pornotopia revised

Melanie Bonajo, Night Soil Economy of Love, 2015 (video still)

pornotopia revised

Sarah Held und Sylvia Sadzinski über die Ausstellung "pornotopia revised" in der Kunsthalle Exergasse.

Pornotopia revised untersucht den Zwischenraum von Kunst und PostPorn in seiner visuellen und materiellen Kultur. Die Ausstellung zeigt zeitgenössische Arbeiten, die sich mit Begehren, Sexualität und ihren Repräsentationen auseinandersetzen und die Grauzone zwischen Porno und Kunst verdeutlichen. Dabei beschränkt sich pornotopia revised nicht nur auf audiovisuelle Auseinandersetzungen. Multimedial werden anhand von zeitgenössischen Skulpturen, Malereien und Videoarbeiten im sogenannten Porno Plüsch Platzerl Narrationen und Repräsentationen von Körpern und Begehren reflektiert. Hier steht nicht primär der Voyeurismus oder die Provokation durch Nacktheit oder sexualisierte Handlungen im Fokus, sondern vielmehr Resistenz und Emanzipation. Die künstlerischen Arbeiten greifen Momente des Pornos auf, queeren diese oder nutzen sie, um etwa die Kategorisierung, Sexualisierung und Verdinglichung von Körpern zur Debatte und Normen rund um Sexualität und Geschlechterbinarität infrage zu stellen. Die Ausstellung spielt dabei bewusst mit Lesarten und Ästhetiken zwischen sogenannter High und Low Culture, zwischen Trash, Kitsch und Kultur, zwischen analogem Handwerk und digitalem Ausdruck.

Anders als in der Mainstreampornografie, die den heterosexuellen Cis-Mann imaginiert, nehmen bei pornotopia revised mehrheitlich Frauen und nicht-binäre Personen den Ausstellungsraum ein. Spielerisch, humorvoll, figurativ oder abstrakt, aber immer emanzipatorisch verweisen sie durch Material und Form auf das pornografische Moment. Sie widersetzen sich dabei vor allem weiblichen Stereotypisierungen und traditionellen Blickregimen, reflektieren Fragen nach Gesellschaft und Tabu sowie nach Intimität und Subversion und stellen das Genre Pornografie dadurch selbst in Frage. Ihre Arbeiten werden zum Instrument und Medium der Vermittlung und zum Aushandlungsort queerfeministischer Proteste gegen den Male-Gaze und dessen scheinbare Unentrinnbarkeit.

So erweist sich pornotopia revised als tatsächliches Utopia und als Pornotopie des Widerstands im Sinne von Paul B. Preciado, wenn in der Kunsthalle Exnergasse normative Codes und Konventionen von Geschlecht, Sexualität und Körperpraktiken verändert werden und neue Perspektiven entstehen, die eine feministische Ermächtigung und Aneignung von Porno und Kunst gleichermaßen inszenieren und ermöglichen.

Melanie Bonajos Videoarbeit Night Soil – Economy of Love (2015) folgt einem zentralen Gedanken der Ausstellung. Sie ist Teil der Trilogie Night Soil, in der Bonajo aktivistische Bewegungen, die sich gegen kapitalistische und patriarchale Strukturen stellen, dokumentiert. Economy of Love porträtiert eine Gruppe von Sexarbeiter*innen in Brooklyn, die ihre Arbeit als eine Möglichkeit verstehen, die Macht in einem von Männern dominierten Feld zurückzuerobern und Konventionen und Vorstellungen von Intimität neu zu ordnen. In einer Welt, in der auch die Orgasmen zwischen Männern und Frauen immer noch ungerecht verteilt sind, wird Sex als Werkzeug für politische und soziale Veränderungen in Bezug auf Sexarbeit, Geschlechterrollen und für ein gegenseitiges respektvolles Verständnis eingesetzt.

Aus dem Bereich materielle Kultur kommt die künstlerische Position vonJonny Star. Die Wandbehänge der Serie Free Your Soul wirken wie Pin-Up-Tapisserien. Bilder aus Schwulenmagazinen der 1970er und 1980er Jahre werden vergrößert, von bunten Blumenstoffen umrahmt und mit Swarovski-Perlen bestickt. Dieser female Gaze auf schwule Sexualität zeigt, wie eng Kitsch und Porno miteinander verwoben sein können. Pornotopia revised zeigt die im Jahr 2014 entstandene textile Arbeit 1 aus der Serie.
 

Jonny Star, Free your Soul 1, 2014 (Tapisserie)

Die nomadische Film- und Diskursreihe Pimmel Porn Protestist Teil des Rahmenprogramms.  Es werden Filme präsentiert, die sich fernab der klassischen Triade von plattem Aufriss, wilden Penetrations-Close-Ups und Cumshot positionieren. Filme, die eine Vielfalt an Körpern und Sexpraktiken aufzeigen, dabei nie menschen- bzw. frauenverachtend sind, sondern für alle Beteiligten lustvoll. Filme, die Geschlechterstereotype und traditionelle Vorstellungen von Sexualität reflektieren und damit brechen. So entstanden und entstehen Nischen, die Raum bieten für eine Widerstandspraxis und Auflehnung gegen tradierte Lesarten von binär konstruierten Geschlechtern, Sexualität(en) und heteronormativen Rollenmodellen.

Seit 2016 setzen wir, Sarah Held und Sylvia Sadzinski, uns im Format der Performance Lecture mit diesen Nischen auseinander. Mit einer Auswahl an feinen Filmen und haarscharfen Analysetools im Koffer, reisen wir national und international umher. Unser Ziel ist es, deutlich zu machen, dass Pornografie mehr sein kann, als reine Masturbationsvorlage: eine Form der Politik, der Kritik und des Protests. Als aktivistische und subkulturelle Praxis und als künstlerische Strategie kann Porno jenseits des Mainstreams gesellschaftliche Normen rund um Sexualität und Körper infrage stellen. Nach gemeinsamem Screening der Filme, on stage, begeben wir uns auf eine semiotische Fährtensuche. Dabei steht das kritische Lesen der Narration von Sexualität, Geschlechtlichkeit und Begehren durch Pornografie im Vordergrund; gleichzeitig wird der emanzipatorische Charakter von Pornografie erörtert. Hierbei verstehen wir uns als Pornokritikerinnen, die in Form eines literarischen Duetts das Gezeigte diskutieren und analysieren. Pornografie ist für uns ein Kulturphänomen, das nicht dazu bestimmt ist, in der Schmuddelecke vor sich hinzuvegetieren. MitPimmel Porn Protest sollen daher alternative Formen von Pornografie einem breiteren Publikum präsentiert werden, um eine generelle Auseinandersetzung mit dem Medium zu ermöglichen sowie auch Enttabuisierung. Wir möchten aufzeigen, wie vielseitig der künstlerisch-alternative Umgang mit dem Genre Pornografie sein kann und auf eine selbstbestimmte und gleichzeitig spielerische Auseinandersetzung mit Sexualität und ihrer filmischen Visualisierung Lust machen. Das gemeinsame Sichten und diskutieren von expliziten Filmen empfinden wir dabei bereits als emanzipatorischen Akt selbst – etwa gegen Scham und Stigmata.

Ein zusätzliches Schmankerl im Rahmenprogramm ist Drag KingBoris Gayaus Glasgow. Als Teil von DragOpticon, einer der bekanntesten Drag Abende Schottlands, wird er verführerisch und unapologetisch zugleich die Brüchigkeit und Konstruiertheit traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit aufzeigen und herausfordern.

Bereits 2021 haben wir ein Symposium zum Thema in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste in Wien veranstaltet. Bei Pornotopia Revised - Art and Porn on the Intersection of Resistance and Subversion gaben die international tätigen Künstler*innen Anna Ehrenstein und Fannie Sosa sowie Performerin Sadie Lune und das Performance-Kollektiv House of Tupamaras aus Bogotá in Vorträgen und Workshops einen Einblick in ihre Praxis an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus sowie Widerstand und Subversion.
 

Text von Sarah Held und Sylvia Sadzinski
Kuratorinnen der Ausstellung pornotopia revised in der Kunsthalle Exnergasse.

Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung

Mi 30.3.2022, 17.30 Uhr
Preview und Ein-/Führung für alle Interessierten

Mi 30.3.2022, 19.00 Uhr
Ausstellungseröffnung

Di 26.4.2022, 18.30 Uhr
Pimmel Porn Protest & Boris Gay
Ort: Museum, WUK

Sa 30.4.2022, 12.00Uhr
Führung mit den Kuratorinnen

Sa 14.5.2022, 12.00 Uhr
Führung mit den Kuratorinnen

Link

pornotopia revised
Do 31.3. bis Sa 14.5.2022, Kunsthalle Exnergasse
 

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