Kultur bahnt sich ihren Weg

Kultur bahnt sich ihren Weg

Trotz Corona der Kulturlust frönen

Menschen aus dem WUK-Universum beschreiben Kunstwerke, Kulturtechniken und Kulturgüter, die sie seit der Corona-Pandemie in einem neuen Licht sehen.

Aufgrund der Corona-Pandemie mussten dieses Jahr über viele Wochen die Bühnen leer, die Proberäume und Werkstätten verwaist bleiben. Dennoch finden Menschen immer Wege, ihrer Kulturlust zu frönen, denn auch in Krisenzeiten bahnt sich Kultur ihren Weg. In kurzen Wortmeldungen beschreiben Menschen aus dem WUK-Universum hier Kunstwerke, Kulturtechniken und Kulturgüter, die sie seit der Corona-Pandemie in einem neuen Licht sehen, die ihnen eine neue tröstliche Perspektive auf das Geschehen eröffnet haben oder die sie in der Zeit der Selbstisolation (wieder-)entdeckt haben.

(c) B. Frenzel

Onlinedates

Wenn es eine Sache gibt, die ich während der Corona-Krise gelernt habe, dann ist es die, dass ich derzeitige Diskussionen über den Sinn oder Unsinn von Streaming im Bereich der Kunst nicht mag. Uns allen ist klar, dass eine Videoaufzeichnung eines Theaterabends nicht das gleiche ist wie eine live erlebte Aufführung. Aber darum geht es im Moment nicht. Diese um sich selbst drehenden Diskussionen lassen eine Sache außen vor, nämlich die Möglichkeit der Kommunikation nach außen. Künstler_innen und Zuschauer_innen kommen derzeit nicht in einem Raum zusammen, um miteinander einen Abend zu erleben. STOP! Das mag stimmen, wenn es um die gleichzeitige physische Anwesenheit geht. Aber ist nicht der digitale Raum ein Raum, in dem das genau derzeit möglich ist? Aus der Erfahrung der #Onlindates von WUK performing arts kann ich berichten, dass ich mit 300 Menschen gleichzeitig unser Format „PCCC* – Vienna’s First Queer Comdey Club“ erleben durfte. Und was war das für ein soziales Miteinander! Unfassbar lebendig gibt der Chatroom, den man während der Watch-Party auf Facebook beobachten konnte, ein beredtes Zeugnis dieses Moments. Plötzlich war ich nicht mehr allein vor meinem Screen, nein, ich war inmitten von Menschen in einem virtuellen Raum, der uns trotz der Entfernung ein Miteinander schenken konnte.

Esther Holland-Merten, Leiterin WUK performing arts

Es war reine Notwehr, die Figur Angela Merkel zu kreieren.

Die tägliche Präsenz der Bundesregierung in ihren unzähligen Pressekonferenzen ließ mich doch nach ein paar Tagen doch äußerst skeptisch werden. Eine Frage brannte nur mehr in meinem Kopf: Warum so oft und so viele Nichtinformationen? Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten war auffällig, dass die Österreicher_innen besonders intensiv medial versorgt wurden – man konnte schon von einer Überversorgung sprechen. Als freidenkender Mensch und Künstlerin ist man stets dazu angehalten, zwischen den Zeilen zu lesen. Je massiver für etwas Werbung gemacht wird, umso schlechter und fehlerhafter ist das Produkt, das sich dahinter verbirgt. Ich begann also mit der Suche nach Politiker_innen, deren Beiträge noch Inhalte vermittelten und entdeckte Helmut Schmidt wieder. Übrigens: Kann ich nur empfehlen! Und plötzlich war sie da! Die Figur der Angela Merkel. Zugegeben, als Deutsche in Österreich lebend schaue ich ins große Nachbarland und vergleiche. Das ist ein automatischer Reflex. Jedenfalls half mir diese künstlerische Arbeit mit dem politischen Dilemma, in dem sich die Republik Österreich und viele andere europäische Staaten befinden, zu überleben. Das Kreieren von Satire-Texten und das Drehen von Videoclips wurde zu meinem neuen Projekt: „Zeit für Angela – Zur Lage … (YouTube)

Cordula Nossek, dipl. Schauspielerin und Figurenspielerin, Intendantin der internationalen Puppentheatertage Mistelbach, Gastauftritte WUK KinderKulturwww.dachtheater.com

zum YouTube Channel

(c) Cordula Nossek
toxic dreams: The Bruno Kreisky Lookalike (c) TimTom

Apropos Shakespeare

Live performance is an art form scaled to the human, and stubbornly so, relying on the absolute necessity of physical audience, a large part of why theatre is so difficult to monetize. It doesn’t exist to be paused or called off at the consumer’s whim. In a world increasingly lost to virtuality and unreality the theatre points to an antidote (sorry for the virus references, I’ve been stuck at home lately). As far as I know, Shakespeare didn’t write “all the world is a digital stage.”

Apropos Shakespeare, the bard wrote “King Lear” and “Macbeth” while in quarantine during the outbreaks of the bubonic plague, which claimed nearly a third of London’s population. Back then, people lived a what we now will call analog life. In a world without newspapers, radio, television, or the internet, the illiterate majority had only their imaginations with which to fathom where the danger lay, its severity, and the extent of the torment it could cause. This reliance on imagination gave each person’s fear its own individual voice and imbued it with a lyrical quality, localized, spiritual, and mythical. And here, maybe, lay the answer to our fears. We should do theatre that relies on imagination. Theatre that is localized, spiritual, mythical, and yes, this horrible word, deeply entertaining.

Yosi Wanunu, toxic dreams. https://toxicdreams.at

Raumlos

So lange war ich noch nie nicht im WUK. Seit 1994 probe ich mit wechselnden Bands dort.

Jetzt – Corona – zu Hause bleiben. Dabei ist das WUK, das Beisl, der Hof, unser Raum, ein zu Hause. Ein soziales, kulturelles, künstlerisches. Unser Proberaum ist Heimat unserer Live-Programme, Alben und der TV-Sendung „DENK mit Kultur“. So viele Erinnerungen an gemeinsame Musik mit Hansi Lang, Roland Neuwirth, Mira Lu Kovac, Eva Maria Marold oder Thomas Stipsits im Keller.

Das WUK ist der Treffpunkt für meine Band und mich. Wir, mittlerweile geografisch auf drei Bundesländer verteilt, treffen uns in der Währinger Straße um Kulturarbeit zu leisten.

Das war während der Quarantäne nicht möglich. Die Ausübung meines Berufes als Sängerin, Autorin, Moderatorin bahnte sich keinen Weg im Netz oder auf der Terrasse. Warum singen, wenn da niemand ist. Warum komponieren, wenn meine Band nicht da ist und wir uns nur Ton-Files schicken können.

Was ich gelernt habe, dass ich die persönliche Auseinandersetzung für meine Arbeit brauche, dass musizieren nur mit und für körperlich anwesende Menschen für mich Sinn macht. Musik ist was Gemeinsames.

Ich brauche einen Raum dafür – ich brauche das WUK!

Birgit Denk, Sängerin, Autorin, Moderatorin, Mitglied des Musikbereichs im WUK. http://www.bdenk.at/

Birgit Denk (c) Carina Antl
Gernot Köchl, Stefan Baumgartner, Emanuel Rudas und Hannes Cistota

"Red Hand Files" von Nick Cave

Erstes Nick Cave-Konzert, ich habe gerade die Matura bestanden, Anreise mit Freunden nach Linz in den Posthof. „The Firstborn is Dead“, sein zweites Album mit den Bad Seeds ist erschienen. Bleibender Moment: „Looka yonder! A big black cloud come!“ Hagere Gesellen auf der Bühne, der Rest verschwommen. Es sollten noch viele Cave Konzerte danach folgen. Bald wird klar, im Caveschen Universum geht es nur zum Teil um Musik, sondern vor allem auch um Religion, Trost und Rat, Popkultur, Yoga, Anzüge und spitze Schuhe. Neben Konzerten, Alben, Büchern, Filmen, Scores, Question-and-Answer-Shows gibt es auch in unregelmäßigen Abständen Predigerbriefe. In den Red Hand Files werden Fragen der Anhänger_innen beantwortet. Da ich sehr viele Fragen habe, stehe ich wahrscheinlich schon auf der Spam-Liste.

Aber es werden nicht nur Fragen beantwortet, sondern auch Fragen aufgeworfen, große Themen wie Trauer, Leiden, Leben und Tod, künstlerische Prozesse, Sublimierung und Fragen über die Wahrheit, die dem Verkennen entspringt. In Zeiten der Isolation haben viele Angst zu sterben. Sie sind ganz darauf gerichtet, den Tod zu vermeiden und vergessen dabei, zu leben. Durch diese Angst wird die Wahrheit erst konstruiert.

Hannes Cistota, Leiter WUK Musik

zur Langversion des Textes

Was völlig Neues: Zusammenarbeit

Ok, ich sage jetzt einfach, was wir eh alle wissen: Die Wiener Kulturszene ist eine Schlangengrube sondergleichen. Nichtsgönnen und Neid, wo das Auge hinschaut. Das ist etwas genuin Wienerisches, das mit der hier heimischen Kulturtechnik des Gschissenseins zu tun hat, es ist aber auch ganz faktisch im Kampf um die wenigen Subventionen, die es im Kulturbereich abzugreifen gilt, begründet. Freilich ist man sich selbst immer der_die nächste, wenn die Ressourcen knapp sind. Dann kam Corona und keine_r hatte irgendeinen Plan. Klar war allen nur: Allein werden wir es nicht schaffen. Todfeind_innen griffen auf einmal zu den Telefonen – zu telefonieren war ja jetzt wieder voll in – und versuchten etwas, na gut ich übertreibe, völlig Neues: Zusammenarbeit. 

Aber Mal im Ernst: Durch Corona ist eine Vielzahl von Initiativen entstanden, die Leute, die sich sonst nur vom Wegschauen kennen, an einen Tisch holten. Dort entwickelten sie gemeinsam Konzepte, um das Überleben ihrer Art zu sichern, spendeten einander Trost und entwickelten zusammen zukunftsfähige Konzepte, die der Kulturszene und auch den Kulturkonsument_innen nachhaltig helfen werden. Wenn irgendetwas Sinnvolles aus dieser Krise entstanden ist, ist es das.

Amira Ben Saoud, Kulturredakteurin bei Der Standard

Foto: Canva Studio on Pexels
Walter Benjamin, 1928

„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von Walter Benjamin

Merkwürdig, was ich kürzlich im WUK erlebt habe. Der Hof war an diesem Donnerstagabend gespenstisch leer, aus dem Saal tönte aber wie früher Livemusik. Wo sonst hunderte Fans ihr kollektives, unmittelbares und meist euphorisches Feedback auf das Bühnengeschehen geben, standen allerdings nur drei Kamerastative. Die Zuseher_innen mussten auf Facebook ausweichen und taten das nur widerwillig. Stimmung kam auch bei den Bands im Saal nur wehmütige auf.

Zurück im Home Office fand ich eine Erklärung für das diffuse Gefühl der Leere, das diese kulturelle Ersatzhandlung hinterließ – ein bisschen angestaubt im Bücherregal bei meinem langjährigen Studienbegleiter Walter Benjamin. Der Denker der Frankfurter Schule ahnte schon in den 1930er Jahren, dass uns 2020 coronabedingte Livestreams von Konzerten eher nicht so brennend interessieren werden. Ist ja auch logisch. Der Bass wummst einfach nicht im ganzen Körper, wenn er aus den Laptop-Lautsprechern kommt. Und wenn ich mir die Aufzeichnung auch in drei Stunden noch ansehen kann, tue ich es jetzt nicht und vergesse später drauf. Sogar den obligatorischen Ausdruckstänzer in der Reihe vor mir vermisse ich!

Die Verschiebung eines einzigartigen und einmaligen Erlebnisses in den körperlosen virtuellen Raum kann gar nicht anders als das zu verlieren, was Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz „Aura“ nennt. Er definiert den Begriff als das „Hier und Jetzt des Kunstwerks“, seine Geschichte, seine Echtheit, seine Autorität, „sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet“. Dass er das der Fotografie – heute würde er den Livestream wählen – abspricht, meint er gar nicht böse. Der Verfall der Aura eröffnet auch neue Möglichkeiten. Aber am schönsten ist es trotzdem, wenn sie spürbar ist. Ich freu mich schon wieder sehr drauf.

Astrid Exner, Leiterin WUK Kommunikation

Kultur in der Zeit menschlicher Isolation

Ich muss zugeben, dass ich der Stadt zu Beginn der Pandemie im März den Rücken gekehrt, mich am Land zurückgezogen und die Entschleunigung extrem genossen habe. Ein Performance-Impro-Training der besonderen Art genoss ich mit meiner 4-jährigen Nichte und übte meine Skills als Katzen-Mama und Katzen-Lehrerin, als Mutter von Rapunzel, als Elsa und Anna (Schneekönigin), sowie im Vortragen von Kinderbüchern wie „Der Maulwurf Grabowski“ – ein Buch, das mich auch für das neue Kinderstück „Buddeln, Baggern, Bauen“ inspiriert, welches Anfang Mai in der WUK Kinderkultur Premiere gehabt hätte und nun im Oktober zu sehen sein wird (mit Julia Schreitl und Johanna Jonasch).

Außerdem habe ich eine Workshopreihe für Jugendliche zu einem Open Call umgearbeitet: "Voiks wos? Kultur? Nice?" – angelehnt an meine Beschäftigung im Rahmen des Formats performancebrunch.at lade ich junge Menschen zwischen 14 und 20 Jahren ein, sich mit traditionellem Tanz, Musik, Texten und Trachten zu beschäftigen und sie neu zu interpretieren, zu fusionieren, zu verändern und bis 30.6. unter reginapicker.at/voiks-wos einzureichen. Die Ausschreibung ist eine neue, spannende Erfahrung für mich.

Regina Picker, Performerin, ist Mitglied des tanztheaterperformance-Bereichs im WUK. www.reginapicker.at

(c) Regina Picker
(c) workstations

Lautes Wirbeln

Die ersten beiden Wochen des Shutdown hatte ich mit gemischten Gefühlen erlebt. Einerseits mit viel Recherche, was da denn eigentlich passiert und anderseits des Bewusstwerdens, was das für die Kultur und insbesondere für das WUK bedeutet. Alle Events und Veranstaltungen, auch alle meine Kulturauftritte im Rahmen des Kinderprojektes workstations, wurden abgesagt. Natürlich ist das eine Verlust, aber glücklicherweise konnte ich einige Werkstattprojekte, reduziert aber doch weitermachen. Sehr früh habe ich alle Daten zur Lage gesammelt, was nicht so leicht war, ohne irgendwelcher Verschwörungstheorien aufzusitzen. Die Leere des WUK und der Stadt war schon ein neues spannendes Erlebnis, da sie sonst vom Verkehr in Besitz genommen wird. Inzwischen glaube ich schon, dass man die Gesundheitskrise bewältigt hat, die wirtschaftliche Pandemie aber leider nicht.  Viele meiner Bekannten und Freund_innen, welche selbständig arbeiten, hat es schwer erwischt. Und die vollmundig versprochenen „Hilfen“ der Regierung entpuppten sich als Almosen. Ich bin aber optimistisch, dass es wieder weitergehen wird. Es braucht aber ein lautes Wirbeln der tausenden EPUs und Künstler_innen, damit auch tatsächlich die „Kohle“ fließt und der Start im Herbst gelingen kann. Und es freut mich riesig, dass das Sommerprogramm für Kinder im WUK nun doch stattfinden kann.

Reinhard Hermann, Möbeldesigner, Kursleiter in Arbeitsmarktprojekten, Gründer von workstations.

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