Zeit

Do 18. September 2003 - Mi 22. Oktober 2003, 14.00 Uhr - 19.00 Uhr

Ort

Kunsthalle Exnergasse

Cement Gardens, Detail

CEMENT GARDENS

Über das Leben in Häusern und Gärten

Eröffnung: Mi, 17. September 2003, 19:00
Iris Andraschek, Hubert Lobnig

Die Ausstellung "Cement gardens" ist eine Fortsetzung des Projekts "Häuser und Gärten", das 2001 in Niederösterreich begonnen und 2002 in Durham, Kanada weitergeführt wurde. In der Kunsthalle Exnergasse werden mehrere komplexe Teile, die in Niederösterreich, in Südtschechien sowie in Kanada entstanden sind, zusammengeführt. Für die gemeinsame künstlerische Arbeit agieren Iris Andraschek und Hubert Lobnig mit einem sehr offenen Kunstbegriff, der Kommunikation, wissenschaftliches Arbeiten, das Einbeziehen der eigenen Lebenspraxis, Vermittlung etc. umfasst.

GÄRTEN

"Er hatte seinen Garten weniger angelegt als konstruiert, nach Plänen, die er manchmal abends auf dem Küchentisch ausbreitete; wir schauten ihm dann über die Schulter. Schmale Plattenpfade waren in kunstvollen Kurven unterwegs zu Blumenbeeten, die nur ein paar Schritte entfernt lagen. Ein Pfad wand sich in Spiralen an einem Steingarten hoch, als sei es ein Gebirgspaß. Einmal ärgerte Vater sich, als er sah, daß Tom den Steingarten hochstieg, indem er den Pfad wie eine kurze Stiege benutzte.

... Ein Rasen von der Größe eines Bridgetisches war einen knappen Meter erhöht auf einem Felshaufen angelegt. An seinem Rand war gerade Platz genug für eine einzelne Reihe Ringelblumen. Er nannte das als einziger den hängenden Garten. Genau in der Mitte des hängenden Gartens stand ein tanzender Pan aus Gips. Da und dort waren unvermutete Treppen, runter, dann rauf. Es gab einen Teich mit blauem Plastikgrund. Einmal brachte er zwei Goldfische in einer Plastiktüte heim. Die Vogel fraßen sie noch am selben Tag. Die Wege waren so schmal, daß man leicht das Gleichgewicht verlieren und in die Blumenbeete fallen konnte. Von Blumen wollte er, daß sie ordentlich und symmetrisch waren. Tulpen hatte er am liebsten und pflanzte sie in wohl bemessenen Abständen. Büsche, Efeu oder Rosen mochte er nicht. Er duldete kein Gewirr. Rechts und links von uns waren die Häuser abgerissen worden, und im Sommer wucherte auf den leeren Grundstücken üppig das Unkraut mit seinen Blüten. Vor seinem ersten Herzinfarkt hatte er um seine eigene kleine Welt eine hohe Mauer bauen wollen."
aus "CEMENT GARDEN" von Ian McEwan

Die Künstlerin Iris Andraschek interessiert sich schon seit längerer Zeit für das Thema Haus- und Obstgärten; im Mittelpunkt ihres Interesses sowie dazu produzierter künstlerischen Arbeiten stehen eben diese und deren jeweiligen BetreiberInnen.
Ausgangspunkt der Arbeit TITEL (2001) von Iris Andraschek war die Arbeit des Vereins Arche Noah in Schiltern, der sich zum Ziel gesetzt hat, bedrohte Pflanzen über die Sammlung und Verbreitung von Samen zu erhalten. Dies funktioniert mithilfe einer großen Anzahl von Mitgliedern in Österreich und Tschechien, die in ihren Privatgärten verschiedene Pflanzungen anlegen und Sorten züchten, die in heutigen verarmten Sortenkatalogen von Baumärkten, Gärtnereien, oder den Empfehlungs- und Gesetzeslisten der EU nicht mehr vorkommen. 
Die Mitgliederliste des Vereins bildete eine interessante kommunikative Grundstruktur, quasi die Basis für eine Reihe von Interviews. Der Kreis der potentiellen Gesprächspartner erweiterte sich allerdings sehr rasch: Schon bei den ersten Besuchen wurden weitere, befreundete SortenerhalterInnen und leidenschaftliche GärtnerInnen genannt und "weitergereicht"; dies ergab ein dichtes Geflecht an persönlichen Biotopen und grünen Rückzugsorten.
Im ersten Teil des Projekts von Iris Andraschek ging es um eben jene Gärten, die über die - dank Baumarkt und Gartencenters - allgemein verbreitete Durschnittsbepflanzung hinaus führen sowie um die Personen, die diese anlegen und bestellen. Die Künstlerin (be)suchte "spezielle" Gärten, machte Interviews und hielt Garten, Kompostierung, Lagersysteme und insbesondere die GärtnerInnen mit der Kamera fest. In ihren Fotografien und Zeichnungen tauchen sehr oft Pflanzen, Gärten und Landschaften mit Gärten auf. In den Portraits zeigt Iris Andraschek Menschen, die mit seltsamen Pflanzenwesen, Gewächsen, Knollen in Verbindung stehen. 
In zwei Ausstellungssituationen in Chicago und Krems im Jahr 2000 schuf die Künstlerin mit diesen Aufnahmen visuelle Flächen, die Teil der im Ausstellungsraum errichteten Folienhäuser waren: Ins Innere gerichtet waren Pflanzenwindungen zu sehen - Detailaufnahmen von hunderten Stengeln, Blättern und Blüten -, während die Fläche der Außen"wand" mit Portraits und autobiographischen Momenten übersät war. Hier dienten die Pflanzen quasi als Lenkung des Blicks in innere Welten.

Im Rahmen eines Artist-in-Residence Aufenthalts in Durham/Kanada 2002 verlagerte sich die Aufmerksamkeit von Andraschek mehr auf die Begriffe der Wildnis und der Idylle. In Kanada spielt der Hausgarten eine marginale Rolle, an seine Stelle tritt der Aufenthaltsort "Wildes Weites Land". Haus- und Grundbesitzer verfügen gleich mal einige Hektar dieses "wilden" Landes und es wird - anders als in Mitteleuropa - oft belassen wie es ist. Dies trägt bei zum Bild Kanadas bzw. der kanadischen "Wildnis" als Inbegriff für Freiheit und Freizeitparadies.

HÄUSER

"Am nächsten Morgen ging ich mit meinem jüngeren Bruder Tom hinunter in den Keller. Er war groß und in eine Reihe von zwecklosen Räumen unterteilt. Tom klammerte sich an mich, als wir die Steintreppen hinunterstiegen. Er hatte von den Zementsäcken erfahren und wollte sie jetzt sehen. Die Kohlenluke führte in den großen der Räume, und die Säcke lagen so, wie sie heruntergefallen waren, über den Kohlenresten vom letzten Jahr verstreut. An der einen Wand stand eine massige Blechkiste, die irgendetwas mit Vaters kurzer Militärzeit zu tun hatte, und eine Weile dazu diente, den Koks von der Kohle getrennt zu lagern. Tom wollte hineinschauen, also hob ich den Deckel für ihn hoch. Die Kiste war leer und geschwärzt, so schwarz, daß wir in dem staubigen Licht den Boden nicht sehen konnten. Tom, der glaubte, in ein tiefes Loch zu starren, hielt sich am Rand fest, rief in den Kasten hinein und wartete auf das Echo. Als nichts passierte, wünschte er die anderen Räume zu sehen. Ich führte ihn zu einem näher an der Treppe. Die Tür hing kaum mehr in den Angeln, und als ich sie aufstieß, fiel sie ganz heraus. Tom lachte und bekam nun doch sein Echo aus dem Raum, in dem wir vorher waren. Hier lagen Pappkartons mit schimmligen Kleidern, von denen mir keins bekannt vorkam. Tom fand einige seiner alten Spielsachen. Er drehte sie verächtlich mit dem Fuß um und erklärte mir, sie wären etwas für Babys. Hinter der Tür lag in einem Haufen ein altes Messing?Gitterbett, in dem wir alle irgendwann schon geschlafen hatten."
aus "CEMENT GARDEN" von Ian McEwan

Hubert Lobnig beschäftigt sich seit vielen Jahren in seiner künstlerischen Arbeit mit Privatrefugien, Wohnungen, Häuser, Zimmer. Bereits 1992 präsentierte er mit dem Projekt "Turkish Carpet" eine Sammlung an Fotografien von serbischen und türkischen Wohnungen in Wien und kleinen, privaten Wandausstellungen aus diesen Räumen. Seit 1995 arbeitet er an einer Serie von Wohnungs- und Hauserkundungen: Dafür bittet er Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Position durch ihre Privaträume zu führen - seien dies Einfamilienhäuser in ländlicher Gegend, Stadtwohnungen oder überhaupt noch unerfüllte, erst im Begriff des Entstehens befindliche Strukturen - und über das Wohnen zu erzählen. So entstehen sehr persönliche Videodokumente, die sich weder darum kümmern, wie etwas "zu sein" hat im Sinne landläufiger Normen und Konventionen, noch voyeuristisch die individuell unterschiedlichen Lebenssituationen vorführen. Vielmehr eröffnen diese Videos eine wunderbare Welt an imaginierten und zum Teil verdinglichten Wünschen, Sehnsüchten, Fragen der Repräsentation, aber auch eines - vermeintlichen - Scheiterns sowie der Hoffnung.

Zwischen 1997 und 2003 entstanden mehrere Serien mit Interieurs - Temperabilder, die eine Art Tagebuch bilden. Die Auswahl der gemalten Räume ist durch das Interesse Hubert Lobnigs für verschwimmende Identitäten, für Improvisation und Funktionsvermischungen zu erklären. In dem von 1999 bis 2001 realisierten Projekt "Tigerpark" standen ebenfalls Wohnungen/Privaträume von BesucherInnen des gleichnamigen, titelgebenden Parks im Fokus mehrerer Projekte, für die ebenso der Ort Park als urbaner Lebens- und Aufenthaltsraum zentrales Thema war. In den Projekten "Gemischte Gefühle" (Reinsberg, 1999) und "Häuser und Gärten" rückte das ländliche Bauen ins Zentrum der Arbeit: das Haus als Rückzugsort, als repräsentatives, begehbares Objekt, als Ansammlung postmodern-ländlicher Versatzstücke, als Verkörperung von Lebenshaltungen, Ideologien und gesellschaftlichen Prägungen; öffentliche und private Aspekte von Häusern - das Eigene, das Repräsentative und das Uniforme. Wie wurde und wird gebaut, eingerichtet und gewohnt? Welche Einflüsse lassen sich ablesen? Wie wirkten und wirken sich Trends, der Markt (die Bedeutung der Baumärkte) und Baugesetze (Staat und Land) aus? 
Welche Differenzen und Übereinstimmungen haben Systeme wie Kapitalismus (in Österreich) oder Sozialismus (in Südtschechien) hervorgerufen?

In einer Reihe von Videoarbeiten sind Interieurs und Hausfassaden als visuelle Manifestationen dieser Fragen zu sehen. Die Kamera sucht nach Anhaltspunkten in der Gestaltung von Fassaden, Fenstern, Dächern und Garagen; in Wohn- und Arbeitszimmern sowie in Werkstätten. Menschen erzählen. In ihre Erzählungen, Beschreibungen fließen viele, individuell sehr unterschiedliche Suberzählungen ein und so tauchen plötzlich in den Architekturbeschreibungen auch Bau- und Wohnerlebnisse, philosophische Betrachtungen, Psychologien des Bauens und Wohnens, Betrachtungen über den Alltag uvm. auf. Die Leserichtungen sind ebenso wie die Interpretationsmöglichkeiten dieser Bilder, der audiovisuellen Dokumente äußerst vielschichtig und ausdifferenziert.

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