Was siehst Du, wenn Du hinüberblickst – und blickt jemand zurück?

Was siehst Du, wenn Du hinüberblickst – und blickt jemand zurück?

Eine Gruppenausstellung über politische Umbrüche und ihre Spuren im Alltag

Was passiert, wenn politische Umbrüche von einem Moment auf den anderen unsere Lebensrealität verändern – und was bleibt davon zurück? Die Gruppenausstellung Off the Precipice versammelt elf künstlerische Positionen, die sich mit gesellschaftlichen Brüchen, verlorenen Zukunftsvorstellungen und der Frage nach Zugehörigkeit auseinandersetzen.

Lesezeit: ca. 9 Minuten

Es ist schon seltsam, welche Dinge irgendwann normal erscheinen. Ein hartnäckiger Geruch, sicher. Das Geräusch einer Straßenbahn, die an deinem Gebäude vorbeifährt und es dabei etwa alle zwölf Minuten zum Beben bringt. Das neu installierte Neonschild, dessen grelles Licht in deine Wohnung scheint und das zugleich etwas beruhigend Vertrautes an sich hat. 39 Grad, tagelang – die Erde bebt, Berge brennen. Eine Rakete schlägt in ein Gebäude ein: in deiner Nachbarschaft, ein paar Länder weiter, irgendwo auf der Welt. Menschen verschwinden über Nacht. Es ist Sommer 2026, die Luft in Berlin ist schwül, das Gras in den Parks ist zu einem verbrannten Beigeton verdorrt, und Zeitungen, Nachrichten und Feeds sind voller Geschichten des Grauens, die Nachbar*innen, Verwandten und anderen, weiter entfernten Menschen widerfahren. Es liegt ein Gefühl der Dringlichkeit in der Luft, das wir nicht ganz greifen können, und unmittelbarer noch ein Gefühl der Angst, das über jeder Gewöhnung lastet.

Wie werden Wissenschaftler*innen diese Zeit in 50, 100 oder 1000 Jahren beschreiben? “Precipice” ist eine schwer zu fassende Möglichkeit: Im modernen Englisch bezeichnet das Wort zunächst einen Ort – eine steile Klippe, einen Abgrund, eine gefährliche Position – und im übertragenen Sinne einen Zustand unmittelbar vor oder an der Schwelle zu einer tiefgreifenden Veränderung. Sein lateinischer Ursprung, praecipitium, leitet sich jedoch von praeceps ab: „kopfüber“. Es kann einen Fall, einen Sprung oder einen Absturz mit dem Kopf voran bezeichnen.

Von Mexiko bis Albanien, vom ehemaligen Jugoslawien bis Afghanistan, von Ostdeutschland bis Syrien leben Generationen von Menschen, deren Wirklichkeit von einem Moment auf den nächsten zerbrach: Eine dramatische Veränderung der politischen Landschaft ihres Landes hatte in jeden Aspekt ihres Alltags eingegriffen. Off the Precipice ist eine kuratierte Gruppenausstellung mit elf Künstler*innen aus unterschiedlichen Lebensumfeldern, in denen ein solcher Bruch stattgefunden hat. In ihren jeweils eigenen Auseinandersetzungen mit diesen Umwälzungen legen sie Verbindungen zwischen den verschiedenartigen globalen Ereignissen offen. Wenn die Werte, die einem*r wichtig waren, die Kunst und Kultur, in die man eingebettet war, und die Regeln, die den Alltag bestimmten, plötzlich ihre Gültigkeit verlieren – was geschieht dann mit dem eigenen Selbstverständnis?

Der Raum der kex—kunsthalle exnergasse wird als volumetrisches Gefüge verstanden, in dem die Kunstwerke entlang eines Systems von Achsen angeordnet sind, das sie „auffächert“, also die einzelnen Elemente gleichermaßen im Raum verteilt und miteinander in Berührung bringt. So entstehen neue Netzwerke des Austauschs und Narrative der Solidarität über Raum und Zeit hinweg. Wir verstehen dabei jede Achse nicht als Spektrum zwischen zwei gegensätzlichen Polen, sondern als verbindendes Element zweier Konzepte, an denen unterschiedliche Verständnisse der Vergangenheit ablesbar werden: Nostalgisch – Alltäglich, Ephemeral — Rechtlich, Fiktional — Solitär.

Diese Gemeinsamkeiten zeugen nicht allein von geografischer Nähe oder der Verwandtschaft künstlerischer Medien, sondern vor allem von der geteilten Erfahrung eines Bruchs, plötzlicher Veränderung und deren Nachwirkungen, die weit über das unmittelbar Erlebte hinausreichen.

Mahsa Alephs Remnants of Home und Melanie Rivera Flores’ Depresió Tropical untersuchen beide Zugehörigkeit als etwas, das durch Identität, Sprache und Heimat konstruiert wird: in der Diaspora, wo Distanz einen Bruch – oder ein Portal – geschaffen hat, durch das die Vergangenheit betrachtet werden kann; am Ursprungsort, wo Machtinstanzen auch die nichtigsten Anlässe zur Spaltung suchen, um einen tödlichen Status quo aufrechtzuerhalten; im Irgendwo dazwischen, wo Fragen von Klasse und Identität wie Wellen gegen eine Klippe auf etablierte Narrative treffen. Ähnlich thematisiert Endi Tupjas Emulsified dreams. das Selbst in seinem Spannungsverhältnis mit Mechanismen des Otherings sowie die Suche nach Autonomie vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischen Zerfalls.

Vier künstlerische Positionen in Off the Precipice beschäftigen sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven mit dem Zerlegen und dem Wiederzusammensetzen. Auslöschung steht im Zentrum von Marta Popivodas What Lies Above Us in the Shadows Like a Black Cloud sowie Khaled Barakehs Anti Story und Self Portrait as Other. Popivoda untersucht, wie nazi-deutsche Behörden selbst die Landschaft der tschechischen Ortschaft Lidice vernichteten und anschließend neu gestalteten und damit sämtliche Spuren des früheren Lebens unsichtbar gemacht wurden. Barakehs Arbeiten wiederum thematisieren eine fortdauernde Auslöschung in Palästina, im Libanon und darüber hinaus, die in den vergangenen Jahren in vielen Teilen der Welt, darunter Deutschland und Österreich, in unterschiedlichem Ausmaß bewirkt hat, die Öffentlichkeit zum Schweigen zu bringen. Es sind Arbeiten über Genozid, über Hass in seiner heimtückischsten Form und über die (Un-)Möglichkeit, darauf zu reagieren, darüber zu sprechen oder sich daran zu erinnern.

Ivan Marković und Giulia Palladini hingegen verhandeln Vorstellungen von Zukunft und trauern um jene Zukünfte, die nie Wirklichkeit wurden. Mit Back to 1994, or Forward nimmt Palladini den zapatistischen Aufstand von 1994 in Mexiko zum Ausgangspunkt, um ihren Gegenstand künstlerischer Betrachtung in der Vergangenheit zu verorten und von dort aus zu imaginieren, welche Botschaften dieses Jahr mehr als 30 Jahre in die Zukunft senden will – oder genauer gesagt: senden müsste. Marković überträgt diese Rolle in seiner Drei-Kanal-Videoinstallation Inventory auf ein Stück Architektur: das Sava Centar in Novi Beograd, das errichtet wurde, um einige der bedeutendsten Ereignisse zu beherbergen, die die Vorstellung einer kommenden Zukunft Jugoslawiens mitprägten. Bei der Betrachtung, wie Bauarbeiter das Gebäude Stück für Stück auseinandernehmen, mag es naheliegend erscheinen, vergangene Zukunftsvorstellungen als überholt abzutun – und doch ist die Gegenwart weitaus komplizierter.

Zelikha Zohra Shojas Hamsafar; The Sky is On Fire in Every World But Yours und Tsēmā Igharas’ In Oil We Trust untersuchen die Echos, Überreste und bleibenden Spuren kolonialer und imperialistischer Herrschaft sowie die vielen Arten, auf die diese bis in die kleinsten Gesten des Alltags eindringen; paradoxerweise an jenem Ort, an dem sie zugleich am schwersten zu erinnern und am deutlichsten zu erkennen sind – sei es in Form militärischer Intervention, ökologischer Zerstörung oder politischen Dogmatismus.

Die Idee des Schutzes steht sowohl im Zentrum von Holden Madagames Giwiinoondaagozimin: We Want to Be Heard als auch von Razan Sabbaghs SCH- und 500 ft / 7,445 km. Während Madagame in seiner Performance zu seinen indigenen Odawa-Vorfahren spricht und das Publikum daran erinnert, dass sie immer unter uns sind, nimmt Sabbagh die miteinander verwobenen Begriffe Schutz und Scham auseinander. Wie kann die Instrumentalisierung und Politisierung von Schutz ein Gefühl von Scham hervorbringen? Mit ihrer Arbeit stellt Sabbagh die Frage: Wer ist es wert, geschützt zu werden? Und zu welchem Preis?

Holden Madagame (c) Meredith Brockington

Im Gegensatz zur statischen Bedeutung des modernen englischen Wortes „precipice“ implizieren sowohl das serbokroatische ponor (wo die Oberfläche „in den Untergrund eintaucht“) als auch das persische partgâh (der Ort, von dem man fällt) eine Bewegung – zum Guten oder zum Schlechten – und kehren damit zum lateinischen Ursprung des Wortes zurück. Es ist heute schwer, stillzustehen, wenn starke Winde aus allen Richtungen wehen.

Gemeinsam mit den elf Künstler*innen von Off the Precipice sowie den Stimmen in der begleitenden Publikation schlagen wir vor, das aufrechte Stehen – und, um genau zu sein, das Zusammenstehen – als erstes Kapitel einer Geschichte davon zu begreifen, mit welcher Haltung wir uns durch diese Strömungen navigiert haben.

Ivan Marković und Giulia Palladini hingegen verhandeln Vorstellungen von Zukunft und trauern um jene Zukünfte, die nie Wirklichkeit wurden. Mit Back to 1994, or Forward nimmt Palladini den zapatistischen Aufstand von 1994 in Mexiko zum Ausgangspunkt, um ihren Gegenstand künstlerischer Betrachtung in der Vergangenheit zu verorten und von dort aus zu imaginieren, welche Botschaften dieses Jahr mehr als 30 Jahre in die Zukunft senden will – oder genauer gesagt: senden müsste. Marković überträgt diese Rolle in seiner Drei-Kanal-Videoinstallation Inventory auf ein Stück Architektur: das Sava Centar in Novi Beograd, das errichtet wurde, um einige der bedeutendsten Ereignisse zu beherbergen, die die Vorstellung einer kommenden Zukunft Jugoslawiens mitprägten. Bei der Betrachtung, wie Bauarbeiter das Gebäude Stück für Stück auseinandernehmen, mag es naheliegend erscheinen, vergangene Zukunftsvorstellungen als überholt abzutun – und doch ist die Gegenwart weitaus komplizierter.

Mahsa Alephs Remnants of Home und Melanie Rivera Flores’ Depresió Tropical untersuchen beide Zugehörigkeit als etwas, das durch Identität, Sprache und Heimat konstruiert wird: in der Diaspora, wo Distanz einen Bruch – oder ein Portal – geschaffen hat, durch das die Vergangenheit betrachtet werden kann; am Ursprungsort, wo Machtinstanzen auch die nichtigsten Anlässe zur Spaltung suchen, um einen tödlichen Status quo aufrechtzuerhalten; im Irgendwo dazwischen, wo Fragen von Klasse und Identität wie Wellen gegen eine Klippe auf etablierte Narrative treffen. Ähnlich thematisiert Endi Tupjas Emulsified dreams. das Selbst in seinem Spannungsverhältnis mit Mechanismen des Otherings sowie die Suche nach Autonomie vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischen Zerfalls.

Text: Center for Peripheries

Center for Peripheries ist ein Kollektiv, das an der Schnittstelle von Sozialforschung und raumbezogener Kunst arbeitet. Gegründet wurde es von drei Künstler*innen, die aus unterschiedlichen europäischen Peripherien stammen – dem Nahen Osten, dem Kaukasus und dem Balkan –, heute jedoch in Berlin leben und zusammenarbeiten. Berlin zählt zu den bedeutendsten Zentren Europas und ist (statistisch gesehen) die bevölkerungsreichste Stadt der EU. Zugleich verkörpert die Stadt in ihrer jüngeren Geschichte wie kaum eine andere die Dialektik zwischen Ost und West.

Mit dem Ziel, Machtverhältnisse und Mechanismen des Othering – also der Konstruktion von Fremdheit und Ausgrenzung – innerhalb und jenseits der äußersten Pole dieses Spannungsfeldes zu untersuchen, entwickelt Center for Peripheries Interventionen zu unterschiedlichen Vorstellungen von Alltag. Diese weiten den Blick vom Alltäglichen auf umfassendere politische Zusammenhänge.

Übersetzung und Lektorat EN-DE: Christine Schöffler & Peter Blakeney, whysociety.org

Off the Precipice

Von Mexiko bis Albanien, vom ehemaligen Jugoslawien bis Afghanistan, von Ostdeutschland bis Syrien leben Generationen von Menschen, deren Realität von einem Moment auf den anderen zerbrochen ist: Die gravierenden Veränderungen der politischen Lage im jeweiligen Land greifen in jeden Aspekt ihres täglichen Lebens ein. Off the Precipice (Im Abgrund) ist eine kuratierte Gruppenausstellung mit elf Künstler*innen aus Kontexten, in denen ein solcher Umbruch stattfand. In ihrer Auseinandersetzung mit diesem Wandel setzen sie unterschiedliche Ereignisse auf der ganzen Welt in Bezug zueinander. Was passiert mit einem Selbstverständnis, wenn die Werte, die es hochzuhalten galt, die Kunst und Kultur, in die eine*r eingebettet war, und die Regeln, die den Alltag bestimmten, plötzlich obsolet werden?

Do 5.11. bis Sa 12.12., kex—kunsthalle exnergasse

Eröffnung: Mi 4.11., 18 Uhr

Mehr Infos

Do 5.11.2026 bis Sa 12.12.2026

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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Giwiinoondaagozimin

Im Rahmen der Vienna Art Week

Fr 6.11.2026
17.00 - 18.30

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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Mehrere Personen in einer Galerie betrachten Kunstwerke und unterhalten sich, eine Frau steht nah an einer Wand mit aufgestellten Bildern und Objekten

Fr 6.11. bis Di 10.11.2026

WUK Areal

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Di 15.12.2026
16.00 - 21.00

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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