Radikales Zuhören als widerständige Praxis

Mehrere Plakate mit der Aufschrift 'RADICAL LISTENING (queer-feministische Positionen)' kleben an einer Glaswand, dahinter stehen Menschen in einem Veranstaltungsraum mit Tischen und Stühlen

Radikales Zuhören als widerständige Praxis

Wie kann solidarisches feministisches Handeln in politisch angespannten Zeiten gelingen? Eine interaktive Diskussionsveranstaltung von WUK und an.schläge Das feministische Magazin brachte (queer-)feministische Stimmen zusammen, um über Solidarität, Differenzen und neue Formen des gemeinsamen Handelns zu sprechen. Der Abend zeigte: Solidarität bedeutet nicht Einigkeit, sondern die Bereitschaft, einander zuzuhören, Konflikte auszuhalten und gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.

Lesezeit: ca. 8 Minuten

Anlässlich seines Jahresschwerpunkts ZU HÖREN veranstaltete das WUK in Kooperation mit dem dort ansässigen feministischen Magazin an.schläge Mitte März eine interaktive Diskussionsveranstaltung zum Thema „Radical Listening“. Verschiedene (queer-)feministische Positionen bekamen an diesem Abend Raum, um gegenwärtige Probleme der feministischen Szene in Österreich zu diskutieren, in Dialog zu treten und sich vor allem gemeinsam der herausfordernden Frage zu stellen: Wie kann in diesen Zeiten solidarisches feministisches Handeln gelingen?

Nahe beieinander

Bevor ein Podium bestehend aus Sara Hassan, Yuria Knoll, Viola Wagner, Persson Perry Baumgartinger und Gabriele Michalitsch diese und weitere Fragen diskutierte, boten die Moderatorinnen des Abends, Brigitte Theißl und Lea Susemichel, die leitenden Redakteurinnen der an.schläge, dem Publikum ein interaktives Element an. Bei diesem sollten die anwesenden Menschen sich im Raum anordnen, je nachdem, ob sie einer Aussage mehr oder weniger zustimmten. Die Aussagen betrafen Themen wie Radikalität versus Niederschwelligkeit in der feministischen Aktion, Populismus versus differenzierte Kommunikation, breitere Bündnisse versus kleinteiligere Spaltungen und die Nutzung von Social Media. Bereits bei diesem Teil der Veranstaltung zeichnete sich ab, was sich noch durch den ganzen Abend ziehen sollte: Die Anwesenden standen die meiste Zeit sehr nahe beieinander. Krasse Brüche oder verhärtete Fronten gab es nicht, alle Positionen wurden stets reflektiert und differenziert vorgebracht.

Menschen sitzen in einem großen Raum in einem Stuhlkreis und hören einer Person zu

„Solidarität ist nicht dasselbe wie Freundschaft“

Mit jenem Satz zitierte Sara Hassan am Podium die österreichische Regisseurin Katharina Mückstein, als das Podium über Solidarität und Spaltung sprach. Auch der Rest des Podiums war sich darüber einig und beurteilte Widersprüche und Spannungen in feministischen Bewegungen als produktiv. Spannungen müssten nicht zu Spaltungen führen, sie könnten ausgehalten werden. Nicht mit jeder Person, mit der man politisch an gemeinsamen größeren Zielen zusammenarbeite, müsste man befreundet sein und in jedem einzelnen Thema übereinstimmen.

Eine große, breite Bewegung, die eine geballte Macht gegen die aktuelle bedrohliche Situation darstellen kann, wünschten sich ebenfalls alle. Dieser Wunsch wurde von einer altbekannten Kritik begleitet: Auch in einer breiten Bewegung müssten Themen Raum bekommen, die viel zu oft an den Rand gedrängt werden. Postkoloniale, intersektionale, ability-kritische und auch transfeministische Ansätze müssen oft von Betroffenen selbst unter großer Anstrengung eingebracht werden, wenn hauptsächlich akademische, weiße, able-bodied, hetero und cis Feministinnen sich in Bewegungen zusammenfinden. Eine breite Bewegung aber muss Radical Listening als Basis verstehen, damit die Menschen darin sich gegenseitig zuhören und tatsächlich auch verstehen. Neben der Bereitschaft, füreinander offen zu sein und sich gegenseitig zuzuhören, müssen auch Konfliktlinien und unangenehme Gefühle innerhalb des gemeinsamen politischen Kampfes ausgehalten werden, die zum Beispiel durch verschiedene Privilegien ausgelöst werden. Denn ja, es ist legitim, dass Menschen auch in politischen Bewegungen ihre Wut gegenüber privilegierteren Mitstreiter*innen ausdrücken, wenn diese es stets aufs Neue nicht schaffen, strukturelle Ungleichheiten mitzudenken. Wichtig ist außerdem mehr Niederschwelligkeit für feministische Räume. Breite Bewegungen können nicht entstehen, wenn es viel Vorwissen für Diskussionen braucht oder Menschen Angst haben mitzureden, weil sie mit gewissen Begriffen und Konzepten nicht vertraut sind.

Generationenkonflikt?

Kritik gab es auch an dem immer wieder angenommenen Generationenkonflikt, der für viel Unmut und Spaltungen sorge. Denn eine politische Positionierung sei keine Frage des Alters, man könne jederzeit dazulernen. Themen, die vor 50 Jahren bereits relevant waren, haben sich auch nicht mittlerweile einfach erledigt. Es gibt nach wie vor Angriffe auf Schwangerschaftsabbrüche, die Propagierung konservativer Familienwerte und sogar wieder stark steigende Transfeindlichkeit. Feministische Dauerbrenner gegen den um sich greifenden patriarchalen Wahn sind relevant für alle Altersgruppen und Generationen. Hier einen Konflikt zu vermuten, sei inhaltlich einfach falsch, betonte vor allem Gabriele Michalitsch. Man könne aber darüber nachdenken, Vernetzung und Zusammenarbeit wieder mehr in einen offline Raum zu verlegen und andere Tools zu benutzen als Social Media, um mehreren Lebensrealitäten und Altersgruppen den Zugang zu erleichtern.

Gruppe von Menschen sitzt in einem Raum mit großen Fenstern und hört einer sprechenden Person zu

Wie miteinander tun?

Positive Beispiele überwundener Grabenkämpfe wie transfeministische Zusammenschlüsse, die Solidarität zwischen Lesben und Schwulen während der Zeiten der AIDS-Krise in Österreich oder die Zusammenarbeit proletarischer und bürgerlicher Feminist*innen im letzten Jahrhundert leiteten den letzten Themenblock der Veranstaltung ein; wie feministische Bewegungen denn nun konkret miteinander tun und Brücken bauen können. Neben den Forderungen, dass privilegiertere Positionen wie Lesben und Schwule solidarischer mit trans Perspektiven sein müssen und auch able-bodied Personen mit Personen mit disabilities – und zwar immer, nicht nur zu besonderen Anlässen – war das Podium sich darüber einig, dass im Grunde alle Positionen in diesem Raum für eine bessere Welt kämpfen. Die Art, wie man dorthin kommen kann und wie genau diese Welt aussieht, unterscheidet sich vielleicht etwas, aber auch das nicht besonders viel. Sehr viele der aktuellen Grabenkämpfe werden außerdem von kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen erzeugt, um genau diese Ausbeutung strukturell aufrecht erhalten zu können. Das Funktionieren dieser Ausbeutungsverhältnisse und ihre spezifischen Auswirkung auf verschiedene Personengruppen besser zu verstehen, kann bereits dabei helfen, sich dagegen zur Wehr zu setzen, die unterschiedlichen Lebensrealitäten voneinander – zum Beispiel im globalen Norden und im globalen Süden – besser zu verstehen und zu begreifen, welche Form von Solidarität miteinander es wo braucht.

Außerdem, auch hier waren sich alle einig, müssen kreativere Formen des Widerstands gefunden werden, die für mehr Menschen zugänglich sind. Wie können zum Beispiel undokumentierte Arbeiter*innen oder 24-Stunden-Betreuer*innen Widerstand leisten? Was kann es außer Demos und öffentlichen Protest-Aktionen noch geben? Wie wäre es zum Beispiel mal mit einem feministischen Spieleabend, einem Nachbarschafts-Chor oder anderer Community-Arbeit? Als Basis für gemeinsame politische Aktion gilt es erstmal, die im Neoliberalismus so vereinzelten und brüchigen sozialen Beziehungen zueinander wieder zu stärken. Auch das hilft dabei, einander besser zuhören und sich wieder mehr verstehen lernen zu können.

Gruppe von Menschen sitzt in einem großen Raum mit hohen Fenstern und hört einer Diskussionsrunde zu

Raum und Zeit

Ein letztes Ergebnis in der abschließenden Publikumsdiskussion hob hervor, dass eine solidarische feministische Zusammenarbeit im Moment vor allem zwei Dinge braucht: Raum und Zeit. Es braucht konsumfreie Räume, die mithilfe verschiedener Formate den Raum für Diskussion, Disput, Austausch und gemeinsames Lernen öffnen. Um diese Räume und Formate zu planen und durchzuführen, braucht es auch Zeit. Zeit ist allerdings ein sehr prekäres Gut im Neoliberalismus und je prekärer die Lebenssituation von Menschen ist, desto weniger davon haben sie. Deshalb ist es umso wichtiger, genau von jenen Lebensrealitäten auszugehen, wenn Veranstaltungen geplant werden. Intersektionalität ist kein add-on, sie ist die Basis. Kapitalismus, Ableismus, Patriarchat, Rassismus und Klassismus sind von Grund auf miteinander verstrickt. Man kann sie nur überwinden, wenn man sie von Anfang an zusammen denkt und zusammen bekämpft. Eine für möglichst viele inklusive und ansprechende Veranstaltung sollte also passende Tools für das Schaffen von Barrierefreiheit, Zugänglichkeit und eines SafeR Spaces für viele unterschiedliche Menschen und ihre Diskriminierungserfahrungen bereitstellen. Das braucht natürlich noch mehr Planung, noch mehr Mitbedenken, noch mehr Ressourcen und Zeit. Der einzige Weg, das in Zeiten von umfassenden Sozialkürzungen leisten zu können, ist das kollektive Teilen von Ressourcen und Arbeit. Je mehr verschiedene Menschen mit verschiedenen Perspektiven von Anfang an eine Bewegung mitaufbauen, auf desto diverseren Standbeinen kann diese dann auch bestehen. Je mehr Menschen ihre Bereitschaft teilen, Leidenschaft, Zärtlichkeit und Energie in eine Bewegung zu stecken, desto mehr kann man auch gemeinsam aufbauen.

Es ist noch unklar, ob dieser Abend längerfristige Effekte in irgendeine Richtung bringt. Deutlich spürbar waren am Ende des Abends allerdings die Bereitschaft, einander radikal zuzuhören und gemeinsam gegen die tatsächlichen politischen Gegner zu kämpfen. Let’s be soft with each other, so we can be dangerous together!

Text: Verena Kettner hat Politikwissenschaft in Wien studiert. Kettner arbeitet zurzeit mit jungen Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten und schreibt für das feministische Magazin an.schläge.

ZU HÖREN

In einer Kultur der permanenten Artikulation, während Worte sich vervielfältigen und Aufmerksamkeit sich verknappt, macht das WUK ZU HÖREN zum Jahresthema: Zuhören als Kulturtechnik, als Akt der Verlangsamung, als Mittel der Inklusion, als Anerkennung des Andern, als subversiver Akt, als Band zwischen den Unterschieden und als demokratische Praxis. Denn wer zuhört, verzichtet auf Vorherrschaft. 

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