„Erzähle eine der vielen Geschichten, die dich zu der Person machen, die du bist!“

Eine Person schreibt einen Text.

„Erzähle eine der vielen Geschichten, die dich zu der Person machen, die du bist!“

Im WUK m.power Pflichtschulabschlusskurs gibt es neben vielen anderen Fächern das Fach „Deutsch - Kommunikation und Gesellschaft“. In sechs Schreibwerkstätten machten sich die Teilnehmenden an das Verfassen ihrer eigenen Geschichten.

Einleitungstext von Nina Wlazny, WUK m.power

Im Pflichtschulabschlusskurs gibt es neben vielen anderen Fächern das Fach „Deutsch - Kommunikation und Gesellschaft“. Schon im Namen steckt die Idee, die Aneignung von Sprache an eine Beschäftigung mit Gesellschaft, Politik und Geschichte zu knüpfen. In diesen großen Feldern finden dann so vielfältige Themen Platz wie Zivilcourage, politische Strukturen, soziale Bewegungen, Nationalsozialismus und Medien. Jedes Jahr beschäftigen sich die Kursteilnehmer_innen auch mit Ungleichheit, Rassismus und Diskriminierung. Ein Schwerpunkt bildete heuer die Frage, welche Rolle Medien bei der Verfestigung von Vorurteilen spielen können: Finden sich z.B. in aktuellen Zeitungs- oder Fernsehberichten nicht immer wieder ähnliche Darstellungen von Menschen, denen bestimmte Zugehörigkeiten und Eigenschaften zugeschrieben werden? Werden Klischees nicht auch durch Geschichten geformt, die immer wieder erzählt und weitergegeben werden? Gibt es nicht viel mehr und anderes zu erzählen als in diesen immer wieder bemühten Geschichten?

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat auf die Gefahren einseitiger Darstellungsweisen bzw. einziger Geschichten hingewiesen: Sie können benutzt werden, um zu enteignen oder die Würde von Menschen zu brechen. Zunächst wurden diese Gefahren von den Teilnehmenden diskutiert und eigene Erfahrungen dazu eingebracht. Schlussendlich wurden auch die Chancen des Geschichtenerzählens erarbeitet: Denn Geschichten können, wie Adichie sagt, auch dazu genutzt werden, um zu befähigen oder gebrochene Würde wiederherzustellen. Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, weil es immer zahlreiche Geschichten sind, die uns zu dem machen, was wir sind, warum sollten wir nicht beginnen, diese Geschichten zu erzählen?

Vor diesem Hintergrund machten sich die Teilnehmenden an das Verfassen ihrer eigenen Geschichten. Die Frage, die am Beginn jedes Textes stand war: „Erzähle eine der vielen Geschichten, die dich zu der Person machen, die du bist!“ In sechs Schreibwerkstätten wurden dann Themen erarbeitet, manchmal wieder verworfen, Rohfassungen erstellt und schließlich eine Menge druckreifer Text produziert. Entstanden ist so eine Vielzahl an spannenden, beeindruckenden und lehrreichen Geschichten. Und weil gerade die Geschichten, die wir nicht so oft hören, ja auch sichtbar gemacht werden müssen, können einige davon nun hier gelesen werden!

Eröffnet wird die Reihe mit der Erzählung von Khadra.

Eine falsche Entscheidung

von Khadra Abdi

Ich war 16 Jahre alt, als ich meine Familie verließ. Ich entschied mich alleine zu leben, ohne zu fragen, wie es ohne Familie ist. Wie auch immer, ich fuhr weg und kam 2016 in Österreich an. Es war hart für mich das neue Leben anzufangen. Ich stellte mir selber viele Fragen: „Was schulde ich mir? Was macht mich traurig?“ Ich hätte nur jemanden gebraucht zum Umarmen, der mir sagt: „Wir schaffen das zusammen“, aber leider fand ich niemanden, weil ich niemanden in Österreich hatte, keine Familie, keine Freundinnen.

Eines Tages entschied ich mich, dass ich meiner Mutter erzähle, dass ich nicht hier leben konnte und zurückkommen wollte. Ich rief meine Mutter an und sagte: „Mom, ich kann nicht ohne euch leben, es ist schwer!“ Sie fragte mich: „Warum hast du mich verlassen, warum hast du das gemacht?“ Dann sagte ich: „Mom, es gibt zwei Tage in meinem Leben, die ich nicht ändern kann: Der eine ist gestern, der andere ist morgen.“ Danach sagte sie zu mir: „Was schon passiert ist, kommt nicht zurück, und ich werde glücklich sein, wenn du zurückkommst.“ Ich sprach mit meinem Rechtsberater darüber, dass ich zurück wollte, und er schickte eine E-Mail an das BFA, und dort sagten sie, dass es lange dauern würde, weil es meinem Heimatland nicht gut ging und ich damals unter 18 Jahre alt war.

Es war schwierig für mich. Ich fing an zur Schule zu gehen und ich lernte viele Freundinnen kennen. Sie waren nett zu mir. Ich akzeptierte alleine zu leben und an meine Zukunft zu denken, und jetzt bin ich zufrieden mit meinem Leben. Es ist immer noch ein bisschen schwierig, aber ich bin ein starkes Mädchen. Ich schaffe alles! Alles, was uns fehlt, werden wir einmal bekommen.

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