Raumdynamische Begegnungen.

Raumdynamische Begegnungen.

Moritz Majce und Sandra Man im Interview

Moritz Majce und Sandra Man laden in ihrer neuesten Arbeit die Besucher_innen dazu ein, sich auf Raumdynamiken und Begegnungen einzulassen.

Ihr kommt ursprünglich aus der bildenden bzw. Schreibkunst. Warum habt ihr euch dazu entschieden nun choreographisch zu arbeiten?

Moritz Majce 

Für mich ist der Weg von der Bildenden Kunst in die Choreographie kein Bruch. Schon in meiner Abschlussarbeit auf der Akademie habe ich choreographiert, nämlich Besucher_innen. An zehn verschiedenen Orten im Stadtraum fand gleichzeitig etwas statt, zu jedem konnte nur eine Besucher_in. Dabei gingen alle zugleich vom selben Platz los in verschiedene Richtungen, hatten bestimmte Wege, wurden von Wegbegleiter_innen hin und zurück gebracht und trafen sich danach wieder. Der Weg und wie die Besucher_innen ihn zurücklegten, war eine eigenständig bearbeitete Aktion, mindestens so wichtig wie das, was an den jeweiligen Orten zu sehen war. Auch in Sensationen im Alleingang, zwei Festivals, die ich vor zehn Jahren in Wien nach demselben Prinzip des Wegs und der Vereinzelung konzipiert habe, ging es schon um Fragen der Bewegung und der Versammlung, wie sie nun in Choros wieder auftauchen. Mich interessieren Rhythmus und Raumdynamik: Wie bewegt sich der Raum, wie bewegen Performer_innen und Besucher_innen sich durch den Raum. Eine der ersten Arbeiten, die Sandra und ich zusammen gemacht haben, Die Umsetzung,war eine Autofahrt durch den öffentlichen Raum, die man auch einzeln machte. Während dieser Fahrt hatte man auf der Rückbank sitzend einen Kopfhörer auf und hörte einen Schauspieler live einen Text sprechen, der von einer Fahrt handelte, die manchmal genau gleich wie die reale war und sich manchmal weit von ihr entfernte. Im Kopf bewegt sich durch die Stimme und den Text ein anderer Raum, während ich als Besucher_in aus dem Autofenster schaue und der Stadtraum auf einer bestimmten Strecke an mir vorbeizieht. Oder bei Within the Interim (a while withal), einer Arbeit, die ich 2010 gemacht habe, bewegte sich der Raum wortwörtlich um die Besucher_innen herum: 32 massive Wandmodule, von jeweils einer Person getragen und gehalten, machten eine Raumchoreographie, d.h. sie bauten sich fortwährend um das durch von diesen Wänden geformte Gänge gehende Publikum um. Das ist vielleicht die elementarste Form meines Verständnisses von Choreographie als spezifischer Raumbewegung: In einer von der bildenden Kunst her verstandenen Choreographie geht es um das Schaffen eines dynamischen Raums. Es fängt mit der Minimal Art an, die für mich früh wichtig war, und es ist kein Zufall, dass sich Minimal Art und Tanz so fruchtbar verbunden haben oder sogar aus demselben Denken heraus kommen: Wie lässt sich durch Objekte und Bewegungen der Raum aktivieren? Wie bewegen sich Performer_innen und Besucher_nnen im Raum und wie bewegen sie den Raum?

Sandra Man

Es gibt Verbindungen von Sprache, Körper und Raum und ihnen folge ich. Das fängt damit an, dass ich mit meinem Körper schreibe, es körperliche Zustände und Bewegungen sind, aus denen heraus ein Rhythmus, ein Schreibfluss kommt, überhaupt möglich ist. Ich fühle mich darin Tänzer_innen nahe, in Fragen, wie offen und durchlässig ist mein Körper, was kann ich aufgeben und loslassen, wie sehr kann ich mich zu einer Zone für Sprachbewegungen, Sprachempfindungen machen, wie sehr lasse ich Affekte, Phantasien, Traumata, Begehren sprachlich zu, überlasse mich ihnen, folge ihnen und genieße sie. Wie kann ich meinen Körper einnehmen, zu meiner Droge machen, für andere Wahrnehmungen öffnen. Wie weit kann ich werden, wie verfügbar für das, was gegenwärtig geschieht, wie sehr kann ich Bewegungen folgen, sie aufnehmen und mir aneignen, seien es innere körperliche, seien es aber auch äußere, wie zum Beispiel an einer Stelle in einem Text in Choros die Bewegung der Dürre und der Verwüstung. Schreiben ist für mich eine körperliche Bewegung durch innere und äußere Räume. Und das ist dem Tanzen ähnlich, zumindest in der Dimension, die mich interessiert. Diese empfundene Gemeinsamkeit in unterschiedlichen Ausdrucksformen bringt mich zur Arbeit mit Tänzer_innen. Sie eröffnet einen Raum, den sich Bewegung, Körper und Sprache teilen können und der von verschiedenen Körperlichkeiten her bestimmt ist.

Die Suche nach anderen Weisen, mit Sprache, geschriebener und gesprochener, zu arbeiten, ihr Bewegung und Raum zu ermöglichen, ist auch einer, wahrscheinlich der entscheidende Punkt, an dem die Zusammenarbeit zwischen Moritz und mir begonnen hat und sich befruchtet: Wo und wie ist ein Text hör-/lesbar, welchen Raum nimmt er ein und welchen eröffnet er? Mich und uns interessiert, wie sich Texte im Raum bewegen können, wie sie verortet sind, wie sie gleichzeitig ein Innen und in einem Außen sein können. Ich meine damit zum Beispiel so etwas wie jetzt in Choros: Ich kann als Besucherin zu einem Text hingehen, er ist an einer bestimmten Stelle, dort kann ich ihm zuhören, und gleichzeitig kann ich dabei dem zuschauen, was sonst im Raum passiert, ich sehe Bilder, Körper, andere Zuschauer_innen. Der Text spricht von einem Raum, er beschreibt einen Raum, projiziert ihn in meinem Kopf, zugleich ist der gesprochene Text aber auch außen, in einem Raum mit anderen Dingen, Körpern, Bildern, Bewegungen. Der Text ist nicht wie im Theater immer raumfüllend und immer der einer Figur, er hat in Choros einen Ort und er teilt sich den Raum mit anderen Elementen. Er spricht zu ihnen, aber weder erklärt noch kommentiert er sie. Er ist auf andere Weise dialogisch als im Theater, etwa wenn wie in einer Station in Choros Gedichte zu Videos gesprochen werden. Es geht beim Text nicht um einen Dialog zwischen Personen, nicht um das Voranbringen einer Handlung, sondern um Rhythmus, Bewegung, Abstand und Begegnung. Das sind choreographische Fragen. Man kann auch Worten und Stimmen beim Tanzen zuhören.

Moritz Majce + Sandra Man

Es gab eigentlich immer, in allen Arbeiten, unseren gemeinsamen und den jeweiligen, ein Interesse für Körper und Räume. Auch in ausstellungshafteren Arbeiten, in denen nicht live performt wurde, ging es darum, wie sich etwas durchbewegt – sei es der geschriebene Text und entlang von ihm die Besucher_nnen in Jetzt Wird’s Ernst (2013) oder die Raumbewegungen der Skulpturen selbst in So Gut Wie Genug (2014), beides Arbeiten noch bevor wir mit Tänzer_innen zusammenarbeiteten. Dadurch, dass die Frage der Bewegung von Anfang an so präsent war, war die Bezeichnung bzw. Zuordnung Installation zu statisch und nicht zutreffend und wurde es immer weniger, je mehr die Zeitlichkeit sich live bewegender Körper ins Spiel kam und die Gesamtbewegung des Raums zum Hauptthema wurde, spätestens und explizit mit Festung / Europa (2015). Ab da hatten wir die Ausstellung verlassen (das ist sogar der Beginn dieser Arbeit – eine sich auflösende, auseinanderstürzende Ausstellung!). Der Name jenes Offenen, in dem sich Räume, Körper, Bewegungen aus Texten, Sprache, Stimmen, Performer_innen, Bildern, Objekten schichten, überlappen, austauschen ist für uns Raumchoreographie. Dabei muss man Choreographie als etwas verstehen, das nicht nur und nicht primär die Weise betrifft, wie sich Tänzer_innen bewegen, sondern alle Elemente eines Raums jeweils in sich und miteinander. In Choros ist das so: Alles zieht auf seinen Bahnen, die Texte, die Bilder, die Körper, die Stimmen sind in sich geschlossene Bewegungen, man könnte sich auch auf nur eine davon konzentrieren. Die Kreise überlappen und schichten sich, deswegen kann ich als Besucher_in entweder auf einem Platz bleiben oder mich mitbewegen, kann sowohl auf mich zukommen lassen, wie auch selber zu etwas hingehen. Es sind jeweils andere Erfahrungen, die ich machen kann – beim Zuhören etwas anderes als beim Zuschauen. Die Bilder sind ein anderer Raum als der der sich bewegenden Körper, die Stimmen kommen von woanders her als die Körper. Es sind sich bewegende Schichten, je nachdem wo ich als Besucher_in bin, sind sie dichter und fester oder leichter und dünner. Manchmal versinke ich beim Zuschauen oder -hören, an einer anderen Stelle finde ich vielleicht keinen Zugang oder es trägt mich etwas davon. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf Räume in mir und um mich richten, Sprach-‚ Hör-, Bewegungs-, Zuschauerräume.

Choros greift auf antike Verhandlungs- und Darstellungsmuster zurück. Warum habt ihr diesen Weg gewählt?

Moritz Majce

Für mich ist das antike Theater und der Choros eine andere Form des Mitseins, kein Gegenüber von Subjekt und Handlung. Schon durch die räumliche Anordnung – alles ist kreisförmig, rundum – ist man anders zusammen als in anderen Situationen der Kunstbetrachtung, ob nun Theatervorstellung oder Ausstellung. In der antiken Kreisform bin ich als Zuschauer_in Bestandteil des Gesamten, nicht draußen, nicht gegenüber. Die, die zuschauen, gehören dazu, es braucht sie, damit das Werk stattfinden kann, sie machen aber nicht mit. Sie nehmen teil, sind aber nicht selber Darsteller_innen. Es gibt einen speziellen Bezug, die Körper sind anders im Raum und ihr Schauen ist anders als wenn es ein klares Gegenüber wie Frontalbühne, Protagonist_innen oder ein an der Wand hängendes Bild gibt. Das interessiert mich daran, für mich ist das antike Theater und vor allem seine Vorgeschichte eine Frage der räumlich-körperlichen Anordnung. Das Buch von Ulrike Haß – Das Drama des Sehens – war für mich dabei eine wichtige Inspirationsquelle, es begreift das Theater zugleich geschichtlich und architektonisch als sich verändernde Relationen von Blick und Raum. Insofern aber, als es dieses Verhältnis von Blick und Raum ist, quasi ein Dispositiv, das sich im Laufe der Zeit ändert, ist das Theater etwas, das man künstlerisch behandeln kann, mit dem man sich auseinandersetzen kann, ohne dabei im üblichen Verständnis Theater zu machen. Man kann an den Verhältnissen von Körpern, Objekten, Bildern, Zuschauer_innen arbeiten, sie verändern, anders beleuchten. In Festung / Europa oder Narkosis haben wir z.B. den Zuschauer_innenraum ausgestellt und damit zu etwas anderem gemacht. So wie in der Bildenden Kunst erst die Bildfläche, dann die Wand und der Raum als solcher in der Installation zum eigens bearbeiteten Aspekt und Selbstzweck herausgestellt wurden, ist es für mich das Theater als Dispositiv der Kunst schlechthin, als Blick-Raum-Sprech-Maschine, die mich interessiert. Entstanden ist sie in der griechischen Antike und im Rückblick auf den Ursprung lässt sich auseinandernehmen und herausfinden, wie etwas funktioniert (hat) und wie man hervorheben, neu verstehen, verändern und weiterführen kann.

Sandra Man

Für den antiken Choros, der vor, jenseits oder auch über das Theater hinaus existierte, sind ein paar Dinge wichtig: Er singt, spricht und bewegt sich, er schafft sich durch dieses Tun seinen Raum: Es gibt vielleicht einen vorbestimmten Ort, der heilig ist, aber kein Gebäude, alles findet im Freien, in der Landschaft statt. Das Urbild zu diesem Raum schaffen ist, dass der Chor tanzend einen Kreis in den Boden stampft. Die Zuschauenden stehen um ihn herum, ich glaube, man sollte sie sich nicht wie ein Publikum vorstellen, dem etwas gefällt oder eben nicht, sondern wie Resonanzkörper, die sich von den Bewegungen des Choros affizieren lassen und sie weiter ausstrahlen. Es gibt nur die Gruppe, keine Protagonist_innen, es gibt nur den Versammlungsort, kein Haus. Tatsächlich stelle ich mir den antiken Choros mehr wie sich bewegende Skulpturen vor, weniger wie handelnde Figuren. Mich interessiert an ihm gerade etwas, das jenseits der Handlung liegt, wenn Handlung Thema, Konflikt, Verhandlung etc. heißt. Der antike Choros ist näher am Kult und an den Göttern als an der Polis und der Gesellschaft mit ihren handelnden Subjekten, wenn man ganz weit geht, könnte man wahrscheinlich auch sagen, er ist näher an der Kunst als am Theater, weil seine Dimension primär sakral ist und nicht sozial und sich damit ganz andere Fragen und Probleme ergeben.

Moritz Majce + Sandra Man

Der antike Choros hat mit Sprache zu tun, mit Raum und in seiner Geometrie mit Skulptur. Seine Sprache ist Lyrik und nicht Drama, der Raum ist offen und die Bühne kein Gegenüber, die Skulptur keine Rolle. In gewisser Weise ist der Choros und damit die Choreographie das Andere des Theaters. Es geht um dieselben Elemente, aber ganz anders. Vielleicht kann man sagen, es geht um dieselben Elemente aus der Perspektive des Raums, während das Theater mit der Zeit (Entwicklung, Geschichte, Handlung etc.) zu tun hat. Aus dieser Sicht auf Chor und Choreographie heraus kann für uns und unsere Arbeit das Zusammenspiel aus Stimmen, Körpern, Bildern chorisch sein. Es geht um die räumliche Dynamik, das räumliche Zusammensein verschiedener Elemente.

Sandra Man

Choros heißt mehr und andere als bloß Einzelne sein, Versammlung. Der antike Choros ist eine kultische Versammlung, jedenfalls hart an der Grenze von kultischem Zweck und Selbstzweck. Die Götter und die kosmische Ordnung sind bestimmend. In unserer Arbeit Choros bestimmt das, was zwischen den Körpern passiert: das einander Empfinden, Wahrnehmen, Berühren, das aufeinander Hören und zusammen Tun. In der Versammlung entspringt immer wieder Raum füreinander, Choros ist in bestimmtem Sinn nichts anderes als die prekäre Feier dieses einander Raum Lassens und Gebens.

Moritz Majce

Ein weiterer Aspekt des Mitseins neben der Versammlung der Körper ist die Landschaft. In der Antike stehen die Versammlungsplätze und später die Theaterbauten im Freien, eingefügt in Hügel und Berghänge, mit Blick auf die Weite des Meers. Das heißt, dass man nicht nur Menschen um sich hat, sondern auch vieles andere – Bäume, Boden, Erde, Steine, Gras, Vögel, Insekten, Wind, Wolken. Eben nicht nur ein Zentrum, nicht nur eine Bewegung, sondern viele gleichzeitig und von überall her begegnende Qualitäten. Eine Landschaft bestimmt sich von den Bezügen der unterschiedlichen Elemente, Ströme, Dynamiken in ihr, nicht von äußeren Begrenzungen wie etwa Wänden. Das sich Versammeln im Freien und das Chorische als Zusammenspiel der verschiedenen Elemente (Bilder, Sprache, Körper etc.), gehört zusammen, ist vielleicht sogar dasselbe. Es gibt ein wichtiges Buch von Hans-Dieter Bahr zur Landschaft, in dem er am Ende explizit den Choros und die Landschaft zusammendenkt, die Landschaft als Reigen der Elemente beschreibt.

Sandra Man

Es geht in der Auseinandersetzung mit der Antike nicht darum, etwas zu wiederholen, das es nicht mehr gibt – wir haben keine Götter, auch keinen Gott im Singular. Wir sind nackte, also ziemlich radikal „Irdische“, auf diese Erde Zurückgeworfene. Und die Erde, die Natur in einem bestimmten Sinn, kommt als Anderes auf uns zu, sie erschüttert uns und setzt uns einer Gefahr und Gewalt und kollektiven Endlichkeit aus. Wir sind angesichts des Freien, Unberechenbaren, Katastrophischen der Natur heute geradezu rückhaltlos irdisch – das, was wir aktuell Klimawandel nennen, ist ein Name für dieses Verhältnis zwischen Erde und Menschen, in das wir gegenwärtig eintreten. Und das hat in seiner Dimension eine Gewalt oder Kraft, die sich der Rationalität entzieht, jedenfalls fasziniert mich diese Dimension daran. Wir sind heute die Menschen, die nach einiger Zeit intensiven Machens und des Vertrauens ins Machen auf einem Planeten landen, den sie trotz allen Machens nicht nur gemacht haben. Was für eine Ankunft, Zusammenkunft, Zukunft ist das auf einem Boden, der sich in Verwüstung und Überschwemmung, in so genannten Naturkatastrophen entzieht?

Wie können sich die Zuschauer_innen das Setting von Choros vorstellen? Welche Rolle nehmen sie dabei ein?

Moritz Majce + Sandra Man

Choros ist für die Besucher_innen freier begehbar als eine Theatervorstellung und zeitlich geordneter als eine Ausstellung oder Installation. Es ist ein Raum mit verschiedenen Zonen und zugleich eine Performance mit Verlauf. Es gibt einen Anfang und einen Ablauf, aber auch Gegenden, in denen ich mich aufhalten, umschauen und verweilen kann. Choros ist der Versuch, die Performance nicht wichtiger zu nehmen als Bilder, Objekte, Texte und zugleich eine Präsenz lebender Körper, die Begegnung von Zuschauenden und Performer_innen einzuräumen. Es geht wesentlich um den Kontakt zwischen Besucher_innen und Performer_innen. Aber das ist keiner, bei dem wir viel voneinander wüssten, im Gegenteil. Es ist ein da Sein und sich anschauen lassen, egal, wer wir sind, eine andere als die gesellschaftliche Ebene. Der Kontakt, die Begegnung zwischen Performer_innen und Besucher_innen ist in allen unseren Arbeiten eine spezielle und eigens bearbeitete Situation. Es geht immer um die Frage, wo bin ich, (wie) lasse ich mich anschauen? Gibt es den Moment der Unsicherheit, wer wir sind, was wir hier tun und bleibt dieser Moment einen Augenblick offen, also intensiv? Das ist entscheidend, dann ist man etwas anderes als Publikum.

Sandra Man

Die Besucher_innen sind Teil der Arbeit, ohne sie kann das Werk nicht stattfinden. Sie sind umso wichtiger, je mehr ich das Gefühl kriege, dass das, was wir Publikum nennen, sich ändert oder anders gesagt: Ich glaube, es gibt kein Publikum mehr. Ich meine Publikum im Sinn einer Einheit, die man ansprechen könnte (und sei es klagend und schimpfend), weil man weiß, wer die sind, zu welcher Schicht, Bildung, Herkunft, Nation, Sprache etc. sie gehören. Dieses Zusammentreffen unter dem Dach einer gemeinsamen Geschichte, als Gesellschaftskörper, der sich im Theater seiner Zeit und Identität versichert – sei es einer vergangenen gemeinsamen Herkunft, sei es einer zerrütteten, kaputten Gegenwart, sei es einer utopischen, revolutionären Zukunft – das stimmt für mich nicht mehr, es läuft ins Leere. Wir versammeln uns heute nicht mehr auf die Weise als Öffentlichkeit, Publikum. Dadurch entsteht aber gerade ein Offenes, etwas, das offen lässt, wer wir sind. Es ist interessant, was passiert, wenn man das Wer, die Identität oder die Figur, nicht wichtig nimmt. Einer der Texte in Choros hat ein plurales „sie“ als Personalpronomen, es bleibt unklar, wer sie sind, es könnten wir sein oder welche nach uns, statt uns. Es würde mir gefallen, wenn die Leute in Choros auch einander mehr wie sich bewegende Elemente der Umgebung sehen würden, als eingefügt in den Raum und weniger als etwas, das einem Geschehen gegenübersteht.

Moritz Majce

Choros ist eine Landschaft, wenn das heißt, dass es zugleich um räumliche Gleichzeitigkeit und um zeitliche Linearität geht. Eine Landschaft ist vieles gleichzeitig, durch das man gehen kann, es gibt Wege oder man bahnt sie sich. In Choros bringen wir das zusammen: die Gegenden und den Weg. Der Weg gilt für beide, für Besucher_innen wie Performer_innen – sie gehen durch etwas durch, ihre Körper verändern sich, ihre Bewegungen werden anders, die Weise, wie ihr Miteinander bestimmt wird, transformiert sich. Die Perfomer_innen shiften von geometrisch bestimmten Formen zu weniger kontrollierten, von einem miteinander Tun zu einem sich einander Überlassen. In der Gleichzeitigkeit gibt es Sukzession; Verschiedenes, das aber aufeinander abgestimmt ist. Es schichtet sich und folgt aufeinander.

Sandra Man

Wenn ich sage, wir sind kein Publikum mehr, dann meine ich auch, wir sind in verschiedenen Räumen gleichzeitig, nicht mehr in einem Raum, in dem wir uns alle versammeln (ein Sprachraum, ein Geschichtsraum, ein Bildungsraum, etc.). In Choros öffnet sich der Sprachraum da anders als der Bewegungsraum dort, im Zwischenraum zwischen Text und Bild dort drüben passiert etwas anderes als in der Aufeinanderfolge von dieser Bewegung und jenem Lied. Die Räume überschneiden sich und wechseln sich ab, und als Besucher_in bin ich zugleich mittendrin und gegenüber, gleichzeitig allein und mit anderen. Choros ist Umgebung, zum Umschauen und Umhören, es ist wichtiger sich im Raum zu fühlen, als einer Handlung zu folgen. Vielleicht auch darauf zu vertrauen, dass schon etwas zu einem finden wird.

Ihr greift in Choros das Thema Klimawandel und die damit einhergehenden Veränderungen auf. Warum erscheint euch gerade dieses Thema als relevant?

Sandra Man

Ich bin in Berlin, während ich die Fragen dieses Interviews beantworte und in den letzten Nächten wache ich vom Geruch von Waldbränden in Brandenburg auf. Diese Waldbände riechen nach brennendem Plastik, beißender Gestank steigt in meine Atemwege, kratzt in meinem Hals, brennt in meinen Augen. Die Wälder brennen, weil es so trocken ist, schon seit April. Bis vor kurzem war ich noch in Kärnten in den Bergen und bin vorbei an schmelzenden Gletschern durch ausgetrocknete Bergseen gegangen. Nächste Woche fahren wir wieder in die Lausitz zur größten Landschaftsbaustelle Europas, wo man versucht, aus aufgelassenen Kohleabbaugebieten Naturlandschaften zu machen. Wir drehen dort Videos für Choros, weil diese verlassene Zwischenzone zwischen fossiler Energie und offener Renaturalisierung physisch wie metaphysisch das ist, wo wir uns heute befinden – die unheimliche Wüstenruhe eines fremden Planeten.

Moritz Majce

Wir haben Choros nicht von vornherein als Arbeit zum Klimawandel begonnen, sondern mit künstlerischen Fragen nach der spezifischen Möglichkeiten eines Raums als Landschaft in Bewegung.

Sandra Man

Und wenn der antike Choros die Versammlung auf dem Erdboden war, dann ruft das die Frage danach auf, was dieser Boden heute ist. Aktuell heißt dieser Boden „Klimawandel“, das ist der Name für die Erde unserer Gegenwart: Wir treiben auf diesem Planeten, Irdische, die irgendwie zur Erde gehören und aus ihr ausgestoßen, ihr fremd sind. Damit will ich nicht sagen, dass wir je „heimisch“ gewesen wären und zu irgendwas zurückmüssten, ganz und gar nicht, wir waren immer unheimlich, aber wir sind jetzt und heute auf eine bestimmte und unvergleichliche Weise planetarisch ausgesetzt. Zum Beispiel geraten wir gerade in Kontakt mit Dauern, die wir früher beruhigt als „geologisch“ und natürlich von uns weghalten konnten (Meeresspiegel steigen an und Inseln verschwinden, Gletscher schmelzen binnen einer Menschengeneration…), auf einmal bewegen sich die Dinge in rasender Geschwindigkeit und die in „Klimawandel“ zusammengefassten Veränderungen ziehen uns den Erdboden weg. In dem, was wir globale Erderwärmung nennen, öffnet sich etwas, das über menschliche, gesellschaftliche, politische Macht hinausgeht, das sich dem erkennenden und handelnden Zugriff entzieht. Dem, was sich da entzieht, widmen wir Choros.

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