Ausgesetzt und zugehörig

(c) Moritz Majce + Sandra Man

Ausgesetzt und zugehörig

Moritz Majce + Sandra Man geben Einblick in die Live Installation "CHORA (Outer Space)"

Die Erde ist ein fremder Planet. Wir sind ihr ausgesetzt und gleichzeitig zugehörig. Diese Ambivalenz ist ein Ausgangspunkt von Moritz Majce + Sandra Man, die in ihrer neuesten Arbeit eine Live Installation umsetzen.

Der Ankündigungstext von CHORA beginnt mit den Zeilen „Die Erde ist ein fremder Planet. /  Sie zeigt uns jeden Tag ein anderes Gesicht.“ Warum habt ihr diese Aussage vorangestellt und was genau meint ihr damit?

Moritz Majce + Sandra Man: In den Zeilen steckt eine Stimmung, die unsere Zeit ausmacht. Wir erleben heute große Transformationen, die die Erde als Ganze umfassen. Sie heißen Klimawandel,  Globalisierung, Technologie – es sind Veränderungen im Verhältnis zwischen „uns“ und unserem Aufenthaltsort, unserer Umgebung.  Zu den großen Transformationen gehört das Gefühl, dass etwas auf uns zukommt, in das wir zugleich verstrickt sind. Es gibt technologische und natürliche Eigendynamiken, die wir nicht beherrschen. Wir sind nicht mehr die, die handeln und damit sind wir auch nicht mehr die, die zuschauen. Was geschieht, geschieht durch uns durch. Es ändert sich gegenwärtig alles – wer wir sind, wie wir sind, wo wir sind. Die Erde ist ein Name für das Gefühl, irgendwo zugleich fremd und angesprochen zu sein; ausgesetzt und zugehörig.

Bei CHORA werden die Zuschauer_innen zu Teilnehmer_innen ohne etwas zu machen. Inwiefern verschmelzen diese beide Rollen und wie wirkt sich die Teilnahme des Publikums auf die jeweiligen Abende aus?

Moritz Majce + Sandra Man: Zuschauer_innen sind auch einfach Körper. Sie mögen Erwartungen, Kenntnisse oder was auch immer haben, aber im Grunde treffen in einer Performance Körper auf Körper und um diesen Bezug geht es.

Das bedeutet nicht „Mitmachen“. Performer_innen und Besucher_innen sind voneinander unterschieden und haben verschiedene Aufgaben. Die Tänzer_innen Charlie, Laura, Maya sind trainiert, sie haben ein bestimmtes Verhältnis zueinander und zu Raum und Zeit – sie lassen sich auf das Dasein, auf die Gegenwart ein und damit öffnen sie sie für Besucher_innen. Sie sind Pforten der Wahrnehmung für sie. Die Begegnung, die Teilnahme findet in dieser Öffnung statt: in einem Blick, einer Nähe, einer Bewegung – irgendwo dort, wo ich mich als Besucher_in berührt fühle, ohne dass ich auch nur die leiseste Ahnung haben muss, warum.

Wir versuchen in unseren Arbeiten an den Punkt zu kommen, an dem Körper einfach im Raum sind. An dem sie nichts extra tun oder zeigen, sondern möglichst nur da sind. „Nur“ ist dabei nicht richtig, weil eigentlich ist Dasein nicht Reduktion, sondern Fülle: Dasein ist lebendig sein, wirklich in dem Moment ganz da sein, ist reich und voll, bewegt und bewegend. Diesen Moment – wenn er eintritt, er ist nicht herstellbar – teilen alle Körper im Raum: Besucher_innen und Performer_innen. Insofern sind alle Teilnehmende, Teilnehmende an einer geteilten Gegenwart – ohne etwas zu machen.

Wenn wir sagen, wir wollen an den Punkt, wo Körper einfach da sind, dann meinen wir damit auch etwas anderes als Verstehen, Bewerten, Einordnen müssen. Etwas, das keine_r von uns erklären kann, aber jede_r empfinden: ein intensives Gefühl von Gegenwärtigsein, von Lebendigsein. Das ist für uns „Teilnahme“ – Teilnahme am Leben.

Eure Arbeiten beschäftigen sich oft mit der Erde, als Planet und als Erfahrungsraum. Warum greift ihr dieses komplexe Thema auf und warum erscheint es euch notwendig mittels künstlerischer Zugänge über den Planeten, der uns beherbergt, nachzudenken?

Moritz Majce + Sandra Man: Die Erde ist zugleich das Einfachste – es ist der Ort, an dem wir alle zusammen sind. Wahrscheinlich sind die Arbeiten der Versuch, an dieses ganz Einfache, ganz Unmittelbare zu rühren, es auszustellen und auszusprechen: Dass wir hier zusammen sind. Es ist sehr rätselhaft, was das ist und wie sich das konkret in einem bestimmten Moment anfühlt.

Das Unmittelbare, das, was mich affektiv berührt, ist der Sinn von Kunst. Es kann gelingen oder nicht, eine Arbeit kann berühren oder nicht, aber Kunst ist das, was sich der Unmittelbarkeit sinnlich in einem Hier und Jetzt öffnet. Darum muss es ihr gehen.

Die Kunst, die wir machen und die wir mögen, vermittelt nicht Wissen oder Aussagen. Was sie macht, ist sich auf die Wucht einer Erschütterung einzulassen, auf etwas, das zuerst einmal uns anblickt, bevor wir irgendetwas tun oder verstehen.

Die Erde ist ein Name für so eine Intensität. Sie ist der Körper, in dem wir mit allen anderen leben und sterben. Sie ist die Kugel, die sich im Weltraum dreht und der Stoff, den wir mit unseren Händen greifen können.

Angekündigt wird CHORA als Live Installation. Was können wir uns darunter vorstellen?

Moritz Majce + Sandra Man: Die Arbeit setzt sich aus einer installativen Dimension – Videos, Texte, Objekte – und einer Live-Performance zusammen. Sie ist ein begehbarer Raum und kein Stück. Das bedeutet auch, dass man kommen und gehen kann, wann man will.

Uns interessiert das Zusammenspiel von verschiedenen Gegenwarten: Bilder, Sprache, sich bewegende Körper – alle eigenständig, alle aus ihren jeweiligen Quellen kommen in einem Raum zusammen. Die Heterogenität und nicht das eine Zentrum, die Vielheit von Medien und ihre Gleichzeitigkeit, die Umwelt, die uns umgibt, statt der einen Handlung, der wir gegenübersitzen, machen eine Live Installation aus.

Moritz Majce + Sandra Man: CHORA (Outer Space)

Mehr Informationen finden Sie hier

(c) Moritz Majce + Sandra Man

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