Po(!)aktives Zuhören
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Die Mehrheit der Kinder bringt glücklicherweise zum Training etwas Entscheidendes mit: Neugier! Damit richten sie folgen sie einer Stimme, einer Handlung, halten Spannung aus, projizieren Bilder im Kopf-Kino und erweitern ihre innere Duden-Ausgabe.
All das gelingt – wie jedes Training – mal besser, mal schlechter. Tage gibt‘s, Momente gibt’s, da könnte eine Stecknadel mehrmals fallen. Tage gibt‘s, Momente gibt’s, da wäre „Unruhe“ ein Hilfsausdruck. Das ist kein Scheitern – es ist Übung. Und gewiss, dafür braucht es Geduld. Enorme Geduld. Von Kindern und von Erwachsenen. Apropos: Zuhören gelingt auch bei Erwachsenen oder Jugendlichen mal besser, mal schlechter. Denen soll es beizeiten auch schwerfallen, aufmerksam zu bleiben. Hab ich gehört. Räusper, räusper.
Viele Erwachsene sind verunsichert, wenn Kinder beim Vorlesen unruhig werden, wenn sie sich bewegen, dazwischenrufen, abschweifen. Zuhören bedeutet nicht, regungslos zu sitzen. Gerade jüngere Kinder verarbeiten Gehörtes über Bewegung und Reaktion. Eine Zwischenfrage kann stören oder ein Zeichen von Beteiligung sein. Zuhören entwickelt sich durch diese Phasen – nicht trotz ihnen. Da kann es helfen, nicht ein ganzes Buch „schaffen“ zu wollen, sondern mal bei einer Doppelseite zu bleiben, um die Bilder genauer zu betrachten. Oder bewusst einzubinden mit Zwischenfragen à la: „Was glaubst du, wie könnte die Geschichte jetzt weitergehen?“ oder „Ich hab vergessen, warum die da jetzt überhaupt gelandet sind. Woran kannst du dich erinnern?“ Tja und dann lässt man sich überraschen, was sich ein scheinbar unaufmerksames Wesen so alles gemerkt hat.
Ein Ding der Höflichkeit
Ja, es ist höflich, jemand anderem zuzuhören. Keine Frage. Genauso höflich ist es meines Erachtens, eine Geschichte so vorzutragen, dass jemand anderer zuhören will. Meine Erfahrung zeigt, dass Kinder nicht perfekte Vorleser*innen brauchen. Ich hab noch nie ein Kind erlebt, dass nach dem Vorlesen meinte: „Top Lektüre, genau passend für meine Zielgruppe. Betonungen waren auch super und durch angemessene Lautstärke, Deutlichkeit sowie akkurate Stimmvielfalt war es mir unmöglich, abgelenkt zu sein. Danke.“
Gutes Vorlesen braucht Menschen, die sich verlesen, lachen, Stimmen verstellen, die vergessen, wie der Drache jetzt hieß, die wegen Müdigkeit eine Seite überblättern wollen und mit „Du hast was vergessen!“ zu einer Lese-Ehrenrunde aufgefordert werden oder denen es schlichtweg einfach selbst Vergnügen bereitet. So entsteht geteilte Neugier. So entsteht ein Gefühl von „da nimmt sich jemand Zeit für mich“. So passiert etwas Merkwürdiges, etwas, das würdig ist, es sich zu merken: Sprache wird zu Nähe. Wörter bekommen Körpertemperatur. Sätze lehnen sich an Schultern. Ein Absatz lässt durchatmen. Ein Kapitel repariert den Tag. Merkwürdig und Zauberei.
Buchstäblich wirkungsvoll
Sicher, Vorlesen braucht Zeit. Zeit und Regelmäßigkeit. Wie viel? Hier wage ich keine Empfehlung; zu unterschiedlich sind die Möglichkeiten in familiären und pädagogischen Gefilden. Wovon ich aber von Kopf bis Kleinzeh überzeugt bin: Das Investment zahlt sich aus. Vorlesen bringt unglaublich viel! Ist auch nur einen Buchstaben von „Vorleben“ entfernt. Das soll bei Kindern auch viel bringen. Hab ich gehört. Übe ich täglich. Geht auch mal besser, mal schlechter.
Zuhören geschieht nicht nur in der Stille. Es ist begleitet von Bewegung, von Reaktionen, von „Was hast du gesagt?“. Denn mit jeder gehörten Geschichte, wächst die Fähigkeit, sich einzulassen – auf Sprache, auf Ideen, auf andere. Ein Hoch auf das Vorlesen! In einer Zeit, in der so vieles gleichzeitig um Aufmerksamkeit konkurriert, ist dieser Trainingsplatz alles, nur keine Nebensache. Denn wer zuhören lernt, lernt zu verstehen. Wer verstehen lernt, entwickelt seinen eigenen Zugang zur Welt. Und Welt – das ist auch ein Wort mit vier Buchstaben.
Text: Lena Raubaum, geboren 1984 in Wien, schreibt als Autorin Gereimtes und Ungereimtes für Kleine, Große und alle dazwischen. Sie ist ausgebildete Schauspielerin, Sprecherin, Yogalehrerin und Nuad-Praktikerin. Vielleicht macht sie eines Tages noch den LKW-Führerschein. In ihren Lesungen und Lese-Performances schafft sie stets eine besondere Form der Begegnung mit ihrem Publikum – durch Ausdruckskraft, Herzlichkeit und gemeinsamer Freude an dem, was Worte und Bilder alles können. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (2022 und 2026) sowie die mehrmalige Nominierung zum Astrid Lindgren Memorial Award. lenaraubaum.com
















