Im Labor sind alle Menschen gleich.

© Sven Rose

Im Labor sind alle Menschen gleich.

Wissenschaftler_innen, Künstler_innen und jede Menge Technik prägen die Gestaltung des dritten Test.Tube.Labors des Künstlers Thomas Jelinek, der im Livestream zum Nachdenken über das Thema Intelligenz anregt.

Das dritte Test.Tube.Labor widmet sich dem Thema Intelligenz. Warum hast du dich für dieses Thema entschieden?

Thomas Jelinek: Die TEST.TUBE Labor-Serie untersucht, mit einer dadaistisch gestellten parodistischen Haltung, die grundlegenden Parameter unseres gegenwärtigen Welt -Begriffs / Welt-Bildes, und ihre allgemeine Diskussion, die unser Selbstverständnis und damit auch unsere Gesellschaft konstituieren. Die Sprache ist unser kommunikativer und sozialer >Basiscode< der auch unser Denken und Handeln mit prägt. Viele Begriffe, die wir im Alltag gebrauchen, sind immer noch mit Vorstellungen aus dem 19. und früheren Jahrhunderten verbunden, die eigentlich keine Entsprechungen in den gegenwärtigen Erkenntnissen der Dinge und Zusammenhänge haben. Im Rahmen des Diskursfelds >Anthropozän<, das wir im ersten TEST.LAB vorgestellt haben, folgen wir dem Pfad der Erzählung, mittlerweile missverständlicher Begriffe.
Dazu gehört auch der allgemeingebräuchliche Begriff >Intelligenz<.

Ich meine, dass sich über den Begriff der Vorgang auseinander laufender Weltvorstellungen veranschaulicht. Eine Entwicklung die große Anteile zum katastrophalen Zustand unserer Zivilisation im Moment beiträgt, indem es die Fragmentarisierung der Gesellschaft in einem Ausmaß verstärkt, dass die Menschheit, als selbst ernannte „Führungsart“ unserer planetaren Spezies und Verursacher_innen der gegenwärtigen multiplen Krise, unfähig scheint diese auch nur im Ansatz lösen zu können. Die praktische Auswirkung dieser fatalen Entwicklung können wir täglich in politischen Entscheidungen, Konflikten, Wahlergebnissen und bizarren Protestbewegungen wahrnehmen.

Aus der Distanz betrachtet haben diese Vorgänge sogar eine gewisse Komik. Die physikalische Konsequenz allerdings, wäre ganz einfach unsere Auslöschung. Ich möchte hier Janina Loh, die sich auf unser LAB eingelassen hat, zitieren: „Da wo wir jetzt sind können wir nicht bleiben.“

Im Ankündigungstext sprichst du von sieben Kapiteln, die den Rahmen für den Live-stream bilden. Welche Themenkomplexe können wir erwarten?

Thomas Jelinek: Intelligenz ist ein alltäglicher, vielfach gebrauchter Begriff, trotzdem es bis heute keine allgemeingültige Definition von Intelligenz gibt, der in den unterschiedlichsten Kontexten vorkommt. Diese möchte ich, zumindest in einem Entwurf anreissen. Es geht um den Intelligenzbegriff in Bezug auf uns selbst, dem immer noch vorherrschend Dualismus im Kontext mit Materie und unserem Körper, über soziale und emotionale Intelligenz, uns verstärkt umgebender „intelligenter Systeme“, bis zur sogenannten künstlichen Intelligenz und der zunehmenden Hybridisierung. Diese habe ich, quasi willkürlich, in sieben Kapitel unterteilt. Es geht aber immer um unser Verhältnis zum jeweiligen Kontext, exemplarisch diskutiert von unseren Protagonist_innen. Im Grunde handelt es sich um ein langes Gespräch, zwischen sehr unterschiedlichen Leuten, das sich in der Performativität des Sprechens, des Kommunizierens manifestiert. Es ist mir in diesem Punkt sehr wichtig die Performance das Sprechens zu sehen, die  sogar gegeben ist ohne den Inhalt des Gesprochenen explizit in den Fokus zu stellen.

„Intel“ – „legere“ heißt ja auch das Lesen dazwischen.

An dem Labor nehmen sowohl Wissenschafter_innen als auch Künstler_innen teil, eine spannende Mischung. Wie können wir uns die Zusammenarbeit vorstellen?

Thomas Jelinek: Die TEST.TUBE Serie ist auf der ersten Ebene ein Diskurslabor, das sehr offen ist und sich von meinen anderen performativen Arbeiten durch die Unmittelbarkeit unterscheidet. Was bedeutet, dass sich eine Zusammenarbeit nicht unbedingt einstellen muss. Es kann auch Konflikte und Auseinandersetzungen ergeben. Die unabsehbare Entwicklung ist etwas worauf ich mich eben einstellen muss, was aber zu den spannendsten Momenten zählt. Im weitesten Sinne handelt sich aber immer um Kooperation, weil z.B. auch im Streitfall eine Synchronisation stattfinden muss, um sich verständigen zu können. Wie auch immer erzeugen die Prozesse in jedem Fall ein Weltbild, oder besser gesagt erzeugen die verschiedenen Positionen eine Landschaft aus der sich beteiligende Zuseher_innen ein Weltbild herstellen können, so dass, sie wie ich hoffe, in den argumentativen Prozess eingreifen wollen und sich für den Diskurs aktivieren.

Ich versuche diese Prozesse soweit zu inszenieren, dass sie auch für andere, aussenstehende soweit lesbar werden, dass sie sich auf den Diskurs einlassen können. Wobei ich mich selbst nicht aus dem Prozess herausnehme, sondern mich auf die Diskursbühne stelle, um ebenso angreifbar zu sein, wie alle anderen im Prozess, was übrigens auf alle teilnehmenden Personen im LAB zutrifft. Alle, mit Ausnahme der Kameraleute, sind multifunktional tätig und stellen sich sichtbar dem Diskurs. Im Labor sind alle Menschen gleich.

 

Konzipiert ist das Test.Tube.Labor als Live-stream. Was sind die größten Herausforderungen für dich in der Entwicklung und Realisierung?

Thomas Jelinek: Die größte Herausforderung ist ganz einfach die Technik. Wir versuchen mit Hilfe der bereits weit entwickelten Technologien und sogenannten Devices, einen immersiven virtuellen Raum herzustellen, der sich natürlich gegenüber einem physischen Performance- und Diskursraum in einigem radikal unterscheidet. Wir haben schon vor 10 Jahren in der LABfactory, damals als einige von wenigen, Diskurs-Performances gestreamt - mit wesentlich „bockigerer“ Technik – Aber da war die Live-Performance im physischen Raum, im direkten Zusammenspiel und in Konfrontation mit dem lebendig anwesenden Publikum die Basis auf der wir ins Netz gesendet oder auch mit externen Teilnehmer_innen - damals via Skype! - kommuniziert und performative Räume synchronisiert haben.

Jetzt ist der entscheidende Faktor des physischen Gegenübers, aufgrund der Umstände, weggefallen. Dafür ist die Möglichkeit weit über geografische Grenzen hinaus, mit vergleichsweise geringem Aufwand, zu kommunizieren und entfernte Orte zu synchronisieren in einem Ausmaß gegeben, dass wir, trotz des digitalen „Filters“ im Grunde global kommunizieren, diskutieren und performen können. Was allerdings zum fatalen Trugschluss führen könnte, dass wir unsere Körper gar nicht mehr brauchen und in manchen posthumanistischen Gedankengängen formuliert gefunden werden kann. Die Physis wird uns bleiben. Die Performance zwischen digitalen und physischen Räumen steht erst am Anfang der Möglichkeiten und stellt an sich schon eine strategische, logisitische und technische Herausforderung dar, die dem Narrativ unserer medialisierten Gesellschaft, in der viele glauben mit einem Knopfdruck YouTube-Star werden zu können, definitv widersprechen.

Thomas Jelinek: INTELLIGENCE

Vorstellungen
Fr 16. April 2021, 20:00 Uhr
live auf YouTube

Mehr Informationen findest du auf der Eventseite.


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