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It's (about) politics!

Posted @ 02.05.2016 14:18 By Hanna Sohm

Veröffentlicht in [Ansicht], [TEH], [Thema] | 0 Kommentare

It

English version below


Wie sich europäische Kulturzentren zwischen Macht und Ohnmacht auf die richtige Seite schlagen.

"Jetzt kehren wir zur großen Ungleichheit zurück. Und ökonomische Ungleichheit bedeutet auch politische Ungleichheit, weil man ökonomische Macht braucht, um Politik zu kaufen, und politische Macht, um ökonomische Vorteile zu erlangen. Das ist eine Spirale."

- (Colin Crouch im Standard-Interview, 2. April 2016)

 Als Platon der Nachwelt seine Überlegungen zur Verwirklichung des idealen Staates hinterließ, galt die Aufmerksamkeit auch der Rolle der Kunstschaffenden. Diese, so zeigte sich der griechische Philosoph überzeugt, würden allzu oft Abbilder nachahmen, die Dinge also nicht kennen, wie sie wirklich sind, sondern nur, wie sie aussehen. Der antike Vordenker einer politischen Philosophie, der so manchen Dichter und Maler auch gerne in der symbolischen Verbannung sehen wollte, stellte sich entschlossen gegen eine Verbrüderung mit der Sinnlichkeit. Im Kontext seiner Zeit forderte Platon von der Kunst deshalb mit allem Nachdruck, Wahrheit zu vermitteln und zur sittlichen Verbesserung beizutragen – in einem staatlichen Gemeinwesen, das auf dem Guten und Gerechten fußt.

Um Gerechtigkeit und das gute Leben geht es auch in der Gegenwart. Wobei die Hoffnung zunehmend schwindet. Tag für Tag sind wir weltweit mit Nachrichten und Informationen konfrontiert, die bei uns Ärger, Verzweiflung und Empörung auslösen. Kriege, Klimawandel, Umweltzerstörung, Rassismus und ein profitgieriger Raubzug gegen Demokratie und soziale Wohlfahrtssysteme schreiten unaufhörlich voran. Während etwa auch in Europa die Armut rasant anwächst, können sich Konzerne, Banken und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf intransparenten Finanzmärkten weiterhin ungestört bereichern.

Das große Unbehagen führt allerdings immer öfter auch zu Lethargie und Teilnahmslosigkeit. Hier tritt eine Ohnmacht gegenüber den scheinbar Mächtigen zutage, die den Sorgen und Nöten der Menschen insbesondere in Zeiten der ökonomischen Krisen kaum noch Beachtung schenken – ja deren Verelendung mitunter sogar regelrecht in Kauf nehmen. Die unheilvolle Entwicklung spiegelt sich dieser Tage auch in mancher Schlagzeile wider: „Apathisch, ratlos, blutleer“ – so oder so ähnlich lauten immer häufiger die ernüchternden Bestandsaufnahmen, wenn es darum geht, eine Politik zu beschreiben, die auf die großen Herausforderungen unserer Zeit Antworten und Lösungen entwickeln sollte. Zwischen Macht und Ohnmacht politische Geltung zu finden, rückt damit stärker in den Blickpunkt zivilgesellschaftlicher Projekte, Organisationen und Institutionen – und ganz besonders auch in den Reihen von Kunst, Medien und Kultur.

Kulturzentren wie das WUK verfügen mit Infrastruktur, Personalressourcen und Kommunikationskanälen über vielversprechende Voraussetzungen, um neben Sichtbarkeit vor allem auch gesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Doch ein großer Backsteinbau ist noch kein politisches Programm. Und wie schon Jahrtausende zuvor Platon hat sich auch der französische Philosoph Alain Badiou hinlänglich den Kopf zerbrochen, wie denn demokratische Vernunft am besten in einer staatlichen Ordnung abzubilden sei. Er sieht bedeutsame Möglichkeiten in der Konfrontation mit globaler Ausbeutung und Neoliberalismus im Experimentieren auf dem sozialen und kollektiven Feld. Denn Selbstreflexion, Selbstkritik, ein Bewusstsein der eigenen Handlungsposition und die Schaffung eines potenziell affirmativen Raums seien bereits erste wirkmächtige Schritte, um den politischen Kampf aufzunehmen.

Irgendwie klingt das alles ganz einfach – ist es aber nicht. Obendrein sind die Realitäten, mit denen sich auch Kulturzentren herumzuschlagen haben, oftmals unerbittlich. Auch sie spüren den heißen Atem des Verwertungsdrucks, müssen sich behaupten in Kosten-Nutzen-Rechnungen und geraten dabei auch nicht selten zwischen die Mühlsteine von politischem Argwohn und schikanöser Bürokratie. Die Tyrannei der vermeintlichen Alternativlosigkeit schlägt wie wild um sich, drängt in finanztechnokratische Sachzwänge und verherrlicht den Konsens im Kapitalismus – bei längst unübersehbaren Konflikten, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem größer werdenden Ausmaß gefährden.

Bei einem Netzwerktreffen von Trans Europe Halles (TEH) vom 5. bis  8. Mai im WUK stellen sich rund 250 KulturarbeiterInnen aus ganz Europa der Frage, was es für Kulturzentren bedeutet, politisch zu sein. Unter dem Titel „It’s (about) politics. Performing the emancipatory potential of cultural practice“ werden Aspekte von Politisierung, Allianzenbildungen oder der Möglichkeiten politischer Aktionen verhandelt. Das internationale Meeting wird die Welt nicht gleich zum radikal Besseren wenden, sehr wohl aber kann es an diesen Tagen ein klares Zeichen setzen, das sich von der allgemeinen Ohnmacht abwendet und zum Ausdruck bringt, dass Kunst und Kultur nicht hilflos in das globale Klagelied über den Bedeutungsverlust von Politik einstimmen. It's politics! It's about politics! Die Aneignung politischen Handelns geht mit der Selbstermächtigung einher, die den Konflikt führt, in Widerspruch tritt und damit das unaufhebbare Wesen von Demokratie manifestiert. Hier liegen schließlich die Wurzeln unabhängiger Kultureinrichtungen, die nun wieder zu den richtigen Fragestellungen finden müssen: Wie übersetzen wir Empörung in politische Aktion? Wie schaffen wir Raum für Utopien, ohne die Veränderung gar nicht denkbar ist? Wodurch überzeugt unsere kulturelle Praxis, die eine gerechtere Welt glaubhaft antizipiert?

Ungleichheit, Entrechtung und neoliberale Finanzherrschaft sind keineswegs in ewigen Stein gemeißelt. Kunst schöpft ihr emanzipatorisches Potential aus der bedingungslosen Freiheit. Nur so ist sie laut und verstörend, erprobt den Ungehorsam und verweigert den Opfergang. Und nicht zu vergessen: Das WUK ist Politik. TEH ist Politik. Kunst und Kultur sind Politik. Da tritt plötzlich auch Platon wieder in Erscheinung. Sein idealer Staat verlangt nach dem Eingriff in die Wirklichkeit – und nicht bloß nach einem Abbild der Dinge, wie sie vor unseren Augen in Erscheinung treten.

- Martin Wassermair

 

It’s (about) politics.
Performing the emancipatory potential of cultural practice
TEH Meeting 81
5. bis 8. Mai, WUK Areal
itsaboutpolitics.wuk.at/
teh.net/  

Zum Autor:

Martin Wassermair ist Historiker, Politikwissenschafter sowie Kultur- und Medienaktivist; aktuell tätig als Politikredakteur bei dorf TV und Radio FRO; zahlreiche Publikationen und Lehraufträge in den Bereichen Kunst, Kultur, Politik, Medien, Informationsgesellschaft, Erinnerungskultur und Politische Bildung.
http://wassermair.net/

 

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It’s (about) politics!
How European cultural centres find their way between power and powerlessness


“We are now returning to the great inequality. And economic inequality also means political inequality because you need economic power to buy politics and political power to acquire economic advantages. It’s a spiral.”

(Colin Crouch in an interview with the newspaper Der Standard, 2 April 2016)

When Plato left his thoughts on his vision of the ideal state for posterity, he also mentioned the role of artists. The Greek philosopher was convinced that they imitated effigies all too often, that they did not know things as they really are rather only as the appear to be. The Antique mastermind of a political philosophy, who also would have loved to see some poets and painters symbolically banished, vehemently opposed fraternisations with sensuousness. In the context of his time Plato adamantly demanded that the arts convey truth and make a contribution to moral improvement – in a state community founded on the good and the just.

Today it is also about justice and the good life. Albeit hope continues to fade. Around the world we are confronted by news and information, day-for-day, that trigger anger, despair, and outrage. Wars, climate change, the destruction of the environment, racism, and a profit-hungry assault against democracy are progressing incessantly. While poverty rapidly grows – also in Europe – corporations, banks, and public figures keep getting rich off nebulous financial markets.

But this massive unease increasingly pans out in lethargy and indifference. A powerlessness emerges in face of the apparently powerful, who barely still pay attention to the concerns and needs of the people, especially in times of economic crisis, and often even take their suffering for granted. This dire development also appears in some headlines nowadays: “apathetic, clueless, anaemic,” – more and more frequently such words can be read on the sobering state of affairs, describing the politics that should come up with answers and solutions to the major challenges of our time. Hence, the search for political clout between power and powerlessness has noticeably shifted to the fore for civil society projects, organisations, and institutions – and also in the ranks of art, media, and culture, in particular.  

With their infrastructure, personnel, and communication networks cultural centres like WUK possess promising foundations to attain visibility and, above all, societal relevance as well. But a big brick building still isn’t a political agenda. Like Plato millennia before, also the French philosopher Alain Badiou has sufficiently racked his brain about how democratic reason can be best modelled into a state framework. He sees significant opportunities in the confrontation with global exploitation and neoliberalism through experiments in the social and collective realm. Because self-reflection, self-critique, an awareness of one’s own position, and the creation of a potentially affirmative space are already the first effective steps to engage in political battle.

Somehow this all sounds quite simple – but it isn’t. To top it off, the realities that cultural centres have to grapple with are often remorseless. They feel the hot breath of exploitative pressures down their necks, must hold their ground in cost-benefit analyses, and frequently land between the millstones of political distrust and vexatious bureaucracy. The tyranny of an apparent lack of alternatives runs rampant, insists financial-technocratic constraints, and glorifies the consensus in capitalism – with longstanding obvious conflicts, which jeopardise social cohesion to an ever-increasing extent.

At the network meeting of Trans Europe Halles (TEH) from 5 to 8 May in WUK approximately 250 cultural workers from all across Europe ask what it means for cultural centres to be political. Under the title “It’s (about) politics. Performing the emancipatory potential of cultural practice”, aspects of politicisation, building alliances, and the possibilities of political action will be discussed. The international meeting will not radically change the world for the better overnight, but it can very well send out a clear signal that wards off the general feeling of powerlessness and expresses that art and culture do not helplessly join in the global lament about politics’ loss of significance. It’s politics! It’s about politics! The appropriation of political action coincides with self-empowerment, which leads the conflict, contradicts the terms, and therewith manifests the irrevocability of democracy. This is, ultimately, where we find the roots of independent cultural organisations, which must now once again pose the right questions: How do we translate indignation into political action? How do we create space for utopias without which change isn’t conceivable? What are the convincing traits of our cultural praxis that plausibly anticipates a more just world?

Inequality, disfranchisement, and neoliberal financial dominance are by no means written in stone. Art draws its emancipatory potential from unconditional freedom. Only then is it loud and unsettling, exercising disobedience and refusing to be a victim. And not to forget: WUK is politics. TEH is politics. Art and culture are politics. Suddenly Plato is back on the scene. His ideal state calls for an intervention in reality – and not just an imitation of things how they appear before our eyes.

- Martin Wassermair

It’s (about) politics.
Performing the emancipatory potential of cultural practice

TEH Meeting 81
5–8 May, WUK
itsaboutpolitics.wuk.at
teh.net

The author:
Martin Wassermair is a historian, political scientist, and a culture and media activist; currently working as a political editor for dorf TV and Radio FRO; numerous publications and teaching assignments in the fields of art, culture, politics, media, information society, memory culture, and political education.
http://wassermair.net

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