Die Zirkuskunst erfindet sich neu!

Die Zirkuskunst erfindet sich neu!

Ein Kampf um die Anerkennung der zeitgenössischen Zirkuskunst

Der zeitgenössische Zirkus ist zu einer vielschichtigen Kunstform gereift, die mit dem klassischen Zirkus nur noch eines gemein hat: die Techniken. Im Fokus steht das Weiterentwickeln und Rekontextualisieren der Zirkustechniken. Abendfüllende Aufführungen mit nur einer Technik (statt wie früher ein buntes Potpourri), persönliche und politische Statements, ortsspezifische Performances oder Installationen sind immer öfter in der Zirkuslandschaft anzutreffen.
Ein Beitrag von Arne Mannott

Zeitgenössisch ist heutzutage ein fast schon inflationär benutztes Wort, allen voran in den darstellenden Künsten. Dass dieses Prädikat aber manchmal ungemein wichtig sein kann, insbesondere für eine positive Abgrenzung, das zeigt sich momentan in der Zirkuskunst. Diese hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, indem sie eifrig die Dekonstruktion der klassischen Zirkusklischees vorangetrieben und die Diskussion über eine Neuformulierung geöffnet hat. Der zeitgenössische Zirkus ist zu einer vielschichtigen Kunstform gereift, die mit dem klassischen Zirkus nur noch eines gemein hat: die Techniken. Im traditionellen Zirkus ging es um das möglichst imposante Präsentieren von zirzensischen Tricks wie Akrobatik oder Jonglage. Später machte sich dies der modernere Zirkus zu eigen und erzählte erstmals ganze Geschichten mit Hilfe der Techniken (bekanntestes Beispiel hierfür ist wohl der cirque du soleil). Heutzutage, in der noch weiter entwickelten zeitgenössischen Ausprägung, beschäftigen sich Zirkuskünstler_innen hauptsächlich mit der Verknüpfung der Techniken mit anderen Kunstformen (Tanz, Bildende Kunst, Medienkunst etc.) und bedienen sich hierfür der szenografischen Elemente und dramaturgischen Herangehensweisen aus artverwandten Feldern wie dem Tanz oder der Performancekunst. Im Fokus steht das Weiterentwickeln und Rekontextualisieren der Zirkustechniken. Abendfüllende Aufführungen mit nur einer Technik (statt wie früher ein buntes Potpourri), persönliche und politische Statements, ortsspezifische Performances oder Installationen sind immer öfter in der Zirkuslandschaft anzutreffen. Kurzum: Die Zirkuskunst erfindet sich neu!

In Österreich hat der Zirkus eigentlich eine berühmte Geschichte, befand sich doch einer der damals bekanntesten Zirkusse Europas, der Zirkus Renz, in der Zirkusgasse in Wien. Die, in den letzten Jahrzehnten auf internationaler Ebene stattgefundene Entwicklung zur zeitgenössischen Zirkuskunst wurde dann aber doch lange verschlafen. Um hier Abhilfe zu schaffen wurde vor drei Jahren die Einführung einer eigenen Förderschiene auf Bundesebene für zeitgenössischen Zirkus erkämpft. Dies führt in positiver Konsequenz dazu, dass vermehrt Zirkusstücke produziert werden und die Zirkuskunst mehr Sichtbarkeit erhält. Die übersichtliche und gut vernetzte Szene bekommt Aufwind, setzt sich für ihre Belange ein und kooperiert stark mit anderen Künsten. So arbeitete z.B. die Künstlerin Florinda Fürst für ihre letzte Kreation „IGOR“ mit einem Musiker zusammen und stellte die Erforschung von choreographischer und musikalischer Parallelität in den Vordergrund. Die aus Salzburg stammende Künstlerin hat in Italien Zirkuskunst studiert und sich dort auf das sogenannte Cyrwheel spezialisiert, ein akrobatisches Gerät ähnlich dem Rhönrad, aber mit nur einem Ring. In weiterer Folge ihrer Recherche wurde das Objekt zerlegt und in installativen Formaten, zusammen mit anderen Materialien, wiederverwendet. Die Künstlerin entfernt sich somit auf ihre ganz persönliche Weise von der technischen Leistungsschau sowie dem Spektakel und findet eine Antwort darauf, was Zirkus für sie bedeutet und wie sie sich in eine neuartige Beziehung zu ihrem Cyrwheel setzen kann.

Ohne zwingenden Fokus auf das Spektakuläre kommt auch das Künstler_innenkollektiv Dadazirkus aus. Die Gruppe rund um Arno Uhl und André Reitter tourt mittlerweile erfolgreich mit ihrem Stück „Picknick for one“ durch Österreich. Was das Stück so eigen macht ist die Verbindung von zirzenischer Ausdrucksqualität und Theatralität. Ganz ohne dummer-August-Attitüden werden komische Szenen kreiert und gesellschaftliche Konventionen hinterfragt. Sie stellen dabei ihre Akrobatik in einen größeren Rahmen und verhandeln das menschliche Zusammenleben auf absurd-groteske Weise. Bei dem Künstler_innenduo Christiane Hapt und Sebastian Berger hingegen dreht sich alles um die Objekte: Ihr Spezialgebiet ist die sogenannte Objektmanipulation (Szene-Sprech für zeitgenössische Jonglage). Vereinfacht gesagt erforschen sie die Weiterentwicklung der Jonglage und beweisen mit ihren Stücken, dass Jonglage (bzw. Objektmanipulation) nicht bedeutet, dass permanent Gegenstände in die Luft geworfen werden müssen, sondern - in Überschneidung mit Bewegung, Objekttheater und Performance - eine eigene Kategorie im Bereich des zeitgenössischen Zirkus darstellt. Das Duo nimmt aufgrund ihrer zehnjährigen professionellen Tätigkeit eine besondere Position in der österreichischen Zirkuslandschaft ein. Mit der Förderung des Bundes ist es nun auch für sie möglich geworden, abendfüllende Stücke zu produzieren und Experimente zu wagen. Ihre jüngste Kreation „Trust in time.inc“ gestaltet sich als anspruchsvolle Performance und wurde von einigen Theaterhäusern in Österreich programmiert. Wenn auch langsam, so erlangt die zeitgenössische Zirkuskunst hierzulande doch mehr Bekanntheit und stößt nicht mehr nur auf verschlossene Türen.

Dass diese Türen zu neuen Räumen aber mehr werden müssen, das bleibt unausweichlich. Raum, Zeit und Geld bilden bekanntermaßen die Stützen einer jeden Produktion im darstellenden Bereich. Auch wenn sich die Produktionslogiken im Zirkusbereich derjenigen bereits etablierterer Künste angleichen, so ist doch das besondere Bedürfnis nach Raum nicht zu vernachlässigen: Ein Cyrwheel, Akrobatik und Jonglage lassen sich unter Umständen noch in einem Tanzstudio unterbringen, spätestens bei Luftakrobatik (Seil, Trapez etc.) braucht es jedoch einen hohen Raum mit speziellen Aufhängungen. Darüber hinaus benötigen die Künstler_innen ebenso Raum zum Trainieren, zum Kreieren, zum Austauschen, zum Forschen (Residenzen) und natürlich zum Auftreten (Ko-Produktionen, Programmierungen durch Theaterhäuser etc.). Dornbirn und Salzburg gehen hier mit der Eröffnung ihrer Zirkuszentren mit gutem Beispiel voran und bringen Bewegung in die österreichische Zirkuslandschaft. Die beiden Städte bzw. die sich jahrelang starkmachenden Personen und Vereine reagieren damit auf die Bedürfnisse der lokalen Szenen und stellen Weichen für eine spannende Zukunft. Versuche zur Eröffnung eines Zentrums für die freie Zirkusszene in Wien sind bislang leider an zu hohen Hürden gescheitert. Dabei könnte sich Wien zu einem spannenden Cluster für die Zirkuskunst entwickeln, da der Großteil der freien Szene in der Hauptstadt lebt. Dass es soweit kommt, dafür werden aber sowohl noch viele kulturpolitische Anstrengungen von der Zirkusszene als auch Schattensprünge von (politisch) Verantwortlichen nötig sein. Aus unerklärlichen (und auch nicht kommunizierten) Gründen weigert sich die Stadt Wien bspw. nach wie vor, Projekte und Kreationen mit zirzensischen Inhalten zu fördern. Eine Begründung für die Ablehnung fast sämtlicher eingegangener Anträge in den letzten Jahren steht aus. Sollte diese mit der neuen Förderschiene des Bundeskanzleramts zusammenhängen, so sei hinzugefügt, dass der Topf ohnehin schon sehr klein ist und Doppelförderungen in anderen Bereichen ja auch (sinnvolle) Praxis sind. Die Fördersituation in anderen Städten und Ländern in Österreich gestaltet sich, mit ein paar Ausnahmen, ähnlich kompliziert. Abgesehen davon sind die Zirkuskünstler_innen hierzulande bislang von Tour-Förderungen ausgeschlossen und stehen somit auch vor der Frage von zumindest einigermaßen gedeckten Wiederaufnahmen.

Die Zirkusschaffenden improvisieren derweil, greifen auf internationale Kontakte zurück und docken bei den hiesigen Tanz- und Theaterstrukturen an. Diese zeigen sich erfreulicherweise vermehrt kooperationsbereit und laden bspw. auch Zirkuskünstler_innen in ihre Residenzen und Räume ein und fördern damit gleichzeitig den ohnehin der zeitgenössischen Zirkuskunst immanenten transdisziplinären Ansatz. Ein permanenter Schulterschluss mit anderen darstellenden Künsten wäre wünschenswert und könnte sowohl künstlerische als auch kulturpolitische Synergien erzeugen. Allerdings sollte bei der ganzen Transdisziplinarität und der Aufbruchsstimmung nicht der erste Schritt vergessen werden: der Einsatz um die Anerkennung der zeitgenössischen Zirkuskunst als eigenständige Kunstform.

Arne Mannott ist Performer, Choreograph und Produzent. Zusammen mit Elena Kreusch betreibt er den Verein KreativKultur (www.kreativkultur.org) und setzt sich für die Stärkung des zeitgenössischen Zirkus ein.

Der Artikel ist zuerst in gift. zeitschrift für freies theater 02/2018 erschienen. gift wird von der IG freie Theater publiziert.

Zeitgenössicher Zirkus
Mit Arne Mannott und Elina Lautamäki (Österreich/Deutschland/Finnland) Verena Schneider (Österreich) Ana Jordão (Portugal) Julian Vogel (Schweiz)
Do 10.01. – Sa 12.01.
Saal, 19:30 Uhr, € 20 | 16

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