Die Performance dauert ca. 85 Minuten.
In deutscher Lautsprache mit einzelnen Sätzen in englischer Lautsprache.
Es wird Theaternebel, Stroboskoplicht und laute Musik eingesetzt.
Das Stück basiert auf realen Lebenserfahrungen von queeren Personen, darunter fallen u.a. auch Erlebnisse von Ausgrenzung oder diskriminierender Sprache.
Soundtrack
I want to break free - Queen
Come to my window - Melissa Etheridge
Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt - Marlene Dietrich
Falling in love again - Klaus Nomi
Somewhere over the rainbow - Israel Kamakawiwoʻole
Born this way - Lady Gaga
It’s a sin - Pet Shop Boys
Lass uns ein Wunder sein - Ton Steine Scherben
shave - Pop:sch
funeral dyke - couch slut
Gray - Les Reines Prochaines (Fränzi Madörin, Muda Mathis, Sus Zwick)
Chosen Family - Rina Sawayama, Elton John
Interview
Queere Stimmen über Generationenn hinweg
Die Theaterperformance „Love Me Tender, Love Me Queer“ rückt queere Lebensrealitäten ins Zentrum und erzählt von Liebe, Identität und Gemeinschaft über Generationen hinweg. Die Theaterperformance basiert auf Interviews mit in Wien lebenden queeren Menschen zwischen 21 und 84 Jahren und lässt deren Stimmen fragmentarisch, widersprüchlich und vielstimmig nebeneinanderstehen.
Im Interview geben Marie-Christin Rissinger, Inszenierung, und Persson Perry Baumgartinger, Dramaturgie, Einblicke in den Entstehungsprozess: von der intensiven Auseinandersetzung mit persönlichen Geschichten über die Verantwortung beim Umgang mit den Interviews bis hin zu den Potenzialen generationenübergreifender Dialoge.
“Love Me Tender, Love Me Queer” basiert auf Interviews mit in Wien lebenden queeren Personen im Alter von 21 bis 84 Jahren. Im Fokus der Interviews steht das Thema Liebe in all seinen Facetten. Marie-Christin, du hast diese Interviews geführt, wie ist es dir ergangen? Wie war es, diese sehr persönlichen Geschichten zu hören?
Marie-Christin Rissinger: Die Interviews waren für mich eine außergewöhnlich intensive Erfahrung. Dass 24 Menschen bereit waren, mir ihre Geschichten anzuvertrauen, empfinde ich als großes Geschenk. Besonders die Erzählungen von Menschen, die deutlich jünger oder älter waren als ich selbst, haben mich immer wieder überrascht und tief beeindruckt. Auch zu hören, wie sich Sprache, Wortwahl und Sprechgeschwindigkeit über Generationen verändern, war enorm spannend. Ich habe im Rahmen der Interviews gelernt, das Zuhören – ohne gleich zu bewerten oder zu argumentieren – wieder mehr wertzuschätzen: Immer wieder fielen Sätze, die ich in einem oberflächlichen Gespräch vielleicht missverstanden hätte, doch wenn Gedanken ausformuliert werden können, zeigen sich Wendungen, Komplexitäten und Twists, die sich einer vorschnellen Einordnung entziehen. Jede Geschichte ist dreidimensional, das gesprochene Wort nicht perfekt – und genau das macht diese Geschichten so wunderschön und berührend.
Welche Verantwortung empfindest du als kunst- und theaterschaffende Person gegenüber den Menschen, denen du zugehört hast?
Marie-Christin Rissinger: Für mich beginnt Verantwortung beim Arbeiten mit Interviews mit einer einfachen Grundregel: Die Menschen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben, dürfen nicht ausgestellt oder vorgeführt werden! Besonders zu Beginn der Textarbeit – als die Gesprächssituationen noch sehr präsent in meinem Kopf waren – verteidigte ich oft Erzählungen, weil ich den gesamten Kontext im Ohr hatte, der auf der Bühne jedoch nie mitgeliefert werden kann. Umso wertvoller war es, mit Johann Brigitte Schima, Rajashi Sakar und Persson Perry Baumgartinger zusammenzuarbeiten, die mit ein klein wenig Distanz auf die Transkripte blickten und gemeinsam mit mir die Textfassung erarbeiteten. Es ist leicht, eigene Erfahrungen hineinzulesen und die Geschichten anderer damit zu überschreiben. Deshalb haben wir uns bewusst entschieden, den gesprochenen Charakter der Interviews auf der Bühne zu erhalten.
Natürlich ist es ein großer Wunsch, dass die Menschen, die mir ihre Geschichten anvertraut haben, sich gesehen und gehört fühlen. Gleichzeitig verlangt künstlerische Arbeit Entscheidungen: Vieles, das mir lieb war, kommt auf der Bühne nicht vor. Doch wer alles erzählen will, erzählt am Ende nichts – daher ist es unabdingbar, manche Themen ziehen zu lassen, damit andere wirklich gehört und verhandelt werden können.
Persson, du setzt dich bereits seit vielen Jahren mit queerer Geschichte auseinander, derzeit neben “Love Me Tender, Love Me Queer” mit der Mobilen TIN*-Werkstatt, in der Menschen, die sich als trans, inter oder nicht-binär verstehen, dazu eingeladen sind ihre Geschichte(n) zu erzählen. Welche Bedeutung hat queere Geschichtsschreibung und -Aufarbeitung, vor allem wenn sie auf persönliche Erzählungen aufgebaut ist?
Persson Perry Baumgartinger: Geschichte ist ja eine Frage der Erzählung. Wer bestimmt, welche Geschichten erzählt werden? Wer hat die Macht, Geschichten zu erzählen oder Geschichte daraus zu machen?
Prinzipiell sehe ich keinen Unterschied darin, ob Geschichte und Geschichten von heterosexuellen Personen oder lesbischen, schwulen, bi, trans, inter* oder nicht-binären Personen erzählt werden. Der Unterschied besteht darin, wie diese Geschichten aufgearbeitet und weiter erzählt werden. Welche Sichtbarkeit sie in welcher Form erhalten.
Während der Entwicklung von “Love Me Tender, Love Me Queer” haben wir uns darüber Gedanken gemacht, welche Aspekte der Geschichten, die mit uns geteilt wurden, wir aufgreifen, wie wir diese darstellen und wer sie schlussendlich darstellt. Diese Gedanken begleiten uns auch bei der Mobilen TIN*-Werkstatt, die während der Spielserie im Foyer aufgebaut wird. Die Mobile TIN*-Werkstatt habe ich gemeinsam mit Frederik Marroquín entwickelt, der auch Teil des “Love Me Tender, Love Me Queer”-Teams ist, mit der wir u.a. trans, inter* und nicht-binäre (tin*) Geschichte und Geschichten sammeln, besprechen und verhandeln. Im Mittelpunkt steht das Gemeinsame: denn Geschichte schreibt sich nicht allein, es braucht dafür uns alle.
Wie wird durch die Interviews und die Theaterperformance ein Raum für Stimmen geschaffen, die sonst oft unsichtbar bleiben?
Persson Perry Baumgartinger: Schon allein durch die Wahl des Themas und schließlich durch die Personen, die sich auf den Interviewaufruf gemeldet haben, wird Stimmen Raum gegeben, die sonst unsichtbar bleiben. Entscheidend sind auch die Fragen, die gestellt wurden. Fragen geben immer eine gewisse Richtung der Antwort vor. Für das Stück haben wir dann versucht, keine einzelnen Figuren zu kreieren, sondern die verschiedenen Stimmen als solche stehen zu lassen. Diese Stimmen treten in Kontakt zueinander, widersprechen sich und bestärken sich gegenseitig.
Die Interviews wurden mit Personen zwischen 21 und 84 Jahren geführt, “Love Me Tender, Love Me Queer” hat daher einen generationenübergreifenden Ansatz. Welche Potenziale, aber auch Hindernisse birgt ein generationenübergreifender Dialog?
Persson Perry Baumgartinger: Die Potenziale überwiegen für mich klar. Schon allein zusammenzukommen, über Generationengrenzen hinweg, sich auszutauschen und zu sehen, welche unterschiedlichen Sprachen und Codes es gab und gibt. Selbst in unserem relativ kleinen Generationenspektrum haben wir im Team viel über solche Unterschiede diskutiert.
Das größte Potenzial liegt für mich darin, unglaublich viel voneinander lernen zu können. Dazu gehört auch eine gegenseitige Anerkennung: zu sehen, auf wessen Schultern die eigenen Errungenschaften stehen und wer den Weg geebnet hat. Heute ist es für queere Personen oft “leichter”, das eigene Leben zu leben, als es in den 1950er oder 60er Jahren war. Gleichzeitig wird sichtbar, dass diese erkämpften Rechte gerade wieder unter Druck stehen. Und da können jüngere Generationen von den älteren viel lernen: Welche Strategien es gab, welche Rechte erkämpft werden mussten und so weiter.
Umgekehrt lernt eine ältere Generation – zu der ich mich vielleicht auch schon ein Stück weit zähle – viel darüber, mit welchem Selbstverständnis viele junge queere Menschen heute in der Welt sind. Und auch darüber, wie viele junge Menschen, die gar nicht queer sind, queere Identitäten selbstverständlich mitdenken und akzeptieren. Es gibt rechte Tendenzen, die ernstzunehmen sind. Gleichzeitig gibt es eine große Zahl junger Menschen, für die Vielfalt völlig selbstverständlich ist. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Nichten spreche, muss ich vieles nicht mehr erklären, was für meine Elterngeneration oder auch meine eigene Generation noch schwer verständlich war.
Dieser Austausch – all diese Bewegungen zwischen den Generationen – ist für mich das eigentliche Potenzial. Und davon gibt es, glaube ich, deutlich mehr als Hindernisse.
In der Theaterperformance wird keine durchgängige Erzählung einer einzelnen Person oder Gruppe verfolgt, sondern viele verschiedene Stimmen, wodurch auch Brüche, Widersprüche und Unschärfen sichtbar werden. Warum kann dieses Stück zwangsläufig nur fragmentarisch und unvollständig bleiben?
Marie-Christin Rissinger: Die vier Performer*innen auf der Bühne verkörpern keine Rollen; sie bewegen sich zwischen unterschiedlichen Sprechpositionen. Manchmal antwortet ein Interview auf ein anderes, manchmal stehen Geschichten nebeneinander, ohne sich zu berühren, und bisweilen wird ein einzelnes Zitat zu einem Dialog innerer Stimmen.
Es wäre vermessen zu glauben, in 24 Gesprächen ließe sich die Vielfalt queeren Lebens in Wien abbilden. Ulli Koch und ich haben versucht, unseren Interviewaufruf breit zu streuen, was zumindest hinsichtlich der Altersverteilung gelungen ist. Gleichzeitig gibt es klare Schwerpunkte – viele Erzählungen stammen von (queer) lesbischen, bi-/pansexuellen, enby und trans Personen, und schon die Frage nach den Begriffen ist manchmal mehr eine der Generation als eine klarer inhaltlicher Abgrenzung.
All das macht die Performance zwangsläufig fragmentarisch. Sie kann nicht vollständig sein, aber sie kann einzelne Geschichten hörbar machen, die sich zu einer mehrstimmigen Erzählung verweben – offen, unvollständig und niemals abgeschlossen.
Über das Stück
24 Interviews, vier Performer*innen, Popsongs und re-inszenierte Musikvideos bringen queere Geschichte(n) auf die Bühne – eine Performance, die queere Lebensrealitäten ins Zentrum rückt und politische Errungenschaften verschiedener Generationen feiert.
Zwischen Dokumentation und Popkultur feiert die Theaterperformance die Vielfalt queeren Lebens. Mündlich überlieferte Erinnerungen werden zu einem Strom erzählter Erfahrungen, der nicht ordnet oder abschließt, sondern seine Brüche, Widersprüche und Unschärfen behält, immer fragmentarisch und zwangsläufig unvollständig. Die dokumentarischen Textflächen verschmelzen mit hyperinszenierten Popbildern. Queer ikonische Musikvideos werden neu interpretiert. In filmischen Sequenzen werden so etwa heteronormative Schmachtfetzen in polyamore Liebesgeschichten verwandelt, in denen Melissa Etheridge auf Chappel Roan trifft.
„Love Me Tender, Love Me Queer“ ist eine Theaterperformance über die Möglichkeiten und Unmöglickeiten zu lieben – entwickelt aus Interviews mit in Wien lebenden queeren Personen im Alter von 21 bis 84 Jahren.
Credits
Künstlerische Entwicklung und Performance
Nora Jacobs, Frederik Marroquín, Lara Sienczak, Florian Tröbinger
Konzept, Interviews, Textfassung und Inszenierung
Marie-Christin Rissinger
Konzept, Textfassung, Bühne und Kostüm
Johann Brigitte Schima
Textfassung, Kamera und Videogestaltung
Rajarshi Sarkar
Musik und Tonaufnahmen
Elise Yuki Mory
Textfassung und Dramaturgie
Persson Perry Baumgartinger
Kommunikation, PR und Social Media
Ulli Koch
Produktionsleitung und Licht Video
Felix Reutzel
Künstlerische Mitarbeit und Choreographie
Lena Neuburger
Ausstattungsassistenz
Nargis Kurtkaya, Hannah Thiele
Chorarbeit
Lara Sienczak
Kostümassistenz Video
Kati Gellert
Video-Performance
Ema Benčíková, Kati Gellert, Bridge Markland, Rebekah Wild, Ariel Uziga
Make-up Video
Bella Lepique
Videotechnik und Mapping
Julian Vogel
Lichttechnik
Leo Kuratie
Tontechnik
Clemens Müller, Adam Kargl
Fotos
Igor Ripak
Trailer und Mitschnitt
Patrick Topitschnig
Danke an unsere Interviewpartner*innen
Angie, Anna Planner, Benni Kuntner, Bex M., Birgit Meinhard-Schiebel, DRU, Hanna Oldofredi, Isabella, Jannik, Jekaterina J.,Katarzyna Bartnik, Katharina Kummer, Klara, Milena, Pascale Steinwendner, Ralf, Saoirse, Sino und all jene, die lieber anonym bleiben wollten.
Danke an
Elke Rauth & Christoph Laimer (dérive - Verein für Stadtforschung), ImPulsTanz | Thomas Ritter, Felix Huber, Conny Kilga | toxic dreams, Sophie Schmeiser | mollusca productions, Frida Robles, Claudia Tondl, Vrishali Purandare, Stephan Hellweg, Werner Thenmayer, Mona Prochaska
Eine Koproduktion von Olympionik*innen und WUK performing arts.
Gefördert durch die Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) und dem Bundesministerium für Wohnen, Kunst und Kultur, Medien und Sport (BMWKMS).



