Kindersoldaten in Sierra Leone: „Keine Hände, aber Stimme“

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Kindersoldaten in Sierra Leone: „Keine Hände, aber Stimme“

Teilnehmer_innen von WUK m.power erzählen ihre Geschichte

In sechs Schreibwerkstätten machten sich die Teilnehmenden des WUK m.power Pflichtschulabschlusskurses an das Verfassen ihrer eigenen Geschichten. Entstanden sind viele spannende, beeindruckende und lehrreiche Texte. Nun folgt eine weitere Erzählung.

von Ibrahim Jalloh

In den 1980er-Jahren gab es in Sierra Leone ein Einparteiensystem, der Diktator war Joseph Saidu Momoh. Im Nachbarland Liberia herrschte lange Zeit auch Bürgerkrieg und Momoh hatte viele Soldaten in dieses Land geschickt. Nach dem Ende des Bürgerkriegs in Liberia kamen viele der Soldaten zurück nach Sierra Leone. Am Anfang war die Idee nicht so schlimm, aber mit der Zeit wurde alles viel schlimmer. Zu viele Militärs waren im Land.

Foday Sankoh, der Anführer der RUF (Revolutionary United Front), wollte die korrupte Regierung stürzen. Sierra Leone ist sehr reich an Diamanten und Rohstoffen, aber die Bevölkerung kann von diesem Reichtum nicht profitieren. Die Regierung verkaufte den Bergbau an England und tat nichts für die Bevölkerung.

Foday Sankoh bekam Hilfe und Waffen von Muammar Gaddafi und von Charles Taylor aus Liberia. Er verlor aber nach ein paar Monaten die Kontrolle über die Rebellen. Dann gab es immer mehr Militär im Land, die Regierungsarmee, Milizen, Taylor’s Ex-Militär – die Lage wurde sehr chaotisch.

Im Jänner 1999 erlebte die Hauptstadt Freetown eine der schlimmsten Nächte der Geschichte. Feuer, Bomben – Alles war verbrannt und niemand wusste, wohin er laufen sollte. Bis heute wissen manche Leute nicht, wohin genau ihre Familien geflohen sind.

Nach diesen Kämpfen wurden Kinder als Soldaten für den Krieg genommen. Die Kindersoldaten wurden zu einem sehr großen Problem in meiner Stadt. Diese Kinder waren nicht in einem normalen Zustand: Die Chefs hatten ihnen allen schlimme Drogen gegeben, sodass sie gar nicht wussten, was sie genau machten. Über 70% der Kinder Freetowns waren mit 12, 13, 14, 15 oder 16 Jahren schon Revolutions-Chefs und machten viele schlimme Sachen: „Keine Hände, aber Stimme“. Nach dem Krieg sind die meisten von ihnen verrückt geworden.

In dieser schlimmen Zeit verließen viele Leute Freetown. Der Krieg dauerte 11 Jahre lang. Auch in der Stadt Koidu Kono wurde gekämpft. Es waren verschiedene Gruppen, Milizen und die RUF beteiligt, aber UN-Soldaten beschützten diese Stadt und die Region. Soldaten aus Großbritannien kämpften an manchen Orten gegen die Kindersoldaten und Terrormilizen.

Den britischen Soldaten fielen viele Diamanten in die Hände. Von diesem Reichtum wurde meinem Land bis heute nichts von den Briten zurückgegeben.

Nigeria, einer der wichtigsten ECOWAS-Staaten, hatte eine große Rolle in unserem Krieg gespielt. Damals war in Nigeria Sani Abacha Präsident. Nigeria hatte über 1000 Soldaten nach Sierra Leone geschickt. Die nigerianischen Soldaten hatten eine schwierige Aufgabe, sie haben gegen alle Gruppen gekämpft, für unser Land, aber dafür keine Belohnung bekommen. Deshalb wurden in Sierra Leone viele Gebäude und Straßen nach „Sani Abache“ benannt.

Die UN Soldaten, die britischen Einheiten und die ECOWAS-Soldaten sollten vor allem den Bergbau, internationale Firmen und Politiker und Politikerinnen schützen.

Meine Meinung: Damals war die Idee, dass wir unser Land von den mächtigen, korrupten Politikern zurückholen mussten, aber das hat nicht gut funktioniert. Über 33% der Leute sind gestorben, mehr als 17% wurden die Hände abgeschnitten, und 22% der Kinder hatten keine Eltern mehr. Der Krieg hatte darüber hinaus noch mehr schlimme Folgen.

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