PALE BLUE

© Corinne L. Rusch

PALE BLUE

Im Gespräch mit Nikolaus Adler über PALE BLUE als choreografische Ausstellung des Menschseins

Wie ein choreografisches „Archiv“ durch Auswahl, Reduktion und Wahrnehmung ein Bild des Menschseins entwirft.

Lesezeit: ca. 4 Minuten

PALE BLUE lädt uns zu einem spielerischen Experiment ein: Hundert choreografische Artefakte entfalten sich im leeren Raum, und die Bühne wird zu einem imaginären Ausstellungsort. Im Bewusstsein, dass jede Beschreibung der Welt nur eine unausgewogene Perspektive darstellt, versteht sich die Arbeit als subjektiver Blick auf unsere Welt.

Im Gespräch mit Nikolaus Adler geht es darum, wie dieses choreografische „Archiv“ durch Auswahl, Reduktion und Wahrnehmung ein Bild des Menschseins entwirft.

 

PALE BLUE ist unter anderem von der Golden Record inspiriert – einem ins All geschickten Datenträger, der den Versuch unternimmt, die Essenz des Menschseins zu vermitteln. Was interessiert dich an der Idee, was eine Zusammenstellung von 100 Artefakten über uns Menschen aussagen kann und welchen Blick auf die Menschheit sie dadurch erlaubt?

An der Golden Record fasziniert mich, dass irgendwo im All eine Zeitkapsel unterwegs ist, die von einer Welt erzählt, die so vielleicht nie existiert hat. Gleichzeitig steckt darin der fast absurde Versuch, unsere Welt für völlig unbekannte Wesen erklärbar zu machen – wie eine Ikea-Anleitung für Außerirdische.

Mich interessiert dabei vor allem, was wir auswählen, um uns selbst zu beschreiben. Jede Sammlung erzählt immer auch von ihren blinden Flecken. Die Golden Record ist deshalb nicht nur ein Bild der Menschheit, sondern auch ein Spiegel ihrer Zeit.

In einer Gegenwart voller Krisen und Umbrüche entstand daraus die Idee einer Ausstellung, in der das Lesen und Benennen von Artefakten selbst zum zentralen Akt wird. Die Ausstellung versteht sich als Versuch, unsere Gegenwart mit der Distanz eines archäologischen Fundes zu betrachten und in ihr etwas wiederzuentdecken, das wir längst zu kennen glaubten.


Das choreografische Material entsteht aus sogenannten Artefakten, die von den Tänzer*innen über mehrere Monate hinweg zufällig ausgewählt wurden. Der Begriff umfasst nicht nur Dinge, sondern auch Erinnerungen, Gefühle, Bewegungen und andere Zustände menschlicher Existenz. Da die Artefakte durch Bewegungen dar- und ausgestellt werden, sind sie flüchtig bzw. vergänglich – was im Kontext eines Museums ein kleines Paradox darstellt. Wie kommen hier Tanz und Museumsraum zusammen?

Mich interessiert die Idee, dass jede:r Zuschauer:in seine/ihre eigene Ausstellung erlebt. Die Artefakte existieren nicht als feste Objekte, sondern als flüchtige Bewegungen, die erst durch die Wahrnehmung des Publikums Bedeutung bekommen.

Das Stück funktioniert dabei fast wie hundert nebeneinanderliegende Rorschachtests: Alle sehen dieselben Choreografien und trotzdem erkennt jede:r etwas anderes darin.

Das vermeintlich Alltägliche erscheint dabei wie eine Botschaft aus einer fremden Kultur. Die Besucher:innen befinden sich zunächst außerhalb des White Cubes und blicken aus der Distanz auf das Geschehen - wie Außerirdische, die auf die Erde blicken. Doch je mehr man sich auf die Scharade der Choreografien einlässt, desto persönlicher wird die Ausstellung. Im Versuch, etwas zu erkennen und zu benennen, begegnet man plötzlich auch sich selbst.


Welche Bedeutung hat die Zahl 100 innerhalb des Stücks – und was bedeutet diese Begrenzung für die Auswahl der Artefakte bzw. welche Freiheit kann durch diese formale Reduktion entstehen?

Eine große Inspiration dafür stammt aus dem Film “Drowning by Numbers” (Peter Greenaway, 1988): Ein Mädchen zählt Sterne und hört bei hundert auf. Auf die Frage warum, antwortet sie: „A hundred is enough. Once you've counted a hundred, all the other hundreds are the same."

Ich mag den Gedanken, dass hundert bereits reicht, um das Gefühl von Unendlichkeit zu erzeugen und um anzuerkennen, dass das Wesentliche oft nicht in der Vollständigkeit liegt, sondern in der Entscheidung, wann man aufhört zu zählen.


Welchen Stellenwert hat die Interpretation des Publikums für euch innerhalb des Stücks? Und wie wird diese Einladung zur eigenen Interpretation während der Performance konkret hergestellt – auf welche Weise können Zuschauer*innen Teil dieser „Charade“ werden bzw. sich darin wiederfinden?

Die Interpretation des Publikums ist zentral. Es ist unser Wunsch, dass die Zuschauer:innen versuchen, jede einzelne Choreographie für sich zu erkennen. Es geht nicht darum, eine Choreografie „richtig“ zu verstehen, sondern darum, was jede:r Einzelne darin entdeckt. Mit PALE BLUE laden wir nicht nur dazu ein, sich seiner persönlichen Umwelt bewusst zu werden, sondern auch, sich ganz ohne Berührungsängste spielerisch auf zeitgenössischen Tanz einzulassen.Denn so materialisiert sich in einer Welt, in der das Gewohnte von ständigen Umbrüchen bedroht ist, im leeren Raum eine Vielzahl persönlicher Bilder und Geschichten - ein individueller Blick auf die Welt in 100 imaginierten Artefakten.


Person hält Tablet mit Kameraansicht auf eine Gruppe von Menschen auf einem gepflasterten Platz

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