
Mo 4.5. bis Sa 13.6.2026
Eintritt frei
Fotogalerie Wien
G
Beziehungsfelder
Existenz vollzieht sich nicht im Einzelnen, sondern im Verhältnis. Menschen, Dinge und Umwelt sind in ein Geflecht komplexer und dynamischer Beziehungsfelder eingebunden. In kontinuierlichen Handlungsprozessen und Interaktionen verschieben sich diese Relationen ständig. Identitäten formieren sich, Stabilitäten entstehen, Abhängigkeiten oder Brüche treten auf. In diesem Relationsgefüge eröffnen sich für die Einzelnen Reflexionen über Fragen und Möglichkeiten von Verantwortung, Entscheidung und Abgrenzung. Die multimedial arbeitenden Künstler*innen dieser Ausstellung behandeln verschiedene Aspekte und Konstellationen der Thematik. Einige stellen Kunstwerke bzw. performatives Handeln in Relation zu Dingen, Materialien, Körpern, Raum, Blick und/oder zu den Betrachter:innen. Andere begeben sich in das kollaborative Gefüge künstlerischer Zusammenarbeit. In weiteren Positionen wird untersucht, wie Menschen durch ihre Beziehung zu Historie, Kultur und Politik geprägt werden und welche Spannungen zwischen persönlichen Erinnerungen bzw. Erfahrungen und öffentlichen Strukturen entstehen können.
Künstler*innen:Nikolaus Gansterer, Apollon Glykas & Ilias Sipsas, Simona Obholzer, Julian Rosefeldt, Ksenia Yurkova
In seiner Vidoarbeit untertagüberbau präsentiert Nikolaus Gansterer eine Dreikanal-Installation, die Animation, Live-Zeichnung, Lecture-Performance und studiobasierte Experimente verbindet. Rund um eine Art Labortisch entfaltet sich die Arbeit als kontinuierlicher Fluss von Gesten und Bildern, in dem Zeichnen zu einer Methode des Denkens, Testens und des Aushandelns unvorhergesehener Relationen zwischen Materialien, Körpern und Umwelten wird. In einer kritisch-spielerischen Auseinandersetzung mit den Bildsprachen wissenschaftlicher Experimente überführt Gansterer diese mit künstlerischen Mitteln in neue Kontexte. Er verwendet Papier, Kreide, Wasser, Glas, organische Elemente und Lebewesen – wie Schnecken – und untersucht Prozesse der Beobachtung und Transformation. Diese Handlungen formen ein sich verschiebendes Relationsgefüge, geprägt durch Kontakt, Bewegung und zeitliche Überlagerung. untertagüberbau – unterirdische Arbeit (unsichtbare Gedankenprozesse) gegenüber architektonischen Überstrukturen – bietet den Boden für sich ständig verändernde kontingente Relationen, nichtlineare Wahrnehmung und assoziatives Denken.
Apollon Glykas & Ilias Sipsas verarbeiten Material aus Fotoarchiven. Bei beiden geht es um die Diskrepanz von Darstellung und Erinnerung. Apollon Glykas stellt Bilder aus zwei Werkserien in einen Dialog. Internally zeigt Fotos einer Hochzeit, einer Feier und eines Familientreffens. Aufgrund eines technischen Fehlers sind diese privaten Fotos unscharf und somit als Erinnerungsdokumente untauglich. Das wenige Erkennbare spiegelt die Funktionsweise des Gedächtnisses wider, das nichts stabil festhält, sondern von sich verändernder Erfahrung geprägt ist. Die serielle Wiederholung der Bilder lässt dieselbe Szene jedes Mal unschärfer und distanzierter erscheinen. In Timeline sind neun identische Fotos einer Hochzeit aus demselben Archiv linear positioniert und überlappen sich teilweise. Gelesen werden sie wie ein Film, der allerdings denselben Moment wiederholt. In beiden Fällen fungiert das Erinnerungsfoto nicht mehr als verlässliches Dokument eines Ereignisses; vielmehr wird hier die Beziehung zwischen Zeit, Erinnerung und Darstellung neu verhandelt.
Ilias Sipsas zeigt das großformatige Triptychon Familia Santa, entstanden aus der Decollage eines schwarz-weißen Fotonegativs aus einem gefundenen Archiv. Durch Prozesse des Schneidens, Verschiebens und Neuzusammensetzens wird eine alltägliche Szene fragmentiert. Die Eingriffe stören die zeitliche Kontinuität des fotografischen Moments und erzeugen eine räumliche und unwiderrufliche Verschiebung, in der Gesten, Körper und Fragmente teilweise zwischen Erscheinen und Verschwinden schweben. Das Triptychon, das sich zwischen Fotografie und skulpturaler Konstruktion positioniert, spiegelt eine fortlaufende Untersuchung des analogen Bildes als Ort der Transformation wider. Indem es gefundenes fotografisches Material eher als Rohmaterial denn als dokumentarischen Beweis behandelt, schlägt das Werk eine neue dimensionale Bedingung vor, in der Fragmentierung, Maßstab und räumliche Wahrnehmung die Art und Weise neu konfigurieren, wie fotografische Bilder den Raum einnehmen.
In einer mehrteiligen Installation reflektiert Simona Obholzer kritisch die standardisierte Gestaltung urbaner Flächen. Auf eine 7 Meter lange Papierbahn, untitled (ground), ist ein städtischer Bodenbelag gedruckt. Am Ende rollt sich das Papier auf, als würde sich der Boden selbst entziehen oder neu formieren. Gleichzeitig wird auf das endlos reproduzierbare und unökologische Auslegen solcher Flächen verwiesen. Die 3D-Videoanimation Park setzt sich mit der Wechselwirkung zwischen analogen und virtuellen Räumen auseinander. Physische Räume entstehen heute häufig zunächst digital – etwa als Renderings. Digitale Ästhetik und materielle Erscheinung bedingen sich gegenseitig: Im Virtuellen erzeugen Texturen eine Anbindung an die haptisch erfahrbare Welt, während gebaute Räume zunehmend die glatte Oberfläche digitaler Bildräume übernehmen. Im Video rollen animierte Kugeln durch eine leere, undefinierte Umgebung; ihre Oberflächen zeigen Materialien der urbanen Freiraumgestaltung. Anders als in 3D-Programmen durchbricht in Park eine individuelle, unperfekte Qualität die Uniformität gestalteter Freiräume. Obholzer regt an, über die Bedeutung von Körperlichkeit in einer zunehmend digitalen Welt nachzudenken, was durch das quadratische Kunst-Rasenstück mit menschlichem Abdruck, my own private green, noch einmal eine andere Dimension bekommt.
Die 13-Kanal-Filminstallation Manifesto (2015) von Julian Rosefeldt ist eine Hommage an die bewegte Tradition und literarische Schönheit von Künstlermanifesten und hinterfragt letztlich die Rolle von Künstler*innen in der heutigen Gesellschaft. Manifesto stützt sich auf die Schriften von Futuristen, Dadaisten, Fluxus-Künstler*innen, Suprematisten, Situationisten, Dogme 95 und anderen Künstlergruppen sowie auf die Gedanken einzelner Künstler*innen, Architekt*innenn, Tänzer*innen und Filmemacher*innen. Durch Kürzung, Verdichtung und Kombination von Originaltexten aus verschiedenen Manifesten sind 13 sprechbare Textcollagen entstanden, die Rosefeldt von Menschen in der heutigen Arbeits- und Lebenswelt sprechen lässt. Cate Blanchett hat mit beeindruckender Wandlungsfähigkeit 13 sehr unterschiedliche Charaktere – u.a. eine Lehrerin, eine Puppenspielerin, eine Nachrichtensprecherin, eine Fabrikarbeiterin und einen Obdachlosen – verkörpert. Manifesto untersucht, ob die Aussagen und Gefühle dieser Manifeste, die mit Leidenschaft und Überzeugung verfasst wurden, die Zeit überdauert haben und ob sich die Dynamik zwischen Politik, Kunst und Leben verändert hat. Manifesto stellt Beziehungen zwischen Personen, zwischen gestern und heute, zwischen Kunst und Leben her.
In dem Video Post-Iron von Ksenia Yurkova werden die Beziehung von Mensch und Kultur/Historie sowie Fragen kultureller Verantwortung und deren Auswirkungen auf politische Prozesse angesprochen. Im Wechsel mit digital konstruierten, wissenschaftlich anmutenden Objekten sowie historisch und geopolitisch vorgeprägten Landschaften, die zudem nach dem Verhältnis von Mensch und Natur fragen, treten mehrere „Experten“ und Wissenschaftler auf. Diese sprechen über (nicht nur russische) Geschichte, Politik, die Beziehung zwischen Wissenschaft und Ideologie und Zukunftsvisionen. Zum einen sind das historische Personen, die durch Fotos und Stimmen aus dem Off mit Statements, die zum Teil aus dem utopischen Denken der frühen Sowjetzeit stammen, zu uns sprechen. Zum anderen sind das zeitgenössische Wissenschaftler, die zunächst ernst, kritisch, humanistisch oder fortschrittlich wirken, aber durch teils übertrieben und absurd wirkende Formulierungen unglaubwürdig wirken. Post-Iron ist eine politische, provokante Satire, die den „allwissenden“ Experten kritisch hinterfragt – eine Figur, die oft nicht zum Wissen beiträgt, sondern zu subversiver Affirmation und affektiver Verherrlichung verschwörerischer Narrative führen kann. (Petra Noll-Hammerstiel).
Barrierefrei zugänglich.
Veranstalterin: Fotogalerie Wien
Sponsored by: BMWKMS, MA7-Kultur, Cyberlab







