An den Schürsenkeln kauen

Hood for Artist Parents, Photo: Hanna Fasching

An den Schürsenkeln kauen

Grübelei über das unausweichliche Dilemma zwischen künstlerischer Praxis und Elternschaft

Kauen und Wiederkäuen stehen sinnbildlich für zwei unterschiedliche Formen des Denkens: das beharrliche Grübeln und die produktive Reflexion, die Bewegung und Veränderung ermöglicht. Ausgehend von dieser Verbindung untersucht der Text von Alex Bailey, wie sich künstlerisches Schaffen und Elternschaft miteinander verschränken und wie gerade die daraus entstehenden Widersprüche zu einer kreativen Praxis werden können.

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Gemächliches Kauen ist unter vielen Tierarten verbreitet. Interessanterweise gilt es bei Zootieren als bereichernde Beschäftigung und förderlich für ihre Sinneswahrnehmung. Kauen sorgt für wichtige geistige Anregung, baut Stress ab und beugt der Ausbildung stereotyper, zwanghafter Verhaltensmuster vor. Nicht nur in Zoos schlucken Tiere ihre Nahrung erst schnell herunter, um sie später wieder hochzuwürgen und über Stunden hinweg langsam zu zerkauen und zähe Fasern aufzuspalten. In der Tierforschung wird dieser Vorgang als „Wiederkäuen“ bezeichnet. Bei uns Menschen hat dieser Begriff etwas Doppeldeutiges: andauerndes Grübeln, wenn uns lange Zeit, immer wieder und hartnäckig, ein Gedanke im Hirn herumspukt.

Im Spektrum dieses Wiederkäuens, Grübelns gibt es eine Grenze, ab der das Kauen zu einer maladaptiven oder auch dysfunktionalen Verhaltensform führt. Wenn es keinen echten Zweck mehr erfüllt, wie Ernährung oder gesunde Stimulation, und stattdessen Ausdruck psychischer Belastung ist. Aussichtslose Gefangenschaftsumgebungen wie jene von Zoos vermitteln erschreckende Bilder, so wie das Kauen am Zahnfleisch erlittenes Leid offenbart. Im menschlichen psychologischen Kontext bedeutet Grübeln zwar, der Fähigkeit intensiven Nachdenkens Raum zu geben, wird jedoch auch durch seinen repetitiven, passiven Charakter definiert. Als ein Mechanismus des „In-einer-Schleife-Feststeckens“. Einfacher ausgedrückt: der Gefangenschaft. Doch diejenigen unter uns, die mit diesem Werkzeug der Selbsterforschung Übung haben, wissen, dass dieses Aufblitzen eines Kontrasts, diese wohltuende Abbiegespur aus dieser Lähmung, das Reflektieren ist. 
Reflexion als Bewegung, die Veränderung in einen in sich gefangenen Gedankenkreislauf bringt. Sie ist ein Schritt nach vorne, der aus dem sturen Rhythmus der vorherigen Schritte ausbricht. Manchmal besteht dieser Schritt schon darin, zu akzeptieren, dass du das Gefühl in genau diesem Moment einfach nicht auflösen kannst.

Als Künstler*in, Performer*in und Alleinerziehende*r fragte ich mich: Welche Verbindung kann dieses „Zerkauen” zwischen künstlerischer Arbeit und Kinderbetreuung schaffen? Wie sollte ich ahnen, was für Schnüre diese beiden Bereiche zusammenhielt? Dieses Gefühl, zwischen einem mit Kreativität erfüllten Leben und der Verantwortung gegenüber unseren Liebsten wählen zu müssen, präsentiert sich für viele von uns zunächst als Konflikt. Für Künstler*innen und Kreative äußert sich dieser darin, dass sie in gewisser Weise – nicht unmittelbar, aber doch spürbar – davon abgehalten werden, uneingeschränkt an kulturellen Erlebnissen teilzunehmen, sei es als Schaffende oder als Zuschauende. Ich habe die entsprechend herausfordernden Termine nur einhalten können, indem ich oft mit halsbrecherischer Geschwindigkeit losgerannt bin, um mein Kind abzuholen. Ich habe mein Kind in Proberäume mitgenommen, habe beobachtet, wie es in düsteren Theaterräumen herumgekrabbelt ist, und habe miterlebt, wie die Anwesenheit eines Kindes das Gefüge von Arbeitsbeziehungen verändert.

Gruppe von zwölf Personen in bunten, teils glitzernden Kostümen posiert vor weißem Hintergrund, eine Person trägt eine Smiley-Maske
Hood for Artist Parents, Photo: Hanna Fasching

Ich bekam auch zu spüren, welche Konsequenzen das hat. Die zusätzliche Achtsamkeit, die es erfordert, wenn ich mich dafür entscheide, ein künstlerisches Leben zu führen, in Anwesenheit meines Kindes. Ich trage diese Last – die sich nicht immer als eine anfühlt – ohne dass sie mir schwerfällt. Wenn das meine Einschränkungen waren, dann waren es jedenfalls Einschränkungen, die von wilden Blumen überwuchert wurden. Diese Blumen wuchsen auf dem Boden ungezähmter Gedanken, wie Unkraut zwischen Beton. Ich habe auch Performances gemacht, bei denen mein Kind und mein*e Ex-Partner*in auf der Bühne dabei waren. Nicht jedem*r ist die Möglichkeit gegeben, ein Kind direkt in einen offenen künstlerischen Schaffensprozess einzubeziehen. Nicht alle Künstler*innen, die auch Eltern sind, können ihr Kind auf das Papier, die Leinwand bringen. Aber wir tragen alle die Fähigkeit in uns, eine Praxis vorzuleben.

Künstlerisches Schaffen, sei es als Individuum oder im Kollektiv, ist etwas, das sich mit Kindern teilen lässt, wenn dem damit einhergehenden Dilemma Raum gegeben wird. Eine ergebnisoffene Praxis, die das Kind, seine Wünsche, seine Empfindungen, seine Spontaneität und Vitalität miteinbezieht. Um greifbar zu machen, was es bedeutet, in diesem Spannungsfeld zwischen Kind, Eltern- und Künstler*innen-Dasein zu arbeiten. In einer solchen Beziehungsdynamik können Kinder sowohl mit elterlichen als auch künstlerischen Werten in Berührung kommen. Ihr künstlerischer Beitrag kann darin bestehen, uns dazu zu bringen, die Zwiespälte, die in uns Erwachsenen am Werk sind, produktiv zu machen. Mein eigener Weg als Elternteil hat mich gelehrt, Widersprüche zu lieben. Den Zustand zu lieben, zwei widersprüchliche Ideen gleichzeitig in meinen Händen zu halten, ohne dabei selbst in einen Widerspruch zu verfallen.

Das Erkennen der eigenen Involviertheit, der Form des Kontakts, das Formulieren von Worten und die darauf folgenden Handlungen stehen am Beginn jedes Schaffensprozesses. Neue Wege des Zusammenlebens zu erfinden, wo es zuvor keine gab, ist ein kreativer Akt. Jede*r von uns kann dies als künstlerische Praxis bezeichnen. Alles, was ungezähmte Gedanken beinhaltet, das Bedürfnis, etwas an einen neuen Ort zu versetzen, oder radikalen Gedanken nachzugehen, die für Unruhe sorgen. Kreatives Denken in Verbindung mit Reflexion findet statt, während wir kauen, und so beginnt eine Praxis des Tuns.

Jede Art von Praxis kann eine Anwendung finden, auch wenn die Bühne, das Blatt, die Leinwand oder der Raum nicht auf unsere Beiträge vorbereitet sein mögen. Das Wichtigste ist, die Sichtweisen auf die Welt zu zelebrieren, die wir mit unseren Kindern teilen. Künstlerisches Handeln kann wie eine Stimmung oder ein Duft auftauchen und auf einer nervtötenden Reise, bei einer Verspätung der öffentlichen Verkehrsmittel oder als Reaktion auf Langeweile zum Einsatz kommen. Sie kann das sein, was eine*n zum Lachen bringt, wenn dir gerade danach ist. Oder sie kann ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen, das jeden Raum zugänglich macht und jede Tür öffnet

Text: Alex Bailey (UK), Künstler*in, Performer*in und Alleinerziehende*r, lebt in Wien.

Übersetzung und Lektorat EN-DE: Christine Schöffler & Peter Blakeney, whysociety.org

On Chewing Shoelaces: Art, Mess and Radical Kinship

Die Ausstellung bringt Künstler*innen zusammen, die zwischen nächtlicher Fütterung und Schulweg, zwischen Verlust und Leben ihrer Praxis nachgehen. Sie entsteht inmitten von triefenden Körpern und kleinen klebrigen Händen, in gestohlenen Minuten, in den von Genderrollen angerichteten Trümmern des Alltags. In einer Welt, in der Eltern als monströs bezeichnet werden, weil sie gleichzeitig Autonomie und affektive Zugehörigkeit wollen, stellt „On Chewing Shoelaces“ einen Raum her – einen Bruch –, der die patriarchalischen und ableistischen Forderungen nach „Professionalität” und „Produktivität” in Zweifel stellt. Die Schau füllt die Kluft zwischen kreativen Schaffen und Fürsorglichkeit und widersetzt sich dabei dem gerne gepflegten Mythos vom einsamen Künstler*innentum.

Do 17.9. bis Sa 24.10.,kex—kunsthalle exnergasse

Eröffnung: Mi 16.9., 15 Uhr
Lesung „Queer Nursing“ von Liesel Burisch, Community Picknick von Hood for Artists Parents, Konzert „PREACH“ von Jesseline Preach

The Future Is Near (in the neighbourhood)

Pop-up-Ausstellung und Filmscreening

Do 3.9.2026
18.00

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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On Chewing Shoelaces: Art, Mess and Radical Kinship

Was, wenn mess – das Durcheinander – die Methode ist?

Do 17.9.2026 bis Sa 24.10.2026

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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Gruppe von zwölf Personen in bunten, teils glitzernden Kostümen posiert vor weißem Hintergrund, eine Person trägt eine Smiley-Maske

Who Cares? - Exploring Institutional Care Practices

On Chewing Shoelaces: Art, Mess and Radical Kinship

Mi 23.9.2026
14.00 - 16.00

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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Zwei Personen in dynamischer Pose auf dem Boden vor orange-rotem Hintergrund

Bored A F: a performance of painfully fidgety feelings

Führung und Performance in der Ausstellung "On Chewing Shoelaces: Art, Mess and Radical Kinship"

Sa 3.10.2026, ab 17:30 Uhr

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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Do 5.11.2026 bis Sa 12.12.2026

kex—kunsthalle exnergasse
Barrierefrei über Lift B

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