Baustelle Männlichkeit

Baustelle Männlichkeit

von Andreas Fleck

Die Fassade der Männlichkeit hat Risse bekommen. Eine Renovierung dieser altehrwürdigen Institution scheint unausweichlich. Doch die Expert_innen sind sich uneins: Zahlt sich da eine Kernsanierung überhaupt noch aus oder besser das ganze Ding einfach abreißen und neu bauen?

Baustelle ist Realität und Metapher. Ein Ort des Unfertigen und des Übergangs, des Verschwindens und Entstehens, des Umbruchs und des Aufbruchs. Es ist ein Ort in Bewegung.

In den kommenden Monaten beschäftigen wir uns mit den Baustellen, die uns umgeben – in der Gesellschaft, am Arbeitsplatz, in der Umwelt … Wir bedenken, was umgebaut und was abgerissen werden soll, untersuchen Bruchstellen und graben nach Alternativen.

In diesem Text widmen wir uns der Baustelle Männlichkeiten.

Die Fassade der Männlichkeit hat Risse bekommen. Auch tief im Mauerwerk kracht und knirscht es. Es zieht durch Fenster und Türen, der Keller steht immer öfter unter Wasser, die gesamte Architektur: Einfach nicht mehr zeitgemäß. Eine Renovierung dieser altehrwürdigen Institution scheint unausweichlich. Doch die Expert_innen sind sich uneins: Zahlt sich da eine Kernsanierung überhaupt noch aus oder besser das ganze Ding einfach abreißen und neu bauen? Barrierefrei und klimagerecht, mit nachhaltigen Grundbausteinen einfach dem Zeitgeist entsprechend neugestalten, das wär‘s! Doch was ist mit dem Denkmalschutz, lässt der sich so einfach umgehen? Und der vermeintliche Besitzer, der Häuslbauer, der Mann, welches Wort hat er dabei mitzureden? Natürlich hängt er an seinem Werk, über Jahrtausende auf- und ausgebaut, hart verteidigt und viel investiert. All die Geschichte(n) und Erinnerungen, die er damit verbindet, der Schutz, den es ihm bietet, die zentrale Lage und die gute Aussicht. Und dennoch mahnen die Expert_innen: Das wird bald mal in sich zusammenkrachen, wenn man jetzt nichts unternimmt. Also vielleicht doch besser enteignen und neu ausschreiben, bevor der Besitzer sich entscheidet, einen Bunker daraus zu bauen. Die zur Baustelle gewordene Männlichkeit wird zum Politikum, zu einer gesellschaftspolitischen Grundsatzfrage: Darf man sie beliebig umgestalten, auch wenn die UNESCO dann alles damit Verbundene von ihrer Liste streicht? Warum eigentlich nicht, aber – die entscheidende Frage aller Großbauprojekte – wer wird dafür bezahlen?

Schon im Kern dieser Disposition stecken die ersten Schwierigkeiten: Männlichkeit ist ein Gemeinschaftsprojekt und betrifft dennoch jede_n ganz individuell. Sie ist ein Verwaltungsgebäude in öffentlicher Hand genauso wie ein Geräteschuppen im Schrebergarten des Privaten. Männlichkeit ist auch kein ausschließlich männliches Konstrukt, sondern wird genauso von Frauen mit- oder reproduziert und spielt selbst in jeder nicht-binären Identifikation (zumindest ex negativo) eine Rolle. An diesem gesamtgesellschaftlichen Identitätsgebäude bauen wir alle auf die ein oder andere Weise mit und sind gleichzeitig in ihm gefangen. Es ist zu einem wuchernden, undurchschaubaren, kafkaesken Schloss geworden. Eine mit windigen Anbauten und doppelten Böden zusammengezimmerte Pfuscherei. Doch zugleich ist es zu einem höchst effizienten, alles durchdringenden Panoptikum mutiert. Von Machtstrukturen durchzogenen und unterschiedlichen Instanzen überwacht. Ein Ungetüm, für das niemand zur Verantwortung gezogen werden möchte, weil wir sie doch alle gleichermaßen zu tragen haben. Wir sind zu Verwaltungsorganen, Aufsichtsinstanzen, Erb_innen, Handwerker_innen und Bauträger_innen eines globalen Immobilienprojekts geworden. Und jetzt, wo (wieder einmal) eine Renovierung ins Haus steht, stellt sich die Frage, wer nun über Auftragsvergabe und -volumen, über Neuausrichtung und Vision für diese Unternehmung entscheiden soll. Zwischen progressiver Totalerneuerung und konservativem Erhaltungstrieb tun sich Welten auf, da ist Streit vorprogrammiert.

© Severin Wurnig

Im österreichischen Umgangssprachgebrauch werden Dinge gerne restauriert, wenn eigentlich von Renovierung die Rede ist. Ein vielsagendes Spiegelbild der österreichischen Häuslbauerseele. Aber nicht nur hierzulande wünschen sich restaurative Kräfte die Wiederherstellung eines Ursprungszustands der Männlichkeit mit klaren Formen, Kanten und Grenzziehungen. Genderfluide Konzepte und Zwischennutzungen sorgen für Unsicherheit und haben für sie die Männlichkeitsarchitektur undurchschaubar – und damit unregierbar – gemacht. Wo Normen verschoben werden, geraten nicht nur alte Hierarchien, sondern auch Mauern ins Wanken. Wer einen möglichen Einsturz dieser auch als Umsturz und insgesamt als Gefahr deutet, fühlt sich doppelt bedroht, ja regelrecht fragil, und stolpert auf der Flucht nach hinten von Aggression zu konspirativer Agitation direkt in eine ausgewachsene Identitätskrise. Doch gerade im Krisenmodus neigt der Mensch dazu, verstärkt auf Altbewährtes und Eingelerntes zurückzugreifen. Männlichkeit wird wieder zur Schutzinstanz beschworen. Nicht nur zur Konservation von persönlichen Wertvorstellungen, sondern auch in der Sicherung des wirtschaftlichen Wohlstands oder am Schlachtfeld kriegerischer Handlungen. Die Restauration der männlichen Protektionsarchitektur ist bereits in vollem Gang. Da ist der Renovierungsauftrag noch nicht einmal zur Ausschreibung freigegeben worden.

Doch welcher Ausschreibung sollten wir schlussendlich den Zuschlag geben? Die Wiener Stadtregierung würde vermutlich vorschlagen alles plattzuwalzen, eine Straße drüberzubauen und das Ganze als notwendigen Verbindungsweg zur Weiblichkeit verkaufen. Es gäbe wohl nachhaltigere Lösungsansätze. Zunächst braucht auch Männlichkeit ihre Safe Spaces in denen sie ihre zarte, verletzliche Seite erkunden kann, ohne von aggressiver Männlichkeit dominiert, bevormundet oder belästigt zu werden. Dieser Ort sollte direkt an einen Reflexionsraum grenzen. Dort kann über die eigene Kontamination mit den dominanten Erzählstrukturen historischer Geschlechterkonstruktionen und die persönliche Verstrickung in toxische Ausformungen von männlichem Verhalten nachgedacht werden. Diese Räume sind essenziell und müssen Offenheit und Selbstkritikfähigkeit ermöglichen. Vielleicht müssen sie mit sicherem Abstand zum Zentrum des Männlichkeitskomplexes entstehen, um den notwendigen Blick von außen zu bewahren, den es für Reflexion dringend braucht. Um diese Anbauten soll eine Begegnungszone entstehen, in der ein reger Austausch mit anderen Identitätskonzepten möglich ist. Angrenzend daran braucht es eine öffentliche Bibliothek, in der das richtige Vokabular für einen respektvollen Umgang erlernt werden kann. Diese muss einfach erreichbar sein, braucht durchgehende Öffnungszeiten, ein niederschwelliges Angebot und vermutlich auch eine gute PR-Abteilung. Schlussendlich wäre ein Friedhof wünschenswert. Ein Ort, wo man ausgediente Vorstellungen von Männlichkeit würdevoll zu Grabe tragen kann. Vielleicht wünscht sich manch eine_r ein Schlachtfeld, auf dem man die ganze toxische Männlichkeit einfach kurz und klein schlagen kann. Dennoch wäre ein Mahnmal oder eine alle Kulturen übergreifende Ruhestätte für bewusst verabschiedete Verhaltensweisen wohl die bessere Option. Und der Verbindungsweg zur Weiblichkeit? Auch der ist wichtig – solange wir noch darauf beharren, diesen Dualismus aufrechtzuerhalten. Vielleicht sollte man da aber lieber nicht in eine allzu permanente Lösung investieren.

© Franziska Liehl

Jede dringende Grundsanierung gestaltet sich zu Beginn als schwierig. Ein Plan wird gefordert, ein neues Konzept. Dieses bringt Befürworter_innen und Gegner_innen in Stellung, dazu Lobbyist_innen, Besserwisser_innen und am Ende die Baupolizei. Solange sich einige Bewohner_innen der immer brüchiger werden Männlichkeit weigern, auch nur vorrübergehend auszuziehen, verzögert sich der Baustart und wird zur allgemeinen Geduldsprobe. Es wird also Nachbar_innenschaftsinitiativen brauchen sowie gezielte Informations- und Aufklärungskampagnen. Gleichzeitig benötigt es eine stete Überprüfung der Entwicklungen durch einen breiten öffentlichen Diskurs, damit das sanierungsbedürftige Gebäude Männlichkeit nicht von lauernden Großinvestor_innen in Besitz genommen wird, um endgültig eine elitäre Luxusimmobilie daraus zu entwickeln. Wir stehen also vor einer vielschichtigen Aufgabe. Derzeit scheint alles auf eine Teilsanierung bei laufendem Betrieb hinauszulaufen. Ein Kompromiss, der die Risse im Mauerwerk vielleicht kitten und die Fassade in neuem Anstrich erscheinen lassen mag. Um Männlichkeit in ihren Fundamenten zu verändern, wird es einen weit größeren, gemeinsamen Kraftakt brauchen – und vielleicht doch die Auflösung aller uns bekannten Strukturen. Lassen wir uns nicht entmutigen von der Dimension dieser gesellschaftspolitischen Großbaustelle. Große Visionen brauchen Zeit, müssen aber auch einmal in Angriff genommen werden.

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Saisonabschluss-Party

Vorstellungen
Sa 9.7.2022, 21 Uhr
Saal und Foyer
€ 20 | 16 | 12 | 10

Mehr Informationen findest du auf der Eventseite.

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