2032

(or the year of La Foire aux Immortels)

A future projection is mostly associated with „change“. Nevertheless, my close and entire relationship with WUK has been through Kunsthalle Exnergasse (KEX); and in this context, my biggest wish for KEX would be „not to change“ at all. After my experience with a series of residencies, four exhibitions, and a number of international events and activities both in Austria and abroad, I definitely appreciate the considerable and respectful attitude that values human dignity, equality and solidarity of KEX. As a Turkish curator, I operated with latitude of freedom, kindness, and support, generously provided by KEX and WUK. In this respect, like an extremophile plant that present resilience to all kinds of extreme condition, WUK should continue with persistence and without any compromise.

Basak Senova
Designerin und Kuratorin

2042

Das WUK der Zukunft im Jahr 2042 ist eine Werkstatt, in der Utopien neu erfunden, gedacht und gefertigt werden – ein Ort an dem gesellschaftliche Normen hinterfragt, kritisiert und gebrochen werden. Das WUK der Zukunft soll ein Ort der Innovation und des Andersdenkens sein – eine Arbeitsstätte, in der die verschiedenen Bereiche als kollektives Werkzeug an gemeinsamen Zielen arbeiten.

In diesem WUK der Zukunft werden die Räume effizienter genutzt und geteilt, sodass das Haus für noch mehr Menschen zugänglich ist. Das bedeutet weniger individuellen Raum, garantiert dafür aber einen noch bunteren, diverseren Alltag.

Es soll ein Haus sein, das sich nicht in veralteten und verrosteten Strukturen verliert, sondern welches den Mut hat umzudenken und neue Wege zu gehen. Ein neu gedachter Ort, der weder seine Geschichte, noch die radikale Gründungsidee vergisst. Auch in zwei Jahrzehnten wird das WUK ein Ort der Solidarität, des Miteinander und des Austauschs zwischen verschiedenen Menschen und Gruppen bleiben. In Zeiten zunehmender sozialer Kälte, wird das WUK so auch im Jahre 2042 noch ein utopisch gelebtes Beispiel für das große Ganze sein.

Martin
Zivildiener im WUK

Bild: Heribert Corn

WUK-Fassade (c) Heribert Corn

2049

WUK in 2049 will be awesome! The early 2000s revival is in full bloom. Everybody wears skinny jeans and talks about a new hologram-show about a cyborg investment banker during the 2009 financial crisis starring former heiress, now character actress Paris Hilton. While people are queuing for the Nouvelle Nouvelle Vague concert (a coverband of the coverband), a 65 year old Teresa Vittucci revisits her 30s in a new piece and the H.A.P.P.Y. collective prepares for their new party night whose DJ is Dagmar Koller’s Head in a fish bowl. PCCC* hosts the whole thing and gets ridiculously wasted. Some things never change.

PCCC*
Vienna’s First Queer Comedy Club

Am 2.12. wieder im WUK.

2050

Ich stell mir das WUK vor, im Jahre 2050, und ich wünsche es mir unverändert. Naja, nicht unverändert: renoviert, modernisiert, der Zeit angepasst, aber nach wie vor der Begegnungs- und Ausprobier- und Lern- und Werk-Ort für junge und ältere Menschen, als das ich es erleben durfte und darf. Vielleicht sind dann meine Enkelinnen dort, tanzend, zum Sound der Zeit, zur Band der Saison. Kein Mensch soll ohne WUK erwachsen werden müssen! Das wär ja eine Zumutung. Heute und 2050.

Doris Knecht
ist Schriftstellerin und Kolumnistin, hat im WUK ungefähr 1000 Bands live gesehen und ist dafür ihr Leben lang dankbar.

2056

Bei der diesjährigen Verleihung des alternativen Karlspreises für europäische Verständigung in Aachen wurde das „SoKuLab Wien“ als Preisträgerin ausgezeichnet. Die Arbeit des weltweit ersten soziokulturellen Science Hub, welches vom Wiener Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) gemeinsam mit Partner_innen des europäischen Netzwerkes Trans Europe Halles und der Universität Wien aufgebaut wurde, gilt als wegweisend im Bereich der kulturpolitischen Erneuerung.

Die Jury würdigte ausdrücklich den beispielhaften partizipativen Ansatz, der auf bewährten soziokulturellen Konzepten basiert, die das WUK seit den 1980er Jahren ständig weiterentwickelt hat. Im Langzeitprojekt des SoKuLab erwiesen sich menschliche Vernunft, Einfühlungsvermögen und solidarische Vernetzungskonzepte eindrücklich als nachhaltiger, als Prozessalgorithmen maschineller Intelligenz.

„Das ist unser schönstes Geburtstagsgeschenk!“, sagte eine Sprecherin der Betreiber_innengemeinschaft des WUK, das im kommenden Oktober 2056 sein 75jähriges Bestehen feiert.

Torsten Reitler
Moritzbastei Leipzig, das wie das WUK Mitglied von Trans Europe Halles, einem Netzwerk europäischer Kulturzentren, ist.

2059

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2059. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs WUK, das mit seiner starken Besatzung seit mehr als 80 Jahren unterwegs ist, um kulturelle und soziale Teilhabe zu ermöglichen.

arbeit plus, das Netzwerk Sozialer Unternehmen in Österreich, bewegt sich in den gleichen Galaxien. Das WUK gehört zur Föderation. Die sozialen Unternehmen verstehen sich seit jeher als Zukunftslabore für neue Konzepte von Arbeit, in denen auch benachteiligten Personen dieses universelle Recht gewährt wird. Analog dazu orientiert sich das WUK seit seiner dynamischen Entstehungsgeschichte an den Forderungen des 8-Punkte-Programms von 1979: Kultur als unabdingbarer Bestandteil gesellschaftlichen Lebens, Teilhabe, soziales Interesse, aktivierende Arbeitsprozesse, Vielfalt, Transparenz und Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Diese Forderungen sind 2059 aktueller denn je. Deshalb setzen wir unermüdlich unsere Mission fort. „Live long and prosperous“, liebes WUK – auf dass wir gemeinsam neue Galaxien im Kultur-, Bildungs-, Beratungs- und Beschäftigungsuniversum erkunden!

Martina Könighofer und Judith Pühringer
arbeit plus

2060

Die Hochebenen im Schulkollektiv sind die Häuser unserer Kinder. Erwachsenenfreies Territorium, dessen Hausbesetzer_innen die Kinder sind.

Wie das mit dem Besetzen genau funktioniert, ist allerdings lange in Vergessenheit geraten. Dabei wäre etwas mehr anarchischer Gründungswahn nötig. Eine alte Fabrik für so viele Denkende und Schaffende, das geht sich im Jahre 2060 nicht mehr aus. Drei Hochebenen für so viele schulpflichtige Kinder, da ist Niederschwelligkeit nicht möglich.

Wir Schulomis- und -opis sind im Senior_innenclub wieder vereint. Jetzt haben wir endlich genug Zeit, radikal zu denken und radikal zu handeln. Was wir Alten wollen? Wir haben uns zum Ziel gesetzt, ein freies, utopisches und transformatives Zeitalter einzuläuten, in dem die ineinandergreifenden Zahnräder dieser Fabrik auf die Straße rollen und andere Häuser mitnehmen. Häuser besetzen und nicht besitzen, grölen wir. Stiegen emporsteigen und Türen öffnen, fordern wir. Häuser für Alle und Nutzungsrechte ohne Limit, schreiben wir auf die Banner.

Wir lieben unser Haus und die vielen ausdifferenzierten und individualisierten Einzelhäuser, die eingebettet in das große Ganze in guter Tradition schon lange Zukunft schreiben.

Miriam Haselbacher
ehemalige WUK Schülerin und jetzt Mutter eines WUK Schulkindes

Bild: Archiv Schulkollektiv

2068

wir schreiben das jahr 2068. ich bin etwas aufgeregt denn bald werde ich 100 jahre alt. ich hätte nach 334 ausverkauften live shows im WUK nicht für möglich gehalten, diesen runden geburtstag gemeinsam mit meinen homies in wien zu feieren. es war eine weise entscheidung, sich vor ca. 20 jahren einfrieren zu lassen.

als ich dann letzte woche wieder erwachte, fühlte ich mich etwas eingerostet und nahm meinen ersten caffee in der währinger straße ein. hier war nun, zum glück, alles anders geworden. der gesamte autoverkehr war aus der wiener innenstadt verbannt. es war unheimlich still. da, wo früher die tram gebrettelt hatte, war jetzt eine große außenbühne errichtet worden. der gesamte spielbetrieb des WUK sollte in den sommermonaten vor der tür im freien und open air stattfinden. diese neue idee erfreute sich bei den neuen bewohner_innen aus aller frauen länder großer beliebtheit.

da, wo sich früher der asphalt träge in den ersten bezirk wälzte, wuchs jetzt vietnamesisches ochsengras und weißer tee. der klimawandel hatte auch seine guten seiten. das WUK war mittlerweile eine multifunktionsagora mit dachgarten und eigener energieversorgung geworden. hier stellte man aus kaffeesatz effektiven strom her und war in der lage, die ganze nachbarschaft zu beschallen. jeden tag programm, interdiziplinär, kosmopolitisch und super fresh.

die wiener bürgermeisterin stammte aus neuseeland und sprach überhaupt kein deutsch, dafür hatte sie aber ihr büro gleich neben dem großen festsaal im WUK. die arbeitszeiten waren ziemlich locker geregelt. nach 13 uhr am mittag war eigentlich schluss mit büro. da nun die gesamte europäische kulturelite in wien wohnte, wurden alle wichtigen entscheidungen im dachgarten auf dem WUK getroffen und im wiener rathaus tagte nun das europa parlament.

die heutige show war voll akustisch, ein verrückter professor aus kalifornien hatte eine bahnbrechende erfindung gemacht und konnte so die lautstärke einer band, ohne strom, um ein vielfaches erhöhen, ohne dass der schall als störend empfunden wurde. musik als droge war das motto und die hausapotheke für gestresste europäer_innen gleich fix im WUK installiert.

Shantel
am 12.12. zum 36. Mal im WUK

2069

Es ist eine Weile her, als das WUK eines der wenigen offenen Kulturhäuser und Werkstätten in Wien war. Seit immer mehr ehemalige Parkgaragen für künstlerische Initiativen geöffnet werden, hat das WUK sein Alleinstellungsmerkmal verloren.

Oder etwa doch nicht? Das WUK ist immer noch ein progressiver Teil unserer Gesellschaft. Hier passiert nach wie vor die kritische Auseinandersetzung mit den brennenden Themen unserer Zeit. Hier werden neue Modelle des Zusammenlebens, zur Bildung und Kunst ausprobiert. Hier werden Demokratieverständnis und Wert des zivilgesellschaftlichen Engagements anschaulich vermittelt und vorgelebt.

Das WUK war daher stets mehr als nur eine offene Kultur- und Werkstätte, es ist und war ein offener Denkraum für unsere Gesellschaft. Gerade in einer Zeit, in der die Digitalisierung bis in die letzten Ecken unserer Arbeits- und Lebenswelt vorgedrungen ist und uns rund um die Uhr bemuttert, überwacht und beeinflusst, ein unschätzbares Juwel unserer Stadt.

Herbert Bork
Agenda Alsergrund

2081

Ende der 20er Jahre des 21. Jhdt. wurde im WUK das Parovsky-Spiegel-Modell (PSM) für konsensorientierte Konfliktgestaltung entwickelt. Zunächst diente PSM als Instrument, um hausinterne Interessensunterschiede einer „guten Lösung für alle“ zuzuführen. Im Laufe der letzten vierzig Jahre wurde die nach zwei herausragenden Persönlichkeiten der WUK-Geschichte benannte Methode weiterentwickelt und ist mittlerweile weltweit erfolgreich in unterschiedlichem Kontext im Einsatz.

Es gilt beispielsweise unter Historiker_innen als unbestritten, dass PSM einen wesentlichen Anteil am durchschlagenden Erfolg der Welt(gesellschafts-) klimakonferenz 2044 im kanadischen Ort Alert hatte.

Die konsequente Umsetzung der dort getroffenen Vereinbarungen führte in den letzten dreißig Jahren zur größten (R)Evolution der Menschheitsgeschichte, nämlich der Transformation des Kapitalismus hin zum heute bestens etablierten Gesellschaftssystem des Guānxīnismus.
Die Geschichte zeigt also, wie wichtig Orte wie das WUK sind: Jetzt – und in Zukunft!

Auszug aus der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des WUK, erschienen im Oktober 2081.

Christoph Trauner
Geschäftsleiter WUK Bildung und Beratung

2119

Das WUK ist generalsaniert worden und hat auf dem Dach des Mittelhauses einen Pool und eine Wiese und ist so ausgestattet, dass man auch oben Veranstaltungen machen kann. Die hintere Front und auch die Vorderseite des WUK sind begrünt, und das WUK ist immer noch ein Kulturzentrum. Es soll eigentlich erhalten bleiben, so wie es ist. Alle Menschen, die ins WUK gehen, besitzen Chipuhren wie in einer Therme. Wenn man hineinkommt, aktiviert sich diese und der zu zahlende Beitrag wird automatisch abgebucht. Die Beiträge sind aber sozial gestaffelt. Es gibt keine WUK Manager_innen, die alles bestimmen. Alle sollen mitentscheiden dürfen.

Meine negativste Befürchtung wäre die, dass das WUK in 100 Jahren ein voll moderner Wohnblock mit Luxuswohnungen ist. Aber ich sehe eher, dass das WUK eine Oase bleiben wird, ein Ruhepol inmitten einer großen, sehr heiß gewordenen Großstadt, klimatechnisch auf dem höchsten Stand. Und der Kapitalismus, der hat sich dann eh selbst zerstört, bis dahin.

Yasmina
16 Jahre alt

Bild: Wolfgang Thaler

2129

Wir schreiben das Jahr 2129 nach alter Zeitrechnung. Das Jahr 14 wäre es nach der neuen Zeitrechnung, aber an die hält sich niemand. Wozu auch die Zeit messen? Die Erde ist nicht mehr. Die Menschheit nahezu ausgestorben. Tiere und Pflanzen gibt es ja eh schon länger nicht mehr. Die letzten verbliebenden Menschen flirren durch das Weltall und versuchen so etwas wie eine Zivilisation aufzubauen.

Gut, dass das WUK nach der letzten Sanierung so sehr stabilisiert wurde, dass es bei der großen Explosion nicht auseinandergebrochen ist und sich als Ganzes von der Erde gelöst hat. Was würden denn auch sonst die verbliebenen Menschen tun? Wo würden sie wohnen? Wo könnten sie ihre künstlerischen Arbeiten herstellen, die doch der Nachwelt von diesem, nun zerstörten, Wunder Erde berichten sollen?

Vieleicht lässt sich ja im WUK zudem eine neue Gesellschaftsordnung entwickeln, die auf Solidarität basiert. Schließlich etabliert sich das WUK gerade zu einem intergalaktisch-soziokulturellem Zentrum. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, aber sie wird sicher besser sein.

Ulli Koch
PR und Marketing WUK performing arts 

Bild: Philippe Donn, pexels.com

2180

Die besten Science-Fiction-Werke sind immer auch ein Abbild der Gegenwart, in der sie entstanden sind. Als H.G.Wells seinen Zeitreisenden in der fernen Zukunft entdecken ließ, dass die Menschheit sich in ober- und unterirdisch Lebende geteilt hatte, sagte das mehr über das viktorianische Weltbild aus als über darauffolgende Zeiten.

Kinder ihrer Zeit sind auch kürzlich wiederentdeckte Dokumente aus dem Archiv des WUK, die sich auf die späten 2010er-Jahren datieren lassen. Für eine Publikation der seit knapp 200 Jahren bestehenden Institution am Hyperloop-Verkehrsknoten Arne-Karlsson-Park wurden dem Haus nahestehende Personen gebeten, eine "Utopie WUK" zu skizzieren.

Noch in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts hatte man sich die Epoche dieser WUK-Essays in Filmen wie "Blade Runner" und "Zurück in die Zukunft 2" technologiedystopisch oder hedonistisch ausgemalt. Doch weder automatische Sneaker-Klettverschlüsse noch Androiden, die illegal auf der Erde verweilen, spiegeln die tatsächliche Lebenswelt des frühen 21. Jahrhunderts wider. Die jüngst wiedergefundenen WUK-Essays zeigen, dass die damals lebenden Wiener_innen sich intensiv mit der herannahenden Klimakatastrophe und dem spätkapitalistischen System beschäftigten – Themen, die vor 160 Jahren die Gesellschaft spalteten, wie zahlreiche Datenanalysen sogenannter Sozialer Netzwerke bestätigen. (Damals war es Mode, den eigenen Alltag auf diesen Netzwerken zu dokumentieren, die jedoch noch nicht über Retina-Implantate, sondern auf tragbaren externen Bildschirmen aufgerufen wurden.)

Dass wenige Jahrzehnte später ein neues Zeitalter anbrechen sollte, ahnten die WUK-Essayist_innen nicht in vollem Ausmaß. Doch Fortschritte in der Telomer-Forschung, kostenlose Psychotherapie und die europaweite Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens ermöglichten ab 2042 einen neuen Zeitgeist, der sich durch Gelassenheit, Empathievermögen und nicht zuletzt eine hedonistische Grundeinstellung auszeichnete. Das Kultur- und Bildungsspektrum im WUK profitierte von diesen Entwicklungen, die wir heute unter dem Namen Neo-Epikureismus kennen, und gestaltete sie im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms mit. Dabei zeigte sich, dass klassische Formate wie Live-Konzerte im Lauf der Jahrhunderte ein Fixstern bleiben, denen die Entwicklung von Hologramm-Tourneen und Virtual-Reality-Venues nichts anhaben kann. Menschen kommen seit 200 Jahren ins WUK, um gemeinsam mit anderen Menschen einen schönen Abend zu erleben, an den sie sich gerne zurückerinnern. Denn in jeder denkbaren Welt benötigt es physische Orte wie das WUK.

Astrid Exner
Leiterin WUK Kommunikation

Bild: Wolfgang Thaler

Illustrationen: sensomatic

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