Zeit

Di 11.6. bis Sa 13.7.2024

Preis

Eintritt frei

Ort

Fotogalerie Wien

Flavia Mazzanti, Skin I, aus der Serie: Sympoietic Bodies, 2020, hochwertige Laserausbelichtung,
kaschiert auf 2-mm-Dibond, 40 Å~ 55 cm (Detail)
KunstAusstellung

DIGITAL IV – KOEXISTENZ

EMANUEL GOLLOB, LENA KUZMICH, FLAVIA MAZZANTI, HYEJI NAM, VOJTĚCH RADAKULAN, DANIEL SZALAI, PHILIPP TIMISCHL, T(n)C

Mit DIGITAL widmet die FOTOGALERIE WIEN ihre neueste Schwerpunktreihe einem Thema, das unser gesamtes Zeitalter prägt. Es ist keine Fiktion mehr, über Arbeiter_innen zu spekulieren, die den größeren Teil ihrer wachen Lebenszeit mit den Augen auf Bildschirme geheftet verbringen. Der Erdball rotiert unter einem Netz von Satelliten, die kontinuierlich Fotografien von seiner Oberfläche herstellen. Fast jede_r von uns hat einen Computer in der Hosentasche, wir alle werden überwacht, vermessen und in Zahlen ausgedrückt – Null und Eins. Für die Fotografie hatte die Digitalisierung weitreichende Folgen. Manche haben sogar ihren Tod ausgerufen. Aber umgekehrt haben sich fotografische Bildverfahren zu einem wichtigen Prinzip in unserer digitalen Lebenswelt entwickelt. Fotografien werden in nie dagewesener Zahl angefertigt und konsumiert. Über kleine grelle Bildschirme werden Fotografien zur Schnittstelle zwischen Algorithmen und unseren Emotionen, Begierden, Ängsten und Träumen. Wir wagen es, einen Blick auf diese Gegenwart zu werfen und präsentieren in vier Ausstellungen zum Thema DIGITAL einen Abriss über die neuen Technologien und die Reaktionen von Künstler:innen darauf. Mit ihnen versuchen wir, das Ungreifbare zu erspüren und seine Potentiale und Gefahren einzuschätzen.

Das digitale Zeitalter ist geprägt von einer immer größer werdenden Macht und Kontrolle des Menschen über seine Umwelt. Gleichzeitig formiert sich ein philosophisches und ethisches Weltbild, in dem der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt stehen soll. Philosoph_innen und Künstler_innen rufen ein Ende des Anthropozentrismus aus, sehen andere Spezies, Ökosysteme oder sogar Objekte als uns ebenbürtig an: als Mitbewohner_innen dieses Planeten, die ebenso wie wir mit einer gewissen Subjektivität und Handlungsmacht ausgestattet sind und mit denen wir uns arrangieren müssen. Auch (fotografische) Bilder können als Objekte gelesen werden und auch bei ihnen stellt sich die Frage nach ihrer Eigenständigkeit und nach ihrer Intention. Es ist ein guter Zeitpunkt, sich daran zu erinnern, dass „virtuell“ kein Gegensatz zu „real“ ist. Bei der Virtualität kommt es auf die Wirkung einer Sache an. Eine virtuelle Realität unterscheidet sich zwar in ihrer Form von der physischen Realität, hat aber eine ähnliche Wirkung. Insofern ist eine Website genauso real wie eine Autobahn oder eine Million Euro auf dem Konto. Insofern überlappen sich diese verschiedenen Realitäten, sind untrennbar miteinander verstrickt. 

Mit KOEXISTENZ untersuchen wir diese Verstrickung: Wir begegnen den fotografischen Bildern auf Augenhöhe, hinterfragen ihre Rolle im Zusammenspiel mit (anderen) digitalen Technologien, mit unserer Gesellschaft, unseren Körpern und unserer Umwelt.

In disarming II erforscht Emanuel Gollob das performative Verhältnis zwischen einem abgetrennten Roboterarm, einer Turnmatte und ihren menschlichen Beobachter:innen. Eine robotische Extremität (Arm), losgelöst von einem vom Menschen konstruierten technologischen Körper, versucht, obwohl nicht für Autonomie geschaffen, Konzepte für Fortbewegung zu finden. Sie wirkt dabei ebenso verletzlich wie entschlossen. Ausgestellt als Videoinstallation mit einer KI, die das Video kontinuierlich neu schneidet, verschmilzt physisches Handeln mit digitaler Beobachtung und vice versa. Derselbe Algorithmus, der die physischen Bewegungen des Roboterkörpers im Videomaterial erlernt, beobachtet nun, wie wahrscheinlich in aktuellen Social-Media Postings „Roboter" und „Arm" im selben Posting genannt werden. Daraus versucht er zu lernen und zu verlernen, welche Videonarration diese Tendenz verringert.

Die Arbeit Screensaver (Bildschirmschoner) von Lena Kuzmich ist eine animierte Fotomontage, die aus online gefundenen Inhalten und Fotos aus dem Alltag zusammengestellt ist. Bildschirmschoner dienten ursprünglich dazu, die Beschädigung des Bildschirms durch Überlastung und Wiederholungen zu verhindern. Die Arbeit untersucht den Bildschirmschoner spielerisch, indem sie seinen ursprünglichen Zweck als Metapher auf das heutige menschliche Leben anwendet. Wie können wir als menschliche Spezies Schäden durch Belastung und Langeweile verhindern, mit der Sterblichkeit umgehen und das Leben genießen? Screensaver nimmt die Betrachter:innen mit auf eine visuell komplexe Reise, die in einem Horror-Attraktionspark beginnt und langsam in die Eingeweide von Maschinen hineinzoomt, um die sagenumwobenen Rätsel des Lebens zu entschlüsseln.

Sympoietic Bodies ist ein künstlerisch-philosophisches Projekt, das durch das Medium Film präsentiert wird und die Auflösung der Grenzen zwischen dem menschlichen Körper und seiner sozialen und physischen Umgebung erforscht. Flavia Mazzanti hat diesen Kurzfilm geschaffen, um ein philosophisches Verständnis von unseren Körpern und deren Interaktion mit anderen Wesen in einer konstruierten Umwelt mit der Erforschung neuer technologischer Möglichkeiten – im Kontext des Experimental- und Animationsfilms – zu verbinden. Der Film experimentiert mit einem post-anthropozentrischen Szenario, das sich auf die heutige Gesellschaft bezieht, in der der menschliche Körper in seiner Gesamtheit dezentriert und dekonstruiert wird. Alles im Film stammt aus der physischen Welt und wurde unter Einsatz verschiedenen Technologien weiter digital verarbeitet.

In Hyeji Nams Mehrkanal-Videoinstallation geht es um Haut, Oberfläche und verschiedene Aggregatzustände der Realität. Ausgangspunkt war eine zeitlose, alltägliche Beobachtung, in die sich ein neuartiges Gefühl eingeschlichen hatte: Beim Betrachten von Sonnenlicht, das auf der Wasseroberfläche glitzert, wird die Erinnerung an digital erzeugte Bilder wach, an die Ästhetik von Pixeln, Glitches oder Bildschirmflackern. „Irgendwann erkenne ich das seltsame Zusammenspiel eines Wunsches, dass das Digitale real sein soll, und dass das Reale wie ein digitales Werk wirkt“, so die Künstlerin. Sie untersucht, wie sehr unsere Wahrnehmung durch die Strukturen der digitalen Welten geprägt ist. Aber auch unsere Emotionen und Sehnsüchte sind maßgeblich von den neuen Technologien beeinflusst: „Ein Verlangen, vielleicht der Wunsch, das Digitale als Natur zu sehen, oder umgekehrt. Ein Wunsch, dass die Natur ewig lebt, ein Wunsch, dass die Digitalität wirklich schön ist.“

In der von Vojtěch Radakulan präsentierten Installation können Besucher:innen vier Nischen begehen. In drei von ihnen betreten sie auf verschiedene Weise (Computerspiel, VR-Brille, Mikrofon) eine virtuelle Kopie des Kontrollraums des – aufgrund gesellschaftlichen Drucks nie in Betrieb genommenen – Atomkraftwerks Zwentendorf in Niederösterreich und können hier Charaktere darstellen, die in der Geschichte des Werks eine Rolle gespielt haben, wie die von Aktivist:innen, Ingenieur:innen und Politiker:innen. Innerhalb ihrer Interaktion stoßen sie auf andere Besucher:innen, die wiederum andere Charaktere spielen. Zur Lösung von Konflikten sind Anstrengung und Zusammenarbeit erforderlich. Die vierte Nische versteht sich als eine Art Beschreibung des Geschehens, welches eine absurde Abfolge von Ereignissen ist, ebenso wie die Tatsache, dass Niederösterreich die gleiche Flagge wie die Ukraine hat.

Am Beispiel der Präzisionsviehhaltung von Kühen reflektiert Daniel Szalai in seinem Projekt Unleash Your Herd's Potential Überwachung, Ausbeutung, unsere Beziehung zur Natur und die Rolle, die digitale Bilder und fortschrittliche Technologie dabei spielen. Eine umfassende technologische Infrastruktur ermöglicht es, alle Aspekte des Lebens von Kühen zu quantifizieren, so dass jedes Tier als reiner Datensatz behandelt werden kann. Die Präzisionsmolkerei kann daher als Beispiel für einen auf Tiere angewandten Überwachungskapitalismus angesehen werden, der die Distanz zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen durch Virtualisierung und Gamification weiter vergrößert. Das Projekt geht auf diese Probleme ein, indem es Kühe und ihre Umgebung mit Hilfe der Fotogrammetrie wiedergibt, einer fotobasierten 3D-Scantechnik, die es ermöglicht, den Gegenstand als Informationswolke darzustellen – und so eine Explosionszeichnung schafft. 

In Fixed it kombiniert Philipp Timischl LED-Bildschirme mit traditioneller Malerei. Der digitale Bildschirm zeigt ein Video von vorwärtsfahrenden Autos, die beim Umdrehen des Bildes ihre Richtung verändern und eine Endlosschleife bilden. Dieser visuelle Trick spielt mit der Wahrnehmung von Bewegung und Zeit. Die Skulptur verlangt von den Betrachter:innen eine körperliche Reaktion. Um das niedrig aufgelöste LED-Video deutlich zu sehen, müssen sie zurücktreten; um die detaillierten Gemälde zu würdigen, müssen sie jedoch näher herantreten. Diese Interaktion unterstreicht die Machtdynamik zwischen dem Kunstwerk und seinem Publikum und verdeutlicht, wie das Werk Bewegung und Engagement der Betrachter:innen kontrolliert. Fixed it stellt Fragen darüber, wie Technologie unsere Auseinandersetzung mit Kunst beeinflusst. 

Agnes Varnai und Tina Kult bilden das 2017 gegründete Künstler:innenkollektiv T(n)C. Die Videoinstallation Retraining Laziness folgt einem Gespräch zwischen einem/r menschlichen Arbeiter:in und einem fehlerhaften Roboter. Sie erörtern ungesunde Produktionsbedingungen sowie ihre eigene Beziehung zu Arbeit und Zeit. Angetrieben durch ein Wirtschaftssystem, das jede:n Einzelne:n anhand seiner Produktivität bewertet, stehen Menschen und Maschinen in Konkurrenz zueinander. Die Leuchtkastenserie Days (Lightbox) thematisiert das ambivalente Verhältnis, das die Gesellschaft zu malerischen Orten auf diesem Planeten entwickelt hat. Die überspitzten Bilder spiegeln sowohl die Faszination für paradiesische Landschaften als auch die Auswirkungen der Obsession von diesen wider.

Veranstalterin: Fotogalerie Wien

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