Die gelähmte Zivilgesellschaft

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Die gelähmte Zivilgesellschaft

Vier Thesen für ein neues, kämpferisches Verständnis zivilgesellschaftlichen Engagements

Text von Martin Gössler

Alle starren auf die pompösen Schaukämpfe auf der politischen Bühne, doch wie ist es um das Gegenstück, der österreichischen Zivilgesellschaft, bestellt? Es ist vielleicht an der Zeit, die Rolle dieses Teils der Gesellschaft während Türkis-Blau Eins mit all ihre Schwächen und brachliegenden Potentialen zu beleuchten. Denn offensichtlich war: Die Macht der Ibiza-Koalition ging einher mit einer Opposition im Suchmodus und einer gelähmt wirkenden Zivilgesellschaft. Für die zukünftigen Kämpfe für eine offene, solidarische Gesellschaft lohnt es sich vielleicht, die eigenen blinden Flecken als Entwicklungspotential zu nutzen. Dazu vier Thesen:

1. Paralyse durch Analyse

Ob im Leitartikel oder beim Abendessen mit Freund_innen: Die Analyse des rechtspopulistischen Lagers dominiert die linksliberale Debatte. Sich allerdings konsequent auf politische Gegner_innen zu fixieren ist ähnlich unproduktiv wie in Beziehungskrisen auf das Verhalten der Partner_innen zu starren. Jammern ist da wie dort eine unwürdige Form des Leidens. Und die Macht der Mächtigen war immer nur zu haben mit den  selbsthypnotisierenden Ohnmachtsphantasien der Beherrschten. Wie wäre es, die Analysekraft nicht auf Gegner_innen, sondern auf die eigene Handlungsmöglichkeit zu richten? Handeln statt Paralyse durch Analyse, Experimente statt Analysen: Das tanzen uns die „Fridays“ vor. Angenommen, an den links-liberal-grünen Stammtischen würde es ab morgen weniger um das Beklagen der Umstände und mehr um den nächsten Spaß gemeinsamen zivilen Ungehorsams gehen – wo wären wir dann?

2. Idealismus hochdosiert

Das unscheinbare Wort „sollte“ ist ein ebenso häufiges wie toxisches Wort in progressiven Debatten. Man sollte mit Binnen-I schreiben, Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht nach ihrer Herkunft fragen und bildungsferne Schichten über die Gefahren des Nationalismus aufklären. In postmaterialistischen Kreisen, wo SUV und fettes Gehalt nicht beeindrucken, dient die bessere Moral als Distinktionsgewinn. Diese Überlegenheitsrhetorik nervt Bekannte ebenso wie Wähler_innen. Überdosierte Ideale und Ansprüche schwächen. Die Gegenwart mit einem auf
die Zukunft gerichteten moralischen Ideal abzugleichen, erzeugt einen Terror des Solls. Umstellt von vielen Solls rührt sich das überforderte Individuum dann nicht vom Fleck. Natürlich brauchen wir Moral und Ideale. Allerdings in einer Form, die zum Handeln hin und nicht wegführt. Wie das geht? Die Lösung ist schon da, zum Beispiel in den Handlungsmustern jener Menschen, die in harten Berufsfeldern wie Hospiz oder Katastrophenhilfe idealistisch agieren und sich dennoch ihre Lebensfreude bewahren. Sie reden nicht lang, sondern leisten ihren abgegrenzten Beitrag. Sie entwickeln eine Art der weisen Resignation gegenüber Dingen, die sie aktuell nicht ändern können. Dadurch gewinnt ihr Handeln an Kraft.

3. Brüchige Solidarität

In der Abwehr des eigenen Ohnmachtsgefühls werden im zivilgesellschaftlichen Lager eher die nächsten Freund_innen als politische Gegner_innen bekämpft. Auch hat der Fokus auf spezifische Politikfelder wie Antirassismus, Antisexismus oder Inklusion von Menschen mit Behinderungen das identitätspolitisch Verschiedene vor das zivilgesellschaftlich Gemeinsame gestellt. „Solidarität bedeutet, den Konflikt innerhalb der Solidargemeinschaft auszuhalten. Und davor scheut die Linke bislang zurück …“, meinte der Historiker Thomas Walach vor einiger Zeit im Falter. Die Chance liegt also in den strategischen Allianzen, in der Solidarität über Politikfelder hinweg. Wenn zukünftig wieder Frauenhäuser, Asylwerber_innen oder NGOs angegriffen werden, dann brauchen wir alle auf der Straße! Mehr noch: Wie wäre es, die beliebten internen, unsolidarischen Grabenkämpfe in NGOs zu beenden und das eigene Ego für die gemeinsame Sache solidarisch zurückzustellen? Auf die nützliche Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe mittels internem Hick-Hack zu verzichten? Solidarität beginnt im Bündnis mit der_dem nächsten organisationsinternen Widersacher_in. Sonst ist sie nichts wert, nur eine Phrase.

4. „Es-wird-alles-schlimmer“- Syndrom

„I have a dream …“ Das war die Schlüsselphrase in Martin Luthers berühmte Rede. Wäre diese Rede auch mit „Liebe Leute, ich habe einen Alptraum: Die Rassisten werden gewinnen!“ berühmt geworden? Wohl kaum. Doch hierzulande agieren wir gerne im Alptraummodus. Ob im WUK-Beisl oder beim Heurigen in Grinzing: Das „Es-wird alles- schlimmer-Syndrom“ ist ein Problem, das halt leider auch eine Lösung ist: Sie stiftet wohlig-schaurige Gemeinschaft im eigenen Milieu und ist eine Kommunikationsform mit hohem psychologischen Nutzen. Die Gegenprobe: Ich hab’s mal im WUK-Beisl im Martin-Luther-Modus probiert. Und von dem Österreich, das ich mir erträume, schwadroniert. Die Bundeskanzlerin verbringt ihren Urlaub im Mittelmeer mit Seenotrettung, die FPÖ dümpelt bei 3 % und Gabalier dichtet gegen den Raubtierkapitalismus. Nach zehn Minuten saß ich allein vor meinem Bier.

Mit alarmistischen Kommunikationsmustern schwächen wir uns selbst. Bilder des Unglücks anzuhäufen, ohne die Mittel zur Überwindung anzugeben, lähmt. In der aktuellen politischen Situation hat das beachtliche Nebenfolgen, wie Mathias Horx einmal anmerkte: In die anschwellende Gewissheit, dass die Welt ein Pfuhl der Unsicherheit und Ungerechtigkeit ist, treten nun die neuen Rechten mit höhnisch einfachen Botschaften. Ein elitärer Pessimismus des weltoffenen urbanen Milieus trägt zur Zerstörung konstruktiver Zukunftsdiskurse bei.

Wie wäre es, von Zukunft zu sprechen, ohne gleich vor ihr zu warnen? Zuversicht ist in unsicheren Zeiten eine vitale Ressource. Ohne Zuversicht keine Liebe, keine Elternschaft, keine mutigen sozialen Innovationen. Jenseits der Mobilisierung von Angst hat die nationalistische Rechte hier wenig anzubieten. Zivilgesellschaftliche Vitalität könnte also auch heißen: Sich dem grassierenden Mythos der Negativität verweigern. In internen Diskursen ebenso wie nach außen. Der hysterischen medialen Angstproduktion und dem destruktiven populistischen Pessimismus künftig mehr Zuversicht, Vertrauen und Gelassenheit entgegensetzen. Come on, let‘s dream!

Martin Gössler ist systemischer Berater und Trainer (www.vielfarben.at). Gemeinsam mit engagierten Menschen aus vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen – darunter auch dem WUK – bereitet er die Konferenz Mittendrin – Gemeinsam engagiert für Österreich am 16. November 2019 in der Brotfabrik Wien vor.

Programm und Anmeldung:
www.mittendrin-konferenz.at

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