Inklusion zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Publikum und Teilnehmer_innen der Podiumsdiskussion

Inklusion zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Der 8. WUK Bildungs- und Beratungstag beschäftigte sich am 3. Oktober 2017 unter dem Titel „Inklusion: Macht“ eingehend mit der Frage, welchen Beitrag arbeitsmarktpolitische Bildungs- und Beratungseinrichtungen zu einer inklusiven Gesellschaft leisten können.

Beitrag und Fotos von Susanne Senekowitsch, WUK Bildung und Beratung

Obwohl die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechtskonvention als politische Forderung allgegenwärtig ist, existieren in der Praxis nicht nur nach wie vor viele Barrieren, sondern auch ein Mangel an Bewusstsein. Aus diesem Grund beschäftigte sich der WUK Bildungs- und Beratungstag am 3. Oktober 2017 unter dem Titel „Inklusion: Macht“ eingehend mit der Frage, welchen Beitrag arbeitsmarktpolitische Bildungs- und Beratungseinrichtungen zu einer inklusiven Gesellschaft leisten können.

Um die Veranstaltung für alle Teilnehmer_innen so inklusiv wie möglich zu gestalten, wurden neben einem rollstuhlgerechten Zugang zur Bühne zusätzliche Unterstützungsmöglichkeiten angeboten. Die gesamte Veranstaltung wurde einerseits in Gebärdensprache übersetzt, anderseits sorgten Schriftdolmetscher_innen dafür, dass die Vorträge und Diskussion auch lesend mitverfolgt werden konnten. Darüber hinaus gab es nach jedem Vortrag eine Zusammenfassung in leicht verständlicher Sprache.

Elisabeth Magdlener bei ihrem Vortrag

Nach einleitenden Worten von Geschäftsleiter Christoph Trauner und Moderatorin Lisa Mayr (Der Standard), startete Elisabeth Magdlener von CCC** Change Cultural Concepts mit bewusstseinsbildenden "Inklusiven Denkanstößen". Sie betonte, dass wirkliche Inklusion im Gegensatz zu Integration nicht von verschiedenen homogenen Gruppen ausgeht, sondern von der grundsätzlichen, individuellen Verschiedenheit aller Personen. Der Integrationsgedanke steht hingegen in Verbindung zu Fragen der Macht. Einzelne Personengruppen werden zu Anderen gemacht, anstatt anzuerkennen, dass jeder Mensch nur einen zeitweise fähigen Körper hat und ebenso kein Mensch in jeder Situation beeinträchtigt ist. Elisabeth Magdlener stellte fest, dass Behinderung folglich keine Gegebenheit ist, sondern in einem Prozess der Zuschreibung immer wieder neu hergestellt wird.

Danach vermittelte Hendrik Stollés persönliche filmische Reise in die Niederlande einen Eindruck davon, wie Inklusion in der Praxis gelebt werden kann. Als Goldschmied besitzt er eine Werkstatt in Arnheim, wo seit einigen Jahren Kunstschmiedekurs-Teilnehmer_innen und Menschen, die mit herkömmlichen Arbeitsanforderungen nicht einfach zurechtkommen, miteinander arbeiten. Sie befinden sich in einem Programm der Gemeinde, im Rahmen dessen viele kleine Betriebe für ihre aktivierende Arbeit finanzielle Unterstützung erhalten. Hendrik Stollé meinte, das Ziel liege nicht nur in der Vermittlung von beruflichen und sozialen Fähigkeiten, sondern vor allem darin, gemeinsam ein stabiles soziales Netzwerk aufzubauen, in dem sich die Personen weiterentwickeln können.

Hendrik Stollé beim Vortrag
Astrid Lanscha und ÖGS-Dolmetscherin auf Bühne

Nach einer kurzen Pause mit Kaffee und Kuchen berichtete Astrid Lanscha von der WUK Bildungsberatung über ihre persönlichen Erfahrungen als Bildungsberaterin in einem inklusiven Team. Sie stellte fest, dass gelebte Inklusion gleiche Chancen im alltäglichen und beruflichen Leben bedeutet, wozu eine lebensnahe und realistische Darstellung abseits medialer Klischees notwendig ist. Man müsse selbst Mut haben und zeigen, was man kann. Astrid Lanscha erzählte von ihrem eigenen Werdegang in der WUK Bildungsberatung, wo sich eine lange Praktikumszeit als hilfreich für sie und ihre Kolleg_innen erwies. Besonders wichtig sei es gewesen, Unsicherheiten anzusprechen und gemeinsam Lösungsmöglichkeiten für offene  Fragen zu finden. Danach sprach sie von ihrem Berufsalltag in der Bildungsberatung. Sie verwies darauf, dass sie als Beraterin im Rollstuhl einen Perspektivenwechsel möglich mache und ihren Kund_innen Mut geben könne, sich ihren eigenen Herausforderungen zu stellen.

Monika Haider und Matthias Fenkart von equalizent richteten den Fokus auf die Gleichzeitigkeit von inklusiven und ausgrenzenden Systemen, die in Österreich nebeneinander existieren. Sie sind davon überzeugt, dass Österreich den Weg zur vollen Inklusion gehen muss, wie es im nationalen Aktionsplan zur Behindertenrechtskonvention vorgesehen ist. Matthias Fenkart und Monika Haider betonten die Wichtigkeit von Gebärdensprache, die auch in Schulen für Gehörlose derzeit nicht Unterrichtssprache ist. Sie plädierten dafür, in einer inklusiven Schule zweisprachige Klassen einzuführen, in der ein_e Lehrer_in in ÖGS unterrichtet. Im Anschluss erzählten sie von equalizent als einem inklusiven Arbeitsplatz mit 18 gehörlosen Mitarbeiter_innen und stellten die beiden Projekte Jugendcollege und Flüchtlingskurs als Praxisbeispiele vor.

Monika Haider und Matthias Fenkart mit ÖGS-Dolmetscherin
Elisabeth Magdlener, Astrid Lanscha und Lisa Mayr bei der Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion suchten die Referent_innen Elisabeth Magdlener, Hendrik Stollé, Monika Haider, Matthias Fenkart und Astrid Lanscha, Geschäftsleiter Christoph Trauner und Moderatorin Lisa Mayr gemeinsam mit dem Publikum nach tragfähigen Perspektiven. Die ungefähr 230 Teilnehmer_innen wurden schon im Vorfeld dazu aufgerufen, ihre Fragen auf dafür vorgesehenen Kärtchen zu notieren. Die abgesammelten Fragekärtchen bildeten den Ausgangspunkt für die weitere Diskussion im Rahmen der Abschlussrunde.

Es wurde festgestellt, dass barrierefreie Gestaltung nur einen kleinen Aspekt des Themas darstellt. Die Referent_innen waren sich einig, dass Inklusion eine Haltung ist, für die es ein Umdenken in den Köpfen der Menschen braucht. Die Notwendigkeit struktureller Veränderungen konnte nur kurz angesprochen werden. Die kritischen Anmerkungen aus dem Publikum werden uns aber weiterhin beschäftigen. Es ist auf jeden Fall noch ein weiter Weg bis zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft.

Abschließend lässt sich nur noch das Zitat von John Heywood wiederholen, mit dem Astrid Lanscha ihren Vortrag beendete: „Rome Wasn’t Built in a Day, But They Were Laying Bricks Every Hour.” Wie sie es so treffend im Anschluss daran formulierte: “Also fangen wir gemeinsam zu bauen an.”

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