Wege in die Selbstermächtigung

Wege in die Selbstermächtigung

Harder, better, faster, stronger. Das war der WUK Bildungs- und Beratungstag 2018

Die zunehmenden Anforderungen am Arbeitsmarkt zwingen Menschen dazu, immer besser, schneller, effizienter und leistungsfähiger zu funktionieren. Der WUK Bildungs- und Beratungstag 2018 widmete sich der Suche nach Alternativen.

Beitrag und Fotos von Susanne Senekowitsch, WUK Bildung und Beratung

Unter dem Titel „Harder, better, faster, stronger – Müssen wir alle immer besser werden?“  beschäftigten sich die eingeladenen Expert_innen gemeinsam mit den ca. 300 Teilnehmer_innen und Moderatorin Lisa Mayr (Der Standard) am WUK Bildungs- und Beratungstag am 3. Oktober 2018 mit dem verstärkten Druck zur Selbstoptimierung am Arbeitsmarkt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie jene Menschen, die es nicht schaffen, jenseits von Selbstausbeutung und neoliberaler Anpassung trotzdem gesellschaftliche Teilhabe erfahren können.

Wie bereits im Vorjahr wurde die Veranstaltung wieder mittels Zusammenfassungen und Handouts in leichter Sprache (Anna Voggeneder), Schriftdolmetsch (Gudrun Amtmann) sowie Übersetzungen in Gebärdensprache soweit wie möglich barrierefrei gestaltet. 

In ihrer Keynote behandelte die Juristin und Sozialarbeiterin Nina Eckstein die gesellschaftspolitische Situation und Entwicklungen rund um die Themen Bildung und Arbeit. Sie wies darauf hin, dass der Bildungsbegriff in seiner ursprünglichen, humanistischen Ausprägung den Menschen zur mündigen Entscheidungsfähigkeit und zum verantwortungsbewussten Umgang mit der Welt erziehen sollte. Erst im Kontext neoliberaler-kapitalistischer Bedingungen wurde Bildung zu einer Ware, die der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und Selbstvermarktung am Arbeitsmarkt dient.

Immer mehr gesellschaftliche Gruppen können mit den hohen Anforderungen nicht mehr mithalten. Nina Eckstein meinte, man müsse wieder vermehrt den Blick darauf richten, dass die Hürden am Bildungs- und Arbeitsmarkt nicht ausschließlich individuelle Probleme darstellen. Vielmehr gehe es dabei um grundlegende Rechte, die im sozialen Rechtsstaat zu gewährleisten sind, wie das Recht auf Bildung, auf Gleichbehandlung und Verteilungsgerechtigkeit.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Franz Schandl berichtete im Anschluss aus der Praxis des Grundeinkommensprojektes Sinnvoll tätig seinvon der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertelin Heidenreichstein. Durch die Deindustrialisierung sei die Stadt heute von Überalterung, starker Abwanderung und einer hohen Arbeitslosigkeit geprägt. Seit dem Frühjahr 2017 gebe es das Projekt, das versucht, Langzeitarbeitslosen 18 Monate lang neue Perspektiven zu eröffnen, ohne dass sie ständig Angst haben müssen, ihre soziale Absicherung zu verlieren.

Es gehe vor allem darum, die Menschen jenseits von Optimierung und Disziplinierung zu fördern statt zu fordern, um ihnen den psychischen Druck zu nehmen. „Vor allem steht es für ein Menschenbild, das nicht behauptet ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘, sondern ‚Wir schauen, dass niemand unter die Räder kommt!‘“, stellte Franz Schandl fest.

Mitarbeiterinnen des Vereins sprungbrett, dem diesjährigen Kooperationspartner des WUK Bildungs- und Beratungstages, begannen ihren Beitrag mit einer Performance. Während eine Mitarbeiterin aus Stellenausschreibungen vorlas, bauten Kolleginnen daneben vor einem vermeintlichen „Mädchen auf Lehrstellensuche“ einen immer höheren Turm aus Anforderungen auf. In Form von Karton-Blöcken, die mit den geforderten Kompetenzen wie „Aus gutem Hause“, „Kein Kopftuch“, „Richtiger Name“, „Psychisch und physisch topfit“ beschriftet waren, wurde der Druck und die kaum zu erfüllenden Erwartungen an die jungen Frauen dargestellt.

Im Zuge von Bewerbungsprozessen erfahren sie meist viel Ablehnung. Ohne eine wertschätzende und parteiische Unterstützung münde das meist in Rückzug, Resignation und Frustration. Für die Beraterinnen von sprungbrett sei es deshalb besonders wichtig, den jungen Frauen ihre eigenen Stärken und Potentiale sichtbar zu machen, derer sie sich selbst oft gar nicht bewusst sind.

Nach einer kurzen Pause gab es abschließend eine Publikumsdiskussion mit Moderatorin Lisa Mayr, WUK-Geschäftsführer Christoph Trauner, den Vortragenden Nina Eckstein, Franz Schandl und sprungbrett-Geschäftsführerin Margarete Bican. Zusätzlich zu Publikumsfragen während der Diskussion wurden bereits im Vorfeld abgesammelte Fragekärtchen beantwortet.

Auf der einen Seite plädierte Franz Schandl als Theoretiker dafür, im Sinne einer Selbstermächtigung grundsätzlich darüber nachzudenken, wie man Menschen von Sachzwängen wie z.B. Wohnungskosten frei machen könne. Auf der anderen Seite erwiderte Margarete Bican, auch wenn sie theoretisch vollkommen zustimme, würden diese visionären Wirklichkeiten in der Praxis der Berater_innen keiner Person helfen, die eine Arbeit sucht. Das sei das Dilemma und der Widerspruch, den Berater_innen jeden Tag aushalten müssen. Aus dem Publikum kam dazu die Feststellung, dass es zwar wichtig sei, sich darüber auszutauschen, man solle aber den Mut nicht verlieren. Der Widerspruch sei nicht so ausgeprägt, da viele der hier anwesenden Menschen in ihrer täglichen Handlungsweise diese Visionen bereits berücksichtigen würden.

Eine weitere Person meinte, es sei auch ein leichter Generationenkonflikt spürbar. Immer mehr Menschen würden sich nicht mehr ausschließlich über die Arbeit definieren. Es gebe viele Dreißigjährige, die davon überzeugt sind, dass Teilzeit das Richtige ist und die nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen.

Zum Schluss wurde noch festgestellt, dass es keinen Gegensatz von Realität und Utopie gebe, sondern ein Kontinuum, das sich in der Gesellschaft und Politik wiederfindet. Die Arbeit werde mit Digitalisierung und höherer Produktivität zwar weniger, sei deshalb aber nicht gerechter verteilt, weshalb eine radikale Kürzung der Arbeitszeit nötig sei. Auch die Menschen, die in die Beratung kommen, seien Teil der politischen Gesellschaft:  „Ich sehe es auch als unsere Aufgabe an, sie zu ermächtigen, sich als politische Wesen wahrzunehmen und für Rechte, die sie haben, einzustehen: Für Recht auf Arbeit, für Recht auf Bildung, für Recht auf Wohnen und letztlich für Menschen-Recht.“

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