Choros, Chora, Aeon

(c) Moritz Majce + Sandra Man

Choros, Chora, Aeon

Raummythentrilogie, 2016-2020

Moritz Majce + Sandra Man erschaffen Raumchoreographien, die zwischen Installation und Performance verortet werden können. Für die Broschüre von WUK performing arts haben sie diesen Text zur Verfügung gestellt.

Wo leben wir?

Unsere Kunst rührt an diese Frage und wird von dieser Frage bewegt.

Aus Bildern schauen Landschaften, sie sind unwirklich, ohne verfremdet zu sein. Stimmen berichten von Figuren, die wir sind, aber anders. Sie brechen in menschenleere Gegenden auf, die zugleich auf sie zukommen. Der Ausstellungsraum wird beweglich: Wände, die kippen und Böden, die driften. In der Performance öffnen sich Tänzer_innen intuitiven Anziehungskräften. Sie folgen ihren Sinnen, lassen sich treiben, aber mit größter Klarheit. Zuschauer_innen werden zu Teilnehmenden, ohne etwas zu machen. Sie verschmelzen mit dem Geschehen.

Jede Arbeit ist Expedition in eine Gegenwart, die sich selbst fremd ist. 

Seit 2016 formt sich eine Trilogie um dieses fremde Hier: die Raumchoreographien Choros, Chora, Aeon. Die Arbeiten waren nicht von Anfang an als zusammengehörig und aufeinanderfolgend geplant. Aber jetzt, vier Jahre nach Beginn der ersten, mitten in der zweiten und kurz vor Beginn der letzten, sehen wir dieselben Motive immer wieder anders auftauchen: Die Erde erscheint als fremder Planet. Als technonatürlicher Außenraum, der uns bewegt, der uns aber nicht gehört. In ihm entsteht eine Bewegung lebender Körper, die weder von Fortschritt noch von Stillstand geprägt ist. Eine Dynamik, die aus sich selbst heraus entspringt, keinen Grund und kein Ziel hat. In der sich die Körper zugleich vereinzeln und verbinden. In den Raum ergießen und sich zu Orten versammeln.

Wir sind hier. Aber in welchem Hier, als welches Wir und auf welche Weise wir sind, ist heute weit offen. Unsere Kunst ist angezogen von dieser Offenheit. Raum, Bewegung, Vielheit in ihrer aktuellen Unbestimmtheit ist das Material unseres Werks.

Raummythen

Choros, Chora, Aeon sind Namen unbekannter Gegenden, die wir im Hier und Jetzt unserer Arbeiten entdecken. Wie die Astronomie Himmelskörper nach griechischen Sagen benennt, geben wir den in den Werken auftauchenden Landschaften mythische Namen.

Choros bezieht sich auf den antiken Chor, es bezeichnet zugleich den Kreistanz, die Tanzenden und den Tanzplatz. In Choros steckt die Zusammengehörigkeit von Bewegung, Körper und Raum: Durch sein Tanzen bringt der Chor Bühnen hervor. Die ältesten sind die beim Reigen durch die Schritte entstehenden Kreisflächen im Sand- oder Grasboden.

Chora ist der mythische Name für einen Raum in Bewegung. Ein Raum, der nie im Gleichgewicht ist und nie stillsteht. Aus dieser permanenten Instabilität heraus entsteht die Welt. Platon nennt Chora „die Amme des Werdens“.

Aeon ist neben Chronos der andere antike Gott der Zeit. Im Unterschied zu ihrem Verlauf, der Chronologie, ist Aeon der unendliche Moment, die Ewigkeit. In Äonen werden heute in der Geologie die Erdzeitalter gemessen, Zeitspannen jenseits von empfindbarer Vergänglichkeit, in ihrer quasi ewigen Dauer an der Grenze zur Unbewegtheit, also zum Raum.

Alle drei Namen lösen Bilder von bewegten Räumen, von Raumbewegungen aus. Es sind Bewegungen eines Wo?, das nie einfach vorhanden ist, sondern sich immer erst gibt und sich immer wieder entzieht. Ein Raum, der immer erst mit uns entsteht – durch unser Tun wie in Choros; der immer in uns ist – als bewegter Raum aller Entstehung wie in Chora; der immer jenseits von uns wirkt – als ewige Dauer wie in Aeon.

Choros, Chora, Aeon sind mythische Namen aus einer anderen Zeit. Sie sind fremd, sie klingen aus einer fernen Gegend. Wir hören sie in unseren Arbeiten als Echos. Wir verstärken ihren Widerhall.

Wir erzählen unter diesen Namen keine Geschichten. Das Archaische in ihnen erklärt uns nichts, weder die Antike noch die Gegenwart. Die mythischen Namen sind in unseren Arbeiten wie Fossilien aus dem Urmeer, wie Meteoritenbrocken eines fernen Einschlags oder wie die kosmische Hintergrundstrahlung aus dem Urknall. Ein Vergangenes ohne Geschichte. Aus der Zeit gefallen und trotzdem da. Ein Fremdes, das gegenwärtig ist. Das in seiner Gegenwärtigkeit fremd ist und deswegen – wie die astronomischen Namen für neu entdeckte Planeten, Monde, Sonnensysteme – ein Unbekanntes, Fernes und Künftiges benennen kann.

Wenn man diese Namen hört – Choros, Chora, Aeon –, öffnen sie ein Unwirkliches mitten im Wirklichen, zugleich entrückt und auf uns bezogen. Sie klingen auf unbestimmte, offene Weise aus einer Zeit vor und nach jeder uns vertrauten Geschichte. Aus einem ausgedehnten Hier ohne Zu- und Abwege: aus einem Weltraum.

Als mythische Begriffe haben sie immer schon etwas bezeichnet, das da ist und sich der Erklärung und der Ordnung entzieht. In unseren Arbeiten geben sie dem Gefühl, dass sich die Gegenwart fremd ist, jeweils einen Namen.

Raumchoreographie

Choros, Chora, Aeon sind unvertraute Gegenden, ein fremdes Hier und Jetzt, ein Wo? in Bewegung. Sie sind keine Titel für Stücke mit Handlung oder Entwicklung. In Choros, Chora, Aeon gibt es keinen alles Geschehen umfassenden Verlauf. Es gibt keine allen Elementen gemeinsame Geschichte. Es gibt keine Vorstellung.

Wie in einer Landschaft geschehen mehrere Dinge gleichzeitig und überall: da tauchen Bilder auf, durch den Raum bewegen sich tanzende Körper, dort spricht eine Stimme, hier rollt ein Bodenelement, dort sitzt eine Besucherin. Alles, was geschieht, geschieht an einer Stelle: hier, da, dort. Es geht auf, verbindet sich mit anderem, bleibt für sich, verschwindet, erscheint wieder.

Wir nennen unsere Arbeiten Raumchoreographien.

Eine Raumchoreographie ist keine zeitlich-dramaturgische Einheit, sie ist ein offenes Ganzes. Sie entspringt immer wieder zugleich an verschiedenen Orten, sie hat mehrere Ursprünge: in Videos, in Texten, in Bewegungen, in Objekten, in Besucher_innen. Alle Elemente existieren für sich, in ihrer eigenen Gegenwart und Zeitlichkeit; sie begegnen sich in ihrer räumlichen Offenheit aufeinander hin: Sie ziehen aneinander vorbei, kreuzen sich, stoßen zusammen, verlaufen parallel, gehen auseinander. Weit entfernt vom tanzenden Subjekt, mit gestalteter Ausdrucksform und Körpersprache vor ein Publikum gestellt, sind es in unseren Raumchoreographien plurale Elemente, die sich jeweils ausstellen und miteinander bewegen.

Wir arbeiten an einem Werk, das an verschiedenen Stellen und in verschiedenen Medien gleichzeitig erscheint. Alle Arten sind eigenständig und gleichwertig. Es gibt immer multiple Ursprünge, nichts leitet sich von einem anderen ab: Die Videos kommen nicht aus den Texten. Die Performance kommt nicht aus den Bildern. Die Objekte kommen nicht aus der Performance. Das Zuschauen kommt nicht aus der Vorstellung. Jedes Element hat seinen eigenen Ursprung, seine eigene Zeitlichkeit. Die Bezüge zwischen ihnen, die jeweilige Weise ihres Zusammen- und Getrenntseins ist der Charakter einer Arbeit: In Choros sind die Elemente und ihre Spuren anders zusammen im Raum als in Chora, und in Aeon wird es wieder anders sein. Nicht als statische Anordnungen, sondern als Dynamiken, die jede Arbeit von sich aus hervorbringt. Jede Arbeit bewegt sich als Ganze anders. Jede ist ein spezifischer Organismus, so wie eine Wüste anders wächst als ein Berg.

Landschaften formen sich, bewegen sich, werden bewegt und beeinflusst und haben dabei kein Ziel vor Augen. Sie verändern sich immer weiter. Sie driften unter und falten sich über Utopien und Dystopien.

Unsere Arbeiten sind weder Anhäufungen loser Bruchstücke und einzelner Stränge noch zusammengefügtes Gesamtkunstwerk, weil sie überhaupt nicht von einer finalen Gestalt beherrscht werden – weder als Einheit, noch als deren Zerstörung.

In Chora, Choros, Aeon, Raumchoreographien, die von einem Wo ohne Bestimmung, einem Leben ohne Absicht, einem Wir ohne Identität, angetrieben sind, zählen die Ursprünge. Plurale Ursprünge, gleichzeitig in verschiedenen Bewegungen, Zeitlichkeiten, Räumlichkeiten, immer wieder Aufgehen und Vergehen von Bildern, Stimmen, Körpern, Objekten und ihren Verbindungen. Nichts ist vorherbestimmt, nichts ist auf ein Ende projiziert, alles kommt aus dem Unbestimmten.

Nicht das Resultat von etwas: wie es aussieht, was es bedeutet, wie es zusammenhängt, sondern dass es entspringt, mehrfach und immer wieder anders, dass etwas anfängt, zugleich, an mehreren Stellen aufgeht, wieder verschwindet und woanders neu erscheint, ist die Choros, Chora, Aeon verbindende Unendlichkeit als Gegenwart. – Wir arbeiten an den offenen Stellen eines fremden Hier.

 

2016: Choros I | Uferstudios Berlin
2017: Choros II | 3 AM Festival | Kunstfabrik am Flutgraben | Berlin
2018: Choros III (Koroška) | Kunstraum Lakeside | Klagenfurt/Celovec
2018: Choros IV | Montag Modus Festival | Collegium Hungaricum Berlin
2018: Choros V | WUK performing arts Wien
2018: Choros VI | District Berlin
2019: Chora (Growing Time) | Open Spaces Festival | Tanzfabrik Berlin
2020: Chora (Outer Space) | WUK performing arts Wien
2020: Aeon | Tanznacht Berlin

Die Künstler_innen Sandra Man und Moritz Majce arbeiten schon seit Jahren gemeinsam an Projekten. Sie haben eine einzigartige künstlerische Position, indem sie tatsächlich jedem ästhetischen Element, sei es Text, Raum, Körper, Video, Sound ihre je eigene Aufgabe zuordnen und diese dann in einen gemeinsamen Rhythmus bringen, der ein Gesamterlebnis bereit hält, ohne die Elemente zu nivellieren. Geplant war mit „CHORA“ im April 2020 nun ihre bereits zweite Arbeit im Programm von WUK performing arts zu zeigen.

Dieser Text wurde für die Broschüre neun | nine von WUK performing arts verfasst. Die Broschüren der Saison 2017 | 2018 sowie 2018 | 2019 können auf unserer Website digital gelesen werden.

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