Hören als Form der Erkundung.
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Beim Betreten der Ausstellung High on Distortion, Low on Reception in der kex—kunsthalle exnergasse empfangen uns Geräusche und Klänge. Zuallererst ein Surren, das an ein Insektengewirr denken lässt. Am Boden liegt der Beweis, mehrere aus Stoff gefertigte, überdimensionale Motten: fragile Körper, schwer atmend, akustisch präsent. Allmählich tritt eine diffuse Geräuschkulisse hervor, kaum zu lokalisieren, nicht einordbar. Einzelne Elemente blitzen auf: fallende und steigende Tonhöhen, etwas, das wie Stimmen oder Gesang klingt, vielleicht ein fernes Donnern, vielleicht ein mechanisches Bohren. Die Sounds überlagern sich, reiben sich aneinander, verzerren sich gegenseitig. Wahrzunehmen ist ein Flackern, akustisch wie visuell.
Warum ist es so schwierig, das Gehörte zu fixieren oder einzuordnen, und weshalb glauben wir meist dem Hinsehen mehr als dem Zuhören? Wie funktioniert Klang und wie Hören? Warum eine Ausstellung über Sound?
Klangwellen wandern durch Raum und Zeit, sind tief verschränkt mit den Gegebenheiten ihrer Umwelt. Im Wasser bewegen sie sich schneller als in der Luft und können, getragen von dessen Dichte, weite Distanzen überwinden. Im luftleeren Raum des Weltalls hingegen fehlt das Medium, das sie transportieren könnte. Dort herrscht Stille im physikalischen Sinn. Die Ausstellung macht erfahrbar, dass Klang nicht nur Ereignis, sondern Beziehung ist – zwischen Körpern, Materialien, Technologien und Umwelten. Und sie stellt eine bedeutende Frage: Was geschieht, wenn wir nicht länger filtern, dämpfen und kontrollieren, sondern zuhören: aufmerksam und offen.
Hören ist demnach eine Form des Wissens, Klang strukturiert Räume, erzeugt Atmosphären, markiert Zugehörigkeiten und produziert Ausschlüsse. Das, was wir als Störung bezeichnen, verrät oft mehr über gesellschaftliche Normen als über akustische Intensität. Eine Ausstellung über Sound verschiebt die Hierarchie der Sinne: Sie fordert dazu auf, sich auf das Ephemere einzulassen.
High on Distortion, Low on Reception fragt danach, wie die Tiefen des Ozeans – das Knacken tektonischer Verschiebungen, das Dröhnen von Schiffsmotoren klingen? Wie klingt Umweltverschmutzung? Wie klingt Kunststoff? Wie klingt ein elektromagnetisches Feld, wenn Sensoren seine Schwingungen in den hörbaren Bereich transformieren? Inwieweit kann Hören akustische Halluzinationen hervorrufen? Und was ist der Klang einer Erinnerung – ein Timbre, eine Stimme, die weniger im Ohr als im Körper nachhallt? Wie muss ein Alarm klingen, um mobilisierend, bedrohlich oder aufschreckend zu wirken?
Klang und seine Welten
Die Ausstellung lenkt den Blick auf die menschengemachte Klangwelt und ihre Folgen: mechanische, urbane Geräusche, die Ökosysteme sowohl im Wasser als auch an Land aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Übermaß an Lärm wie auch das Verschwinden vertrauter Klangwelten werden zu Auslösern ökologischer Störungen. Zuhören wird so zu einer Form von Aufmerksamkeit, die weit über das bloße Wahrnehmen hinausgeht: Es ist eine Praxis der Verantwortung, ein bewusstes Einlassen auf die Welt und ihre Mitwesen, ein Nachspüren der subtilen Wechselwirkungen, die unsere Lebensräume zusammenhalten oder aus dem Takt bringen – wie etwa das Dröhnen des Autoverkehrs, das die Kommunikation von Insekten überlagert, oder Unterwassermining, das bei Meerestieren Orientierungsverlust und Stress auslösen kann.
Über die umweltbestimmenden Faktoren hinaus, richtet sich der Blick auf die Wahrnehmung selbst: welche Frequenzen sind wir Menschen in der Lage zu hören, und welche erspüren wir nur körperlich, wenn wir z.B. gehörlos sind. Klang erstreckt sich durch Raum und Zeit und dringt durch unsere Körper. Üblicherweise liegt der hörbare Bereich zwischen tiefen Bass-Geräuschen von 16 Hertz bis hin zu schrillen Pfeifen von 20.000 Hertz. Alles darunter oder darüber hören wir nicht. Elektromagnetische Felder etwa werden erst durch technische Übersetzungen hörbar. Was sonst als unsichtbare Energie im Raum zirkuliert, erscheint dann als eine Art sirrende, pulsierende Klangfläche. Auch Materialien lassen sich akustisch erforschen. Wenn unterschiedliche Kunststoffe zu Schallplatten geformt und zum Klingen gebracht werden, treten ihre spezifischen Eigenschaften sinnlich hervor. Unbestimmte klangliche Figuren werden zu Echos einer Welt aus synthetischen Stoffen, die uns täglich umgeben und prägen.
Und was bedeutet es, wenn es nichts zu hören gibt. Existiert Stille überhaupt? Innerhalb der Erd-Atmosphäre ist sie jedenfalls faktisch inexistent, und selbst vom Ohr nicht wahrnehmbare Geräusche übertragen sich auf den Körper. Im gesellschaftlichen Kontext markiert Stille soziale Ordnung. Sie ist kulturell codiert und steht je nach Kontext bspw. für Disziplin, Kontrolle oder Konzentration. Auch das Laute kommuniziert spezifische Bedeutungen. Von politischen Organisationen eingesetzt, fungieren Warnsignale wie etwa Alarmsirenen oder niederfrequente Schallkanonen entweder zum Schutz der Bevölkerung oder zur sozialen Kontrolle. Noise (Lärm) im subkulturellen Kontext hingegen entfaltet sich als subversive Praxis gegen ästhetische Normen und Hörgewohnheiten. Dissoziative Rhythmik beispielsweise kann unsere Hörgewohnheiten herausfordern und Sinne irritieren, sogar so weit, dass sie eine Desorientierung oder akustische Halluzinationen hervorrufen kann. Klang erweist sich also als sozialer Faktor, kulturell wie politisch formbar, egal ob wir hörend oder gehörlos sind.
Klang erweist sich auch als Speicher von Erfahrung und Zugehörigkeit: Melodien, Rhythmen und Stimmen werden von Kindheit an verinnerlicht, vermögen biografische Momente aufzurufen, kollektive Erinnerungen zu bündeln und Gemeinschaft erfahrbar zu machen. Sie sind Identitätsstifter und können in die Gefühlsstruktur einer ganzen Gesellschaft eingeschrieben sein. Zuhören bedeutet hier auch, jene ästhetischen wie affektiven Muster zu erkennen, die beispielsweise Gesangskulturen prägen und soziale Bindungen modulieren.
Was wird letztlich hörbar, wenn wir aktiv beginnen zuzuhören? Was verändert sich, wenn wir erlernte Hörgewohnheiten erweitern, Klänge neu interpretieren und Zuhören als Möglichkeit begreifen, uns der Welt neu zu öffnen?
Text: Elisabeth Falkensteiner kuratiert an der Schnittstelle von Klang, visueller Kunst und Diskurs und schafft Räume, in denen Sinneserfahrungen und Reflexion aufeinandertreffen.
Nora Mayr ist freischaffende Kuratorin, im Fokus ihrer kuratorischen Arbeit stehen häufig Formate abseits traditioneller Ausstellungsformen sowie die Inszenierung von Themenkomplexen und Fragestellungen als intuitive und sensorische Erfahrungen.








