An den Schürsenkeln kauen
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Gemächliches Kauen ist unter vielen Tierarten verbreitet. Interessanterweise gilt es bei Zootieren als bereichernde Beschäftigung und förderlich für ihre Sinneswahrnehmung. Kauen sorgt für wichtige geistige Anregung, baut Stress ab und beugt der Ausbildung stereotyper, zwanghafter Verhaltensmuster vor. Nicht nur in Zoos schlucken Tiere ihre Nahrung erst schnell herunter, um sie später wieder hochzuwürgen und über Stunden hinweg langsam zu zerkauen und zähe Fasern aufzuspalten. In der Tierforschung wird dieser Vorgang als „Wiederkäuen“ bezeichnet. Bei uns Menschen hat dieser Begriff etwas Doppeldeutiges: andauerndes Grübeln, wenn uns lange Zeit, immer wieder und hartnäckig, ein Gedanke im Hirn herumspukt.
Im Spektrum dieses Wiederkäuens, Grübelns gibt es eine Grenze, ab der das Kauen zu einer maladaptiven oder auch dysfunktionalen Verhaltensform führt. Wenn es keinen echten Zweck mehr erfüllt, wie Ernährung oder gesunde Stimulation, und stattdessen Ausdruck psychischer Belastung ist. Aussichtslose Gefangenschaftsumgebungen wie jene von Zoos vermitteln erschreckende Bilder, so wie das Kauen am Zahnfleisch erlittenes Leid offenbart. Im menschlichen psychologischen Kontext bedeutet Grübeln zwar, der Fähigkeit intensiven Nachdenkens Raum zu geben, wird jedoch auch durch seinen repetitiven, passiven Charakter definiert. Als ein Mechanismus des „In-einer-Schleife-Feststeckens“. Einfacher ausgedrückt: der Gefangenschaft. Doch diejenigen unter uns, die mit diesem Werkzeug der Selbsterforschung Übung haben, wissen, dass dieses Aufblitzen eines Kontrasts, diese wohltuende Abbiegespur aus dieser Lähmung, das Reflektieren ist.
Reflexion als Bewegung, die Veränderung in einen in sich gefangenen Gedankenkreislauf bringt. Sie ist ein Schritt nach vorne, der aus dem sturen Rhythmus der vorherigen Schritte ausbricht. Manchmal besteht dieser Schritt schon darin, zu akzeptieren, dass du das Gefühl in genau diesem Moment einfach nicht auflösen kannst.
Als Künstler*in, Performer*in und Alleinerziehende*r fragte ich mich: Welche Verbindung kann dieses „Zerkauen” zwischen künstlerischer Arbeit und Kinderbetreuung schaffen? Wie sollte ich ahnen, was für Schnüre diese beiden Bereiche zusammenhielt? Dieses Gefühl, zwischen einem mit Kreativität erfüllten Leben und der Verantwortung gegenüber unseren Liebsten wählen zu müssen, präsentiert sich für viele von uns zunächst als Konflikt. Für Künstler*innen und Kreative äußert sich dieser darin, dass sie in gewisser Weise – nicht unmittelbar, aber doch spürbar – davon abgehalten werden, uneingeschränkt an kulturellen Erlebnissen teilzunehmen, sei es als Schaffende oder als Zuschauende. Ich habe die entsprechend herausfordernden Termine nur einhalten können, indem ich oft mit halsbrecherischer Geschwindigkeit losgerannt bin, um mein Kind abzuholen. Ich habe mein Kind in Proberäume mitgenommen, habe beobachtet, wie es in düsteren Theaterräumen herumgekrabbelt ist, und habe miterlebt, wie die Anwesenheit eines Kindes das Gefüge von Arbeitsbeziehungen verändert.

Ich bekam auch zu spüren, welche Konsequenzen das hat. Die zusätzliche Achtsamkeit, die es erfordert, wenn ich mich dafür entscheide, ein künstlerisches Leben zu führen, in Anwesenheit meines Kindes. Ich trage diese Last – die sich nicht immer als eine anfühlt – ohne dass sie mir schwerfällt. Wenn das meine Einschränkungen waren, dann waren es jedenfalls Einschränkungen, die von wilden Blumen überwuchert wurden. Diese Blumen wuchsen auf dem Boden ungezähmter Gedanken, wie Unkraut zwischen Beton. Ich habe auch Performances gemacht, bei denen mein Kind und mein*e Ex-Partner*in auf der Bühne dabei waren. Nicht jedem*r ist die Möglichkeit gegeben, ein Kind direkt in einen offenen künstlerischen Schaffensprozess einzubeziehen. Nicht alle Künstler*innen, die auch Eltern sind, können ihr Kind auf das Papier, die Leinwand bringen. Aber wir tragen alle die Fähigkeit in uns, eine Praxis vorzuleben.
Künstlerisches Schaffen, sei es als Individuum oder im Kollektiv, ist etwas, das sich mit Kindern teilen lässt, wenn dem damit einhergehenden Dilemma Raum gegeben wird. Eine ergebnisoffene Praxis, die das Kind, seine Wünsche, seine Empfindungen, seine Spontaneität und Vitalität miteinbezieht. Um greifbar zu machen, was es bedeutet, in diesem Spannungsfeld zwischen Kind, Eltern- und Künstler*innen-Dasein zu arbeiten. In einer solchen Beziehungsdynamik können Kinder sowohl mit elterlichen als auch künstlerischen Werten in Berührung kommen. Ihr künstlerischer Beitrag kann darin bestehen, uns dazu zu bringen, die Zwiespälte, die in uns Erwachsenen am Werk sind, produktiv zu machen. Mein eigener Weg als Elternteil hat mich gelehrt, Widersprüche zu lieben. Den Zustand zu lieben, zwei widersprüchliche Ideen gleichzeitig in meinen Händen zu halten, ohne dabei selbst in einen Widerspruch zu verfallen.
Das Erkennen der eigenen Involviertheit, der Form des Kontakts, das Formulieren von Worten und die darauf folgenden Handlungen stehen am Beginn jedes Schaffensprozesses. Neue Wege des Zusammenlebens zu erfinden, wo es zuvor keine gab, ist ein kreativer Akt. Jede*r von uns kann dies als künstlerische Praxis bezeichnen. Alles, was ungezähmte Gedanken beinhaltet, das Bedürfnis, etwas an einen neuen Ort zu versetzen, oder radikalen Gedanken nachzugehen, die für Unruhe sorgen. Kreatives Denken in Verbindung mit Reflexion findet statt, während wir kauen, und so beginnt eine Praxis des Tuns.
Jede Art von Praxis kann eine Anwendung finden, auch wenn die Bühne, das Blatt, die Leinwand oder der Raum nicht auf unsere Beiträge vorbereitet sein mögen. Das Wichtigste ist, die Sichtweisen auf die Welt zu zelebrieren, die wir mit unseren Kindern teilen. Künstlerisches Handeln kann wie eine Stimmung oder ein Duft auftauchen und auf einer nervtötenden Reise, bei einer Verspätung der öffentlichen Verkehrsmittel oder als Reaktion auf Langeweile zum Einsatz kommen. Sie kann das sein, was eine*n zum Lachen bringt, wenn dir gerade danach ist. Oder sie kann ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen, das jeden Raum zugänglich macht und jede Tür öffnet
Text: Alex Bailey (UK), Künstler*in, Performer*in und Alleinerziehende*r, lebt in Wien.
Übersetzung und Lektorat EN-DE: Christine Schöffler & Peter Blakeney, whysociety.org





