Trans-Formation. Weg vom Fixierten, hin zur Veränderung.
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after the last ready-made ist eine Ausstellung in der kex—kunsthalle exnergasse, die im Rahmen des Community Festivals “Synergies of Solidarity” von Queer Art Spaces Vienna stattfindet. Statt als Teil einer vorgegebenen Identität wird Queerness dabei als Strategie begriffen, den Verwerfungen unserer Zeit mit künstlerischen und solidarischen Konzepten aus der Community zu begegnen.
In der queeren Praxis wird Identität seit Langem nicht als etwas Gegebenes, sondern Gemachtes verstanden – sie entsteht im Improvisieren, Verändern und stets neu Verhandeln. So gesehen erklärt die Ausstellung nicht einfach das Ende des ready-made-Objekts. Sie fragt, was danach kommt: wenn Körper sich den standardisierten Formen verweigern, wenn Materialien überarbeitet statt konsumiert werden, wenn Mode vom Wegwerfprodukt zu einem Raum kollektiver Vorstellungskraft und unsere selbstgewählte zweite Haut wieder sensibel wird.
HInführend zum Thema hat Persson Perry Baumgartinger den Essay „Trans-Formation. Weg vom Fixierten, hin zu Veränderung“ verfasst.
Verlust
Verlust bedeutet etwas zu verlieren oder etwas hinter sich zu lassen und ist ein wichtiger Teil von Trans-Formation. Damit einher gehen Gefühlewie Schmerz, Hoffnung, Trauer, Lust und Erleichterung.
Verlust muss jedoch nicht immer ein kompletter Wechsel oder absolutes Wegbewegen sein, hin und wieder werden Brücken von der alten zur neuen Situation gebaut. Manchmal sind Kontinuitäten möglich, wir bleiben im Gespräch, in Verbindung, auch wenn wir an verschiedenen Orten und neuen Ausgangspunkten sind. Wir halten uns an einigen Fäden fest, spinnen unsere Stoffe weiter, ein neues Muster entsteht, die Materialität verändert sich, die Dichte trans-formiert – wie es bei einem Handmade üblich ist. Jedes Stück ist ein Original, keine Ultra-fast-Fashion von der Stange, keine eindimensionale Kommunikation, kein cis versus trans, sondern eine tiefe, individuelle, aber auch soziale Verwobenheit mit Intersektionen, Schnittstellen und Kontinuitäten.
Handmade
Ein Handmade ist das Ergebnis handarbeiterischer und handwerklicher Arbeit, etwas Handgemachtes. Beides wird oft als weniger wertvolle Kunst, Facharbeit oder Frauenarbeit abgetan. Beim Handmade geht es an dieser Stelle aber um den täglichen Aufwand mit dem wir unsere Identitäten, Körper und Erscheinungsbilder erarbeiten. Ein Handmade kann sein: Die Art und Weise, wie wir ein Textilstück als Kunst oder Nicht-Kunst bewerten, wie wir Kommunikationssituationen kooperativ oder von oben herab führen, wie wir Geschlecht immer wieder fabrizieren.
So sieht Jeanne Vaccaro zum Beispiel das Trans-Sein als ein Handmade: es gibt keine Unterwerfung unter die binäre medizinische Logik (krank/gesund, richtig/falsch, vorher/nachher), sondern es geht vielmehr darum, über die Handmade-Dimension der Trans-Erfahrung nachzudenken. Die Trans-Realität als sozial und kollektiv wahrzunehmen, als Prozess – unvollendet richtig –, als autonome Choreografie, als do it yourself (DIY), als freie Form. Es geht um die Arbeit der Geschlechts(identitäts)bildung: um Gefühlsleben und Narbengewebe, um Hautelastizität und Zellorganisation, um körperliche Dimensionen und darüber hinaus - um Trans-Formation.

Trans-
Der Bindestrich bei Trans- steht nach Susan Stryker, Paisley Curah und Lisa Jean Moore für Brüche, Schnittstellen und Schlüpfrigkeiten. Dabei geht es um eine Fokusverschiebung: nicht mehr von den bisherigen binären Vorstellungen von Geschlecht ausgehen, sondern vielmehr den Prozess, die Brüche und Verknüpfungsmomente in den Mittelpunkt rücken. Trans- also als eine Schnittstelle, die über Geschlecht, race, Generationen, Spezies hinausgeht. Es bedeutet, einen Transit-raum zu betreten, sich auf den nur flüchtig fassbaren Moment zu konzentrieren, in dem tagtäglich Wirklichkeit hergestellt wird – mit oft diskriminierenden, aber auch lustvollen Effekten.
Es geht also um Trans-Formation. Und vor allem darum, diese Brüche, Schnittstellen und Kontinuitäten in den Fokus der Aufmerksamkeit zu legen. Weg vom Fixierten, hin zur Veränderung. Weg von dominanten Zuschreibungen, hin zur Trans-Formation als neues Prinzip. So geht es in der Ausstellung „after the last ready-made“, kuratiert von Frederik Marroquín und Dorian Bonelli, um Bewegung, Veränderung und Verwandlung im Sinne von Queerness.
Umsetzung: Trans-Formation
Bei allen drei Elementen geht es um das Handeln, unser eigenes Tun. Wie ist das umsetzbar? Über individuelles und kollektives Inspirieren, Reflektieren und Trans-Formieren anhand von Fragen wie: Was bedeutet Trans-Formation für uns und euch? Wie erarbeiten wir uns unsere Identitäten, Körper und Gefühlswelten immer weider neu? Welches Handwerk und welche Handarbeit erkennen wir als Kunst an? Wie schaut das bei queerer Kunst aus? Wenn ich an Veränderungen denke, taucht Angst auf oder Vorfreude? Was ist mein Begehren an Ver-Lust? Drehe ich mich auf Nimmerwiedersehen um oder schaffen wir gemeinsam Kontinuitäten?
Diese Fragen bleiben offen, weil sie je nach Kontext, Transit-raum und Zusammensetzung der Fragenden Unterschiedliches bedeuten. Nur im gemeinsamen Tun werden sie immer wieder neu beantwortet.
Literatur
Susan Stryker, Paisley Currah, Lisa Jean Moore, 2008, Introduction: Trans-, Trans, or Transgender?, in: dies: Trans-, Women Studies Quarterly, Jahrgang 36, Heft 3&4, S. 11-22
Jeanne Vacaro, 2014, Handmade, in: TSQ: Transgender Studies Quarterly, Volume 1, Numbers 1-2.
Text
Persson Perry Baumgartinger – Trans—Arts & Cultural Production – forscht, berät, vermittelt und kuratiert an den Schnittstellen von Sprache & Macht, Geschlecht & Vielfalt, Wissenschaft & Kunst. www.baumgartinger.net, www.transcomm.net







