Wir versuchen die starre Theaterordnung aufzubrechen

Wir versuchen die starre Theaterordnung aufzubrechen

Im Gespräch mit saft – Feministisches Theater- und Performancekollektiv über das Theatermachen als eine Materialsammlung von Spezialist_innen, den Traum einer einjährigen Probenzeit und den Wunsch nach dem bedingungslosen Grundeinkommen in einer neuen Kunst- und Theaterwelt.

Im Gespräch mit saft – Feministisches Theater- und Performancekollektiv über das Theatermachen als eine Materialsammlung von Spezialist_innen, den Traum einer einjährigen Probenzeit und den Wunsch nach dem bedingungslosen Grundeinkommen in einer neuen Kunst- und Theaterwelt.

In welcher Form arbeitet ihr, wie kam es dazu?

Kollektiv saft: saft versteht sich als Kollektiv und Plattform. Das Kernteam erarbeitet sich eine Idee, ein Konzept, und sucht nach Mitstreiter_innen für das Projekt. Inwiefern man sich da jetzt Regisseur_in oder Bühnenbildner_in nennt, ist erstmal egal. Am Anfang waren da Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und ähnlichen Interessen und Motivationen: Theater zu machen und sich in einen Prozess zu begeben, der sich von den Rahmenbedingungen der Stadttheater freimacht, Hierarchien aufzulösen, neue Formen der Zusammenarbeit und der Theaterarbeit zu erfinden, sich aneinander zu reiben und zu lernen.
Wir versuchen die starre Theaterordnung aufzubrechen und viel gemeinsam zu entscheiden, zu denken, zu konzipieren. Es gibt die Aufteilung in Arbeitsbereiche, die aus den Fähigkeiten bzw. Interessen der Beteiligten entsteht. Jede_r hat in ihrem/seinem Bereich erst mal Entscheidungshoheit, arbeitet sich für sich selbst in das Thema ein, und kommt dann mit einer Materialsammlung zu den Treffen. Dann wird gemeinsam weitergedacht, sortiert, entschieden. Der Pool der Leute ändert sich bei jedem Projekt. Wir interessieren uns dafür, Menschen mit verschiedenen Zugängen zum Theater zusammenzubringen, Tanzmenschen mit Absolvent_innen von klassischen Schauspielschulen, Laien und Professionelle. Dadurch verändert sich die Zusammenarbeit jedes Mal, wird sozusagen jedes Mal aufs Neue beim Machen erfunden. Grundsätzlich ist uns wichtig, mit flachen Hierarchien, Transparenz (v. a. auf finanzieller Ebene) und gegenseitiger Wertschätzung zu arbeiten.

Wie seid ihr derzeit organisiert?

Kollektiv saft: saft ist ein eingetragener Verein. Die Grundidee ist das Kollektiv, das sich bei jedem Projekt um das Kernteam neu formiert, vergrößert, sammelt, je nach Finanzierung und Art des Projekts. Das Theater bringt vorgegebene Strukturen mit sich, die auch in unseren Köpfen präsent sind. Daraus und davon weg wollen wir neue, eigene Wege finden. Ein wichtiger Beitrag war die Entscheidung für eine Produktionsleitung, die den Großteil der Organisations- und Kommunikationsaufgaben übernimmt. Sie ist Auge von außen. Gleichzeitig können wir uns auf der Probe auf den Moment konzentrieren und haben nicht alles zu Erledigende im Kopf.

In welcher Form arbeitet ihr mit anderen Künstler_innen bzw. Mitarbeiter_innen zusammen? Welche Personen sind involviert, und auf welcher Basis arbeitet ihr zusammen?

Kollektiv saft: Vielleicht ist es vielmehr ein Pool an Spezialist_innen. Wenn ich eine_n Spezialist_in für Musik kenne, lade ich diese_n ein und sage: Magst du dich nicht mal mit dem Thema auseinandersetzen und was mitbringen? Genauso funktioniert das mit choreographischem Material oder Bildnerischem. Irgendwann hat man genug Material und genug Spezialist_innen versammelt, um mit diesem Material umgehen zu können. Das Kernteam fungiert dann als Materialordnerinnen – was passt wo, was wird aussortiert, wo fehlt noch etwas. Die einzelnen Bereiche haben dabei erst einmal völlige Autonomie. In einem zweiten Schritt versucht man sich auf ein gemeinsames Narrativ (im weitesten Sinne) des Abends zu einigen, die einzelnen Stränge zu verknüpfen

Wie sieht ein Produktionsprozess für ein neues Stück aus – wie sieht der zeitliche Rahmen aus?

Kollektiv saft: Wenn wir unser Ideal ausleben würden, würde der zeitliche Rahmen mehrere Monate für die Proben umfassen. Aber das ist im Moment nicht drin. Die Häuser und die Szene müssen und wollen liefern. Und danach richtet man sich dementsprechend, um gesehen, gefördert und gespielt zu werden. Ich träume davon ein Projekt anzusetzen, das mindestens zwölf Monate Probenzeit hat. Ob das dann jemals aufgeführt wird, ist wieder eine andere Frage.

Wie viel Aufwand ist es, ein Künstler_innenleben zu organisieren?

Kollektiv saft: Das Problem ist auch hier oft finanziell. Die meisten „Künstler_innen“ finanzieren ihr „Künstler_innenleben“ durch Nebenjobs, gerade in der freien Szene. Als freischaffende Person (auch im nichtkünstlerischen Bereich, ich weiß nicht, was ein Künstler_innenleben ist oder ausmacht) verbringt man viel Zeit mit Eigenmanagement und Organisation der Infrastruktur: Geld, Raum, Arbeitsmittel. Die Produktionsphasen sind von der Stadt und anderen Einrichtungen abhängig: wann sind die Fristen für Förderungen, wie sind die Spielpläne der Theater. Und wenn man dann im Falle von Theaterproduktionen an andere Menschen/Künstler_innen gebunden ist, ist das schon ein ständiges Hin- und Hergeschiebe von Zeiten und Kapazitäten.

Was würde dir, was würde euch helfen?

Kollektiv saft: Zeit, Fokus und das bedingungslose Grundeinkommen. Bedingungsloses Grundeinkommen: einerseits fällt der Stress weg, die Leute nicht anständig bezahlen zu können, andererseits die eigenen Geldsorgen; man kann seine künstlerischen Projekte fokussieren und priorisieren (aka Zeit und Fokus). Zeit, weil niemand mehr zusätzlich Lohnarbeit machen muss. Infrastruktur: Proberäume (am besten gratis oder zu wenig Geld, am besten rund um die Uhr verfügbar, am besten mit Licht/Sound) z. B. in leerstehenden Lokalen, Geschäften, Wohnungen, Häusern; also koordinierte kollektive Zwischennutzung von unbenutzten Räumen. Künstlerische Sozialkasse wie in Deutschland. Gratis staatliche Kinderbetreuung. Mehr Kassenplätze für Psychotherapie. Nicht nur für Künstler_innen. Ein System, das weniger auf Leistung, Druck und Geld aufbaut – oder zumindest der Versuch, in der Kunst- und Theaterwelt auf ein antikapitalistisches, antineoliberales, antisexistisches, antirassistisches neues System hinzuarbeiten. Wir versuchen mit unserer Arbeitsweise gezielt gegen das Bild vom leidenden, sich für die Kunst aufopfernden Künstler (sic), dem in der Überarbeitung das Beste rausgepresst wird, anzugehen. Tatsächlich ist es aber schwierig, sich dem ständigen Leistungsdruck zu entziehen.

Kollektiv saft: BURNING TISSUES

Vorstellungen
Mi 03. Februar 2021, 20:30 Uhr
live auf okto.tv

Mehr Informationen findest du auf der Eventseite.

Das Interview mit dem Kollektiv saft ist zuerst im Magazin gift 2/2019 veröffentlicht worden. Bei dem hier publizierten Text handelt es sich um eine gekürzte Version, der vollständige Artikel kann hier gelesen werden.


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