Zwischen Europhorie, Ernüchterung und ein bisschen Angst

Fussballrasen
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Zwischen Europhorie, Ernüchterung und ein bisschen Angst

Ein Kommentar von Michael Fiala

Die Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 versetzte die österreichischen Fans in eine Hochschaubahn der Gefühle. Im FM4 EM Quartier im WUK kann während des Großereignisses gejubelt, gezittert und gefeiert werden.

Business as usual? Irgendwie ist es dieses Mal ganz anders und man kann noch gar nicht so richtig abschätzen, was im Juni in Frankreich und hier in Österreich abgehen wird. Denn dieses Mal kann man nicht nur Christiano Ronaldo & Co auf die Beine blicken. Im Gegenteil: eine rot-weiß-rote Fan-Armada wird sich auf den Weg nach Frankreich machen – mit dem Auto, dem Flugzeug oder per Bahn – und Marko Arnautovic & Co lautstark unterstützen. Die (zum Teil sehr enttäuschten) Daheimgebliebenen werden wie hier im FM4 EM Quartier im WUK für Stimmung sorgen, wie man sie wohl bisher noch nicht gesehen und gehört hat.

Sportlicher Höhenflug

Österreich hat sich unter Marcel Koller bekanntlich erstmals auf sportlichem Weg für eine Europameisterschaft qualifiziert. Und dies ist nicht irgendwie dahingewurstelt oder mit viel Glück passiert. An eine derart souveräne Vorstellung eines österreichischen Nationalteams in einer Qualifikation können sich wohl nur noch die Golden-Ager erinnern. Genau das ist auch der Grund dafür, warum die Europhorie – auch wenn ich dieses Wort persönlich nicht besonders mag – so groß ist. Größer sogar als bei der Heimeuropameisterschaft, was wohl daran liegt, dass diese Qualifikation mit eigenem sportlichen Schweiß und Fleiß zustande gekommen ist. Man wird sehen, wohin dieser Höhenflug noch führen wird. Eine sportliche Prognose ist seriöserweise nicht möglich, zu viele Faktoren spielen hier herein. Marcel Koller kennt die österreichische Medienlandschaft mittlerweile und weiß, dass er nach außen hin zurückhaltend agieren muss, damit Krone & Co nicht bereits vom Europameister-Titel schreiben. Eines kann man aber bei allen Beschwichtigungen erwarten: Alles andere als ein Aufstieg in die K.O.-Phase wäre von einem Team, das sich in den vergangenen Monaten bereits in den Top 10 der Fifa-Weltrangliste befunden hat, enttäuschend.

Nach der erfolgreichen Qualifikation im Herbst 2015 war die Stimmung jedenfalls gut wie nie. Gegen Liechtenstein feierten 48.000 Fans im Happel-Stadion Marcel Koller und das Team. Zehntausende Fans schmiedeten bereits Pläne, den Urlaub im kommenden Jahr im Juni zu konsumieren. Und zwar genau dann, wenn Österreich in Frankreich spielen wird. Die Auslosung im Dezember feuerte diese Stimmung dann noch einmal an: Portugal, Ungarn und Island. Mit der Ronaldo-Truppe wurde ein mehr als attraktiver Gegner in die Gruppe gelost und Ungarn sowie Island sind bei allem Respekt machbar. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass unter Umständen sogar ein dritter Platz zum Aufstieg in das Achtelfinale reicht.

(c) LWZ

Die Ernüchterung

Die Ernüchterung kam dann wenige Wochen später: Die Ticketlotterie der UEFA versetzte zehntausende Fans in einen Schockzustand. Der Frust lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Keine Tickets! Über 300.000 Bestellungen gingen bei der UEFA aus Österreich ein, maximal rund 20.000 Karten pro Match wurden Österreich zugesprochen. Gewiefte Taktiker haben aber vorgesorgt und den gesamten Freundeskreis eingespannt, um Tickets zu bestellen. So kam es, wie es kommen musste: Während einige Fans komplett durch die Finger schauen, gibt es Partien, die gleich mehrere erfolgreiche Bestellungen zugesprochen bekamen.

Die Folge: Bei den bekannten Internetanbietern wie Ebay waren die Ticketangebote nicht mehr zu übersehen. Gut, könnte man sagen: Das war früher doch auch so? Die Fans haben das untereinander geregelt, die Karten weitergegeben, verkauft –  irgendwie hat das dann doch funktioniert, dass jede den Weg gefunden hat – wie bei mir damals im Jahr 1998 in Frankreich. Doch dieses Mal kommt hier noch das Terrorthema dazu, das wohl so stark wie nie zuvor ein sportliches beeinflussen wird. Die Tickets sind – wie schon in den vergangenen Jahren – personalisiert. Man kann jedoch davon ausgehen, dass die entsprechenden Kontrollen dieses Mal wirklich durchgeführt werden. Eine Weitergabe der Tickets ist also höchst riskant; es besteht die Möglichkeit, dass ein im Netzwerk des Bekanntenkreises gekauftes Ticket, offiziell bezogen und nicht gerade billig, ganz einfach nicht mehr gültig ist.

Die von der UEFA ins Leben gerufene Tickettauschbörse brachte nicht die gewünschte Abhilfe, da die meisten der österreichbezogenen Tickets hier nicht „gehandelt“ werden konnten. Es werden wohl dennoch viele rot-weiß-rote Fans das Risiko eingehen und Tickets über diverse Plattformen erwerben. Hoffentlich wird dadurch im Endeffekt der Frustlevel nicht noch potenziert.

Je suis Paris

Ja, der Terror ist überhaupt ein schwieriges Thema. Im November saß ich auf Einladung eines Sportartikelherstellers just einen Tag vor den Anschlägen bei der Präsentation des offiziellen EM-Fußballs und Trikots in Paris. Die Stimmung? Sensationell gut. Der neue Ball? Es gab schon schönere.

Der Launch der Trikots ließ den Puls jedenfalls etwas steigen. Die Vorfreude stieg an. Eigentlich hätte ich auch am nächsten Tag beim freundschaftlichen Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland auf der Tribüne sitzen sollen. Aufgrund von Terminproblemen flog ich jedoch am Freitagvormittag zurück. Am Abend saß ich dann auf der Couch, um das Match zu sehen, als man plötzlich die Explosionen live hören konnte. Mich überkam ein mulmiges Gefühl, das ich nicht mehr loswerden sollte. Meine Gedanken drehen sich seit dem im Kreis: Eigentlich hatte ich riesiges Glück, dass ich dieses Desaster nicht hautnah miterlebt habe. Ich habe eine Familie und drei Kinder, denen diese Situation auch nahe gegangen ist. Gemeinsam haben wir dann wenige Wochen vor der Europameisterschaft beschlossen, dass ich nicht nach Frankreich fahren werde. Irgendwie wollten wir das Schicksal nicht ein zweites Mal herausfordern.

Der Rubel rollt

Und doch geht die Show immer irgendwie weiter. Die Marketing-Maschinerie läuft auf Hochtouren, Marko Arnautovic baut plötzlich im Fernsehen Häuser oder lernt für eine Elektronik-Kette Französisch. David Alaba ist in den  Werbespots omnipräsent. Der Rubel rollt. Daran kann auch der Terror – trotz Brüsseler Auffrischung – nichts ändern. Und dass die UEFA rund um den Skandal von Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter seinen eigenen Präsidenten Michel Platini ebenfalls verloren hat, interessiert zu dieser Zeit kaum jemanden mehr. Und es ist vielleicht auch der einzige Trost an die zehntausenden Fußball-Fans, die keine Karten ergattert haben: Platini hat auch keine bekommen.
 

Michael Fiala ist Chefredakteur und Herausgeber von 90minuten.at, dem kritischen Fußballmagazin im Internet. 90minuten.at ist Medienpartner des FM4 EM-Quartiers 2016.

FM4 EM-Quartier 2016

Fr 10.6. bis So 10.7., WUK Areal
freier Eintritt

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