permanent temporär

Ausstellungsansicht freibesetzt, 2005, Foto: Susi Jirkuff

permanent temporär

Eine Kunsthalle als gemeinschaftliche Praxis

Wie kann ein Ausstellungsraum, der als gemeinschaftliches Projekt gegründet wurde und sich als diskursiver Ort der freien Kunstszene etabliert hat, über mögliche Zukünfte nachdenken?

Lesezeit: ca. 6 Minuten

Inzwischen ist es zur Tradition geworden, dass die kex–kunsthalle exnergasse in regelmäßigen Abständen eine Art Selbstreflexion anstößt, um die eigene Geschichte einer kritischen Revision zu unterziehen oder die dem Wunsch nach Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe folgende Gründung einer von Künstler*innen betriebenen Galerie auf ihre Aktualität hin zu befragen. Auch die kommende Veranstaltungsreihe und Ausstellung mit dem Titel „permanent temporär“ versucht das, und legt dabei den Fokus auf Fragestellungen zu gemeinschaftlichem Handeln (Commoning). Wie viele andere Kunstorte hat sich die kex– über die Jahre hinweg gewandelt und für vielfältige Formen der Gesellschaftsgestaltung geöffnet, bzw. ist im Begriff dies zu tun und Diversität nachhaltig im Programm und den Strukturen zu verankern. Solche Entwicklungen sind in einem allgemeinen gesellschaftlichen Kontext zu sehen, doch Akteur*innen im Kunstfeld hatten schon immer ein feines Sensorium und haben gewisse Themen früher aufgenommen. Sehr verallgemeinert gesprochen, haben sie so eine Verschiebung vom Kunstobjekt hin zu sozialen Prozessen angestoßen und vor allem ökosoziale, queer-feministische, antikapitalistische oder antidiskriminierende Praktiken etabliert.1

1Siehe V. Hofmann, J. Euler, L. Zurmühlen, S. Helfrich, Commoning Art – Die transformativen Potenziale von Commons in der Kunst, Bielefeld 2022.

(c) WUK Archiv, Ende der 80er Jahre, Foto: Helga Smerhovsky

Praktiken des Commoning 
Aber es ist die eine Sache, Kunst als Mittel zur Repräsentation und Illustration von Prozessen zu nutzen, und eine andere, Kunstpraktiken selbst als inklusive Handlungsweise zu etablieren, als Instrument der Fürsorge und Form kollaborativer Selbstorganisation. Gemeinschaftliches Tun und Handeln hat in der jüngsten Vergangenheit auch künstlerische und kuratorische Praktiken erfasst. Nicht zuletzt in Reaktion auf die Vereinzelungsmechanismen des Kunstmarktes oder auf die zunehmende Akademisierung der Kunst, haben Kunstschaffende erkannt, dass kollaboratives und solidarisches Handeln förderlich oder sogar unerlässlich sind. Der aus der Politischen Ökonomie und Gesellschaftstheorie entlehnte Begriff Commoning leitet sich von Commons, also Gemeingut, ab und legt den Fokus auf Praktiken und Handlungsfelder; er bezeichnet selbstorganisiertes und gemeinsames Produzieren, Verwalten, Sorgen und Nutzen. Dabei bringen alle Beteiligten ihre individuellen Fähigkeiten ein und bestimmen kollektiv über Art und Umgang mit Ressourcen und Produkten. Die feministische Politikwissenschaftlerin Silvia Federici versteht diese Praktiken als Möglichkeit zur „Errichtung autonomer Räume, von denen aus der Einfluss des Kapitalismus auf unser Leben untergraben werden kann.“2 Mit ihrem Slogan „no commons without community“ betont sie, dass Gemeingüter, wie Räume oder Ressourcen, nicht einfach existieren, sondern durch aktive, kollektive Verantwortung, Entscheidungen und soziale Beziehungen aktiviert werden müssen. 

Für Kunstinstitutionen gilt meist, dass Praktiken des Commoning von außen, z.B. von bestimmten Communities, temporär hineingetragen und selten permanent auf strukturellen Ebenen kultiviert werden. Ich wage zu behaupten, dass es sich in der kex– anders verhält. Als Mitglied des Beirats durfte ich den Transformationsprozess der letzten vier Jahren begleiten und beobachten, wie das Team dabei ist, eine Dehierarchisierung auf infrastruktureller und institutioneller Ebene sowie Praktiken der Teilhabe und Fürsorge zu etablieren.

2Silvia Federici, Die Welt wieder verzaubern, Mandelbaum Verlag, Wien, 2020, S. 168

Tisch im Raum, 2018, Zwanzig Jahre kunsthalle exnergasse, Foto: kex—

Gemeinschaft
Von der Gründung bis zum jetzigen Betrieb der kex– waren im Laufe der Jahre unzählige Personen, Künstler*innen, Kurator*innen, Theoretiker*innen, Produzent*innen, Beirät*innen, Besucher*innen und viele mehr involviert. Jede*r einzelne von ihnen hat die Geschichten dieses Ausstellungsraumes mitgeschrieben und gestaltet, ebenso, wie die Teilhabe an Ausstellungen und anderen Projekten dort die Entwicklung und Biografien von Künstler*innen und Kurator*innen beeinflusst hat. Sie alle bilden die Gemeinschaft und Community der kex– . 

permanent temporär wagt das gemeinschaftliche Experiment, in vier Kapiteln kollektive Geschichte(n) akkumulativ zu (re-)konstruieren, zu verhandeln, performativ zu bearbeiten und mit künstlerischen Strategien zu ergänzen und sichtbar zu machen? Befragt werden der Raum und Ressourcen, Leerstellen oder (scheinbar) Abwesendes, Strategien der Programmierung und Teilhabe, die Widersprüchlichkeit des beständig Neuen und immer Temporären. Untersucht werden Künstler*innen-Biografien sowie der Wandel von Institutionen und Kunstbegriffen in den letzten Jahrzehnten in Wien und darüber hinaus. 

Kulturen des Einladens 
Die kex– hat schon früh eine Kultur des Einladens etabliert und ständig weiterentwickelt. Zu Beginn stand die Einladung an befreundete Künstler*innen, die eigenen Arbeiten zu zeigen, und mit zunehmender Professionalisierung wurden Politiken des Einladens als Prinzip etabliert: ein Beirat und das Format des Open Calls sollten die Auswahlverfahren transparenter und das Programm diverser und internationaler machen. Wobei der Anspruch der Demokratisierung der Prozesse natürlich relativ ist, da er einerseits nach wie vor auf persönlichen Entscheidungen und Netzwerken beruht, und das Format Call andererseits einer Neoliberalisierung des Kunstbetriebs Vorschub leistet. Dennoch stellt es einen ernstzunehmenden Beitrag zur Teilhabe dar, um gemeinsames Gestalten mit externen und diversen Personengruppen zu ermöglichen. Die dem Call inhärenten Wiedersprüche spiegeln sich in der Programmgestaltung, aber auch in den Personen selbst, die die kex– zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedlichsten Ebenen mitgestaltet haben. Diese Freund*innen, Weggefährt*innen und Gründer*innen sollen im Laufe des Projekts zu Wort kommen um eine vielstimmige mündliche Geschichtsschreibung zu beginnen.

Text: Georgia Holz ist Kunsthistorikerin und als freie Kuratorin, Autorin und Redakteurin tätig. Sie ist Senior Scientist an der Abteilung Kunstgeschichte der Universität für Angewandte Kunst und für das Archiv der VBKÖ–Vereinigung Bildender Künstlerinnen Österreichs tätig. Aktuell forscht und lehrt sie zu spekulativen Strategien und künstlerisch-forschenden Methoden im Umgang mit Archiven. 2024 hat sie gemeinsam mit Seth Weiner „Unpacking Stories“ für die kex– kuratiert.

Auftakt “permanent temporär”

Details

Zum Auftakt von permanent temporär wird das von Julian Siffert und Seth Weiner konzipierte räumliche Setting präsentiert, in Hilma Bäckströms‘ Puppenmuttis Selbstbedienungsbar können sich die Besucher*innen selbst und gegenseitig bedienen und Francis Ruyter startet als Host die Reihe der Regular Wednesdays.

28. Jänner – 7. März 2025
Auftakt: Mi 28.1., 18 Uhr

Regular Wednesdays: 
28.1.2026, 18.30 Uhr
Space as a question, space as a resource, transformation of institutions
PUPPENMUTTI’S SELBSTBEDIENUNGSBAR
Cement Shoes

11.2.2026, 18.30 Uhr
Sheeko, sheeko

18.2.2026, 18 Uhr
CLUB kex—Die Talkshow

25.2.2026, 19.30 Uhr
IT’S COOKING – Ein Programm entsteht

4.3.2026, 18.00
Ausstellungseröffnung permanent temporär

(c) kex—/Wolfgang Thaler

kex—open call 2027

Für Ausstellungsprojekte

Mi 28.1.2026 bis Mi 11.2.2026

kex—kunsthalle exnergasse
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permanent temporär

Eine Kunsthalle als gemeinschaftliche Praxis

Do 29.1.2026 bis Sa 7.3.2026

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Auftakt permanent temporär

Regular Wednesday #1

Mi 28.1.2026
18.30

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Sheeko, sheeko

Regular Wednesday #2

Mi 11.2.2026
18.30

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CLUB kex—Die Talkshow

Regular Wednesday #3

Mi 18.2.2026
18.00

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Mi 25.2.2026
19.30

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