Zuhause in der Schule

Zuhause in der Schule

35 Jahre Schüler_innenschule

Heuer feiert die Schüler_innenschule, die Schule zum Leben, des WUK ihren Geburtstag mit einem Fest und einer Buchpräsentation im WUK. Gehard Stöger über die seit 1980 bestehende Alternativschule und was das Bildungssystem von ihr lernen kann.

„Mich erinnert das österreichische Schulsystem ein wenig an Schönheitschirurgie“, sagt Aimée Blaskovic. „Es wird nicht an der Wurzel behandelt, sondern es werden Falten ausgebessert.“ Was die 40-jährige Künstlerin zur Bildungsexpertin macht? Ganz einfach: Aimée Blaskovic ging jahrelang zur Schule. Und doch war bei ihr alles ganz anders. Blaskovic gehörte zu jenen 16 Kindern, mit denen 1980 in der Tempelgasse im zweiten Bezirk das Abenteuer „Schülerschule“ begann: eine basisdemokratisch organisierte Alternativschule ohne Noten, Hierarchien und Zwänge, dafür mit ganz viel Mitbestimmungsmöglichkeiten. Mitte der Achtziger übersiedelte die Schule ins WUK, Anfang der 1990er wurde der Name dem emanzipatorischen Selbstverständnis angepasst. Seitdem heißt sie Schüler_innenschule.

„Schade, dass das Thema Schule oft so negativ besetzt ist, auch im öffentlichen Diskurs“, sagt Blaskovic. „Denn Schule kann so schön und freudvoll sein.“ Jetzt könnte man natürlich abwägen, relativieren und vorsichtig um den heißen Brei herumreden. Man kann es aber auch ganz direkt formulieren: Das österreichische Bildungssystem ist ein Problembär. Es ist teuer, ineffizient und von Mittelmäßigkeit geprägt, es verfestigt soziale Gegensätze anstatt sie aufzuweichen, es sorgt für viel Frust und wirkt weitgehend veränderungsresistent.

Und doch ruft das Konzept „Schule“, wie man es nun einmal kennt, meist weniger Irritation und Widerspruch hervor als Gegenentwürfe dazu. Kinder, die Alternativschulen besuchen, werden nach wie vor skeptisch beäugt, ihre Eltern haben Erklärungsbedarf, ebenso die Lehrer_innen, die dort unterrichten. Weil offenbar nicht sein kann, was nicht sein darf: dass Schule auch ganz anders funktioniert. Ohne Lernstress, ohne Schularbeiten, ohne Disziplinierungen, ohne starre Lehrpläne und vor allem: ohne Ängste.

Drei Mädchen auf Stelzen vor einer Wand
(c) Andy Orel

Wobei, zugegeben: ein Vorurteil stimmt. Bisweilen geht es an der Schüler_innenschule etwas chaotisch zu. Dann kann es, wie 2010, passieren, dass ein runder Geburtstag untergeht. Also wird jetzt eben der 35er gefeiert. Mit einem Fest im WUK – und dem Buch „Zuhause in der Schule“ (Milena Verlag), mit dem die Schüler_innenschule das praktische Anschauungsmaterial für facettenreiche Reflexionen zum Thema „Lernlust statt Schulfrust“ liefert.

„Zuhause in der Schule“ ergründet mögliche Alternativen zur Schule, wie man sie gemeinhin kennt. Am Beginn stand das Vorhaben, die bewegte Geschichte der Schüler_innenschule zu dokumentieren. Geworden ist es ein Buch, das Antworten liefern soll auf die Frage „Schule anders, wie geht das?“, um damit einen Beitrag zur bildungspolitischen Debatte zu leisten. Nicht durch Kritik am bestehenden Regelschulwesen, sondern indem ein erfolgreich gelebtes Modell anderer Bildungsvermittlung umfassend dargestellt wird.

Ganz im Sinne der Schüler_innenschule, an der Buntheit und Individualität seit je her wichtig sind, versammelt „Zuhause in der Schule“ Beiträge unterschiedlichster Art, von der persönlichen Erzählung bis zur wissenschaftlichen Analyse. Eines aber verbindet die Texte: Alle geben sie Hinweise, wie es funktionieren kann, Schule in Österreich grundlegend anders zu denken und zu gestalten.

Von Gerhard Stöger

35 Jahre Schüler_innenschule

Buchpräsentation „Zuhause in der Schule“
Moderation Corinna Milborn
Anschließend Fest
Fr 8.5., 19 Uhr (Einlass 18 Uhr), Projektraum und Schüler_innenschule
Eintritt frei

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