Zeit

03. Juli - 19. Juli 2019

Ort

Kunsthalle Exnergasse

… das weite Land, woher sie kommt, Tänzerin: Loulou Omer, Foto: Reinhard Mayr, © Isa Rosenberger 2019
KunstAusstellung
Kunsthalle Exnergasse

...das weite Land, woher sie kommt

Isa Rosenberger

Hinter dem Knaben aber schreitet lautlos die Nacht einher und breitet den schwarzen Mantel der Vergessenheit über das weite Land, woher er kommt.

Maxim Gorki, Musik der Großstadt

 

Im Jahr 1934 war auf der Bühne des Volksheim Ottakring in Wien Gertrud Kraus’* Tanzstück „Die Stadt wartet“** zu sehen, das auf Maxim Gorkis Märchen „Musik der Großstadt“ basierte. Kraus’ Choreografie reflektierte sowohl die Ängste als auch Faszination eines Jugendlichen – den sie selbst tanzt – gegenüber dem Leben in der großen Stadt. Gesellschaftspolitisch interessiert und durch ihre jüdische Herkunft zunehmend unter Druck, entwickelte Kraus als eine der wenigen Exponentinnen des Ausdruckstanzes Werkformen und Choreografien, die politisches Engagement zeigten.

Das Volksheim Ottakring (heute VHS Ottakring) wurde 1901 gegründet und war vor allem in der Zwischenkriegszeit von großer kultureller und politischer Bedeutung.*** Volkshochschulen waren wichtige Drehscheiben von alternativer Bildungs- und Wissensvermittlung und spielten bei der Popularisierung von Avantgarde-Kunst und Kultur – das Motto lautete nicht umsonst: Das Wissen für alle – jenseits der bürgerlichen Salons eine zentrale Rolle. Die heutige Volkshochschule (VHS) Ottakring ist mit seinem breiten Angebot an Kursen und Programmen weiterhin ein Zentrum für die Weiterbildung von Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen und sozialen Hintergründen.

Ausgehend von Kraus Tanzstück „Die Stadt wartet“ untersucht Isa Rosenbergers Projekt, wie die weitgehend vergessene sozialreformerische Geschichte der VHS Ottakring und die damit verknüpfte Geschichte des (politisch engagierten) Ausdruckstanzes in Österreich unter den Vorzeichen der heutigen Zeit ins Gedächtnis gerufen, aktualisiert und kontextualisiert werden können. Ganz im Sinn der interdisziplinären Arbeitsweise von Gertrud Kraus wird Tanz hier als besonderer poetischer Raum verstanden, in dem sich Kunstformen, Zeiten und Bilder vermischen und neue Bezüge und Querverweise herstellen lassen.

Darüber hinaus kooperiert Rosenberger mit der Künstlerin und Tänzerin Loulou Omer, deren Mutter Zipora Lerman eine Schülerin von Gertrud Kraus in Tel Aviv war.

Außerdem leitet Rosenberger an der VHS Ottakring einen Workshop mit Jugendlichen, in dem sie Kraus’ Zugänge zur Anwendung bringt.

Neben den Workshops belegen auch Rosenbergers eingehende Recherchen über Gertrud Kraus in Wien und Tel Aviv eine Spurensuche nach geografischen Bewegungen und der Migration von Gedankengut, über Länder hinweg und entlang gegenläufiger Routen: die Migration des Ausdruckstanzes von Österreich bzw. Mitteleuropa nach Israel bzw. den Nahen Osten oder auch die Migrationsrouten der jungen Schüler_innen in den Workshops vom Nahen Osten nach Österreich.

Ein räumliches Display, das sich visuell am historischen Bühnenraum der VHS Ottakring und dessen gezackter Deckenkonstruktion orientiert, strukturiert die unterschiedlichen Komponenten des Projekts: Fotos, Video, Archivmaterialien, Workshop-Ergebnisse, Skizzen und Performances.
 

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*Gertrud Kraus (1901 Wien – 1977 Tel Aviv) war eine der zentralen Figuren des Ausdruckstanzes – eine überwiegend weiblich besetzte Kunstform – in Wien, wo sie ab 1924 eine erfolgreiche Karriere als Solotänzerin und Choreografin verfolgte. 1935 emigrierte Kraus nach Tel Aviv. Dort gründete sie 1950/51 das Israel Ballet Theatre und war später die erste Leiterin der Abteilung Tanz an der Rubin Academy of Music & Dance in Jerusalem.

**Die Arbeit besteht aus neun, von Marcel Rubin komponierten Musikstücken: 1. Der Knabe auf dem Weg in die Stadt / 2. Chor der leidenden Stadt / 3. Dämmerung / 4. Erleuchtung / 5. Amüsement / 6. Die unvollendete Stadt / 7. Der Traum vom Glück / 8. Der Knabe unter den Menschen / 9. Erwartung

***Wichtige Protagonist_innen der Wiener Moderne wie Ernst Mach, Adolf Loos, Joseph Hoffmann, Rosa Mayreder, Marianne Hainisch, Elise Richter, Lise Meitner, Eugenie Schwarzwald, Otto Neurath, Alfred Adler, Robert Musil, Hermann Broch, Jean Amery, aber auch Tänzerinnen wie die Bodenwiesers, Rosalia Chladek und Gertrud Kraus hielten Vorträge, gaben Kurse oder tanzten und spielten auf der Bühne der VHS Ottakring. Die Bühne, auf der Gertrud Kraus tanzte, existiert heute noch.

Kuratiert von Basak Senova
Im Rahmen des CrossSections-Projekts

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