„Beratung beginnt beim Zuhören“
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Philip König-Bucher: 45 Jahre WUK Bildung und Beratung – und du warst 25 Jahre dabei. Wie würdest du diese Zeit beschreiben?
Camilla Bensch: Ich habe das WUK erst durch meine Tätigkeit hier kennen und lieben gelernt. Es war mir immer wichtig, an einer Arbeitsstelle zu arbeiten, mit deren Wertehaltung ich mich identifizieren kann. Beim WUK ist diese Haltung wirklich spürbar. Ich habe den Eindruck, dass sie sich wie eine DNA durch die Organisation zieht. Das habe ich in diesen 25 Jahren immer sehr geschätzt.
Vom Clearing zum Jugendcoaching
Philip König-Bucher: Du hast die Entwicklung vom Clearing zum heutigen Jugendcoaching von Anfang an miterlebt. Was hat sich verändert, und was ist geblieben?
Camilla Bensch: Eine große positive Veränderung ist, dass das Angebot heute einer viel größeren Zielgruppe zur Verfügung steht. Clearing war ursprünglich für Jugendliche mit Beeinträchtigung vorgesehen. Jugendcoaching steht heute grundsätzlich allen Jugendlichen offen, die entsprechenden Bedarf haben.
Geblieben sind wichtige Grundsätze: die Freiwilligkeit, die Orientierung an den Zielen der Jugendlichen und die Möglichkeit, Bezugspersonen einzubinden. Und es gibt nach wie vor Methodenoffenheit. Jugendliche bringen ganz unterschiedliche Kompetenzen, Interessen und Kommunikationsformen mit. Deshalb müssen wir vielfältig arbeiten und bei den Stärken ansetzen. Es geht nicht darum, festzustellen, was jemandem fehlt, sondern herauszufinden, wo die Interessen und Möglichkeiten liegen und wohin der Weg führen kann.
Zuhören als Grundlage guter Beratung
Philip König-Bucher: Du hast einmal gesagt: „Beratung beginnt beim Zuhören.“ Was bedeutet das für dich?
Camilla Bensch: Eine gute Beratung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Beraterin oder der Berater zuhören kann. Wenn das fehlt, verfolge ich eigentlich nur meine eigenen Vorstellungen.
In der Beratung geht es zunächst darum, herauszufinden: Wo steht die andere Person, und wo will sie hin? Wenn ich diese beiden Punkte nicht kenne, kann es eigentlich nur Zufall sein, dass mein Angebot zu dieser Person passt.
Philip König-Bucher: Was unterscheidet wirkliches Zuhören vom bloßen Hören?
Camilla Bensch: Ein wichtiger Punkt ist für mich die Frage, ob das, was bei mir als Botschaft ankommt, auch das ist, was die andere Person tatsächlich gesendet hat. Ich muss mich manchmal vergewissern, ob ich mein Gegenüber richtig verstanden habe. Es geht darum herauszufinden, was die andere Person vermitteln möchte und welche Bedürfnisse dahinterstehen.
Philip König-Bucher: Warum ist es gerade für Jugendliche so wichtig, gehört zu werden?
Camilla Bensch: Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, wahrgenommen zu werden. Das beginnt schon bei kleinen Kindern: Werden ihre Bedürfnisse erkannt? Werden sie gesehen, wenn sie traurig oder ärgerlich sind? Dieses Bedürfnis bleibt bestehen. Gesehen zu werden bedeutet ja nicht nur, optisch wahrgenommen zu werden, sondern auch, dass die eigenen Äußerungen und Anliegen ernst genommen werden.
Für manche Jugendliche ist es eine überraschend positive Erfahrung, Erwachsenen gegenüberzusitzen, die ihnen wirklich zuhören und sich dafür interessieren, was sie wollen. Allein das kann schon viel bewirken. Manchmal sagen Menschen nach einer Beratung: „Sie haben mir jetzt eigentlich gar nicht weitergeholfen, aber es war total gut, dass Sie mir zugehört haben.“
Natürlich ist Beratung mehr als Zuhören. Aber das Zuhören ist der Boden, das Fundament.
Philip König-Bucher: Werden manche Menschen leichter gehört als andere?
Camilla Bensch: Ja, es gibt Gruppen in unserer Gesellschaft, die aufgrund ihrer sozialen Stellung privilegierter sind und deren Wort dadurch mehr Gewicht hat. Andere müssen sehr darum kämpfen, gesehen und gehört zu werden.
Wir kommen beide aus dem Behindertenbereich, und dort ist das ein großes Thema. Menschen mit Behinderungen mussten lange und müssen teilweise immer noch dafür kämpfen, Rechte zu erlangen und mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden. Dass bestimmte Gruppen weniger gehört werden, hat auch damit zu tun, dass Menschen manchmal nicht gerne hinschauen, wenn sie mit bestimmten Lebensrealitäten konfrontiert werden.
Jugendcoaching als Investition in die Zukunft
Philip König-Bucher: Wo liegen die größten Herausforderungen für das Jugendcoaching in den kommenden Jahren?
Camilla Bensch: Sicher ist der Spardruck eine Herausforderung. Gleichzeitig gibt es immer mehr Erwartungen an das Angebot. Dazu kommt, dass es schwieriger wird, passende Schulungs- und Anschlussmöglichkeiten zu finden. Es stehen nicht überall genügend Ausbildungs- und Arbeitsplätze zur Verfügung, die für die Jugendlichen geeignet sind.
Das ist eine große Herausforderung: Als Jugendcoach kann ich mich noch so bemühen – wenn in der Angebotslandschaft nichts vorhanden ist, kann ich die Person nirgendwohin begleiten.
Ich habe schon früher beim Clearing argumentiert, dass diese Arbeit eine wichtige Investition in die Zukunft ist. Alles, was man in die Begleitung am Übergang von Schule und Beruf investiert, kann später Kosten vermeiden. Einsparungen an diesem neuralgischen Punkt können deshalb letztlich falsches Sparen sein. Jugendcoaching kann auch etwas ausgleichen, was gesellschaftlich nicht von vornherein gegeben ist: Manche Kinder und Jugendliche bekommen viel Unterstützung, andere deutlich weniger.
Stellvertretende Hoffnung in Krisenzeiten
Philip König-Bucher: Viele junge Menschen leiden unter den multiplen Krisen unserer Zeit. Wie können wir ihnen trotzdem Perspektiven vermitteln?
Camilla Bensch: Aus der Krisenintervention ist mir ein Begriff besonders in Erinnerung geblieben: die „stellvertretende Hoffnung“.
Wenn sich eine Person in einer akuten Krise befindet, kann man sie nicht einfach davon überzeugen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Aber als Helferin oder Helfer kann man die Vorstellung aufrechterhalten, dass es eine Zukunft gibt und dass sich etwas entwickeln und verändern kann.
Ich denke, dass diese Rolle gerade in der Arbeit mit Jugendlichen wichtig ist – besonders für junge Menschen, die unter den multiplen Krisen unserer Zeit leiden.
Philip König-Bucher: Viele Jugendliche nutzen inzwischen auch KI als Gesprächspartner. Kann KI jungen Menschen zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben, wahrgenommen zu werden?
Camilla Bensch: Ich glaube, dass KI durchaus das Potenzial hat, vieles abzufangen. Es gibt nicht genug beratende, therapeutische und psychologische Angebote. Wo diese nicht zur Verfügung stehen, kann KI durchaus nützlich sein.
Andererseits kann KI auch gefährlich sein. Deshalb müssen wir sorgsam mit diesen Werkzeugen umgehen, ihre Grenzen kennen und darauf achten, wann sie an andere Stellen weiterverweisen müssen.
Berater*innen und Therapeut*innen aus Fleisch und Blut werden auch in Zukunft notwendig sein. Die Anwesenheit eines Menschen löst ein anderes Gefühl aus, als wenn ich nur in einem Chat kommuniziere. Gleichzeitig werden wir uns wahrscheinlich immer mehr an digitale Formen gewöhnen. Wichtig ist, sich ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Grenzen bewusst zu sein.
Philip König-Bucher: Was wünschst du dem WUK für die Zukunft?
Camilla Bensch: Hinter dir hängt das Plakat „Bleib trotzig“. Das ist sicher auch ein guter Ratschlag. Ich wünsche mir, dass sich das WUK seine Vielfältigkeit bewahren kann und die Wertehaltung weiterhin spürbar bleibt. Und ich wünsche mir, dass die vielfältigen Angebote gerade für jene Zielgruppen erhalten bleiben, die sonst nicht so viele Privilegien haben.
Mag.a Dr.in Camilla Bensch ist als Klinische und Gesundheitspsychologin sowie als Psychotherapeutin (Verhaltenstherapie und lösungsfokussierte Therapie) in freier Praxis tätig. Ihr fundiertes Fachwissen gab sie über viele Jahre als Lehrbeauftragte an der Universität Wien sowie der Wiener Schule für Sozialberufe weiter und ist zudem weiterhin als Referentin an der Österreichischen Akademie für Psychologie und bei unterschiedlichen Inhouse Seminaren aktiv.












