Zeit

Mi 7. November 1990 - Sa 1. Dezember 1990, 14.00 - 13.00 Uhr

Ort

Kunsthalle Exnergasse

ULF LANGHEINRICH, Biographie, 1990, Detail

ULF LANGHEINRICH

MALEREI

„Eigentlich sind mir Bilder unerträglich“

Die Bilderflut, der heute jeder täglich ausgesetzt ist, stellt – namentlich dem Maler – die Frage nach der Sinnhaftigkeit immer neuer Bilder. „Der Maler ist in einer schizoiden Situation. Er produziert neue Bilder in einer Welt des Bilderüberflusses. Er  muß sich damit auseinandersetzten, daß neue Bilder eigentlich nicht notwendig sind.“


Zwei Jahre arbeitete Ulf Langheinrich nicht nur an neuen, sondern immer wieder auch an seinen alten Bildern; er ist „auf der Suche nach der Erträglichkeit“: „Mir ist es nicht erträglich, Zeichen stehen zu lassenlassen, von denen ich merke, daß ich mit ihnen etwas zeigen will. Sie werden solange bearbeitet, überarbeitet, zerstört, bis ich den Eindruck habe, daß das Bild nur noch sich selbst zeigt; bis mir die vertrauten Zeichen fremd werden, und ich ihnen, fremdgeworden, wieder trauen kann.“

„Zoografike“, das griechische Wort für Malerei: ein Kompositum aus  „Zoon“- das lebendige – und „Grafike“- die Kunst des Aufzeichnens. Wird das Element der Aufzeichnung zurückgenommen, gar zerstört, verliert das Bild sein Leben, wird abgetötet. Aber die Zerstörung ist konstruktiv – aus dem Abgetöteten entsteht Neues. 

In den Bildern Ulf Langenreichs stehen abstrakte und figurale Darstellungen einander gegenüber – ein Widerspruch, vom Maler bewußt belassen, von dem die Arbeit insgesamt profitiert: Auf einige Farbtafeln sind die ursprünglichen Zeichen hinter einem Vorhang von Farbe unsichtbar geworden. Immer neue Farbschichten bedecken die Aufzeichnung  -  sie wird unkenntlich. „Unterschiedliche formale Ansätze werden „eingedampft“ , bis die immergleiche Grundstimmung, Anmutsqualität erreicht ist.“

Eine Versuchsreihe: Vier Personen auf vier langgestreckten Tafeln; magere Gestalten, die dem Betrachter den Rücken zudrehen. Das Geschlecht indifferent – „nicht wirklich Geschlechtslos“ – aber reduziert wie die Darstellung selbst. Entblößt in ihrer Nacktheit und Magerkeit gewinnen die Figuren Schutz in der „Entgestung“. Ihre Entkörperlichung erscheint als Rückzug, als ein entschiedenes „Sich-nicht-Ausbreiten“. Sie ziehen sich zurück, nach hinten, in die Leinwand. Leinwand und Farbe werden ihr „Bau“.

Die Veränderungen, die die Figuren in der Zeit ihrer Fertigstellung durchliefen, lassen sich nur noch erahnen. Nachvollziehbar ist sie nicht mehr. Die ursprüngliche Situation – Statur, Affekte, Farbigkeit – ist vollständig aufgehoben, die Gestalten von ihr befreit. Umhüllt, geschützt durch den Raum, den ihnen die Farbe bietet, scheinen sie gestorben.

Karin I. Dreher 

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