Opera of Time

Opera of Time

Interaktive Medien-Oper mit der immer gleichen Frage: Was ist Zeit?

Die Eröffnungsproduktion der Musiktheatertage Wien 2019 wird von dem Komponisten Jorge Sanchez-Chiong und dem Künstler Thomas Jelinek gestaltet. Inhaltliche Rahmung ist die Frage nach dem Umgang mit der Zeit in der westlichen Gesellschaft.

Die Zeit ist in der westlichen Gesellschaft ein rares Gut. Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder weg. Und wer sie hat, scheint im Luxus zu schweben. Mit diesen Phänomen setzen sich Thomas Jelinek und Jorge Sánchez-Chiong auseinander. Opera of Time ist eine interaktive Medien-Oper, bei der das Publikum zur Partizipation eingeladen ist - sofern es das möchte, ein Nein ist immer möglich. 

Opera of Time ist das zweite Projekt, das ihr gemeinsam realisiert. Was zeichnet eure Zusammenarbeit aus?

Thomas Jelinek Wir haben schon mehrfach in Projekten in unterschiedlicher Intensität zusammengearbeitet. OPERA of TIME ist tatsächlich unsere dritte Zusammenarbeit im Kontext der zeitgenössischen Oper. Dabei ist unser Anliegen das Genre Oper radikal neu und zeitgenössisch zu definieren und aus den Elementen, bzw. den Grundideen der tradierten Oper komplett neue Sets zu entwickeln. Diese haben vielleicht auf den ersten Blick überhaupt nichts mehr mit der konventionellen Vorstellungen von Oper zu tun, aber wir waren dabei schon streng alle entscheidenden Parameter des Genres zu verwenden.
Trotzdem mag das Ergebnis als Dekonstruktion des herkömmlichen Operngedanken erscheinen.
Aber die Dekonstruktion der konventionellen Oper ergibt sich aus den Prozessen und ist nicht nur künstlerische Form. In den Arbeiten verbinden sich zeitgenössische Performance-Strategien mit aktuellen Entwicklungsprozessen von Musik und Klangcluster unter Verwendung zeitgenössischer Mittel und Technologien.

Zeit gilt in der westlichen Gesellschaft als Maß aller Dinge - wer Zeit hat, wird beneidet und der Satz "Dafür habe ich keine Zeit" wird inflationär verwendet. Was interessiert euch an diesem Thema?

Thomas Jelinek Wir, die menschliche Gesellschaft, befinden uns in einer noch nie dagewesenen Umbruchphase die alle Lebensbereiche so radikal verändern und noch verändern werden, dass wir kaum noch voraussehen können wie oder ob wir überhaupt noch wiedererkennbar leben werden.
Ein für alle spürbarer Faktor ist dabei die Zeit. Wie wir mit Zeit umgehen hat einen direkten Bezug dazu wie wir mit uns selbst und unserer Umgebung, der Gesellschaft und Umwelt umgehen. Zeit ist nicht nur die Ordnung der Menschen, sondern auch die Ordnung der Dinge und Umwelt.
Zeit ist streng genommen auch eine menschliche Erfindung, die so wie wir sie verwenden in den Naturwissenschaften nicht vorkommt. In der Physik ist Zeit nur eine Verhältnismaß voneinander unterscheidbarer Prozesse und entsprechend relativ.
Zeit ist also eine Zivilisations- und Kulturentwicklung für die spezifischen Prozesse auf unserem Planeten im menschlichen Kontext.
Die Einteilung in Minuten und Sekunden im Rahmen der Industriellen Revolution des vergangenen Jahrhunderts hat schon eklatante Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt nach sich gezogen.
Was jetzt in der sogenannten digitalen Revolution, die auch mit einer Hybridisierung des biologischen Lebens verknüpft ist, und uns zu einer Art Cyborg-existenz verwandelt, scheint da noch gravierender zu sein, weil es kaum noch Referenzmuster zu herkömmlichen und tradierten Lebensformen hat.
Das Phänomen der sich beschleunigenden Zeit ist nicht nur ein Schlagwort, sondern wird von fast allen derzeit lebenden Menschen als reale gewalttätige Erfahrung wahrgenommen. Viele Menschen empfinden die Zeittaktung der Gegenwart in erster Linie als Druck. Keine Zeit zu haben ist ein normales Phänomen und immer öfter die Entschuldigung, soziales Leben immer mehr zu Minimieren. Auch das was wir „Freizeit“ nennen wird ganz selbstverständlich optimiert und in immer kleinere Zeiteinheiten zerhackt.
Dabei bleibt die natürlich Wahrnehmung ablaufender Prozesse, Jahreszeiten, Biorhythmen etc zunehmend auf der Strecke und wir gleichen uns den Algorithmus-bestimmten Strukturen und Taktungen, die keine Schlaf – und Wachzeiten wie biologische Zyklen mehr kennt, immer mehr an.
Die Art wie wir mit Zeit umgehen beeinflusst die Art wie wir leben und letztendlich die Welt wahrnehmen. Was wiederum einen entscheidenden Einfluss auf unsere Entscheidungen, wie wir mit den massiven Problemen unserer Gegenwart umgehen hat.
Entfremdung von unserem Kontext, der sogenannten Natur – die, wie wir mit den selben Technologien, mit denen wir im Begriff sind unseren Planeten für uns selbst unbewohnbar zu machen, als untrennbarem Teil unserer selbst erkannt haben, ist soweit fortgeschritten, dass es eine große Menge Menschen gibt, die die fatalen Entwicklungen sogar im offensichtlichsten Fall, der sich massiv ankündigenden Klimakatastrophe, nicht sehen wollen.

Inwiefern hängt für euch der Faktor Zeit mit der zunehmenden Digitalisierung zusammen?

Thomas Jelinek Der Zeitbegriff hat sich durch die Digitalisierung signifikant verändert und die Zeit-Taktung fast schon exponentiell beschleunigt. Vor allem die Ökonomie hat sich dadurch extrem beschleunigt.
Bis noch vor nicht all zu langer Zeit wurde an der Börse mit Schallgeschwindigkeit das sind etwa 33 Meter pro Sekunde gehandelt. Die Geschwindigkeit mit der heute Handel getrieben wird, bewegt sich bei einem Drittel bis zur Hälfte der Lichtgeschwindigkeit! Das sind 150.000 Km/s genauer 149.896.229 Meter / Sek. - Das liegt außerhalb unserer Handlungsvorstellungen. Das Beispiel zeigt, dass wir durch die Digitalisierung und Kommunikationstechnolgien, unsere Entscheidungsmacht sukzessive auf- und ab-geben. Algorithmen entscheiden in immer mehr Bereichen für uns was zu tun ist, da sie wesentlich schneller und präziser, nach „Plan“ Optionen bestimmen und auswählen. Das heißt aber auch, dass wir unsere Kreativität damit aufgeben. - diese war aber bis jetzt entscheidend für die Entwicklung unserer Zivilisation.Hier entwickelt sich etwas das wir nicht abschätzen können. Nicht nur weil wir mit der Geschwindigkeit unserer Maschinen nicht mehr mithalten können, sonder auch weil es dafür noch keine Erfahrungswerte gibt.
Wir können Entwicklungen mit Hilfe digitaler Simulationen immer präziser vorausberechnen. Bis über 100.000 Milliarden Jahre die Entwicklung unseres Universums bis zur endgültigen Erkaltung bzw. Entropie voraussehen, aber uns selbst, die humane Spezies, dabei nicht einschätzen und haben dafür kaum Prognosen, bzw. sehen diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziemlich düster aus. Die Wahrscheinlichkeit dass wir in dieser Zukunft überhaupt noch vorkommen ist mittlerweile verschwindend gering.

In der Beschreibung wird das Stück als multimediale und interaktive Performance angekündigt. Was können wir uns darunter vorstellen?

Thomas Jelinek Die Installation, die zugleich das Set für die Oper ist, besteht im Prinzip nur aus Licht und Schallwellen. Im Raum befinden sich dazu die technischen Apparate, wie Lautsprecher, Instrumente, Schlagzeug und Klavier etc. Lichtquellen, wie Videoprojektoren, Spiegel und Scheinwerfern, diese Wellen zu erzeugen und zu strukturieren. Parallel zum physikalischen Raum der Performance haben wir einen virtuellen, digitalen Raum mit den exakt gleichen Massen und Eigenschaften auf den Rechnern die den Medialen Ablauf steuern.
Die Informationen die zum Beispiel über Mikrofone und Kameras den physikalischen Raum aufnehmen, werden live in den digitalen Parallelraum eingespeist und die Prozesse die im digitalen „Spiegel-Raum“ anlaufen über Projektoren und Lautsprecher in den physikalischen Performanceraum transferiert. Das Publikum wird über Livekameras und Tonabnehmern als Teil der Performanceentwicklung in die mediale Installation eingespeist und beeinflusst so das visuelle und akustische Entwicklungsszenario jeder einzelnen Aufführung.
Entsprechend sind die medialen Abläufe in der Partitur als eigene Stimmen geführt und Teil des Aktionsspektrums, sodass musikalische und performative Ablaufe direkte Wechselwirkungen zwischen den agierenden Menschen und den digitalen Prozessen auf den Computerclustern, die die medialen Abläufe steuern, sind. Es sind dabei nicht nur die Medien interaktiv sondern die Interaktion spielt sich auch zwischen den Akteur_innen und dem Publikum, sowie den Menschen und den intelligenten digitalen Systemen live ab.

OPERA OF TIME

Donnerstag, 12. September 2019, 19:45 Uhr, Saal
Freitag, 13. September 2019, 21:00 Uhr, Saal
Samstag, 14. September 2019, 21:00 Uhr, Saal

Sound Cloud I findet im Rahmen der MUSIKTHEATERTAGE WIEN 2019 statt. 
Mehr Informationen finden Sie hier

Do 21. bis Sa 23. November 2019, 19:30 Uhr

Saal

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Mo 02. Dezember 2019, 19:30 Uhr

Saal

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Samstag, 21. Dezember 2019, 21:00 Uhr

Saal und Foyer
(Stiege 3, Erdgeschoß, barrierefrei)

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Fr 10. Januar 2020 - Sa 18. Januar 2020, 19.30 Uhr

Saal

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