Eine alte Dame wird 20
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Was einst eine alte Telefonzelle war, wurde zu einem der ungewöhnlichsten Kunsträume Wiens: ein winziger Ort für Installationen, Interventionen und künstlerische Experimente im öffentlichen Raum. Im Gespräch erzählt Initiatorin Christine Baumann von den Anfängen, Herausforderungen und besonderen Momenten der KUNSTZELLE.

Wie alles begann
„Wenn man den Hof betritt, steht rechts diese alte eiserne Telefonzelle aus den 1960er-Jahren“, erzählt Christine Baumann. Besonders an ihr seien die großen Glasscheiben. Vor der Handyzeit wurde die Zelle intensiv genutzt. Menschen telefonierten dort mit Münzen, Familien drängten sich hinein, um mit Angehörigen im Ausland zu sprechen. Für Baumann war die Zelle aber schon damals mehr als ein Gebrauchsobjekt: „Ich hatte immer schon einen Hang zu Tiny Houses. Das ist wahrscheinlich das kleinste Haus, das man sich vorstellen kann.“
Vom Telefon zum Kunstraum
Mit dem Aufkommen der Handys verlor die Telefonzelle ihre Funktion. Sie wurde vernachlässigt und schließlich kaum noch genutzt. „Irgendwann hieß es: Das Ding kommt weg. Und da hat etwas in mir aufgeschrien.“ Christinen Baumann wollte die „kleine Mini-Immobilie“ retten, sie sie liebevoll „die alte Dame“ nennt.
2006 lackierte sie die Zelle hellgelb und lud den Künstler Karl-Heinz Ströhle ein, daraus einen Kunstraum zu machen. Die erste Ausstellung eröffnete am 6. Juni 2006 mit einer vibrierenden, in sich beweglichen Skulptur aus Metallbändern – die KUNSTZELLE war geboren.

Ein Ort für Interventionen
Schnell entwickelte sich ein eigener Ansatz: keine klassischen Ausstellungen, sondern ortsspezifische Installationen und Interventionen. Die Konzentration auf ein einzelnes Werk wurde grundlegend für das Konzept.
„Mich interessiert nicht, einfach Kunst in ein kleines Kabäuschen zu hängen“, sagt Baumann, stattdessen lud sie Künstler*innen ein, speziell für die Zelle neue Arbeiten zu entwickeln.
Trotz minimaler Budgets sagten überraschend viele Künstler*innen zu. „Was ich ihnen bieten konnte, war Sichtbarkeit. Niemand ging an der Kunstzelle vorbei, ohne sie wahrzunehmen.“
Gerade die Öffentlichkeit des Ortes machte die Arbeiten besonders. Kinder blieben stehen und fragten neugierig nach, Besucher*innen reagierten direkt, und Feedback kam oft unmittelbar im WUK-Infobüro an.

Prägende Projekte
Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche außergewöhnliche Arbeiten. Jörg Lange verspiegelte die Zelle vollständig nach außen und verlagerte die Kommunikation in den öffentlichen Raum. Alfredo Barsuglia verwandelte sie mit „Freie Badekultur“ in ein Mini-Freibad mitten im Hof. „Ich war einen Sommer lang Bademeisterin“, erinnert sich Baumann lachend. Besonders beliebt war auch Andrea Reisingers „Mauskulturhaus“ – eine detailreiche Miniaturwelt mit Kino, Bar und Partykeller für Mäuse. Kinder wurden zu begeisterten Stammgästen.
Kollektives Arbeiten
Heute kuratiert Christine Baumann die Kunstzelle gemeinsam mit Pablo Chiereghin. Viele Arbeiten entstehen kollaborativ und mit großem persönlichem Einsatz. „Wir machen alles selbst: kuratieren, putzen, renovieren, lackieren, PR, Grafik – eigentlich alles.“ Gerade diese Mischung aus Improvisation, persönlichem Einsatz und gemeinschaftlichem Arbeiten mache die KUNSTZELLE besonders.

Gegenwart und Zukunft
In den 20 Jahren der KUNSZTELLE wurden über 90 Installationen und mehr als 100 Künstler*innen präsentiert. Gleichzeitig werden die finanziellen Bedingungen schwieriger. „Es wird immer schwieriger, das finanziell zu stemmen.“ Trotzdem blickt Baumann optimistisch nach vorne. Am 17. Juni 2026 wird das Jubiläum „20 Jahre KUNSTZELLE“ gefeiert. „Es wird spannend, lustig und wahrscheinlich ein bisschen improvisiert“, sagt sie. „Aber genau das kann auch eine Qualität sein.“
20 Jahre KUNSTZELLE
Ein Fest mit Torte, Erinnerungen, Interventionen und Musik
- Mi 17.6., 19 Uhr, WUK Hof





