Räume für viele Stimmen

Frau mit Brille und Zöpfen steht vor Publikum und hält ein Buch in der Hand, im Hintergrund Banner mit Schriftzug 'WUK' und Webseite
© Marija Šabanović

Räume für viele Stimmen

Keynote von Iketina Danso zum 45. Geburtstag des WUK

Iketina Danso erzählt anlässlich von 45 Jahre WUK von Ziegelsteinen und Weinreben, von Ankommen und Zugehörigkeit – und davon, warum Räume wie das WUK gerade heute so wichtig sind. Ihre persönliche Geschichte, die sie in der Keynote geteilt hat, verbindet sich mit der Geschichte eines Ortes, an dem viele Stimmen, Perspektiven und Ideen Platz finden.

Lesezeit: ca. 7 Minuten

Ich bin gebürtige Londonerin und bin vor vielen Jahren mit meinen Kindern – damals acht, sechs und eineinhalb Jahre alt – hier in Wien die Straße entlanggegangen. Dabei ist mir dieses schöne Gebäude mit seinen Ziegelsteinen aufgefallen. Es hat mich sofort an London und meine Heimat erinnert. Ich habe mich gefragt: Was passiert eigentlich in diesem Gebäude?

Damals war ich beruflich gerade zwischen verschiedenen Stationen. Ich hatte in der Antidiskriminierungsarbeit und im Menschenrechtsbereich gearbeitet, unterrichtet und in Genf und anderen Teilen der Welt, unter anderem in Indien, gelebt. Nach vielen Jahren war ich plötzlich wieder mit einer Erinnerung an meine Heimat konfrontiert – ausgelöst durch dieses Gebäude.

Ein Ort zum Ankommen

Meine Verbindung zum WUK begann über die Schwarze Frauen Community. Sie traf sich damals in Räumen des WUK, und so bin ich mit meinen kleinen Kindern immer wieder hierhergekommen. Mit der Zeit lernte ich Wien besser kennen: Welche Angebote gibt es? Wo kann ich Unterstützung bekommen? Was gibt es für Kinder? Für mich war das WUK ein Ort, an dem ich Orientierung und Community finden konnte. Und ich finde es bis heute schön, dass dieser Ort wie ein Ziegelstein in einem größeren Gebäude von Unterstützung und Gemeinschaft funktioniert – und dass diese Unterstützung zugänglich bleibt.

Im WUK habe ich viele besondere Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel waren die Zapatistas zu Besuch. Das war unglaublich bereichernd und hat viele von uns dazu gebracht, darüber nachzudenken, was es bedeutet, eine Frau zu sein, wie sich Vorstellungen von Weiblichkeit verändern und wie wir diese Veränderungen feiern können.

Person mit Mikrofon und Buch vor Publikum in einem hellen Raum mit WUK-Banner
© Marija Šabanović

Baustein für Baustein

Eine andere wichtige Erinnerung verbinde ich mit den Vorstellungen von Elisabeth Tambwe. Sie ist eine dynamische Künstlerin und Mutter und hat mich enorm inspiriert. Ich habe mir damals gedacht: Vielleicht kann ich nach einer langen Zeit in internationaler Bürokratie auch meinen eigenen Weg gehen. Langsam, Schritt für Schritt, Baustein für Baustein. Einen kreativen Weg finden und meinen Teil zu dieser vielfältigen Wiener Kulturlandschaft beitragen.

Dieser Ziegelstein aus der Vergangenheit begleitet mich bis heute. Für mich ist das WUK ein Ort, an dem Interdisziplinarität tatsächlich gelebt wird: Praxis, Diskurs und Theorie kommen zusammen, Menschen aus unterschiedlichen Generationen begegnen einander. Gerade in Zeiten politischer Veränderungen, steigender Kosten und der Frage, wer überhaupt Zugang zu Kultur haben kann, sind solche Orte wichtig. Orte, die Praxis, Kultur und Diskurs miteinander verbinden.

Auch meine ersten kleinen Schritte in die Kultur wurden hier unterstützt. Das Team von kex—kunsthalle exnergasse hat einen Raum geschaffen für Menschen, die neu in Wien waren, neu in der Poesie und neu in der Performance. Einige von euch, die damals dabei waren, sitzen heute hier im Raum.

Solche Orte sind unglaublich wichtig: Orte, an denen man auch dann eine Möglichkeit bekommt, wenn man noch kein etabliertes Netzwerk und nicht das Geld hat, um große Kulturveranstaltungen zu organisieren. Orte, die Selbstvertrauen geben. An denen man ausprobieren, lernen und wachsen kann – bis man vielleicht eines Tages selbst hier steht, über seine Erfahrungen erzählt und andere Menschen inspiriert.
 

Publikum unterschiedlichen Alters sitzt in einem hellen Raum und blickt nach vorne
© Marija Šabanović

Ziegelsteine und Weinreben

Wenn ich an die Architektur des WUK denke, denke ich deshalb nicht nur an die Ziegelsteine – an etwas Hartes, Stabiles, das über Jahrzehnte bestehen kann. Ich denke auch an die Weinreben und Pflanzen, die das Gebäude bedecken. Sie schützen es, spenden im Sommer Schatten und machen aus diesem Ort manchmal eine kleine Oase der Ruhe.

Als meine Kinder in der Schule waren, bin ich manchmal hierher geflüchtet. Ich habe mich einfach hingesetzt und mich erholt. Gerade in Zeiten von Umweltveränderung und zunehmender Hitze wird mir dieses Bild immer wichtiger. Die Pflanzen und Weinreben erzählen auch etwas darüber, was das WUK in Zukunft sein kann und sein muss.

Wir brauchen beides: den harten, stabilen Ziegelstein und gleichzeitig Pflanzen, Grün und alles, was atmet. Wir brauchen Räume, in die Neues hineinwachsen kann, in denen neue Triebe entstehen können. Ich bewundere immer wieder, wie das WUK Platz für neue Ideen, neue Perspektiven und auch für das Unbequeme schafft. Einen Raum, in dem schwierige Diskurse und Austausch stattfinden können und in dem man sich trotzdem sicher und vertraut fühlt.

Wenn ich an das WUK denke, denke ich deshalb an Ziegelsteine und Weinreben. An Zusammenkommen und Feiern, an verschiedene Generationen – von Kindern bis zu Omas und Opas und alle dazwischen. An eine durchlässige Membran, die Raum schafft für Menschen, die traditionell unterrepräsentiert sind.

Gerade in Zeiten von Budgetkürzungen und steigenden Kosten brauchen wir solche Räume ganz dringend. Das WUK war für mich ein Ort der Unterstützung, des Austauschs und des Ankommens. Und es ist auch heute ein Ort, an dem unterschiedliche Formen von Zugehörigkeit möglich sind: für Menschen, die neu in Wien sind, genauso wie für jene, die schon seit Generationen hier leben.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass dieses Gleichgewicht zwischen Härte und Weichheit erhalten bleibt. Die Ziegelsteine geben Stabilität. Die Pflanzen wachsen, verändern sich, nehmen Wasser aus dem Boden auf und lassen den Ort atmen. Für mich ist das ein wunderschönes Bild für die Beweglichkeit und Agilität, die wir brauchen, um in die Zukunft zu gehen.

Gruppe von Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts sitzt in einem hellen Raum auf Stühlen und schaut aufmerksam nach vorne
© Marija Šabanović

Ein Raum für viele Stimmen

Auch mein eigener Verein, hint.wien, der sich mit queerem, intersektionalem Storytelling und Schreiben beschäftigt, wurde durch solche Räume möglich. Vor kurzem haben wir ein Buch veröffentlicht: Vienna Vibes. Es ist aus unseren gemeinsamen Schreiberfahrungen der vergangenen Jahre entstanden und versammelt die Stimmen von 37 Autor*innen. Die Texte sind auf Deutsch, Englisch, Slowenisch und Griechisch geschrieben.

Für mich ist Vienna Vibes genau wie das WUK: ein vielstimmiger, multidisziplinärer Ort. Ein Ort, an dem Vielfalt und Spannungen nicht als Problem verstanden werden, sondern uns besser auf die Zukunft vorbereiten können.

Ich bin sehr stolz auf die 37 Mitwirkenden von Vienna Vibes und auf dieses Buch. Und ich wünsche mir, dass wir weiterhin Räume unterstützen, die queeres und intersektionales Storytelling ermöglichen – Räume, die Vielfalt nicht nur willkommen heißen, sondern ihr tatsächlich Platz geben.

Euch allen ein wunderbares Geburtstagsfest. Vielen Dank.
 

Eine Frau mit Brille und gemustertem Hemd steht vor einem Mikrofon und liest aus einem Buch mit dem Titel 'Vienna Vibes'
© Marija Šabanović

Poems

Im Rahmen ihrer Keynote hat Iketina Danso drei ihrer, unter dem Namen JG Danso, veröffentlichte Gedichte aus dem Gedichtband “Vienna Vibes” vorgelesen, die wir mit freundlicher Genehmigung hier abbilden dürfen. Zusätzlich stellen wir die Gedichte als Audiodateien zur Verfügung, die bei der Keynote am 3.10.2026 aufgenommen wurden.

THE DEDICATION

We have always been here,
there and everywhere. To all we were, all we are
and all we will become.
Onwards, into the expanse.


DiasporARTS: Blackness, White and Light

Above body 
Above sky 
Above energy 
The light of resurrection

Rebirth grows from 
Blackness, White, and Light 
Knocks to say 
OPEN UP your doors 
Let me in 
The libido of Spring 
Is not the only way to reach beyond

Blackness, White, and Light Scrapes 
Skin. Blood. Heart. Bone. Marrow marked deep

Has fed many

Crosses skies, seas, deserts and Discomfort 
Reaches out beyond the physical Insecurities of now

To be called: Beautiful. Inspirational. Free.
Light 
To be found 
In You.
Light 
To be found In Me.


EMERGENT DESTINY

I was a dinosaur, then a reptile
I was a foetus, then an infant
I was a child, then an adult
Emerging from my shell
I am more now than I have ever been.
You will hear me
ROAR.

The first crack was barely visible
The finest of lines
Seen only by me or
A trusted few
Incubated, protected
From guilt, erasure, obligation, shame

From friends
Sometimes family
From push and pull
From threats above water
Feeling the crash of
The coldest waves against my ears

Watching myself through
A glacial surface
Shallow seas
Sometimes simply absent
Alone in my shell

I used that time to know me
To form me
To shape me
Away from what others
Might expect of me

Random occurrences
Memories make sense
Now
My journey makes sense
Now
For it was always my own

On my journey I will keep
Taste for good friends,
Good cloth, good wine
Hurling
Knowledge of long soaked fruit
Christmas puddings
Crispy based quiche

Memories
Of
The softest of kisses
The wildest of nights

The abundance of my life will be amplified
For
That which is above water belongs to me
As it belongs to you

Embrace your own roar
Join me
Transition into your own
Destiny
You will know when it is time
As did I

Humankind emerged from water
Destined to soar beyond land.


Die Gedichte entstammen "JG Danso presents, Queer Writers Circle Vienna, VIENNA VIBES": hardback, 212 pages, in English, German, Slovenian and Greek.
Published by Verlag TRIPLE THREAT WOW (2026, Vienna)

Text: Iketina Danso wurde in London als Tochter ghanaischer und sierra-leonischer Eltern geboren und lebt seit fast 14 Jahren in Wien. Sie arbeitete in London, Genf und Wien in den Bereichen Politikgestaltung, Menschenrechte, Antidiskriminierung und Lernen und leitet heute das Diversitybüro der Universität für angewandte Kunst Wien. 2021 gründete sie hint.wien, 2022 den Queer Writers Circle Vienna, der queere Schreibende in Wien zusammenbringt. Unter dem Namen JG Danso veröffentlichte sie drei Bücher, zuletzt Vienna Vibes (2026), eine Anthologie mit Texten von 37 Mitgliedern des Queer Writers Circle Vienna.

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