Das siebentorige Theben

Mann am Rednerpult in festlichem Saal mit Publikum auf Stühlen und Wappen an der Wand
© Stadt Wien | Markus Waches

Das siebentorige Theben

Lob auf das WUK. Lob auf Vincent Abbrederis

Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler hat den langjährigen Geschäftsleiter des WUK Werkstätten- und Kulturhaus, Vincent Abbrederis, mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ausgezeichnet. Die Verleihung fand am 9. März 2026 im Wappensaal des Wiener Rathauses statt. Die Laudatio hielt Martin Fritz, der in seiner Rede Lob für das WUK und Vincent Abbrederis ausspricht.

Lesezeit: ca. 8 Minuten

Gekürzte und überarbeitete Schriftfassung der Laudatio, die wir mit freundlicher Genehmigung von Martin Fritz veröffentlichen dürfen.


Mich qualifiziert keine persönliche Nähe zum Geehrten, sondern der Umstand, dass ich genauso lange wie das WUK in Wien bin und somit bezeugen kann, welche unverzichtbaren Beiträge dieses Haus – und damit auch Vincent Abbrederis – für die Stadt Wien und darüber hinaus geleistet haben.

Diese teilweise Gleichsetzung von Institution und Leitungsperson ist natürlich problematisch, denn zurecht fragt Bertolt Brecht im Gedicht „Gedanken eines lesenden Arbeiters": „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Der junge Alexander eroberte Indien – er allein? Cäsar schlug die Gallier – hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?"

Darum will ich klarstellen, dass es Vincent Abbrederis bewusst ist, dass er mit vielen anderen – entschuldigen Sie den unpassenden Militarismus – „gebaut", „erobert", gekocht hat. Was wird heute geehrt?

Großer Saal mit Publikum auf roten Stühlen vor einer Rednerin am Podium, umgeben von Fahnen und Kronleuchtern
© Stadt Wien | Markus Waches

Ich glaube, dass wir gerade in Zeiten mangelnder Wirkungsmacht und Resonanz als Erstes würdigen sollten, dass es mit dem WUK ein Beispiel dafür gibt, dass es auch anders geht. Das WUK ist die lebendige Erinnerung an die Kraft der Selbstermächtigung und an die Potenziale gemeinsamen Handelns.

Es standen viele am Beginn dieser Geschichte, und Vincent Abbrederis war noch nicht einmal in Wien, als der namensgebende Verein das Haus in Besitz nahm. Es wäre nicht Wien, wenn nicht auch diese Geschichte mit ein paar höfischen Anekdoten beginnen würde, wie jene, dass sich die späteren „Besetzer*innen" die Schlüssel ganz ordentlich im zuständigen Bundesministerium abholen durften, oder dass das junge WUK beim Fensterputzen auf die Hilfe des damaligen Kulturstadtrates Zilk zählen konnte.

Diese ambivalente Haltung zwischen Autonomie und Kooperationsfähigkeit sollte zur Konstante werden. Die Geschichte des WUK lässt sich von Beginn an als konstruktiver Austausch zwischen drängenden Aktivist*innen und progressiven Kräften in Politik und Verwaltung erzählen. Dennoch: Ohne eine engagierte und fordernde Gründungsgemeinschaft wäre es wohl nicht zur Überlassung eines Objekts mit über 12.000 m² gekommen. In der Selbstermächtigung und in der Verbindung von Kultur-, Sozial- und Bildungsprogrammen liegt das nachhaltig inspirierende Beispiel dieses soziokulturellen Zentrums – mit Angeboten von Seniorinnengruppen und Kindergärten über das Kulturprogramm bis hin zu Bildungs- und Beratungsangeboten.

Person steht mit rotem Ordner auf einem Teppich vor sitzendem Publikum in einem festlichen Raum mit Fahnen und Wappen an der Wand
© Stadt Wien | Markus Waches

Wenn wir an die Anfänge des WUK erinnern, wollen wir auch daran erinnern, dass die Vereinsgründung im Umfeld des Amerlinghauses passierte. Wenn wir das eine feiern, sollten wir auch der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass auch dem anderen eine stabile Zukunft möglich sein sollte.

Alternative Orte müssen sich immer wieder an ihre Anfänge erinnern und die damaligen Versprechen erneuern. Für die Utopie ist nicht die gestern oder heute gelebte Praxis entscheidend, sondern die Fähigkeit, sich dauerhaft andere Zustände vorstellen zu können. Und Vincent Abbrederis konnte sich immer andere Zustände vorstellen.

So konnte er, der selbst zur Säule des Betriebs werden sollte, sich Mitte der 1990er Jahre damit profilieren, die Säulen im großen Veranstaltungsraum zu entfernen. In diesem frühen Meisterstück lässt sich seine Handschrift erkennen: Es ging ihm immer darum, gute Bedingungen für Kunst und Kultur zu schaffen. Doch wer Kunst und Kultur helfen will, muss sich den Realitäten stellen – nicht nur jenen von Selbstverwaltung und künstlerischer Freiheit, sondern auch von Statik, Budgets, Umbaulogistik, Nutzer*innenwünschen und Veranstaltungsrecht.

Seine Erfolge lassen sich nur kurz skizzieren: der Ausbau des Veranstaltungsbetriebs, die Etablierung von Kommunikation und Organisationskultur, die Einrichtung einer modularen Berufsausbildung für Veranstaltungsorganisation und -technik sowie seine oft gerühmte Handschlagqualität gegenüber öffentlichen Stellen. Zur Geschäftsleitung gehörte auch die Fürsorge für die Mitarbeitenden: Mitten in die ohnehin fordernde Zeit des Mietvertragsabschlusses fiel die Corona-Pandemie, deren Bewältigung Vincent Abbrederis mit seinen Kolleg*innen hervorragend gelungen ist.

Redner an einem Rednerpult in einem festlichen Saal mit Publikum auf Stühlen und dekorativen Wappen an den Wänden
© Stadt Wien | Markus Waches

Das Kernstück seines letzten Jahrzehnts war die Sicherstellung einer langfristig nachhaltigen Situation: ein Mietvertrag und ein grundlegend saniertes Gebäude. Wir wissen also noch immer nicht, wer das siebentorige Theben gebaut hat, doch wir wissen, dass es ein Geschenk an seine Nachfolger*innen war, das alles noch vor der Übergabe erledigt zu haben.

Nun zu den vielen Talenten von Vincent Abbrederis, über die mir Wegbegleiter*innen berichtet haben: Er sei zuverlässig, ordentlich, sparsam, freundlich, vertrauenswürdig, bedacht, gut vernetzt, mit ihm könne man reden und er habe den Blick für das große Ganze. Vor lauter Betonung seiner Fähigkeit, sich zurücknehmen zu können, ist man fast froh, wenn zwischendrin seine Konsequenz mit „manchmal stur" beschrieben wird.

Und wieder Brecht: „Alle zehn Jahre ein großer Mann – wer bezahlte die Spesen? So viele Berichte. So viele Fragen."

Vincent, dem ein „vorarlbergischer" Sinn für Zahlen nachgesagt wird, zahlte die Spesen, schrieb die Berichte und beantwortete die Fragen. Seine erste Bewährungsprobe als Geschäftsleiter war die Überwindung einer veritablen Finanzkrise – und es wurde auch erwähnt, dass er ein knallharter Verhandler sein könne.

Ich habe aber auch genau hingehört, als andere Worte ins Spiel kamen: Vincent Abbrederis sei sensibel, umsichtig und hingewandt. Immer wieder wird betont, wie offen seine Türe gewesen ist und wie oft er mit Gesprächen und Erklärungen Harmonie herzustellen suchte. Eine integrative Kraft mit Sinn für das Große und Ganze ärgert sich –  oder leidet bisweilen auch – wo Harmonie nicht gelingt oder wo Abgrenzungen wichtiger erscheinen als bereichsübergreifende Zusammenarbeit.

Mann steht an einem Rednerpult in einem festlich dekorierten Raum mit Fahnen, Pflanzen und Teppich, im Vordergrund unscharfe Notenblätter und ein Musiker mit Klarinette
© Stadt Wien | Markus Waches

Ich komme zum Abschluss zurück auf das WUK als Beispiel für eine „Versuchsanstalt für immer", wie die Installation von Ona B., Walter Berger und Thomas Unseld im Innenhof heißt. Es müsste mehrere WUKs geben, am besten in jedem Bezirk eines, selbst erstritten und ausverhandelt, um zu Räumen zu gelangen, die einer veränderten Gesellschaft entsprechen. Diese Gesellschaft ist vielfältig und anspruchsvoll im besten Sinn: voll mit Ansprüchen auf umfassende Teilhabe und Mitwirkung. Einem großen Teil dieser Gesellschaft wird jedoch die politische Mitwirkung in Form des Wahlrechts verwehrt – umso größerer Anstrengungen bedarf es, die Teilhabeansprüche zumindest in den kulturellen Sphären anzuerkennen.

Wir wollen den jetzt nach Wien Kommenden – ob aus Bregenz, Charkiw, Aleppo oder Kabul – wünschen, dass sie für neue Projekte ähnlich offene Türen und Mitwirkungsmöglichkeiten vorfinden, wie sie viele von uns selbst im WUK vorgefunden haben.

Ich schließe mit einem Zitat von Vincent Abbrederis' erstem Chef: „Wenn ich heute ein neues Projekt einschätzen müsste, würde ich darauf schauen, dass es wieder ausreichend viele Verrückte gibt. Diese müssten dann aber auch wieder zwei, drei Vincents dabeihaben." Herzliche Gratulation an das WUK! Herzliche Gratulation an Vincent Abbrederis!

Text: Martin Fritz ist Generalsekretär der Österreichischen UNESCO-Kommission. Seine beruflichen Stationen waren u.a. das P.S.1 in New York, die Expo 2000 in Hannover und die Manifesta 4 in Frankfurt. Er leitete von 2004 bis 2009 das Festival der Regionen und von 2016 bis 2020 die Merz Akademie in Stuttgart.

Fotos © Stadt Wien | Markus Waches

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