Mit offenen Ohren
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Mit offenen Ohren
Das WUK hat Zuhören zum Jahresthema gemacht und versteht es als Übung in Aufmerksamkeit und Offenheit. Als Möglichkeit des aktiven Ausverhandelns und somit ein erster Schritt um Umverteilung zu gestalten. Zuhören bedeutet, sich auf einen Weg zu begeben, dessen Ende unklar ist, und bereit sein, Veränderungen geschehen zu lassen, die vielleicht währenddessen passieren. Dabei auch bereit zu sein, vielleicht am Ende selbst weniger zu sagen zu haben und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Es braucht Zeit und die Bereitschaft, die Perspektiven anderer wirklich auszuhalten, ohne sofort zu interpretieren, einzuordnen oder zu reagieren. Wer zuhört, muss Räume freigeben, Stille zulassen und manchmal die eigene Gewissheit zurückstellen. Nur so können Gespräche tiefer, überraschender und facettenreicher werden. Umverteilung durch Zuhören, das klingt wirklich schön. Um es wirksam werden zu lassen, muss man sich aber auch den Anstrengungen stellen, die es ebenso in sich trägt. Zuhören ist ein aktiver Prozess, eine Praxis der Verlangsamung, des Nachfragens und des bewussten Aussetzens. Es braucht auch die Entscheidung, wann aktiv Sprachräume für andere Personen geschaffen werden müssen und wie man Stopp sagt. Wann man unterbricht und wie man Aufmerksamkeit umlenkt, um gesellschaftliche Räume freizugeben und miteinander teilen zu können.
Wut zum Hinhören
RAGE. A Tennis Western wird am 22. und 23. April im WUK gezeigt. Ausgangspunkt der Performance war die Frage, wie Positionen Raum gegeben werden können, die sonst schnell abgetan oder überhört werden, und wie man sich gleichzeitig jenen Stimmen aussetzt, bei denen man am liebsten weghören würde.
Die Künstler*innen haben Reden und Interviews sogenannter „white old bosses“ gesammelt: Texte voller Selbstgewissheit, und ohne Maß, ausufernd, schamlos, aggressiv. Erstaunlich war weniger ihr Inhalt als ihr Umfang und die Selbstverständlichkeit, mit der gesprochen wird. Wenn privilegierte Männer wie John McEnroe oder Brett Kavanaugh öffentlich wüten, gilt das als Temperament, Stil oder Durchsetzungsstärke. Maßlosigkeit wird ihnen oft als Authentizität ausgelegt, wohingegen die Wut bei marginalisierten Positionen (bspw. schwarzen Tennispielerinnen) auf einen angeblich immer schon dagewesenen Mangel an Selbstkontrolle hinzuweisen scheint.
In RAGE werden diese Tiraden von zwei rasenden und zutiefst betroffenen Spielerinnen gesprochen. Allein diese Verschiebung verändert das Zuhören. Derselbe Text, andere Körper – plötzlich stellen sich neue Fragen: Wer darf wie laut sein? Wem wird Wut zugestanden, wem wird sie als Kontrollverlust ausgelegt? Die Performance dreht den Spieß um und lässt das privilegierte Sprechen gegen sich selbst laufen.
Auf der Bühne wird gebrüllt, geschrien, zerschlagen, fast die ganze Zeit. Doch das ist kein Aufruf zur Dauer-Eskalation. Sondern vielmehr die Aufforderung, hinter die Form zu hören. Nicht jedes Schreien ist bloß Lärm. Nicht jede Lautstärke ist ein Zuviel. Gerade marginalisierte Stimmen – FLINTA, BIPOC, queere oder behinderte Perspektiven – werden schnell als „übertrieben“, „fake“ oder unangemessen markiert. Die Reaktion gilt der Lautstärke, nicht dem Anlass. Man kann sich als zuhörende Person über die Verletzung der Form kränken, verliert aber dabei die Möglichkeit, dem Inhalt zuzuhören.
RAGE lädt dazu ein, einen Moment länger zu bleiben, hinzuhören, wo man sich entziehen möchte, zu fragen: Wovon erzählt diese Wut? Was ging ihr voraus? Vielleicht ist das Brüllen nicht Störung, sondern Signal. Vielleicht lässt sich Schreien enttheatralisieren, als zugespitzte Form einer Gesprächsaufforderung. Auch das ist eine Übung im Zuhören.
Hanna Steinmair arbeitet in unterschiedlichen Konstellationen u.a. als Co-Autorin, Performerin und Dramaturgin an der Entstehung lustvoller und empowernder Performances und ist seit 2024 als Dramaturgin am brut Wien tätig.
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