Erinnerungshilfen

(c) Conny Zenk

Erinnerungshilfen

Ein Interview mit dem Performer und Choreografen Daniel Aschwanden über die Performance mobile stories, die ihren Ausgangspunkt in einer improvisierten Kantine eines Flüchtlingsheimes genommen hat.

Ein Interview mit dem Performer und Choreografen Daniel Aschwanden über die Performance mobile stories, die ihren Ausgangspunkt in einer improvisierten Kantine eines Flüchtlingsheimes genommen hat.
Gemeinsam mit der Medienkünstlerin Conny Zenk entstand eine Arbeit, die das Mobiltelefon, als Technologie aus dem Mainstream in den Mittelpunkt eines performativen Settings holt.

Kurz umrissen: Worum geht es in mobile stories?

Es geht um Formen des Sprechens miteinander, um das Zugänglichmachen und Teilen von – teilweise äußerst schmerzhaften – Erfahrungen und Erinnerungen. Und um die Rolle, die dabei von Smartphones als technische Medien bzw. von Körpern als kulturell geprägte Medien eingenommen werden.

(c) Conny Zenk

Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?

Wir setzen uns schon seit Jahren damit auseinander, wie das Aufkommen der digitalen Kommunikation – über persönliche, mobile Geräte und zur Verfügung stehende Apps – sowohl das Kommunikationsverhalten, als auch die kulturellen Eigenheiten von Menschen und Gesellschaften verändert. Im Herbst 2015 wurde dann der Besitz von Smartphones bei Flüchtlingen von der extremen Rechten sehr bösartig als „Luxus“ politisiert und im Dienste einer Diffamierungskampagne benutzt.

Das Projekt soll auch zeigen, was Flucht oder ein Leben als Flüchtling bedeutet. Im letzten Jahr gab es eine Explosion an Kunstprojekten mit Flüchtlingen. Ein Kritiker schreibt in der KritikerInnenumfrage 2016 von Theater heute etwa, für ihn wäre das Ärgernis des Jahres „die als rassistischer Antirassismus wiederkehrenden Stereotype bei der Instrumentalisierung von Flüchtlingen für Kunst“. Ein anderer empört sich über „die inflationäre Nutzbarmachung von Flüchtlingsschicksalen für Theaterkarrieren.“ Der Theatermacher Milo Rau hat in diesem Zusammenhang von „Biografie-Bonus“ gesprochen. Wie seht ihr diese Vorwürfe und wie könnte ein Umgang mit diesem Thema jenseits von Ausbeutung und Helfersyndrom aussehen?

Vielleicht muss man in der Linken auch etwas vorsichtiger die kritische Verbalkeule schwingen. Gemessen an realer Ausbeutung von Menschen ist vielleicht diejenige, die in etwas selbstverliebter Helferpose passiert immer noch die bessere. Aber zweifelsohne ist es die Rolle der KritikerInnen, diese Prozesse genau zu betrachten und auch auf Missstände aufmerksam zu machen. Und natürlich denke ich auch manchmal, warum sich Flüchtlinge mit kreativen Prozessen und KünstlerInnen auseinandersetzen müssen, mit Menschen, die sich im normalen Leben nicht für fünf Minuten mit Ihnen unterhalten würden. Wir KünstlerInnen, so wir uns auf diesen Themenbereich einlassen, können nur immer wieder uns selbst, unsere Motive und Strategien selbstkritisch hinterfragen. Diese Aktionen passieren ja in einem Minenfeld unterschiedlicher, prekärer Verhältnisse und sehr diffiziler rechtlicher und gesellschaftlicher Situationen. In unserer Arbeit stelle ich mir immer wieder die Frage, ob wir es schaffen, Modelle für Begegnungen auf Augenhöhe herzustellen, wenigstens temporär Hierarchien aufzumachen und Heterotopien eines Gemeinsamen aufleben zu lassen. Wie können wir dem Imperativ der „Gesellschaft des Spektakels“, also linear konsumierbare Waren für einen ziemlich perversen medialen und politischen Apparat zu schaffen, ein Schnippchen schlagen? Ein Ansatz, das zu tun, besteht darin, dass wir selbst in unseren Aufführungen Workshop-Elemente einführen, also nicht einfach nur Repräsentationen frontal vorführen. Alle sind damit konfrontiert etwas von sich preiszugeben.

Wenn es um moderne Kommunikation geht, wird man immer wieder mit dem Klischee konfrontiert, dass die Menschen immer weniger kommunizieren, aber ist es nicht eher umgekehrt?

Es ist ja eher eine post-postmoderne Kommunikation. Vielleicht kommunizieren wir immer mehr und sagen immer weniger. Aber diese Figur des Abwesenden ist bestimmend. Die digitale Kommunikation ist ein Spiel mit dem Schein, dem Schein der Gegenwärtigkeit des Anderen, die jedoch nur fiktiv ist. Der Philosoph Bjung Chul Han schreibt etwa dazu, dass die digitalen Medien uns der Fähigkeit berauben, einen nahen Menschen zu fassen, weil wir immer an den fernen Menschen denken.Sie würden Nähe und Ferne durch Abstandslosigkeit ersetzen.

Welche Rolle spielt das Mobiltelefon bzw. neue Kommunikationskanäle wie facebook oder twitter innerhalb der Flüchtlingsthematik?

Eine große Frage. Wenn jemand alles verloren hat, so kann das Smartphone das letzte Refugium sein – als Stütze der Erinnerung, als Zeuge des eigenen Daseins, vermittels Apps als Mittel, erschwinglich mit Familie, Freunden den Kontakt über Distanzen und Grenzen hinweg aufrecht zu erhalten. Aber generell ist ja „die Flüchtlingsthematik“ viel größer – und dieselben Apps dienen auch zur Verbreitung rassistischer und diskriminierender Inhalte.

Wie bricht man die „digitale Blase“ auf, in der viele von uns leben? 

Das klingt sehr martialisch. Es gibt sehr viele Formen des Suchtverhaltens, neue Formen davon sind im Verhältnis zu digitalen Kommunikations-, Unterhaltungs- und Arbeitsmöglichkeiten entstanden. Es geht, wie so oft, wohl darum, ein Verhältnis zwischen analogen und digital mediatisierten Erfahrungen herzustellen. Das Neue im digitalen Bereich ist allerdings, dass jegliche Artikulation gespeichert wird und so extreme Formen staatlicher sowie privater Kontrolle entstehen. Es gibt wohl auch so etwas wie digitale AnalphabetInnen – also Menschen, die relativ blindlings auf Konsum aus sind und sich von Programmen und Strukturen dominieren lassen. Das hat nicht zuletzt politisch bedenkliche Konsequenzen und arbeitet populistischen Strukturen zu. Social Media Kanäle sind die neuen Massenmedien der Gegenwart. Aber in jedem Fall sind analoge Beziehungen, Wahrnehmung, Austausch, Berührung und sich berühren lassen bedeutsam.

Das gemeinsame Kochen, wie in eurem Projekt auch, scheint ein Dauerthema in Sachen kulturellem Austausch. Wie kommt das?

Das sind sehr archaische Muster, die aber immer noch funktionieren. Vielleicht sind Akte des gemeinsamen Kochens und Essens Urformen der Gastlichkeit, der Gastfreundschaft, die zumindest die Geste des Gemeinsamen unterstreichen. Im Austausch von Speisen begegnen sich die Kulturen, werden sich buchstäblich und gegenseitig ein-ver-leibt. Das Mahl produziert einen entspannten, freundschaftlichen Raum für informellen Austausch – zusammen mit der gemeinsamen Erfahrung der Arbeit, würde ich hinzufügen.

(hb/uw)

Daniel Aschwanden & Conny Zenk: mobile stories
Aufführung im WUK: Do 19.1. und Fr 20.1.2017, 19 Uhr, Saal

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