Vom Lufttänzer zum Experten

Offene Werkstatttore an einem Gebäude mit sichtbaren Werkzeugen und Werkbänken im Inneren

Vom Lufttänzer zum Experten

Arthus Weg bei WUK work.space

Die Geschichte eines Teilnehmers von WUK work.space zeigt, wie viel entstehen kann, wenn pädagogische Arbeit vom Zuhören ausgeht: Vertrauen entwickelt sich, neue Perspektiven öffnen sich und Veränderung wird möglich. Trainerin Stefanie Salzburger und Coach Sarah Schäffner von WUK work.space berichten aus ihrer Arbeit mit Jugendlichen und machen sichtbar, welche Kraft darin liegt, Menschen aufmerksam zuzuhören.

Lesezeit ca. 6 Minuten

Zuhören als Ausgangspunkt

In seiner Erfolgsgeschichte nennen wir ihn Arthus (Name geändert). Als Arthus im September 2023 bei uns begann, war er 15 Jahre alt. Er machte es uns leicht, ihn und seine Bedürfnisse kennenzulernen. Wir konnten uns darauf verlassen, was er sagte. Arthus wusste von Anfang an, was er nicht möchte. So klar, wie er in seiner Grenzsetzung war, so klar konnte er diese auch kommunizieren. Aufgrund seiner eindeutigen Haltung konnten wir uns gut mit Arthus austauschen und im Training sowie im Coaching herausfinden, was er mag und was nicht. Seine Behinderung wurde im alltäglichen Arbeitsgeschehen nicht als solche benannt. Das war auch nie notwendig. Für uns war er nicht Arthus mit Autismus, er war Arthus.

Als Arthus bei uns anfing, war er ruhig, wortkarg, ein stiller Beobachter. Er wirkte auf uns gedankenverloren, irgendwie abwesend und passiv. Die wenigen Worte, die er von sich gab, wurden kurz und schnell gesprochen. Arthus war von Anfang an ehrlich. Er sagte sofort und unmissverständlich, wenn er etwas nicht mochte. Blickkontakt vermied er beinahe zur Gänze. Meist stand er leicht gebückt, eher abseits der Gruppe. Arthus wirkte wie ein stolpernder Lufttänzer, wie diese langen Figuren, die durch Luftströme stoßartig aufgeblasen und so in zappelnde, unkoordinierte Bewegungen versetzt werden.

Drei Personen stehen um eine Sägebock mit einer Kettensäge und schneiden Holzstücke in einem Hof mit alten Gebäuden im Hintergrund
Person mit Schutzkleidung und Helm schlägt mit Vorschlaghammer auf eine teilweise eingestürzte Wand in einem Raum mit gelb-weiß gestrichenen Wänden

Training im future.design_lab am Zukunftshof

Der Zukunftshof in Rothneusiedel, dort wo das future.design_lab von WUK work.space seine Werkstatt hat, ist ein alter Gutshof aus dem 19.Jahrhundert. Unsere Tätigkeiten dort sind vielfältig: Grünraumpflege, Holzbau, Glasbautechnik, Kunsthandwerk, Sanierungsarbeiten, Veranstaltungsaufbau, etc. Im Training wird man dreckig, unsere Werkstatt wirkt chaotisch. Wir arbeiten das ganze Jahr über draußen: Im Winter ist es kalt, im Sommer ist es heiß, dazwischen fegt der Wind über den Hof. 

Die vorhandenen Rückzugsorte sind wetterabhängig. Noch dazu ist der Zukunftshof schwierig zu erreichen. Das weitläufige Gelände fordert von den Teilnehmer*innen ein hohes Maß an Selbstorganisation und für die vorherrschenden Arbeitsbedingungen ein gewisses Durchhaltevermögen. Während der langen Zeit, die Arthus bei WUK work.space war, wechselten die Trainer*innen, veränderten sich die Strukturen, es entstanden laufend neue Baustellen oder Arbeitsorte. Arthus teilte mit, dass er damit Probleme hatte. Es fiel ihm zudem schwer, sich vorzustellen, dass er 3 Jahre in einem Lehrberuf verbringen soll. Und wenn ja, in welchem überhaupt?

Individuelle Bedürfnisse ernst nehmen

Jede*r Teilnehmer*in bei WUK work.space hat unterschiedliche Bedürfnisse. Ziel ist die Balance zwischen den Bedürfnissen der Gruppe und der Entfaltung jeder*jedes Einzelnen. In Arthus Fall bedeutete das, im Coaching auf andere Gesprächssettings auszuweichen: Mehrere Termine, dafür kürzer. Besonders wichtige Themen wurden beim „Walk and Talk“ am Zukunftshof besprochen, um ihm die Möglichkeit zu geben, freier, also ohne Blickkontakt, zu sprechen.

Beim ersten Coaching-Termin nach seinem Einstieg fiel auf, dass es ihn irritierte, auf einem Stuhl zu sitzen, der keine durchgängige Rückenlehne hat und er sich dadurch nicht auf das Gesagte konzentrieren konnte. Durch ein einfaches Austauschen der Sitzgelegenheit konnte die die Situation an seine Bedürfnisse angepasst werden.

Arthus war es sehr wichtig, mehrere Berufsbilder kennenzulernen, um sich entscheiden zu können. Im Coaching sowie im Training erhielt er genug Zeit, sich umzusehen. Eine parallele Begleitung durch die Jugendarbeitsassistenz und das Erwirken eines Nachteilsausgleichs für die Berufsschule waren wichtige Bausteine für seinen Übergang in die verlängerte Lehre. Der Kontakt zu Arthurs Vater war während seiner gesamten Teilnahme bei WUK work.space immer aufrecht, beschränkte sich jedoch auf organisatorische Themen. 

Zwei Personen gehen auf einem Kiesweg neben einem Gebäude mit roten Ziegeln und Graffiti an der Tür
Zwei Personen arbeiten an einem alten Fensterrahmen auf einer Werkbank in einer Werkstatt

Stärken entdecken

Im Training bewies Arthus von Anfang an eine beneidenswerte Geduld mit dem Material, dem Werkzeug und vor allem mit sich selbst. Er arbeitete sehr genau und hatte einen Blick für die Details. Wir haben ihn nie als wütend oder ungehalten wahrgenommen. Arthus war neugierig und wurde von Monat zu Monat mutiger. Er war offen für Unbekanntes. Diese Offenheit und sein positiver Umgang mit seinen Fehlern und seinem Scheitern empfanden wir als seine größte Stärke. 

Wir hatten den Eindruck, dass die Gruppe ihm den nötigen Rückzugsort und Schutzraum bot. Und über die Monate hinweg stand er nicht mehr daneben, sondern als Teil der Gruppe auf den Baustellen. 

Er klopfte Betonputz von den Wänden, reparierte Fahrräder, bearbeitete Holz, restaurierte Fenster, baute eine Pergola, rechnete Mathelektionen, schrieb Texte für die Webseite des WUK, schwang den Vorschlaghammer und riss Mauern ein, sprach Videotexte für Instagram, philosophierte, führte im Museum Bildanalysen durch, boxte, testete den Hochseilgarten aus und stand beim Eislaufen immer wieder auf und fuhr weiter.

Drei Personen in Warnwesten und Arbeitskleidung reinigen und sortieren Ziegelsteine auf einem Hof mit Backsteinmauer und blauer Metalltür
Mehrere Personen stehen und sitzen um ein kleines Feuer in einer Feuerschale vor einem Backsteingebäude

Der Weg in die Tischlerlehre

Vor allem Zeit ist es, die solche Erfolgsgeschichten überhaupt ermöglicht. Die Zeit  ist der Gamechanger in der Erfolgsgeschichte von Arthus. Zwei Jahre war er bei uns am Zukunftshof und bekam den Raum sowie das Vertrauen, das er brauchte, um sich zu entfalten und zu wachsen. Er durfte sich in seinem eigenen Tempo entwickeln. Trainer*innen und Coaches hörten ihm zu und machten ihm immer wieder Angebote. Entschieden aber hat er. Durch ständige Wiederholungen im Training und einer Regelmäßigkeit, vor allem im Umgang mit Holz, sowie einer bedürfnisorientierten reflexiven Begleitung im Coaching, konnte Arthus seinen Traumberuf als Tischler finden.

Als wir Arthus, mit 18 Jahren, im Oktober 2025 in seine überbetriebliche, verlängerte Tischlerlehre verabschiedeten, hatte er den Expert*innenstatus unter seinen Kolleg*innen im future.design_lab erreicht. Er hat seine Stimme entdeckt. Er redete viel. Scherzte. Antwortete als erster auf Fragen, konnte mit Unregelmäßigkeiten im Training oder sich verändernden Strukturen umgehen. Er stand aufrecht, hielt Blickkontakt und war ein wesentlicher Teil der Gemeinschaft. 

Arthus neu gewonnenes Selbstbewusstsein und Sicherheit wirkte über den Zukunftshof hinaus und zeigte sich auch in seinem privaten Umfeld. Er redete mehr mit seinen Geschwistern, übernahm Tätigkeiten im Haushalt und fing an, von sich zu erzählen.

Gruppe von Menschen mit Schneeschaufeln in einem schneebedeckten Hof vor Gebäuden
Zwei Personen in Winterkleidung stehen an einem Feuer in einer runden Feuerschale vor Backsteingebäuden

Beim Abschiedsgrillen am Zukunftshof erzählten wir Arthus, was wir von ihm in den letzten zwei Jahren lernen durften und was wir ihm für seinen weiteren Lebensweg wünschen. Arthus erzählte uns, was er gelernt hat: Ich weiß jetzt, dass ich etwas lernen kann!

 

Text: Stefanie Salzburger (Trainerin WUK work.space) und Sarah Schäffner (Coach WUK work.space)
Fotos: WUK work.space

Das WUK am Zukunftshof

Das WUK bringt sich am Zukunftshof sowohl als Träger von Bildungs- und Beratungsangeboten als auch mit seiner Expertise im Kulturbereich ein. Während benachteiligte Jugendliche ihre Kompetenzen in einem realitätsnahen Arbeitsumfeld erweitern können, ermöglichen Künstler_innenresidenzen der Kunsthalle Exnergasse seit 2020 eine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit Stadtlandwirtschaft und nachhaltiger Stadtentwicklung.

www.wuk.at/wuk-am-zukunftshof
www.zukunftshof.at

ZU HÖREN

In einer Kultur der permanenten Artikulation, während Worte sich vervielfältigen und Aufmerksamkeit sich verknappt, macht das WUK ZU HÖREN zum Jahresthema: Zuhören als Kulturtechnik, als Akt der Verlangsamung, als Mittel der Inklusion, als Anerkennung des Andern, als subversiver Akt, als Band zwischen den Unterschieden und als demokratische Praxis. Denn wer zuhört, verzichtet auf Vorherrschaft. 

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