There Ain’t a Sh!t to Celebrate
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In PARTY! bringt Luigi Guerrieri eine Solo-Performance auf die Bühne, die sich dem Feiern in Zeiten globaler und privater Krisen widmet. Zwischen Tanz, Stimme und Musik entsteht eine paradoxe Situation: eine Party ohne Anlass, ein kollektiver Impuls, der allein ausgeführt wird.
Im Gespräch mit Luigi Guerrieri geht es um Zustände, die vielen vertraut sind. Persönliche Beobachtungen, Alltagsrituale und künstlerische Praxis greifen ineinander und öffnen einen Raum, in dem Bewegung und gemeinsames Erleben neu betrachtet werden.
Wer versucht, den Überblick über die Lage der Welt zu behalten, landet derzeit schnell bei einem Gefühl von Überforderung – durch die Dichte an Krisen, Nachrichten und widersprüchlichen Realitäten. Gibt es Strategien oder Haltungen, die dir helfen, mit diesem Zustand umzugehen? Und welche Rolle spielen Bewegung, Tanzen oder gemeinsames Erleben dabei für dich?
Luigi Guerrieri: In letzter Zeit meide ich die aktuellen Nachrichten. Ich schalte morgens das Radio nicht mehr ein und besuche auch nicht mehr die verschiedenen Nachrichten-Websites. Das ist unbewusst passiert; ich bin so sehr vom Alltag mit Jobs, künstlerischen Projekten und Familie absorbiert, dass kein Raum mehr für Nachrichten bleibt. Es ist sicherlich nicht der beste Umgang mit dem, was um uns herum geschieht, aber es ist eine vorübergehende Lösung. Vieles bekomme ich trotzdem mit: im Gespräch mit Freund*innen, beim Scrollen durch Social Media und beim flüchtigen Überfliegen der Zeitung, die der Nachbar vor unsere Tür legt. Ich weiß grob, was passiert, gehe aber nicht in die Tiefe – ich bleibe bei den Schlagzeilen.
In letzter Zeit reicht mir mein kleines Leben schon, um mich überfordert zu fühlen. Deshalb versuche ich, Atemübungen zu machen, draußen Sport zu treiben, Cardio zu machen, zu singen, Shavasana. Vieles davon sind Dinge, die mir auch die Psychologin empfohlen hat, die sich um mein Burnout kümmern sollte – aber am Ende findet jede*r ein bisschen die eigenen Wege.
Mit meinen Kindern haben wir außerdem eine Art tägliches Ritual begonnen: Am späten Nachmittag, vor dem Abendessen, wenn wir alle schon gereizt und hungrig sind, legen wir Musik auf und tanzen wild, manchmal nackt, und singen aus voller Kehle. Dieses sehr persönliche Beispiel – genauso wie Rave-Kultur, Tarantella oder Dance Marathons – zeigt für mich die kathartische Kraft des Tanzes: Bewegung bis hin zur Trance und dieses reinigende, kollektive Schwitzen. Damit setze ich mich in PARTY! auseinander.
Du beschreibst sehr konkrete, körperliche Wege, mit Überforderung umzugehen. Künstlerische Arbeiten entstehen ja oft nicht außerhalb solcher Zustände, sondern mitten in ihnen. Wie haben sich diese Erfahrungen - dieses Pendeln zwischen Überforderung und dem Wunsch nach Leichtigkeit - in deinem Arbeiten niedergeschlagen? Und wie ist daraus nach und nach die Idee zu PARTY! entstanden?
Luigi Guerrieri: Leichtigkeit ist ein zentrales Konzept dieses Projekts – und auch meines persönlichen Lebens. Inspiriert von Italo Calvino suche ich nach neuen Logiken, um bedrückenden Situationen zu begegnen: Logiken, in denen Tiefe nicht zwangsläufig Schwere bedeutet und in denen Humor, Ironie, Zweifel und Komplexität von Vorteil sind. In meiner Arbeit interessiert es mich deshalb sehr, diese Ebenen des Paradoxen zu erforschen: das Absurde und das Gefühl der Überforderung so einzusetzen, dass eine kritische Haltung möglich wird. Dieses Interesse begann zu Beginn der Pandemie, als das Wort und das Konzept der Resilienz allgegenwärtig wurden – als die Anpassungsfähigkeit des Menschen plötzlich auf ein „immer und unter allen Umständen“ übertragen wurde. Und dann machten wir Zoom-Partys, Online-Performances, Aperitifs per Videokonferenz. Mich hat diese dysfunktionale Vorstellung von Resilienz zunehmend interessiert – und daraus hat sich nach und nach die Idee zu PARTY! entwickelt.
In PARTY! verdichten sich diese Überlegungen sehr stark rund um das Motiv des Feierns und des Tanzes. Wenn du darauf blickst: Was interessiert dich persönlich an diesen Praktiken – jenseits von Spaß oder Ablenkung? Was können sie ermöglichen, was andere Formen des Umgangs vielleicht nicht leisten?
Luigi Guerrieri: Ich bin überzeugt, dass Feiern im Allgemeinen für das soziale und psychische Überleben des Menschen essenziell sind – das zeigt schon der Blick auf unterschiedlichste Gesellschaften. Mich interessiert die Party in ihren unendlichen Formen als Praxis des „Loslassens“, bewusst wie unbewusst. Mich fasziniert die nonverbale Kommunikation, die sich in einem Club mit ohrenbetäubender Musik entwickeln kann, die Intimität zwischen fremden Menschen in einer Milonga, der oft unbewusste Einfluss der Bewegungen der Menschen um mich herum, die Verlegenheit, bevor man sich auf die Tanzfläche wagt.



