Keine Volksschule für Erwachsene

Mann auf einem Feld von hinten. Er hebt die Arme, Freiheitsgefühl.
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Keine Volksschule für Erwachsene

Politik und Wirtschaft sehen in Deutsch- und Wertekursen die Lösung vieler Probleme. Menschen hingegen wollen Bildung. Basisbildung.
Text von Angelika Hrubesch

Rund 1 Million der in Österreich lebenden Erwachsenen (16- bis 65-Jährige) können nicht gut lesen! Regelmäßige mediale Aufschreie darüber ähneln der Aufregung über die aktuellen Masernausbrüche. Es wird dann von „funktionalen Analphabet_innen“ gesprochen, von Menschen, die zwar die Schule besucht haben, aber die nicht über eine „grundlegende Lesekompetenz“ hinauskommen, also den Sinn selbst kürzerer Texte nicht erfassen können. Sie können die schriftlichen Anforderungen des Alltags bzw. des Arbeitsplatzes nicht erfüllen, sie „funktionieren“ nicht so wie es von ihnen erwartet wird.

Dazu kommen Menschen, die nie eine Schule besuchen konnten oder nur so kurz bzw. unterbrochen, dass sie überhaupt keine Lesekompetenz erlangen konnten (oft „primäre Analphabet_innen“ genannt). In Österreich lebend sind das vielfach Migrant_innen, die in ihren Herkunftsländern keine Schulen besuchen konnten.

Von „Bildungspflicht“ ist dann schnell die Rede, von den Migrant_innen, die nicht ordentlich Deutsch können und Österreich deshalb in den internationalen Studien schlecht aussehen lassen. Von „Humankapital“, das verloren geht und davon, was es uns kostet, wenn diese Leute nicht arbeiten.

Von Selektionsmechanismen in der Schule, Eselsbänken und z. B. Sonderschulversetzungen redet hingegen kaum jemand – vielmehr wird suggeriert, es seien die Nicht-Aufpasser_innen, die Schwätzer_innen, die „Bildungsfernen“, die – eh klar – nach neun Schuljahren immer noch nicht lesen können.

Interessanterweise sind die Gründe für das Nicht-Erlangen einer ausreichenden Lesekompetenz ähnlich, egal, ob eine Schule besucht wurde oder nicht: Es sind beispielsweise Armut, strukturelle Gewalt, Benachteiligungen und Selektion im Schulsystem, die zu Analphabetismus führen – meist also eben nicht Krankheit, Faulheit oder andere individuelle Faktoren!

„Betroffenheit“ – das ist übrigens so eine Sache. Über „Analphabetismus“ wird tatsächlich ein bisschen so wie über Masern geredet und geschrieben. Oder wie über ein Verbrechen. Die, die er „betrifft“ müssen davon geheilt oder zur Schrift bekehrt werden, scheint es. Dabei wissen wir, dass Menschen mit geringer Lesekompetenz erfolgreich im Berufsleben stehen und bestens integriert sein können. Ein direkter Zusammenhang zwischen Basisbildungsbedarf und Arbeitslosigkeit ist ebenso wenig nachweisbar wie einer zwischen Bildungsgrad und „Integrationsbereitschaft“. Richtig ist aber jedenfalls, dass Menschen mit Basisbildungsbedarf häufig mit Benachteiligungen konfrontiert sind. Das kann schon betroffen machen.

Bildung ist mehr als Lesen und Schreiben

In Österreich sind wir in Fachkreisen – abseits vom medialen Diskurs – schon lange dazu übergegangen, nicht von „Analphabetismus“ zu sprechen und damit Menschen über ihre Defizite zu beschreiben, sondern den Begriff der Basisbildung zu verwenden, dem emanzipatorische Konzepte zugrunde liegen. In Abgrenzung zu einer Vorstellung von Bildungsarbeit, deren Ziel es ist, Menschen innerhalb einer bestehenden Ordnung „funktionierend“ zu machen, fokussiert Basisbildung „auf soziale, demokratische, teilhabende, selbstkritische und kritisch handlungsorientierte Dimensionen des Lebens.“

Das Lesen- und Schreibenlernen ist genauso komplex wie es die Anforderungen unserer Gesellschaft sind. Jemand kann vielleicht Zeitung lesen, aber keinen Roman. Eine andere schreibt Tagebuch, aber wendet keine Rechtschreibregeln an. Der dritte kann Kopfrechnen, aber diese Rechengänge nicht aufschreiben. Alle sind erwachsen. Sie leben in Österreich. Selbstständig. Die einen ziehen Kinder groß, die meisten arbeiten, sie konsumieren, zahlen Miete und Steuern, manche sind politisch aktiv.

Lernen statt belehrt werden

Lernangebote für Basisbildung müssen so vielfältig sein wie die Menschen, die sie besuchen. Es kann kein Curriculum geben, das bei A beginnt und bei Z endet. Die Basisbildung ist keine Volksschule für Erwachsene. Erwachsene Teilnehmer_innen verbinden mit dem Besuch von Basisbildungskursen ganz unterschiedliche Ziele: Sie wollen ihren Kindern bei den Hausübungen helfen, weiterführende Kurse besuchen oder Schulabschlüsse nachholen, möchten Amts- und Postwege souverän – und angstfrei – erledigen oder „einfach nur lesen lernen“.

Ein einheitlicher „Deutsch- und Wertekurs“ (mit Abschlussprüfung, die über den Aufenthaltstitel oder die Höhe der Mindestsicherung entscheidet) kann auf diese unterschiedlichen Lernbedürfnisse nicht reagieren. Die Teilnehmer_innen sind kein unbeschriebenes Blatt Papier, auf das „wir“ uns – mit unserem Alphabet, unseren Sichtweisen und neuerdings auch mit unseren „Werten“ – einschreiben könnten. Von einem autoritären Verständnis von Bildung mit strengen Vorgaben und einer Orientierung an den Defiziten der Lernenden grenzt sich die Basisbildung ab. Lernangebote wollen einen Rahmen bieten in dem die individuellen Stärken der Lernenden im Zentrum stehen und vorhandene Kompetenzen sichtbar und erweitert werden.

„Basisbildungsarbeit ermöglicht Weltoffenheit und Bewusstsein für Transkulturalität und lässt gesellschaftliche Ausschlussmechanismen und Diskriminierung erkennen sowie kritisch reflektieren. Sie fördert die aktive Mitwirkung in der Gesellschaft. Sie ermutigt die Einzelnen, die Welt mitzugestalten und zu verändern, anstatt ‚nur‘ in der Welt zu leben.“

Angelika Hrubesch leitet das AlfaZentrum für MigrantInnen im lernraum.wien der Wiener Volkshochschulen (www.lernraum.at) und ist in der Aus- und Weiterbildung von Basisbildner_innen tätig.

Alle Zitate aus: Fachgruppe Basisbildung: Prinzipien und Richtlinien für Basisbildungsangebote. Hg. vom BMB, Wien 2017 (www.initiative-erwachsenenbildung.at)

Basisbildung im WUK

Im Rahmen des Netzwerkprojekts Start Wien – das Jugendcollege bietet das WUK bereits seit 2016 Basisbildung an. Am 14. Jänner 2019 startete nun auch der erste Kurs von WUK construct – Basisbildungskurs für Jugendliche und junge Erwachsene. Das Angebot richtet sich besonders an geflüchtete Menschen ab 16 Jahren, die in weiterer Folge einen Pflichtschulabschlusskurs besuchen wollen. Durch Kleingruppen (6 bis 8 Personen) und einen modularen Aufbau kann individuell auf die Kompetenzen und Ziele der Teilnehmer_innen eingegangen werden.

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