Erst zu zweit sind wir ein Mensch

Erst zu zweit sind wir ein Mensch

Susanna Rade sprach mit Shahpar Mattapour, Tahoora Booyoot und Niloufar Farahmand, alle drei Ehrenamtliche des Verein Iranisches Kulturhaus – Haus des Buches im WUK. Enstanden sind Portraits dreier Frauen, die ein Bild von Frauen im Iran und die Gründe für ihre Emigration vermitteln.

Shahpar

Shahpar ist seit ihrer Jugend ein aktiver, politischer Mensch - zunächst Klassensprecherin, mit 14 Jahren Schulsprecherin, mit 15 Schülersprecherin ihrer Stadt Sanandadsch.

Während der Revolution 1979 beteiligt sich Shahpar am Kampf gegen die Schah-Diktatur, organisiert, demonstriert, kämpfte für ein demokratisches Iran, das auch die Stellung der Frauen verbessern soll.
Die Familie ist besorgt, akzeptiert aber die politische Arbeit ihrer Tochter, unterstützen sie. „Meine Familie war frei.“, sagt Shahpar. „Ich war ein freier Mensch und hatte als Mädchen zu Hause keine Probleme.“ 

Der Regimewechsel kam, brachte aber mit dem Islamischen Staat eine Diktatur, schlimmer als die vorige. Frauenrechte gab es keine mehr.
Shahpar kämpfte weiter, wurde verhaftet, zum Tode verurteilt, verbrachte zwei Jahre, zwischen 19 und 21, in iranischen Gefängnissen, im Zuge einer kurzfristigen Justizliberalisierung kam Shahpar frei, stand aber ab sofort unter Kontrolle von Polizei und Geheimdienst. An ein normales Leben war nicht mehr zu denken, sie wird schikaniert, in ihrer Entwicklung blockiert, nicht zum Studium zugelassen, findet keinen Job. Als sie hört, dass „die Alten“ wieder verhaftet werden sollen, kann sie nicht mehr. 1991 flieht sie, 28 Jahre alt, nach Österreich.

Das erste Jahr war bestimmt von Schock und Trauer. Shahpar war in Sicherheit. Sie hatte aber auch ihr Land, ihre Familie verlassen müssen. Hinzu kam der kulturelle Schock – der Sprung von Teheran, einer 17 Millionen Stadt, nach Vöcklabruck. „Jeden Tag habe ich mich gefragt: Was ist das hier? Was mach ich hier?“
„Im persönlichen Umfeld war ich im Iran, bin ich in Österreich frei. Ich bin hier und dort der gleiche Mensch.“ Aber im öffentlichen Leben war alles anders – kein Druck, keine Gewalt, keine frauenfeindlichen Gesetze. Shahpar konnte die Bücher lesen, die sie wollte, über Themen reden und Meinungen äußern, die ihr wichtig waren, Kleider tragen, die ihr gefielen. Und sowie Shahpar nutzen die Iranerinnen hier ihre Chancen, sind erfolgreich, gut ausgebildet, haben gute Jobs.

Tahoora

Die Einschränkungen von Frauen im Iran sind allumfassend. Viele davon sind Gesetz. Sie dürfen nicht alleine reisen, nicht entscheiden, was sie anziehen, für welches Studium sie sich anmelden oder Fußball schauen. Sie können ihren Mann nicht frei wählen. Ohne Vater, Bruder oder Mann wird eine Frau nicht wertgeschätzt. Nur mit deren Zustimmung darf sie arbeiten. Über ihren Verdienst entscheidet der Mann. Frauen können nicht Richterinnen werden, eine Zeugin alleine gilt nicht, es braucht zwei Frauen, um vor Gericht etwas zu bezeugen. „Erst zu zweit sind wir ein Mensch.“, sagt Tahoora.

So konnte und wollte Tahoora nicht mehr leben. Seit zwei Jahren in Österreich, konnte sie sich einen großen Wunsch erfüllen: den Internationalen Frauentag öffentlich zu feiern. Verblasst für uns die Bedeutung des 8. März, so ist dieser Tag für die Frauen im Iran von eminenter Wichtigkeit. Wollten sie am 8. März auf die Rechte von Frauen hinweisen, drohte ihnen unweigerlich die Verhaftung. Tahoora hat in den vergangenen zwei Jahren als Moderatorin durch das große Fest des Iranischen Kulturhauses zum 8. März im WUK geleite. Heuer kamen 300 Gäste.

Niloufar

Niloufar hat im Iran Filmregie und Schnitt studiert und als eine der wenigen Frauen in diesem Bereich gearbeitet. Film war und ist für sie ein Mittel, über die Gesellschaft nachzudenken, Kritik zu üben, zu verändern.
Der Zwang zur Jungfernschaft, eine Frage, die sie schon als junges Mädchen beschäftigt hat, war Thema von Niloufars erstem, selbst produziertem Film. Selbstverständlich durfte der Film nicht gezeigt werden.

Das islamische Regime hat viel zerstört, dennoch konnten sich Inseln der Freiheit, kleine Communities, in denen Frauen anders gesehen werden, in denen ein offenes, freies Denken möglich ist, erhalten. Filme, wie diese, sind möglich, weil die Gesellschaft als Ganzes weder so rückschrittlich noch so religiös ist wie das Regime.  Das eigene Leben, wie das von Niloufar, zerfällt häufig in ein privates Sein und das öffentliche, der offiziellen Doktrin entsprechende. Niloufar ist in einer liberalen, nicht religiösen Familie aufgewachsen. Draußen, in der Schule, im Studium, bei der Arbeit muss sie so tun, als ob sie, ihre Familie religiöse Moslems sind, zu Hause, mit ihrem Freund ist der Umgang frei und gleichberechtigt. Verleugnen, lügen – das macht krank, zermürbt.

Es sind existentielle Gründe, die Niloufar bewegen zu emigrieren: Frei arbeiten können und nicht mehr lügen müssen. Sie ist sich des Glückes bewusst, hier ohne diese psychischen Belastungen leben zu können, aber sie weiß auch, dass im Iran Millionen diesen weiter ausgesetzt sind.

Shahpar, Tahoora und Niloufar arbeiten ehrenamtlich im Verein Iranisches Kulturhaus – Haus des Buches im WUK. Der Verein betreibt eine persische Exil-Bibliothek und bietet ein engagiertes Kulturprogramm.

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

Artikel lesen

Blau ist keine warme Farbe

Reflexionen über das vorherrschende politische Farbspektrum Österreichs.

Ich stimme zu, dass diese Seite Cookies für Analysen verwendet. Mehr erfahren.