Your story is my story

Eine Person schreibt in ein Notizbuch

Your story is my story

Geschichten von WUK m.power

Im Rahmen des WUK m.power Pflichtschulabschlusskurses wurden auch im vergangenen Kursjahr wieder Erzählungen geschrieben, von denen einige hier veröffentlich werden.

Beitrag von Nina Wlazny, WUK m.power

Die Aufgabenstellung für die Erzählungen war offen formuliert, um den Teilnehmenden die Entscheidung leicht zu machen, wieviel sie von welchem Teil ihrer Biographie aufschreiben und ggf. veröffentlichen wollten. Sie lautete: „Erzähle eine der vielen Geschichten, die dich zu der Person machen, die du bist!“ In sechs Schreibwerkstätten wurden dann Themen erarbeitet, manchmal wieder verworfen, Rohfassungen erstellt und schließlich eine Menge druckreifer Text produziert. Ein Großteil der so entstandenen Texte befasste sich mit Erfahrungen rund um die Phänomene des Weggehens, Flüchtens und Ankommens, die zumeist auch mit Fragen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung verknüpft sind. Im begleitenden Unterricht wurden auch Bedeutungen und Gründe des Veröffentlichens solcher Geschichten diskutiert. Ein Motiv vieler Jugendlicher war der Wunsch, sich zu artikulieren und die vorherrschenden Geschichten über sie selbst als „Andere“ zu ergänzen – und dadurch ein Stück weit zu irritieren oder in Frage zu stellen. Mögen in diesem Sinne die Geschichten viele Leser_innen finden.

Eröffnet wird die Reihe mit einem Text von Asea.

Die Geschichte meiner Reise

von Asea

Als ich 11 Jahre alt war, merkte ich plötzlich, dass ich auf Frauen stehe. Ich ging zu dieser Zeit in eine Schule namens „Schafici“, und ich hatte viele Freundinnen, die mit mir in die Schule gingen und die ich sehr gerne hatte. Ich war auf der einen Seite ein Kind, auf der anderen Seite wusste ich schon über meine Gefühle Bescheid. Es war für mich keine einfache Zeit in meinem Leben. Ich hatte Angst und war traurig, weil es nicht einfach ist als Homosexuelle in Somalia zu leben, weil es dafür die Todesstrafe gibt. Ich war ein Kind, aber trotzdem musste ich mich verstecken, redete mit Niemandem darüber, auch nicht mit meinen Eltern. Ich ging weiter in die Schule und die Angst hat mich immer begleitet. Ich wollte immer Fahrrad fahren, aber durfte es nicht. Ich wollte Fußball spielen, doch das durfte ich auch nicht, weil in meiner Heimat Mädchen oder Frauen kein freies Leben haben. Nach einer langen Zeit benutzte ich das Internet, um nachzulesen, was „Frauen, die andere Frauen lieben“ heißt, weil ich dachte, dass ich die einzige auf dieser Welt war. Aber ich war‘s doch nicht. Aber ich las im Internet, dass in ganz Afrika Homosexuelle nicht akzeptiert waren.

In Europa aber schon. Ich wusste nicht, wie ich nach Europa kommen konnte, also fragte ich nach bei meiner Cousine, die älter als ich war, nicht deswegen, weil ich lesbisch war, sondern wie ich nach Europa kommen könnte. Sie erzählte es mir. Aber sie sagte es doch meiner Mutter, dass ich sie danach gefragt hatte. Meine Mutter machte sich Sorgen, dass ich vielleicht weglaufen würde. Aber ich sagte: „Mama, mach dir keine Sorgen, ich muss nicht momentan weglaufen, aber wenn ich es vorhabe, sage ich es dir.“ Meine Mutter bekam meinen kleinen Bruder Mustafa. Ich war 13 Jahre alt und dann plante ich, von Somalia wegzugehen. Ich hatte nicht vor nach Europa zu flüchten, sondern dahin, wo ich ich selber sein kann. Wo ich leben kann, wie ich will. Dann machten ich, mein Cousin und andere Freunde uns auf den Weg, auf die Flucht. Doch ich sagte meiner Mutter nichts, also gingen wir einfach Richtung Äthiopien. Dort blieben wir 3 Monate und waren auch im Gefängnis. Nachdem wir rausgekommen waren, machten wir uns auf den Weg in den Sudan, dann in die Richtung der Hauptstadt Libyens, dann ins Meer nach Italien.

Ich kam in Italien an und wurde in ein Flüchtlingsheim gebracht, wo ich nur mit Mädchen lebte. Dort ging ich in die Sprachschule. Und lernte dann Freundinnen kennen und fühlte das erste Mal meines Lebens, dass ich mich frei bewegen kann, ohne Kopftuch, ich fing auch Fußball zu spielen an, und nach 2 Jahren ging es weiter mit meiner Reise nach Österreich. Dort stellte ich einen Asylantrag und bekam dann einen positiven Bescheid. Es läuft bis jetzt als so, wie ich es mir gewünscht habe.

Ich gehe zur Schule, habe viele Freund_innen, bin Aktivistin in Wien, in der Stadt, in der ich wohne. Ich habe eine Partnerin, die mich liebt und die ich liebe und mit der ich die Zukunft plane.

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