Zeit

Do 17. November 2011 - Sa 17. Dezember 2011

Ort

Kunsthalle Exnergasse

Birthe Zimmermann, Detail
Kunst

PSEUDOPARADIGMATIKA

Paradoxe Ansätze künstlerischer Arbeit unter pseudotherapeutischem Vorzeichen

Eröffnung: 16.11.2011, 19 Uhr

KünstlerInnen, KunstkritikerInnen: Barbara Buchmaier (DE), Niels Betori Diehl und Barbara K. Prokop (DE/IT, CDN/AT/DE), Matthias Krause (DE/TR) in Kooperation mit Philipp Ackermann (DE) und Paul Philipp Heinze (DE), Tere Re-
carens (ES/DE), Dominik Sittig (DE), Christine Woditschka (DE),
Birthe Zimmermann (DE)
Konzept: die Beteiligten, initiiert von Christine Woditschka

Niels Betori Diehl und Barbara K. Prokop zeigen Arbeiten von: Zosa Gavin (CH), Manrico Lai (IT), Hugo Alejandro Perez (C), Ralitsa Schorlemmer (BG/DE), UnDefinedBroadCast (N), Jonas Van de Merwe (ZA), James I. White (USA)

Jeder Schritt ist ein Schritt auf der Bühne. Ein performativer Reigentanz aus gewollten und ungewollten Rocaillen nimmt seinen Lauf. Die kritische Betrachtung der Arbeits- und Lebenssituation als AkteurIn im Kunstkontext, also die Bespiegelung der gegebenen Zusammenhänge und Selbst-Verhältnisse, rückt in den Mittelpunkt. Die Rollen werden reflektiert. Die ökonomisch-materialistische Bedingtheit des Kontextes, in dem wir uns bewegen, wird ans Licht gezerrt. Die Strategien der Bedeutungsproduktion, die jeweils die gegebenen Machtverhältnisse widerspiegeln, und die erfolgreiche Selbstperformance verbleiben als Versatzstücke der Produktion von Werthaltigkeit.
Der in sich paradoxe Ansatz versteht sich unter pseudotherapeutischem Vorzeichen.

In der Ausstellung PSEUDOPARADIGMATIKA laufen Kunstwerke als Exponate, Ankündigungen und Relikte von Performances und deren Realisierung in einer losen Collage ineinander. Abgetretene Bühnenpodeste und ein Rednerpult treffen sich mit Plakaten oder Skripten, die sich paaren mit Kulissen, aber auch mit Gemälden und Skulpturen, wie man sie in der typischen zeitgenössischen Kunstgalerie finden kann. Es entspinnt sich eine Affäre, deren Ausgang völlig offen ist.


Veranstaltungen:

Mittwoch, 16.11.2011
19 Uhr: Eröffnung
Fotoshooting „Weltstadtmoden“ von Matthias Krause, Philipp Ackermann und Paul Philipp Heinze
Lecture von Barbara Buchmaier und Christine Woditschka

Samstag, 17.12.2011
18 Uhr: Präsentation mit Lesung aus der neuesten Ausgabe der Berliner Kunstzeitschrift „vonhundert“ (www.vonhundert.de) von Barbara Buchmaier
19-20 Uhr: Pause
20 Uhr: Vortrag „5 EKTO-MANIFESTO“ von Dominik Sittig

Die Ausstellung wird gefördert durch das IFA, Institut für Auslandsbeziehungen e.V., Stuttgart.



Barbara Buchmaier und Christine Woditschka:
„Ein permanentes Sich-Feiern, hundert Künstlerfeiern, ein riesiges Ritual. Was feiert man da eigentlich? Dass man als Künstler überlebt hat, dass man jemand gefunden hat, der die Sachen ausstellt, dass man so tolle Freunde hat?
Showdown – die Gefahr liegt doch darin, dass selbst in der Abgrenzung die Kriterien für Erfolg oder Karriere mit übernommen werden, oder?
Das ist doch ein wunderbares Paradox. Ich will keine Künstlerin sein, ich will Konsumentin sein. Wir müssen uns endlich ohne Ausflüchte in das System integrieren. Wir leben in einem materialistischen System. Bitte lass mich mit Deiner versteckten Romantik-Nummer in Ruhe!
Gibt es einen Zeitpunkt, ab dem Verweigerung als anerkannte Strategie durchgeht? Ab wann kann man die Pointe canceln, ohne Gefahr zu laufen, den Mehrwert zu tilgen?
Postulierte Verweigerung gehört zum guten Ton, egal wo Du Dich in Deiner Karriere befindest. Wenn Du es aber wirklich gar nicht schaffst, Deine Arbeiten besser herauszubringen, dann verschwindet die Sache eben ungehört in der Nichtigkeit.
Du spinnst. Warum muss etwas erst anerkannt werden, um zu existieren? Wäre es dann nicht so, dass eine Ausstellung ohne Besucher quasi nicht stattgefunden hätte?
Es wäre zumindest eine Investition gewesen, die sich in der Zukunft als Authentizitätsbeweis auszahlen kann.
Sind Kunstwerke Abdruck der Künstlerpersönlichkeit? Was und wie viel sagen Kunstwerke über ihre Produzent/innen aus? Wie ändert sich unser Blick auf ein Werk, wenn wir den Künstler/die Künstlerin kennen, wissen wie er lebt, wie er sich stylt?
The works are like fine crystallized dust. Like powder that lands on everything, covering it in a sparkling layer. The beautiful crystals settle on the fabric. Works are symptoms, external badges. They are moulded singularities, which become valuable raw material.“ (1)

Dominik Sittig:
„Das Wahnhafte, das Irrsinnige, die Exaltation als Element oder auch Medium der Kunst, das ist vielleicht grundsätzlich nur erträglich, also ohne das prätentiöse Pippifax-Getue, wenn das durch eine U n a u s h a l t b a r k e i t hindurchgerät, etwas, was einfach unerträglich ist, einem selbst zuerst, im L e b e n , was der Kunst dann sozusagen anhängen bleibt: als das
L ä c h e r l i c h e   d e s  K l i s c h e e s .
Da ist keine Kunst, die nicht ihr Klischee adressieren, herausfordern würde.
Sie muss es sogar.”(2)

Niels Betori Diehl:
„Dringlichkeit spürt man oder eben nicht. Wer keine Dringlichkeit verspürt, sollte keine Kunst machen – wozu auch? Dieses Ding, das ‚Kunst’ genannt wird und keine ist, hat überhaupt keine Würde. Es ist nur schade um das Material.“(3)

Christine Woditschka:
„Dringlichkeit zu proklamieren beweist keine Dringlichkeit. Wie sollte man die Relevanz, die Echtheit der Dringlichkeit erkennen?“(4)

Barbara K. Prokop:
„Kann die Intention hinter einer Arbeit ohne das Wissen über den Künstler erahnt, gespürt oder verstanden werden? Aussage folgt auf Aussage, die Kunstwelt dreht sich weiter, mitsamt der Infragestellungen und Widersprüche, die sie erzeugt. Sie „verkauft“ ihre Neuerfindungen wie die aufeinander folgenden Kollektionen der Modeindustrie und kämpft um Aufmerksamkeit und Titelseiten wie das ständig wachsende Heer der „Prominenten“. Kunst ist glamourös geworden, erzielt hohe Preise, zieht berühmte Namen an und lässt den Champagner fließen, kann aber gleichzeitig noch „Authentizität“ und Intellektualität vortäuschen. Der romantische Traum einer Kunst, die vom Geld losgelöst ist, hat sich ausgeträumt. Kunst ist Geld.“

Birthe Zimmermann:
„Ich baue eine Fassade und stelle sie als autonomes Objekt, als Kulisse in den Raum. Ihre Oberfläche erzeugt einen dreidimensionalen Rapport aneinandergereihter schwarzer Kappa-Platten. Die Rückfront dieser Konstruktion jedoch offenbart sich lediglich als rohes, banales Lattengerüst, ohne das es aber auch nicht geht.“

Tere Recarens:
„I Was Ready to Jump 1999 ist ein Poster wie das, das für die lang erwartete Wiedereröffnung des P.S. 1 produziert wurde. I Was Ready to Jump 1999 kündigt etwas an, das nie stattfand, ein Ereignis, zu welchem ich von einer speziell angefertigten Rampe springen wollte, die sich auf dem Dach des Gebäudes befand. Ich investierte die gesamte Zeit meines P.S. 1 Stipendiums in das Training für diesen Moment, mich vorzubereiten, das Gelände und dessen Schwierigkeiten zu studieren und die Institution davon zu überzeugen, dass der Sprung an dem Tag stattfinden sollte, an dem die Künstler des Programms ihre Aktivitäten der Öffentlichkeit und den Kritikern zeigten. Ein Sprung vom höchsten Punkt dieses Gebäudes in Queens.“(5)

Matthias Krause, Philipp Ackermann und Paul Philipp Heinze:
“Für uns bilden die Ausstellung und die Besucher der Eröffnung den Background für die Produktion von Aufnahmen zu unserer Kollektion Weltstadtmoden Fall/Winter 2011. Wir nutzen, was da ist als Set, Background, als unsere Bühne, auf der ein Fotomodell vor Kunstpublikum posiert.“

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(1) Barbara Buchmaier: Showdown des Prekären I. Ein fingiertes Gespräch mit Christine Woditschka, www.cluster-berlin.de/christine.html
(2) Dominik Sittig: Die Gesänge des Gedärms. Moral & Malerei, Textem, Hamburg 2011. S. 67.
(3) Niels Betori Diehl und Barbara K. Prokop: UEBERMODELS, Berlin 2010. Reader zur gleichnamigen Ausstellung. Ohne Seitenangaben.
(4) Ebd.
(5) Tere Recarens: Heitere Weitere Polterei. Katalog hrsg.von der Galerie Toni Tàpies, Barcelona 2005. S. 16.

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