Strategische solidarische Identitäten

Strategische solidarische Identitäten

Konstruktives Zusammenarbeiten braucht Zuhören und queere Zärtlichkeit

Wie können (queer-)feministische Bewegungen trotz unterschiedlicher Positionen, Generationen und Lebensrealitäten handlungsfähig bleiben? Verena Kettner plädiert in diesem Text für strategische politische Identitäten, die Differenzen nicht einebnen, sondern produktiv bündeln.

Lesezeit: ca. 6 Minuten

In einem queerfeminstischen Essay[1] schrieb die Politikwissenschaftlerin Cathy Cohen bereits 1997, dass queere – und auch alle anderen linken – Bewegungen nuancierte strategische politische Identitäten aufbauen müssen, um Erfolg haben zu können. Damit meint sie Identitäten, die nicht aus einer gemeinsamen Kategorie, Erfahrung oder Unterdrückung entstehen müssen, sondern bewusst gebildete Identitäten, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Es geht dabei nicht darum, Differenzen zwischen Menschen in politischen Bewegungen anzugleichen, sondern in Anbetracht all dieser Differenzen zusammenzuarbeiten. Solche strategischen politischen Identitäten fehlen immer noch größtenteils in der linken, (queer-)feministischen Szene in Österreich. Anstatt uns darauf zu besinnen, dass es eigentlich ein geteiltes Ziel gibt, buddeln wir unsere Gräben immer tiefer und brennen weitere Brücken ab. Anstatt uns gemeinsam gegen einen neu erstarkenden Faschismus, das Patriarchat und dem Kapitalismus zu stellen, hangeln wir uns Jahr für Jahr an unseren internen Konfliktlinien entlang.

Kontinuierliche Konfliktlinien

Natürlich, unterschiedliche feministische Strömungen und innerfeministische Konfliktlinien gibt es bereits seit Anbeginn des Feminismus. Ein bedeutender und viel zu wenig thematisierter Bruch zieht sich entlang der verschiedenen Generationen. Ältere Feminist*innen sind mit anderen gesellschaftlichen Bedingungen aufgewachsen als Feminist*innen heute, andere Themen standen damals im Vordergrund und Aktivismus funktionierte teilweise auch anders. Während heute viel im Internet und über Social Media passiert, wurde beispielsweise in den 1970ern noch mithilfe von Telefonketten zu Demos und Protestaktionen aufgerufen. Die Problematik ergibt sich aber nicht aus den unterschiedlichen Gewohnheiten, sondern daraus, dass ältere und jüngere Feminist*innen kaum gemeinsame Räume teilen, in denen sie voneinander lernen können. Ältere Feminist*innen fühlen sich von jüngeren oft nicht gesehen in ihren bereits erstrittenen Errungenschaften und ihren Erfahrungen und jüngere Feminist*innen können die Erfahrungswelt von älteren Feminist*innen oft nicht nachvollziehen.

Auch der (queer-)feministische Zugang zu Sexualität und Sexpositivität musste und muss stets aufs Neue ausgehandelt werden. Nicht umsonst gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren die sogenannten „sex wars“ oder auch „porn wars“ zwischen Feminist*innen. Während Radikalfeminist*innen den Konsum von Pornos, Sexarbeit und oft auch generell einen positiven Zugang zu Sexualität ablehnten, stritten sexpositive Feminist*innen dafür, dass die Lust von Frauen und Lesben vielfältig und sichtbar sein darf. Im London der 1970er schmiss die Gruppe der Rebel Dykes beispielsweise regelmäßig kinky sexpositive Partys, um Frauen einen Raum für ihre Lust zu ermöglichen. Auch heute noch streiten Feminist*innen über den ‚richtigen‘ Umgang mit Sexarbeit und Pornos. 

Subjekt des Feminismus im 21. Jahrhundert

Der umfassendste Bruch mit viel Konfliktpotenzial allerdings lässt sich wahrscheinlich am besten unter dem Begriff der Intersektionalität zusammenfassen. Unter Intersektionalität versteht man das sich Überkreuzen und Zusammenwirken von verschiedenen Diskriminierungskategorien, zum Beispiel race, Klasse und Geschlecht. So verfolgten beispielsweise proletarische und bürgerliche Feminist*innen bereits im letzten Jahrhundert oft unterschiedliche Ziele und auch heute spielt der Umgang mit Klasse noch eine große Rolle in (queer-)feministischen Bewegungen. Viele (queer-)feministische Räume sind akademisch geprägt, Theorien und Einladungen zu Veranstaltungen sind oft zu komplex formuliert, um wirklich alle anzusprechen. Auch ein solidarischer Umgang mit Eigentum oder Erbschaft ist in vielen feministischen Kreisen oft noch ein Tabu. Feministische Räume in Österreich sind aber nicht nur akademisch geprägt, sondern auch weiß. Lebensverhältnisse und Kämpfe von BiPOC*-Feminist*innen werden zu oft ausgeblendet, weshalb diese sich dann eigene Räume schaffen müssen. Nicht zu vergessen ist hier auch die generelle Frage, wer denn im 21. Jahrhundert überhaupt das Subjekt des Feminismus sein kann. Was ist das Subjekt Frau und gibt es das überhaupt noch? Wer ist mitgemeint bei FLINTA*?[2] Macht es Sinn, bestimmte Räume auch für Männlichkeiten zu öffnen, damit auch cis Männer sich am Kampf gegen das Patriarchat beteiligen können? Und was ist mit trans Männlichkeiten? Das Ringen um eine Balance zwischen Identitäts- und materialistischer Politik im Feminismus ist so aktuell wie eh und je.

Radikale Zärtlichkeit

Grundsätzlich spricht überhaupt nichts dagegen, dass es verschiedene Feminismen mit verschiedenen Schwerpunkten gibt. Es spricht auch nichts dagegen, dass Feminist*innen mit unterschiedlichen Meinungen sich aneinander reiben und abarbeiten. Nur durch konstruktive Kritik und Diskussionen können sich feministische Theorien und Bewegungen weiterentwickeln. Doch die Art und Weise, wie diese Auseinandersetzungen momentan funktionieren, lässt an Konstruktivität zu wünschen übrig. Ohne wichtige Themen, die ausdiskutiert gehören, relativieren zu wollen und ohne eine heuchlerische Harmoniebedürftigkeit zu verbreiten: Es ist gefährlich, wenn Feminist*innen aufhören zusammenzuarbeiten. Wir brauchen eine neue Art der Solidarität. Dafür braucht es Räume, in denen Austausch möglich ist. Es braucht gemeinsame Veranstaltungen, Protestaktionen und Räume, wo wir voneinander und miteinander lernen können. Dafür ist eine große Portion Vertrauensvorschuss und Wohlwollen nötig. Wir alle müssen uns verletzlich machen und bereit sein zu (ver-)lernen. Wir müssen einander zuhören und damit umgehen, dass möglicherweise nicht nur unsere Position die richtige ist. Wir brauchen solidarische strategische Identitäten, um uns auf den eigentlichen gemeinsamen Feind besinnen zu können – oder, um es mit den Worten der Autorin Seyda Kurt zu sagen: Für eine neue Solidarität miteinander brauchen wir eine radikale Zärtlichkeit.

Für alle, die Lust haben, konstruktiv gemeinsam an feministischen Konfliktlinien weiterzuarbeiten und die radikale Zärtlichkeit zu erproben:

Vier stilisierte Personen vor einer großen Flammenkulisse, eine Person hält eine Regenbogenfahne
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Ein Abend für Austausch, neue Perspektiven & Learnings. Mit Input, Drinks und Interaktion

Radical Listening – (queer-)feministische Positionen

Welche Stimmen prägen die aktuellen (queer-)feministischen Debatten? Wo zeigen sich Brüche, wo solidarische Verbindungen? Das feministische Magazin an.schläge und das WUK laden zu Drinks & Diskurs ins WUK.

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Text: Verena Kettner hat Politikwissenschaft in Wien studiert. Kettner arbeitet zurzeit mit jungen Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten und schreibt für das feministische Magazin an.schläge.


[1] Cohen, Cathy (1997): „Punks, Bulldaggers, and Welfare Queens. The Radical Potential of Queer Politics?“, In: GLQ, 3, S. 437-465.

[2] FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen. Das * am Ende steht für weitere nicht cis-männliche Geschlechtsidentitäten und soll auch die Offenheit und Fluidität des Begriffs darstellen.

ZU HÖREN

In einer Kultur der permanenten Artikulation, während Worte sich vervielfältigen und Aufmerksamkeit sich verknappt, macht das WUK ZU HÖREN zum Jahresthema: Zuhören als Kulturtechnik, als Akt der Verlangsamung, als Mittel der Inklusion, als Anerkennung des Andern, als subversiver Akt, als Band zwischen den Unterschieden und als demokratische Praxis. Denn wer zuhört, verzichtet auf Vorherrschaft. 

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