Po(!)aktives Zuhören

Po(!)aktives Zuhören

Oder: Ein Hoch auf das Vorlesen

Zuhören ist mehr als stilles Sitzen – es ist ein Zusammenspiel von Körper, Aufmerksamkeit und Beziehung. Autorin Lena Raubaum zeigt mit Humor und Erfahrung aus der Praxis, wie vielfältig „Hinhören“ sein kann und warum Vorlesen ein zentraler Trainingsraum dafür ist.

Lesezeit: ca. 5 Minuten

„Es gibt Menschen, die glauben, man hört mit den Ohren zu. Das stimmt aber nicht ganz. Man hört auch mit dem Popo zu.“ Als Autorin, die regelmäßig in Schulen, Kindergärten und Bibliotheken Lesungen hält, sage ich das oft, um das Publikum am Beginn einzuladen, es sich auf den berühmten vier Buchstaben bequem zu machen. Viele, sehr viele Menschen hören mit den Augen zu: Der Blick von Lauschenden verändert sich. Gehörlose erleben in der Gebärdensprache ein „Hinhören“ durch „Hinsehen“. Oh und meine Mutter pflegte – wenn ich sie zum Beispiel vor dem Frühstück etwas fragte – zu sagen: „Warte, ich hör dich nicht. Hab die Kontaktlinsen noch nicht drin!“ 
Manche schenken Gehör durch ihre Hände, spielen mit Haarsträhnen, stricken, kritzeln. Eine Bekannte von mir bespricht Wichtiges mit ihrer Partnerin nur beim Spazieren, weil – ich zitiere: „Die hat ihre Ohren an den Füßen!“ Ob nun Gehörtes durch Ohrwascheln, vier Buchstaben, Seelenfenster, Fingerspitzen oder Fußsohlen zu uns gelangt: Zuhören können wir nicht einfach. Wir lernen, wir üben das. Ein Leben lang.

Eine Frage des Trainings

Häufig wird von Kindern erwartet, dass sie „halt einfach zuhören sollen“. Dabei handelt es sich um eine höchst komplexe Fähigkeit. Ein Trainingsplatz dafür: Vorlesen! Es schult nicht nur das Zuhören, sondern noch mehr: Aufmerksamkeit, Konzentration, Sprach- und Denkvermögen, Wissenserwerb, Fantasie, Empathie.

Die Mehrheit der Kinder bringt glücklicherweise zum Training etwas Entscheidendes mit: Neugier! Damit richten sie folgen sie einer Stimme, einer Handlung, halten Spannung aus, projizieren Bilder im Kopf-Kino und erweitern ihre innere Duden-Ausgabe. 
All das gelingt – wie jedes Training – mal besser, mal schlechter. Tage gibt‘s, Momente gibt’s, da könnte eine Stecknadel mehrmals fallen. Tage gibt‘s, Momente gibt’s, da wäre „Unruhe“ ein Hilfsausdruck. Das ist kein Scheitern – es ist Übung. Und gewiss, dafür braucht es Geduld. Enorme Geduld. Von Kindern und von Erwachsenen. Apropos: Zuhören gelingt auch bei Erwachsenen oder Jugendlichen mal besser, mal schlechter. Denen soll es beizeiten auch schwerfallen, aufmerksam zu bleiben. Hab ich gehört. Räusper, räusper.

Viele Erwachsene sind verunsichert, wenn Kinder beim Vorlesen unruhig werden, wenn sie sich bewegen, dazwischenrufen, abschweifen. Zuhören bedeutet nicht, regungslos zu sitzen. Gerade jüngere Kinder verarbeiten Gehörtes über Bewegung und Reaktion. Eine Zwischenfrage kann stören oder ein Zeichen von Beteiligung sein. Zuhören entwickelt sich durch diese Phasen – nicht trotz ihnen. Da kann es helfen, nicht ein ganzes Buch „schaffen“ zu wollen, sondern mal bei einer Doppelseite zu bleiben, um die Bilder genauer zu betrachten. Oder bewusst einzubinden mit Zwischenfragen à la: „Was glaubst du, wie könnte die Geschichte jetzt weitergehen?“ oder „Ich hab vergessen, warum die da jetzt überhaupt gelandet sind. Woran kannst du dich erinnern?“ Tja und dann lässt man sich überraschen, was sich ein scheinbar unaufmerksames Wesen so alles gemerkt hat. 

Ein Ding der Höflichkeit

Ja, es ist höflich, jemand anderem zuzuhören. Keine Frage. Genauso höflich ist es meines Erachtens, eine Geschichte so vorzutragen, dass jemand anderer zuhören will. Meine Erfahrung zeigt, dass Kinder nicht perfekte Vorleser*innen brauchen. Ich hab noch nie ein Kind erlebt, dass nach dem Vorlesen meinte: „Top Lektüre, genau passend für meine Zielgruppe. Betonungen waren auch super und durch angemessene Lautstärke, Deutlichkeit sowie akkurate Stimmvielfalt war es mir unmöglich, abgelenkt zu sein. Danke.“ 

Gutes Vorlesen braucht Menschen, die sich verlesen, lachen, Stimmen verstellen, die vergessen, wie der Drache jetzt hieß, die wegen Müdigkeit eine Seite überblättern wollen und mit „Du hast was vergessen!“ zu einer Lese-Ehrenrunde aufgefordert werden oder denen es schlichtweg einfach selbst Vergnügen bereitet. So entsteht geteilte Neugier. So entsteht ein Gefühl von „da nimmt sich jemand Zeit für mich“. So passiert etwas Merkwürdiges, etwas, das würdig ist, es sich zu merken: Sprache wird zu Nähe. Wörter bekommen Körpertemperatur. Sätze lehnen sich an Schultern. Ein Absatz lässt durchatmen. Ein Kapitel repariert den Tag. Merkwürdig und Zauberei.

Raumwunder

Oft habe ich bei Lesungen eine UNO-Vollversammlung vor mir, Deutsch ist bei vielen Kindern nicht die Erstsprache. Dort zeigt sich eine weitere Wirkung des Vorlesens. Einige verstehen nicht jedes Wort (geht mir bei Shakespeare auch so). Sie folgen trotzdem, begreifen Bilder, Stimmungen, Rhythmus, Zusammenhänge (mach ich übrigens bei Shakespeare auch so). Dadurch öffnet sich im Vortragen von gedrucktem Papier ein druckfreier Zugang zur Sprache, von dem alle profitieren. Gemeinsam wird erlebt: Verstehen hat viele Wege. Es entsteht ein Raum, den alle teilen – unabhängig von Sprachstand, Alter, Temperament oder Herkunft. Schließlich lernen Kinder – egal mit welcher Erstsprache – ständig neue Wörter dazu.

Buchstäblich wirkungsvoll

Sicher, Vorlesen braucht Zeit. Zeit und Regelmäßigkeit. Wie viel? Hier wage ich keine Empfehlung; zu unterschiedlich sind die Möglichkeiten in familiären und pädagogischen Gefilden. Wovon ich aber von Kopf bis Kleinzeh überzeugt bin: Das Investment zahlt sich aus. Vorlesen bringt unglaublich viel! Ist auch nur einen Buchstaben von „Vorleben“ entfernt. Das soll bei Kindern auch viel bringen. Hab ich gehört. Übe ich täglich. Geht auch mal besser, mal schlechter. 

Zuhören geschieht nicht nur in der Stille. Es ist begleitet von Bewegung, von Reaktionen, von „Was hast du gesagt?“. Denn mit jeder gehörten Geschichte, wächst die Fähigkeit, sich einzulassen – auf Sprache, auf Ideen, auf andere. Ein Hoch auf das Vorlesen! In einer Zeit, in der so vieles gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurriert, ist dieser Trainingsplatz alles, nur keine Nebensache. Denn wer zuhören lernt, lernt zu verstehen. Wer verstehen lernt, entwickelt seinen eigenen Zugang zur Welt. Und Welt – das ist auch ein Wort mit vier Buchstaben.

Text: Lena Raubaum, geboren 1984 in Wien, schreibt als Autorin Gereimtes und Ungereimtes für Kleine, Große und alle dazwischen. Sie ist ausgebildete Schauspielerin, Sprecherin, Yogalehrerin und Nuad-Praktikerin. Vielleicht macht sie eines Tages noch den LKW-Führerschein. In ihren Lesungen und Lese-Performances schafft sie stets eine besondere Form der Begegnung mit ihrem Publikum – durch Ausdruckskraft, Herzlichkeit und gemeinsamer Freude an dem, was Worte und Bilder alles können. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (2022 und 2026) sowie die mehrmalige Nominierung zum Astrid Lindgren Memorial Award. lenaraubaum.com

ZU HÖREN

In einer Kultur der permanenten Artikulation, während Worte sich vervielfältigen und Aufmerksamkeit sich verknappt, macht das WUK ZU HÖREN zum Jahresthema: Zuhören als Kulturtechnik, als Akt der Verlangsamung, als Mittel der Inklusion, als Anerkennung des Andern, als subversiver Akt, als Band zwischen den Unterschieden und als demokratische Praxis. Denn wer zuhört, verzichtet auf Vorherrschaft. 

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