Mit den Augen hören

Vier stilisierte Köpfe mit unterschiedlichen Frisuren und Hautstrukturen vor rosa Hintergrund
© Lisa-Marie Lehner

Mit den Augen hören

Zuhören ist weit mehr als das Verstehen von Worten. In diesem Text zeigt Lisa-Marie Lehner vom Magazin andererseits, wie Kommunikation über Hände, Blicke, Mimik und Berührung entsteht – und warum Hören auch mit den Augen und dem ganzen Körper stattfinden kann. Ein persönlicher Text über Gebärdensprache, Gehörlosenkultur und die vielen Facetten von Nähe und Verständigung.

Lesezeit: ca. 5 Minuten

Auch wenn in „Zuhören“ das Wort Hören steckt, bedeutet dieser Begriff weit mehr als auditives Verstehen. Zuhören schafft Verbindung. Lisa-Marie Lehner von andererseits, dem Magazin für Behinderung und Gesellschaft, widmet sich in dieser Ausgabe dem Hören und Sprechen mit dem ganzen Körper.

ÖGS: Hände, Mimik, Blicke und Haltung

Wie hören wir eigentlich zu? Und welche Formen des Zuhörens gibt es jenseits der akustischen Norm? Ich bin von Geburt an hochgradig schwerhörig und stark auf visuelle Informationen angewiesen. Meine Hörgeräte teilen meinen Alltag in eine stille und eine laute Welt. Zuhören kann nicht nur akustisch, sondern auch visuell stattfinden. Und auch Sprache existiert in dieser Form: der Gebärdensprache. 

Der Österreichische Verband der Dolmetscher*innen und Übersetzer*innen für ÖGS und Deutsch (ÖGSDV) beschreibt die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) als eine eigenständige, linguistisch vollwertige Sprache. Sie hat eine eigene Grammatik, die sich von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Wie andere Gebärdensprachen hat sie sich unabhängig von der Lautsprache entwickelt und nutzt neben Handformen auch Mimik, Blickrichtung und Körperhaltung als Form der Kommunikation. 

Gebärdensprachen sind nicht gleich. So unterscheidet sich ÖGS sowohl von der Deutschen Gebärdensprache als auch von anderen internationalen Gebärdensprachen. Aber auch innerhalb Österreichs gibt es regional geprägte Dialekte. In Österreich nutzen etwa 8.000 bis 10.000 Menschen ÖGS.  

Eine Form von ÖGS sind taktile Gebärden. Diese Art der Kommunikation basiert auf den Strukturen der Gebärdensprache. Dabei stehen Gesprächspartner*innen jedoch in ständigem Hautkontakt. Diese Sprache kann zum Beispiel von Menschen mit Hör-Sehbehinderungen genutzt werden. 

Hören bedeutet also nicht nur, auf visuelle oder akustische Signale zu achten, sondern kann auch über Berührung stattfinden.
 

Nicht selbstverständlich

Dass ÖGS heute sichtbar gelebt und verwendet wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Über viele Jahrzehnte hinweg wurde die Gebärdensprache nicht als vollwertige Sprache anerkannt. Nach dem Mailänder Kongress von 1880 wurde beschlossen, dass gehörlose Kinder ausschließlich mit Lautsprache unterrichtet werden sollten – also sprechen mit dem Mund und Lippenlesen. Das nennt man Oralismus. 

Die Anpassung an die hörende Gesellschaft gilt vielerorts weiterhin als Norm. Dafür gibt es einen Begriff: Audismus.  Er beschreibt die Abwertung der Gehörlosenkultur sowie der Gebärdensprache durch Hörende.

Erst 2005 wurde die Österreichische Gebärdensprache in der Bundesverfassung anerkannt und damit sprachlich sowie rechtlich gewürdigt. Einen wichtigen Beitrag zu der späten Anerkennung leisteten Gehörlosen- und Behindertenorganisationen sowie Forscher*innen. Die Anerkennung gilt als wichtiger Meilenstein für die Gleichstellung gehörloser Menschen und die Sichtbarkeit ihrer Sprache und Kultur.
 

Deaf Culture

Die österreichische Gebärdensprache ist eng mit der Kultur gehörloser Menschen verbunden. Dafür gibt es den Begriff „Deaf Culture“, auf Deutsch Gehörlosenkultur. Für viele gehörlose Menschen ist ÖGS nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern Teil einer gemeinsamen sprachlichen und kulturellen Identität.

Diese Kultur zeigt sich in Vereinen, Veranstaltungen und im Alltag, aber auch in künstlerischen Ausdrucksformen, wie zum Beispiel Gebärdensprachpoesie, Theaterstücke oder Visual Vernacular, in denen Geschichten über Bewegung, Mimik und den Einsatz des Körpers erzählt werden. Die Sprache selbst wird dabei zum künstlerischen Ausdrucksmittel. Dabei geht es nicht nur um Sichtbarkeit, sondern auch um Selbstbestimmung. Gehörlose Menschen gestalten kulturelle Räume und Produktionen aktiv mit. 

Diese kulturelle Bedeutung wurde auch offiziell anerkannt. Im Jahr 2013 wurde die Österreichische Gebärdensprache in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Österreich aufgenommen.
 

Ich höre mit meinen Augen

Ich selbst spreche keine ÖGS. Deshalb kann ich nicht darüber schreiben, was Hören, Kommunikation oder Teilhabe für Menschen bedeuten, die mit ÖGS leben und kommunizieren. Mein Zugang zum Hören ist der einer schwerhörigen Frau, die Lautsprache nutzt. 

Aber auch für mich ist Hören nicht selbstverständlich. Ohne Hörgeräte nehme ich Stimmen nur sehr dumpf wahr. Auch mit technischen Hilfsmitteln bedeutet Hören für mich mehr als die Wahrnehmung von Schallwellen: Ich lese Lippen und orientiere mich stark an der Mimik und Körpersprache. Wenn ich ein Gesicht nicht sehe, kann ich nicht gut zuhören. 

Ich nutze ausschließlich Lautsprache und erlebe täglich Kommunikationsbarrieren. Für lange Zeit bedeutete hören für mich, meine Kommunikationsbarrieren zu verstecken. Ich übernahm die Verantwortung für Missverständnisse und Gesprächslücken, weil ich mich für meine Schwerhörigkeit schämte. Mir war es wichtig, dem anderen das Gefühl zu geben, verstanden zu werden, auch wenn ich selbst nicht alles verstand. Für mich war das lange Zeit der Maßstab, an dem ich ein Gespräch für gelungen fand. Aber das ist nicht zuhören. Das ist Lücken-Füllen. 
 

Zuhören bedeutet vertrauen

Ich muss mich an neue Stimmen gewöhnen. Ich habe bemerkt, dass das schneller passiert, wenn ich das Gefühl habe, der Person vertrauen zu können. 

Zuhören ist Vertrauen. Und Vertrauen ist für mich ein Körpergefühl. Wenn eine Person einen Satz wiederholt, ohne mir das Gefühl zu geben, dass das eine Last für sie ist. Oder wenn ich im Auto gefragt werde, wo ich sitzen möchte, um bestmöglich zu verstehen. Das sind kleine Gesten, die mir viel bedeuten. 

Zuhören ist so viel mehr als auditives Verstehen. Es bedeutet zu spüren, sich einem Gegenüber anzunehmen. Ein Lachen, die kleinen Fältchen an den Augen. Was eine Person sagt und was sie meint, ist nicht immer dasselbe. Es ist eine Form der Intimität, die uns erlaubt, uns gegenseitig zu halten. Zuhören schafft Nähe und zeigt gleichzeitig, wie viel wir über unseren Körper transportieren. Da ich Menschen von Kind auf genau beobachten musste, kann ich sie lesen. Wenn es jemandem nicht gut geht, spüre ich das schnell. Wenn ein Gesicht weich wird, sickert Glück nach oben. Denn die Sprache wohnt im Körper und ein Körper spricht Sprache. Eine Körper-Sprache. 
 

Text: Lisa-Marie Lehner, geboren 1998, schreibt journalistische und literarische Texte. Bei andererseits macht sie Illustrationen und arbeitet als Autorin.
andererseits ist ein Magazin für Behinderung und Gesellschaft. Menschen mit und ohne Behinderung machen den Journalismus, der fehlt. andererseits hilft, Behinderungen zu verstehen und deckt Missstände rund um das Thema auf. 
 

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ZU HÖREN

In einer Kultur der permanenten Artikulation, während Worte sich vervielfältigen und Aufmerksamkeit sich verknappt, macht das WUK ZU HÖREN zum Jahresthema: Zuhören als Kulturtechnik, als Akt der Verlangsamung, als Mittel der Inklusion, als Anerkennung des Andern, als subversiver Akt, als Band zwischen den Unterschieden und als demokratische Praxis. Denn wer zuhört, verzichtet auf Vorherrschaft. 

Beiträge aus dem WUK Magazin

schwarzes Feld mit weißen sich überschneidenden, an den Seiten offenen Kreisen, darin stehen die Worte ZU HÖREN Artikel lesen

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